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Freies Blatt · 1894-11-04 · 135 (4.11.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
135 (4.11.1894)
Date
1894-11-04
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 135. Freie» (Caspar Schmidt). Drr oben erwähnte Scribifax des „Modernen VölkergeisteS" hat Stirner mit einer Fluth von Beschimpfungen rcgalirt, obwohl man nicht einsicht, warum man Personen, deren Ansichten man nicht theilt, verschimpfen muß, und obwohl cS notorisch ist, daß Stirner als grundehrliche Haut in Bescheidenheit sein ziemlich schweres irdisches Kreuz getragen, was sich Anderen nicht zu gleichem Ruhme nachsagen läßt. Dühring hat auch hier nur ein neues Wort geschaffen und seinen Individualismus „Personalismus" benamset. Ein sicherer Hegel, von dem Dühring blutwenig hält, hat ihm wie Stirner als Vorlage gedient, und so sehr sich auch die Dühringsippe dagegen sträuben mag, dieser „PersonaliSmuS" ist nicht nur genau dasselbe, waS Stirner'S „Einziger" ist, der große Meister von Zehlendorf'selbst ist der Stirncr- Einzige in seiner widerlichsten Illustration. Auch Stirner, auch Proudhon haben als die unerläßliche Voraussetzung der Abschaffung aller Herrschaft Individuen angenommen, welche sich selbst zu beherrschen imstande sind, d. h. moralische Individuen, also „Personen" im Sinne Dühring's. Wenn endlich unser Mann die anarchistische Phrase von der Abschaffung aller Herrschaft dadurch scheinbar einzuschränkcn sucht, daß er sagt, AntikratismuS sei die „Vereinung aller ungerechten Gewaltübung und Hcrrschaftsanmaßung", so ist dies offenkundige Spiegelfechterei. Herr Dühring wird den Masten sagen, welche Gewalt gerecht und welche ungerecht ist, welche aufrecht zu erhalten ist und welche nicht, und die Masten werden sich beeilen, seinem Wahrspruche zu gehorchen. Herr Dühring, der große Leugner aller Metaphysik und apriorischen Bcgriffsbegründung, stellt auf einmal wie Jean JacqueS Rouffeau, der „Neuhebräer", einen absoluten Begriff „Gerechtigkeit" hin und modelt die Welt nach diesem Begriffe um. Wer lacht da? Aus all dem Gesagten geht zur Evidenz hervor, daß Herr Eugen Dühring 1. Anarchist ist, ohne den Muth zu besitzen, sich dazu offen zu bekennen, daß er 2. trotz seiner angeblichen Originalität nichts als ein Nachbeter Proudhon'S ist, und endlich 3. daß er seine Vorbilder, die Oucllen, auS deneir, er seine Weisheit schöpft, verschweigt und zum Dank obendrein beschimpft, verhöhnt und verkleinert. ' DaS ist der Philosoph deS Antisemitismus. bl. V. (Eine Anfrage an Tr. Barcnther.) Der Herr Abgeordnete von Eger, Dr. Ba^euther, sprach in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 31. October von der rcformatorischen Thätigkeit eines Sonnenfels, auf welche Oesterreich stolz sein könne, sowie vom großen Strafrechtslehrer Glaser, besten reichem Wissen und vielseitiger Erfahrung. Sonnenfels, Glaser — sind das nicht, wie Herr Professor Gegenbauer sich ausdrücken würde, „asiatische Eindringlinge"? (Aus dem Gemkindcrathe.) In der Sitzung des Wiener Gcmeinderathes vom 26. Oktober provocirten die antisemitischen Stadtväter Steiner und Gr cg orig wieder einmal in der muthwilligstcn Weise einen endlosen Krawall, in Folge besten beide für die betreffende Sitzung von den Verhandlungen ausgeschlossen wurden. Ter Herr Bürgermeister