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Freies Blatt · 1894-11-04 · 135 (4.11.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
135 (4.11.1894)
Date
1894-11-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Das Gemetzel von Kroze legte erst neulich Zeugniß dafür ab. mit welcher Fürsorge die hohe Obrigkeit im Ezarenreiche auf daS Seelenheil katholischer Bauern bedacht war. Unter allen „fremden Eulzen" war cS aber der jüdische, gegen den sich besonders die Unduldsamkeit richtete und dessen Anhänger in einer Weise verfolgt wurden, welche an die Barbarei und den Fanatismus der Kreuzfahrerperiode gemahnt. Die Ausschreitungen, welche ein hiezu angestifleter Pöbel in vielen Ortschaften gegen Juden beginge die er straflos miß handelte und beraubte, sind wahre Lappalien im Vergleiche zu dem Verfolgungssystem, welches behördliche Organe auf legalem Wege zur Geltung brachten. Der Jude wurde aller erworbenen Rechte verlustig erklärt. Eine angesehene Stellung in der bürger lichen Gesellschaft, vieljährige Dienste im russischen Heere, ersprießliche Arbeit zum Wohle der Gesammlheit — nichts, gar nichts vermochte einen Juden davor zu schützen, daß ihn die russische Regierung aus der Stätte seines Wirkens herauSreißs und in das sogenannte „Riederlassungsgebict" verschicke. Man schonte bei diesem Verfahren weder Greise, »och Kinder im zartesten Alter, und es kam auch vor, daß man vertriebene» Juden, als ob sie Verbrecher wären, Handfesseln anlcgte. Jungen jüdische» Frauen stand allerdings ein Weg offen, um der Ausweisung zu entgehen; sie brauchten nur bei der Polizei um die gelbe Karte, welche Prostituirten ausgesolgt wird, anzusuchen und waren geborgen. ES sind daS keine „orientalischen Uebertreibungen", alle diese Angaben sind dem seinerzeit auch von uns mitgetheilten officiellen Berichte entnommen, welchen die von der Nordamerika nischen Union im Jahre 1891 nach Rußland entsendeten außerordentlichen Eommissäre Oberst Weber und Dr. Kempster erstattet hatten. Diese Gewährsmänner constatiren auch, daß ein armes Weib, eilte Wäschehändlerin, vor die Alternative: "Ausweisung oder Prostitutiou gestellt, zum Selstmord Zuflucht nahm. ~ Sicherlich sind einzelne Vorgänge bei der Judenverfolgung i» Rußland bloß dem Uebereifer Jener zuzuschreibe», welche mit der Ausführung der ihnen zugegangenen Ukase betraut warxn. Der Selbstherrscher ist nicht überall anwesend und nicht allwissend. Doch wäre eS eine unverzeihliche Correctur der Geschichte, wollte man behaupten, daß die Juden unter der Regierung Alexanders III. ohne dessen Vorwissen so viel zu leiden hatten. Die besten Männer Großbritanniens wendeten sich an die Stufen des russischen Thrones mit einer Eingabe, in welcher sie im Namen der Humanität ein Machtwort des Autokraten zu Gunsten der Verfolgten begehrtem; sie wurden auf das Schroffste zurückgewiesen. Ist man aber geneigt, diese Zurückweisung ausländischer Bittsteller, die als Anwälte russischer Unterthanen auftraten, lediglich mit einem stark entwickelten Souveränetätsgefühle zu begründe», so kann man doch nicht die Thatsache ableugnen, daß Moskau der Schauplatz gewaltsamer JudenauStreibungen, die sich auch auf gefährlich Kranke und Wöchnerinnen erstreckten, erst dann wurde, als an die Spitze der Gubernial-Verwaltung ein Bruder des Ezars trat. Daß! Alexander III. de» Juden' feindlich gesinnt war, läßt sich nicht verkennen, und es wäre eine sonderbare Laune des Schicksals, wenn die in Umlauf befindliche» Gerüchte über die Rolle, welche das jüdische Element während ■ der Krankheit Ezar Aleranderö spielte, auf Wahrheit beruhen sollte». Aus dem Munde Sacharjin's, der angeblich jüdischer Abstaniinnng ist, soll er vernommen habe», daß er rettungslos verloren sei. „Wenn Gott kein Wunder lhut, weint mörge» wohl die Welt an deiner Leiche" — läßt der deutsche Dichtcrjüngling Solinian dem Großen von seinem .jüdischen Leibarzte zurufen, und den türkischen Helden schreckt cs nur, als Besiegter sterben zu müssen. D>r kriegerische Sultan solima» und der für die Ausrcchthaltnng des Friedens , in unseren Tägcn gepriesene orthodoxe Ezar Alerandcr haben mit einander wenig gemein. Doch hätte auch diesem die Furcht, besiegt zu sterben, die letzten Stunden seines Lebens verbittert, wenn wirklich, wie die Fama erzählt, das Her; seines Thronfolgers von einer Jüdin gewonnen würden wäre. Was an all den Gerüchten, welche die Neigungen, Grundsätze, Pläne und-Entschlüsse des Nachfolgers Alexanders III. zu in Gegenstände habe», Wahres oder Falsches ist, entzieht sich der B^-! urtheilung jedes Ferncrstchciiden. Es hieß, er hätte ciuinal, un bekümmert ui» die väterliche Ungnäde, Vorstellungen wegen der unmenschlichcn Behandlung gemacht, der die Juden im Ezarenrciche ausgcsetzt waren. Andererseits wurde dagegen versichert, daß er dem sterbenden Vater gelobt hätte, in Regierungsgeschüften auch auf den Rath Pobedonoszew's zu hören. Die einairder dianietral entgegengesetzten Mitthcilungen scheinen nur Wün'che und Besorgnisse widcrzuspiegcln. Jeder Menschenfreund aber wird den Wünsch hege», Nikolaus ll. möge sich nicht von falscher Pietät bestimmen lassen, das System harter Unduldsamkeit gegen Anders gläubige foblzusetze», sondern in jenem edlen.(Leiste handeln, welcher dem Kaiser Franz Josef eingab, in Äalassa - Gyarinalh die Worte zu sprechen: „In Meinem Herzen bildet der Unterschied der Religion Meinen Völkern gegenüber keine Scheidewand." T Y T- Der Alinisterwechsel in Deutschland. lieber Nacht hat sich in Dentschland ein Personenwechsel im Brennpunkte des staatliche» Organismus vollzogen. Der Kanzler und der preußische Ministerpräsident wurden entlassen »nd an ihxe Stelle ist Fürst Ehlodwig Hohenlohe mit der Führung beider Acmter betraut worden. Das ist in Kurzem Inhalt und Persouage des Dramas, das sich vor einigen Tagen zum größten Erstaune» ur>i>8 et orbis in Berlin abspielte. Die Vorgeschichte ist wenigstens zum Theile aUbckanul. Die sogenannten reichserhallenden Elemente, d: h. ein Theil der Nationalliberalen, unterstützt, von den sich conservativ nennenden Tivoli-Leuten, hatten in der letzten Zeit mit Hochdruck dahin gearbeitet, daß „der Kampf gegen die Umsturz- Parteien" durch Auönahmöverfügungen im Geiste des berüchtigten SocialistengesetzeS wieder ausgenommen werde. Der preußische Ministerpräsident Graf Eulenburg, als Vertrauensmann dieser merkwürdigen Schwärmer für Ausnahmögesetzt und noch merk würdigeren Feinde des. Umsturzes, unterbreitete dem Ministerralhe eine Vorlage, von welcher ein keineswegs im Gerüche des Kren'

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