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Freies Blatt · 1894-10-28 · 134 (28.10.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
134 (28.10.1894)
Date
1894-10-28
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 134. freies Blatt. eite 5 ■ Fortkommen in der neuen Heimat zweifelhaft ist. Zu diesen gehören 1. alte x Leute und gebrechliche; 2. Leute, die eine Familie von mehr als sechs Köpfen haben; 3. Leute, die sich in einem Lande niederlasien wollen, wo den russischen Judender Turchzug wegen der Choleragesahr nicht gewährt wird, und 4. solche, welche SchifiSkarten von Agenten erstanden oder ans andere Weise erhalten haben, von deren Richtigkeit und Berechtigung zur Reise die Bevollmächtigten sich nicht überzeugt haben. § 12. Die Auswanderer, welche auf Vorschlag der Bevollmächtigten ihre Reise unter dem Schutze der Gesellschaft antreten, erhalten die Schist'skarlen zu einem ermäßigten Preise gemäß dem Uebereinkommen der Affociation mit den Schifisgesellschaften sowie Empfehlungsschreiben an die Comin-r im Auslande, die mit der Afiociation Beziehungen unterhalten. § 13. Die Empfehlungsschreiben räumen den Ausivanderer» kein Recht ein, die ausländischen Comito» um Geldunterstützungen anzugehen. 8 14. Tie in § 12 erwähnte» Emigranten erhalten unentgeltlich ihren Einigrationspaß, werden auS der Militärliste gestrichen, von der Zahlung rückständiger Steuern entbunden und bekommen Fahrkarte» für die russischen Eisenbahnen sowie Schifiskarten zu einem ermäßigten Preise gemäß dem Uebereinkommen der „Afiociation zur Gründung jüdischer Colonien in Argentinien" mit der russischen Eisenbahnvertvaltung und den SchiffSgesellschasten. ' ' (CEfCCffc in Kalhcrinoslaw.) Aus Petersburg schreibt man der „Politischen Eorrespondenz": AuS einem Processe, der eben in Äathcrinoslaw zu Ende ging, wird erst bekannt, daß in dieser Stadt im Monat April d. I. sehr umfangreiche antiseinitische Unruhen stattgefunden haben. Wie aus dem Verlaufe des Processes hervorgeht, trugen sich diese Unruhen in folgender Weise zu: Im Monat April war eine größere Anzahl von Juden auS der Umgebung KatherinoSlaws in diese Stadt gekommen, um daselbst das Pasiahfest zu feiern. Dieser Zustuß von Juden von dem Lande führte zu großen Unruhen. Zunächst entstanden Streitigkeiten zwischen christlichen und jüdischen (Gassenjungen, woraus sich rasch ein Zusammenstoß zwischen den erwachsenen Männern beider Parteien entwickelte. Die Aufregung ergriff im Handumdrehen die ganze Bevölkerung der Stadt, und es entwickelte sich eine regelmäßige Jagd auf die Juden, welche auf den Straßen mit Schlägen traetirt, deren Läden geplündert und in deren Häusern die Fensterscheiben durch Steinwürfe zertrümmert wurde». Ein jüdisches Gasthaus wurde sogar in Brand gesteckt. Die Polizei war für sich allein nicht im Stande, die Ordnung wieder herzustellen, und erst als der Gouverneur den Truppen befahl, der Polizei zu Hilfe zu kommen, gelang eS, den Exeesien ein Ende zu bereiten. Es wurden ungefähr hundert Verhaftungen vorgenommen, und nach dem Verhöre sind fünfzehn Personen im Gefängniß zurückbehallen worden. Gegen diese Fünfzehn wurde nun der Proeeß geführt, und das Unheil lautete dahin, daß neun von ihnen frei ausgingen, während sechs zu Arreststrafen zwischen zwei Monaten und einem Jahre und Verlust der bürgerlichen Rechte verurtheilt wurden. Aus antisemitischen Vereinen und ver sannnlungen. (Beim Schwender.» Ter AntrittscommerS der Wiener Hochschüler, ehedem wohl eine der beliebtesten und angesehensten Veranstaltungen der Residenz, fand heuer beim — Schwender statt, nachdem den Siudemen, wie es heisu, wegen ihre« provocatorisch»anlisemitischen und reactionären Verhallens der Sophiensaal verweigert