entschuldigte sich förmlich bei Dr. Lueger für sein Vorgehen. In derselben Sitzung rief der Antisemit Strobach dem liberalen Gemeindcrathe Ern dt zu: „Sie leisten Schcrgendienstc". Letzterer erhob deshalb gegen Strobach die Ehrenbeleidigungsklage. Auch in der Gcmeindcrathssitzung vom 30. October brachten cs die Antisemiten zu einem netten Scandälchen, weil -sie sich bei den Wahlen in einige AuSschüste wieder einmal zurückgesctzt fühlten. Man sieht, die Saison hat begonnen, die Herren sind, wieder flott bei der Arbeit. (Nachwkhen der Lueger-Feier.) Bekanntlich wurde anläßlich der Lueger-Feier seitens des gemeiuderäthlichen Bürgerclubs an den Bürgermeister das Ansuchen um Ueberlassung. des Magistratssaalcs im Rathhause behufs feierlicher llebcrreichung eines Ehrengeschenkes gestellt, welches der Bürgerclub seinem Jubclpräsidenten widmete. Dr. Grübl nahm keinen Anstand, dem Begehren des Bürgerclubs zu willfahren. Nachträglich aber erfuhr er, daß es sich nicht um eine streng interne Feier des Bürgerclubs gehandelt habe, sondern daß auch Nichtmitgliedcr deS Clubs, wie Liechtenstein und ändere antisemitische Größen zu der Feier im Magistratssaalc geladen gewesen seien. Da in dieser Angelegenheit der antisemitische Gemeinderath Schuh als Abgeordneter des Bürgerclubs beim Bürgermeister erschienen war, stellte ihn Doctor Grübl wegen dieses incorrecten Vorganges zur Rede und schloß seine Strafpredigt mit den Worten: „Sie haben mich dupirt!" Vor einigen Tagen erschien nun Lueger in höchsteigener Person bei Herr» Dr. Grübl, um diesem mitzuthcilen, daß Schuh gegen den Burger- Blatt.?eite 3. mcister eine .Ehrenbeleidigungsklage cinbringcn wolle — aber er, Dr. Lueger, fei bereit, sich „ins Mittel zu legen", und zu diesem Behufc habe er den Bürgermeister ausgesucht, dem er seine' guten Dienste zur Verfügung stelle. Ob Dr Grübl auf die Vcr- - mittlungSvorschläge des FriedenscngclS Lueger cingegangen ist oder ob er cs auf ein gerichtliches Nachspiel zur Lueger Feier ankoinmkn lasten will, ist uns zur Stunde noch nicht bckannr. (Tie wirthschastlichen Scstlilinstcit des Alirijciililismiis.) Am 25. October sprach Handclskanimerrath Zimmermann im Bürger- Vereine auf der Landstraße über die Principien.der Gewcrbcgcsctzgcbung und den Einfluß derselbe» auf unser .Kleingewerbe. Der Vortragende führte aus, daß der Rückgang des Gewerbes im Allgcnicincn von dem Zeitpunkte datirc, in welchem es de» verbündeten Rückschrittlern gelungen sei, wesentliche Einschränkungen uüd Erschwerungen im Gewerbebetriebe durchzusctzcn. Seit der Einführung de? als universelle» Heilmittels gerühmten Gewerbegcsctzcs sei die Zalü und Höhe der Stcuerrückstände — nach statistischen Aufzeichnungen - - gewachsen, und die ErwerbSvcrhältnissc haben sich niesentlich verschlechtert. Dies sei fast ausschließlich die Schuld der ä » t i sc i l i s ch c n Volksbeglücker. Sie haben den Kundenkreis vieler Gewerbetreibenden durch systematische Verhetzungen verringert nnd' so indirect auch deren Eoncnrrenzfähigkeit schädlich beeinflußt. Das mittelalterliche Eldorado, welches diese Herren dem kleinen Mann vorspiegeln, sei in der Zeit deS Fortschrittes und der Maschinen ein Truggcbilde. DaS Dcnunciren jedes Concurrentcn und das Schimpfen auf die Jude», Streit und Hader untereinander- — das könne dem Gewerbe freilich nicht auf die