Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 135 (4.11.1894)
- Date
- 1894-11-04
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441569--1601-4888042- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5cite 2. Freie» Blatt. Nr. 132. finiics stehender Staatsmann gesagt haben soll, kein Mensch werde i» Deutschland ruhig auf seinem Sopha liegen können, wenn dieses Projekt realisirt würde. Der Reichskanzler - selbst nahm diesem Plane gegenüber eine entschieden ablehnende Haltung ein; Alles, wozu er sich bereit erklärte, war eine Einschränkung des Pereins- und Persammlungsrechtes, also eine Bekämpfung des Umsturzes mit Hilfe des gemeinen Rechtes. Durch Wochen wogte i» den leitenden Kreisen der Kampf, dessen einzelne Phasen von der regsten Antheilnahme der öffentlichen Meinung gefolgt waren. Endlich schien er zu Gunsten des Kanzlers entschieden, der Kaiser, hieß es, hatte sich mit den Absichten Eaprivi'S einverstanden erklärt — Da erfolgte die Entlassung sowohl Eaprivi'S als Eulenburg's. Der natürliche Eonnex dieser äußerlich sich widersprechenden Thalsachen ist vorläufig in mystisches Dunkel gehüllt. Das sachliche Moment scheint sich durch ein anderes persönlicher Natur coinplicirt zu haben. Ob Graf Eaprivi bloß wegen eines freimülhigcn Wortes, wegen einer hartnäckigen Gesinnungstreue in die kaiserliche Ungnade gefallen, oder ob er der entfesselten Wulh der enttäuschten Tivoli-Leute zum Opfer hingeworfen wurde, ist unbekannt. Jedenfalls verdient jene vielverbreitete Meinung registrirt zu werden, welche besagt, daß die Conservativen es bei ihrem Projccie viel weniger auf die factische Bekämpfung des Umsturzes als vielmehr auf die Removirung Eaprivi'S abgesehen hatte. Zn der Thar, woher auf einmal der glühende Haß gegen den „Umsturz" bei Leuten, welche am helllichten Tage bras dessus bras mit der gefährlichsten Umsturzpartei gingen, sich sogar gegen eine Perurtheilung des antisemitischen Radau auf das Heftigste vcrwabrtcn, die demagogische Methode deS Antisemitismus ausdrücklich befürwortete und ihre Hand schützend über den gewiß nicht „reichöerhaltenden" Ahlwardt breiten? Woher diese Angst gegen Umsturz bei Leuten, die im Borjahre eine GesetzeSvorlage eingcbracht hatten, welche eine unübersehbare Revolution unserer wirthschaftlichen und socialen Ordnung bedingt hätte? Nein, nicht den „Umsturz" aber den Grafen Eaprivi hassen diese Leute, den Mann, der mit den Agrariern, Bimetallisten und Antisemiten wiederholt so hart inS Gericht gegangen war, den Mann, der nicht für AuSnahmsaesetze zu haben war und es wagte, das Slaalöschiff auch ohne die aristokratischen Lootsen, ja sogar gegen ihren allerhöchsten Willen lenken zu wollen. Der Nachfolger BiSniarck'S hat in feinem Falle naturgemäß die freisinnigen Elemente aus seiner Seile. Wir kennen manchen Minister, der aus einer ungleich liberalen Richtung hergekommen ist, als der ehemalige preußische General Eaprivi, und trotzdem nie den Mulh gefunden hat, so wie dieser, den destructiven Tendenzen der Antisemiten und ihrer feudalen Hintermänner mit aller Offenheit und Entschiedenheit entgcgeiizulreteii. Darum begleiten aber auch die Antiseinilcii den Fall Eaprivi'S mit dem Beifall der Schadenfreude und Rachebefrikdigung. Ob hiezu freilich ein Anlaß vorhanden ist, bezweifeln wir. Mil dem Personenwechsel muß nicht auch ein Scenenwechsel auf dem politischen Theater vor sich gehen. Fürst Hohenlohe hat eine freisinnige, ja fast eine revolutionäre Vergangenheit und mehr als das, es heißt, der Kaiser beabsichtige, die von Eaprivi eingeichlagenen politischen Wege nicht zu verlassen. Wohl gilt Herr v. Koller, der zugleich zum Minister des Innern ernannt wurde, als ein „strammer" Eonservativer, allein es steht nicht zu erwarten, oaß sein Einfluß, so weit reichen könnte oder auch nur dahin zielte, die segensreiche WirthschaftSpolitik der Aera Eaprivi fallen zu lassen, und damit ist auch die Aufrechterhaltung aller bisherigen Beziehungen zwischen Regierung und Parteien gegeben. Wtiin daher die „Kreuzzeilung" ihre neulich ausgesprochene Fahnfutlit nach einem mit einem Tropfen antisemitischen Oels gesalbten Kanzler jetzt der Erfüllung näher wähnte, so dürfte sie -bald von dieser Illusion zurückkommen. Dühring's Anarchismus. Eugen Düyring hat in seinen unterschiedlichen Schriften wohl ebcuio oft gegen den „Gemaltstaat" wie gegen die „Anarchlerei" gepoltert: er bat sich ebenso wegwerfend über die Theoretiker des Anarchismus oder wie er in seiner vornehmen Weise sagt, über die „Litcratnrnppe' des Anarchismus" geäußert, als er in seinem eigens iür den Dühring-Eultus herausgegcbenen Blättchen einen Anschluß an die von ihm sogenannten „ehrlichen" Anarchisten sucht. Eine Klarstellung des Tühring'schen Standpunktes in dieser Frage scheint uns daher einigermaßen zeitgemäß. Seinehofsärtigen und schiefen llrthcile Krapotkin — nur Bacunin, den Feind deS er gelten — sind wohl hinreichend aus der