wurde. Der „Lumpenball" wird beim Schwender nicht mehr adgehalten, wenigstens hat das Etablifiemeut einen Ersatz. (Eine, christlich-germanische Mustergenosseuschaft.l Im Jahre 1892 entstand in Favoriten eine registrirte Genofienschast unter dem Rainen: „Erste Wiener Schuhmacher-Lederhalle", weiche vom Abgeordnete» Hauck angeregt worden war. Er hatte die Statute» der Genofienschast auSarbeiten laffen und auch ei» Capital von 200(1 fl. für die Uiiteriiehmung zugesagt, wovon er aber nur 409 fl. einzahlte. Damit sollte eine christlich-germanische Musteranstalt gegründet werden. TaS Ende der Genofienschast war jedoch, daß sie mit einem Deficit von 3000 fl. in Eoncur« gerieth und sieben Mitglieder, die in den Vorstand oder AussichtSrath gewählt worden waren, wegen verschuldeter Crida in den Anklagezustand versetzt wurde». Am 20. d. M. hatte» sie sich vor dem hiesigen. Landesgerichte zu verantworte», und die Verhandlung gewährte einen klaren Einblick in das geschäftliche Gebahren dieser Genofienschast. Der Schuhobertheil-Erzeuger Johann Kafling er war der Leiter de« UiiternehmenS, wofür er einen Monatsgehalt von 00 fl. erhielt. Kastinger hatte sich große Verdienste um Herrn Hauck erworben, denn er wurde wegen Fälschung von Stimmzetteln bei defien Wahl in den Landtag zu drei Wochen Arrests verurtheilt. Seine Thätigkeit als Geschäftsleiter der Lederhalle gab von solcher Unfähigkeit Zeugniß, und seiner Verantwortung nach bekundete er einen solchen Mangel an Verständniß für sein Amt, daß der Vorsitzende. LandeSgerichtSrath Tr. Friinnüel, zu ihm sagte: „Man toll sich nicht zu einer Angolegenbeit drängen, die man nicht versteht. Sie tnögen ein ausgezeichneter Schuhmacher sein und vortrefiliche Oberbestandtheile erzeugen — idi weiß e« nicht — aber zum Vorstand einer Genofienschast taugen Sie gewiß nicht." Als eine der Ursachen de« Zusammensturzes bezeichnete der Angeltagte den Umstand, daß ein Angestellter der Genofienseba?!, dem Verinuthen nach, Diebstähle verübt habe, und zwar habe dieser es gethan, weil ihm ein Jude getagt haben solle: „Ich gebe Ihnen 500 fl , wenn Sie die Genofienschast zugrunde richten." Botfitzender stellte aber durch Fragen ast Kastinger fest, daß der von ihm eines Diebstahls Beschuldigte nicht schuldig gesprochen, ia nicht -einmal ,u,geklagt wurde. Auf Besragen der Vertheidiger räumte dann der Angrllagte ein, daß Herr Hauck das Verspreche» seiner sinanziellen Betheiligung an der Lederlalle vor der lerne» LandtagSmahl gegeben Hape, und daß die Statute» im Aii'trage Hauck's von defien Buchhalter oder Rechtsanwalt versaßt wurden. Ein weitet Angeklagter, der Schuhmacher Josef Heul, theilte hieraus in ieinein Verlöre mit, daß er aus Wunsch -Nastinger S da« Amt eines Controlors über non»neu balle. Auf seine Frage, waS ein Controlor z» thun habe. ,hakte Xasiinger geantwortet: „Gar nichts." Ta dieser Functionär einer christlich-germanische» Mustergeinssenschaft nur tschechisch leien und schreiben kan», wäret» ihm auch nicht möglich gewesen, eine Eontrole auszuüben. Von der Insolvenz der Gcuofienichtift erfuhr der Herr Controlor erst, als ihm die Anklageschrift zugestellt wurd.'. Ein :i!ljer Angeklagter, der frühere Schustermeister und jevige Taglöhner Carl G„t»zdek, ofienbar ein strammer Germane, welcher den Posten eines Caisiers bekleidete, bemertte zur Ausklärnng hierüber, daß fast Alles aus Credit genomnie» wurde. «Herb Hauck hatte ja Alles zu zahlen." Ans dein weiteren Verlause der Verhandlniig ist »och die Aussage des Schuhinachermeister« Franz Mauer bervorzuheben. welcher erklärte, daß Herr Hauck anläßlich setner Wahl die 2O"0 fl. versprochen habe. Auch ihm persönlich habe er-vor der 'Wahl Geld 'versprochen; „aber vor der Wahl," fügte er