Beine helfen. Haß und Brotneid seien nicht die Säulen, auf die man das Gebäude der socialen Wohlfahrt des Kleingewerbes stützen könne. Aber ein Schimmer von Besserung sei schon zu. sehen. DaS wüste Geschimpfe in den geschickt inscenirte» christlich socialen ^roductionsabcnden .widere selbst schon die sonst so gefügige Gcfolgschaft der Arrangeure an. HandelSkamnrcrrath Zimmerman» schloß unter lebhaftem Beifalle: „Vielleicht kommt doch bald ein Theil dieser biS jetzt blinden Maste zur Erkcnntuiß, daß dis Wege eines Schneider, Liechtenstein und Lueger nicht auch die Wege eines strebsamen, ehrlich arbeitenden Gewerbetreibenden sein können!" «Die Fleischvcrsorgltngsfrage und die '}(utiicmitciu Eine Vcr-. sammlung von Wiener Fleischhauern, welche sich mit der für Wien und die größeren Provinzstädtc wichtigen Fleischversorgungsfrage be faßte, gab ihren Wünschen in einer Resolution Ausdruck, welche hauptsächlich die Ocffnung der rumänischen Grenze für die Vichcin fuhr, oder die Einschränkung deS Vichepportcs begehrt.' Auch diese Frage wolle» die Antisemiten zu ihren Sondcrzmcckcn verwerthen, und der Mechaniker Schneider, welcher der Versammlung beiwohnte, erging sich in gehässigen Auslassungen wider die jüdischen Zwischenhändler; nian schenkte ihm wenig Beachtung, denn die Fleischhauer wissen sehr gut, daß nicht Juden, sonder» die agrarischen Gchincr der Schneider und Genossen einer günstigen Lösung der FleischvcriorguligSfragc im Wege stehen. (Zu den Gkiueindewahlcn.) Bei den Gemeindewahlen i» %Jl e u IIk i r ch e n haben der erste und zweite Wahlkörpcr durchaus liberal,- der dritte Wahlkörpcr durchwegs antiliberal geivählt. So wird auch in Neunkirchen trotz aller Anstrengungen der Gegner und, trotzdem dickelbcn im dritten Wahlkörpcr 102 Vollmachten sich zu verschaffen wußten, gegen 14 Vollmachten, welche die Liberale» -besaßen, das Stimme» verhältniß im Gcmeindcausschustc das Gleiche bleiben, wie bisher, nämlich 20 Liberale und 10 Antiliberale.' Also auch hier hat der Antisemitismus einstweilen keinen weitere» Erfolg auszuweisen; mögen die Liberalen zusehe», daß eS so bleibe. (Ein antisemitischer Ehrenmann. > Der als antisemitischer Agitator übelst beleumundete Schuster Earl Nagel stand dieser Tage vor dem Bezirksgerichte Alsergrund als Kläger, um von seinem BerufSgrnostcn Leopold Markt für eine ihm angeblich widerfahrene Schmach Satisfaction zu verlangen. Seine Klage behauptete nämlich, Markt habe ihn auf offener Straße wegen einer Schuld an eine Lcderhandlung zur Rede gestellt und „Schuft" genannt. Der Angeklagte brachte vor, er sei vor langer Zeit bei .einem Ledcrhändlcr auS bloßer Gefälligkeit für Nagel gutgcstanden. Dieser wolle aber nichts bezahlen, und so solle nun er,- Geklagter, als Bürge für die Schuld aufkoninien, obwohl er selbst ein armer Teufel sei Bor Get richt entspann sich folgender Dialog: Richter -zum Kläger): Jst's richtig, daß Herr Markt vor langer. Zeit für Sic gut stand? — '.Nagel: Ja . . . aber das Hab' ich zu zahlen und nicht er. — Richter: Haben Sie schon seither gezahlt? — 'Nagel: DaS nicht, aber ich werde ... — Richter: Ich werde . . . aber wann? Es ist sonderbar, nichts zu zahlen, aber den Gutstehcr aus Freundschaft dann zu klagen! Zahlen Sie lieber, anstatt die Zeit mit Proccßfübrcn

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