und VerkleincrungSsucht dieses Menschen ohne Herbeiziehung sachlicher über Proudhon, Stirncr, „Hebräers" Marx, läßt ganz beispiellosen Schmähwo seine Sterne strahlen, als seine Schreibereien Motive zu erklären; Nacht muß eS fein, und nachdem seine Anhänger zumeist nichts gelesen haben, erklärt sich sehr einfach, war lin Dühring von gewisicn Leuten für die einzige Geistesgröße seit Sokrates, für da« unerreichteste Origiualgenie gehalten wird, das er doch hin ist. So wie Dühring, der National! konom, ein Abklatsch deS Amerikaners Carey ist, so ist er als Socialpolitikcr trotz alledem nur die Verwässerung des von ihm so gering geschätzten Proudhon. Einer seiner Nachbeter schrieb neulich im „Modernen Völkcrgeist" dem Proudhon'schen Anarchismus die Absicht zu, nicht nur alle Herrschaft, sondern auch alle Organisation abschaffcn zy wollen. Dühring habe diese Einseitigkeit auf den berechtigten Kehn zurückgeführt und an Stelle des Anarchismus den „Antikratismul" gesetzt, der die Leitung und Organisation nicht verwerfen, sondern t ur alle ungerechte Gewalt, den „Gewaltstaat" beseitigen will. Wer Proudhon kennt, was bei dem antisemitischen Schmierfink ganz natürl ch nicht der Fall ist, der weiß, daß das, was da Dühring zugeschri den wird, genau daS ist, was Proudhon als An—archie lehrte, und daß dem großen Dühring nichts zu thun übrig blieb, als mit einem neuen Worte, das nicht um ein Haar mehr oder "weniger sagte «lls Anarchie, seine halbwüchsigen Schüler zu bluffen. Um eine ganz kurze und authentische Darstellung deS Dühringschen Standpunktes zu liefern, geben wir seinem Riemer, einem gewissen Toll, das Wort. Dieser schreibt u seinem Dühring-Buchc: „Den Socialismus, wie man ihn kennt, Hit Dühring in Briefen an mich bei verschiedenen Gelegenheiten ,eine! Beschränktheit des Jahrhunderts' genannt. Diesem und dem Anarchismus gegenüber nennt er seinen eigenen Standpunkt den socialitär-antikratischen; Dühring weist auch die kleinste Spur von Gemeinschaft dieses Standpunktes mit dem marxistischen Communismus oder auch mir mit der vermeintlichen Kritik des CapitalS und der politischen Oekonomie entschieden ab. In diesen Gebahrungen, sagt er, sehe ich nur! Verworrenheit, Unfähigkeit zur Wissenschaft, anmaßende Jgporanz uiid mehr als bloße Charlataneric, nämlich angestammten Schwindel. Um den Unterschied zwischen den socialitür-ökonomischen Hauptlehren und den Theorien aller socialen Maschinomanen klarzulegcn, sei darauf h ngewiesen, daß Dühring's socialitärcS System zwei Ecksteine hat: das Metallgeld als Grundlage aller ökonomischen Bezichuygen und das E nzcleigcnthum, insbesondere das Capital als nothwendige und unschädliche Grundform für jeden Zustand, der nicht auf Raub und Gewalt gegründet ist. Im Privalcigenthum liegt daS logisch und mechanisch Nothwendige jeglicher Gesellschaft, und darin wurzelt auch Dühring's System; seine reforniatorischen Wendungen aber sind auf die VuSmerzung dessen gerichtet, waS an Bestandtheilen der Ungerechtigkeit, an Raub und Vergewaltigung der Personen in jene Grundformen eiligem scht ist. Um dies herbeizuführen, muß das Princip, nach dem arsschließlich die bloß wirth schaftliche Mechanik der Werthe freies Spiel dafür. die persönlichen und politischen Urre werden. Dühring hält daher eine Vergesell über die StrikeS hinaus für erforderlich haben soll, verworfen und hte zur Geltung gebracht «Haftung der Arbeiter weit and will die im engeren Sinne politischen Mittel wieder in den Vordergrund gebracht und viel weiter, als bisher ausgedehnt wissen. Die parlamentarische Spielerei verwirft, kr zwar, aber nicht eine ernstgcml inte und demgemäß ehrlich gehandhabtc Repräsentirung der Arbeiter. Er huldigt auch nicht der Elendlogik, welche alles Heil von dem immer größer werdenden Elend erwartet, sondern rechnet mit dem materiellen und geistigen Fortschritt und der Lage der Massen" u. s. w. Wer Proudhon kennt, weiß, daß dies, was Döll in seines Herzens Einfalt für Dühring's originelle Reformzedanken hält, einfach «in Abklatsch von Proudhon, zumal aber von messen berühmter oder wenn man will berüchtigter Eigenthumslchre ist. Da hat man ein Beispiel dafür, von welch geistiger Qualität einer eits die Leute sind, welche sich wie die heulenden Derwische um die eizene Achse drehen mit dem ewigen: „Es gibt nur einen Dühring, und wir sind seine Propheten". Andererseits sehe man sich den „Philosophen" an, der sich nicht scheut, die Unwissenheit einiger noch winzigerer Grnegroßc auszunützen, uni etwas zu gelten, was er nicht ist. Doch'kejren wir von dem Menschen zu dem Anarchisten Dühring zurück. Wie man weiß, ist der Ausgangspunkt des Anarchismus im All gemeinen die starke Betonung deS Ich, liie einseitige Hervorkehrung deS Individualismus im Gegensätze zu den communistischen Socialisten, welche daS Individuum vollständig zu Gunsten der Gesellschaft unterdrücken. Der Philosoph dieser Seite des A larchismuS ist Max Stirner