hinzu, „wollt' ich eS nicht annehmen, weil e« nicht anständig gewesen wäre; nachher hat er mir « nicht gegeben." Aus Wunsch der Vertheidiger wurde schließlich die Verhandlung behu's Vorladung der Abgeordneten Hauck als Zeugen vertagt. «Christlich-socialer Wählerverri» im X. Bezirk.) Montag de» 22. Dctober fand in Mudra'S Saallocalitäten, Larenburgerstraße 59, eine Ver'ammltiiig des Christlich-socialen 'Wählervereines im X. Bezirke statt. Ter Beginn war für 8 Uhr angesetzt; zu dieser Stnnde waren jedoch nur drei Christlich-Sociale anwesend, nämlich der Dbmann. Hofi und Gerichts-Advocat Tr. Hiigo Tasch, und zwei T rdner. Erst knapp vor 10 Uhr konnte, der Tbinaiin die Versammlung sür eröfinet erklären, nachdem sich wohlgezählte 53 Personen eingesunden hatten. Dr. Tasch begrüßte die „zahlreich" Erschienene» mit der Mittheilung, baß Monsignore Scheicher in St. Pölten eilten „glänzenden Sieg" erfochten habe, und wie« auf die im nächsten Monate stattsindende Landtagswähl aus ' der Wiede» hin. Er knüpfte daran die sichere Hoffnung, daß auch dort ein Erfolg nicht ausbleiben könne, wenn die „Christen" fest geschloffen zur Urne schreiten. Er erwarte auch, daß die Mitglieder des christlich-sociale» Vereine« im X. Bezirke sich dem „christlichen" Wahlcomit» zu Agitationszwecken zur ' Versüßung stellen werden. Schließlich gedachte er der Geburtstagsfeier Dr. Lueger'«,' den er als den Erretter des „geknechteten christliche»'Volkes" pries. Es solgten Reden zweier Schustermeister, worauf die 'Versammlung um S/411 Uhr geschlossen wurde. Tie Gründung einer neue» Lederhalle wurde in dieser Versammlung nicht beschlofie». (Gin antiskinitischcr Herbergsvater.» Ter „Freigeist" schreibt: Wie von einem so recht und xcht Christlich-Socialen die Rääfitenliebe und Ehrlichkeit gepflogen wird, darüber möge nachsteheiider Vorfall Zeugniß - geben. Lebt da in SeiferSdors ein ehrsamer Hausirer, Jose« Förster mit Raine», dem eS plötzlich vor nicht gär tanger Zeit einfiel, für anderer Leute Geld ztch ein netteS HäuSche» zu erbaue». Unser sehr sronimer und friedliebender Herr Pfarrer litt zur selben Zeit gerade an den Geburtswehen eine« katholischen MännervereineS, doch dank der Beihilfe einiger recht geistvoller, charakterstarker und dienstliebender Mannweiber ging, die Geburt auch glücklich von stattet» aber mit derselben erwuchs auch schon dem noch in den Windeln liegenden junge» katholischen Männervereine die Sorge, woher ein Local zu nehmen sei, um so recht unter sich den wissenschaftlichen Berathnngen und Studien obliegen zu können, beziehungsweise . sür den wichtigen LedenSgang und erhabenen Berus sich vollkommen auSzubilden. Doch auch dieser Sorge ivard der junge Verein recht bald enthoben.-Tenn schuf Gott das Haierl, 'so wächst auch schon das Raferl. Herr Förster stellte seine« SohneS Neubau ganz bereitwilligst zur Verfügung, uttd recht zahlreich sah man die schwarzen Brüder im Abenddünkel ^scheue Blicke nach rechts und link« werfend, als ob sie kein reines Gewifien hätten) dahin pilgern. Zwei Jahre sind seit dieser Zeit verronnen, aus dein ehrsame» Hausirer tind Herbergsvater, ivelcher sich zu Beginn in der süßen Hoffnung wiegen mochte, ans. diese Weise so recht gute Geschäfte zu machen, ist nun ein bankerotter Schnittwaarenhändler geworden, und sollen die Passiven so ziemlich beträchtliche sein. Im ersten Moment war es Jedem ttnbegreiflich, woher in so verhältnißmäßig kurzer' Zeit so beträchtliche Passiven gekoinmen, nachdem aber vor einigen Tagen durch eine gerichtliche Hausdurchsuchung ganze Piaffen Waaren z>l Tage gefördert worden sind, hat sich daS Räthsel gelöst und die Rächstenttebp und Ehrlichkeit der christlich-

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