Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 134 (28.10.1894)
- Date
- 1894-10-28
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 134. Seite 3 Freies Ein berauschender kockruf ist der der Nationalität! Gott hat, wie der l Apostel lehrt, azis Einem Menschen daS ganze menschliche Geschlecht hervorgehe» lassen, daß e« wohne aus der ganzen Erde, und hat bestimmte Zeiten nnd Grenzen ihrer Mahnungen gesetzt; die Gliederung in Familien, Stämmen und Völkern ist affo Gotte« Werk. Die Verschiedenheit der Sprachen aber ist schon Folge der Sünde, de« Abfälle« von Gott und de« Zerfalle« der Menschheit in sich. Da« gebildete Heidenthnm, weil es die gemeinschaslliche Abstammung und Ebenbildlichkeit Gotte« i» allen Menschen nicht kannte, betrachtete fremde Böller al« Barbaren und verachtete oder bektiegte sie (puieoro subjeetis et tlebellare Miperbos, da« war sein Wahlspruch). Dem rohen Heidenihume gilt noch jetzt jeder Fremder al« Todfeind; es kennt nur seinen kleinen Stamm, vertilgt jeden anderen, tobtet, brät und frißt den Fremdling oder verkauft ihn wie ein Thier; e« ist selbst auf den lhierischen Standpunkt herabgesunken. Tä« Christenthum allein hat die wahre Würde her Menschheit wieder hergestellt Alle Menschen sind ihm göttlichen Geschlechter; , alle Gotte« minder und zu seinem Reiche berufe»; alle sind blutsverwandt in doppeltem Sinne: al« au« Einem Blute hervorgegangen, und al« durch Ein Blut, da« am Kreuze vergossene, er; löst; denn in Christo Jesu sind die Fernen nahe gebracht und die Seheidewand der Völker ist niedergeriffen, die Feindschaft getilgt. Alle sind zu Einem keibe vereinigt unter Einem Haupte, und Alle haben Zutritt in Einem Geiste zu dem Vater; es ist nicht mehr Jude noch Heide, nicht Barbar noch Seythe, nicht Knecht »och Freier, sbndern Alles und in Allem Christus, und da» Band der Vollkommenheit, da« sie einigh ist die Liebe. Ta« Christenthum und mit rbm die wahre Humanität kann also da« Borwalte» de« Nationalgefühls ebenso wie de« Familiengefühls nur insofern gutheiße», al» e« zu r Fördernn'g der Liebe dient. Wohl steht auch der Christ seiner Familie näher als der «Gemeinde, seinem Volke und seinem Lande näher als der ganzen Menschheit: er erfüllt die Pflichte» gegen Alle, er wird Allen Alle«, >va« er ihnen »ach Gottes Ordnung sei» soll, wen» seine Liebe, au« sich selbst hei ausgehend,, die immer weiter sich öffnende» treffe der Familie, der Gemeinde, der ‘.Nationalität, des StaatsürgerthumS mij> der Menschheit aussteigend erfüllt. Ab/r die Liebe wird schnöde Selbstsucht, wen» sie, anstatt ans sich Herauszugehe», sich in sich selbst vertiesend. Alles nur auf sich selbst zurückbezieht. Alsdann entzündet sich der Haß zwischen Individuen wie zwischen Familien, Gemeinde», Stämmen und Völker», und jede« höhere Band wird frevelnd zerriffe». So wird durch die gottsose Versührung unserer/Tage, der es ui» Umsturz aller göttlichen und menschliche» Ordnung zu thu» ist, die gesunde Liebe der Völker zu ihrer Geschichte, ihrer Sprache und angesiammte» Sitte künstlich ausgestachelt zu einem krankhaste» Fieberwahusinne, welcher,. i» jedem anderSredende» Nachbar eine» Todfeind erblickend, da« eigene Hau« i» Flamme» seht, um das des Nachbars zu vernichte». Tai! ist wahrlich nicht ein Fortschritt der Entwicklung, wie sie'« nenne»;' es ist ein beweinenSwerther Rückicheitt von der echten, edlen Gesitlnng de« Christenthum« zu der finsteren Barbarei de« Heideitlhum«; die Nationalität wird;um goldene» Kalbe und ihr Götzendienst in der Gluth der entseffelte» Leidenschaften »ur zu oft ein wildthierischer Nacenkampf, eine Schande der Menschheit, ei» Greuel vor Goti! Eure versammelten Bischöfe, in heiliger Eintracht verbünde», obwohl selbst den verschiedenste» Volksstänime» angehörend und in verichiedene» Sprachen zu Euch redend, bitten und ermahne» Euch im heiligen Geiste mit jeney Stimme, die api ersten Pfingstseste in alle» Sprache» vernommen ward: Lastet Euch nicht dstdören durch die schlauen Worte und Künste jener VolkSversührer! Liebet Euer Volk und Euer Land und Eure Sprache; aber vergesset nicht, daß die ganze Erde be« Herrn ist, daß in allen Sprachen täglich zu Ihm gebetet wird: „Vater unser! vergib uns unsere Schulden, wie wir vergeben unsere» Schuldigern;" nnd daß e« sein heiliger Wille ist, Menschen und Völker durch (Seiet' und staatliche Ordnung nicht zu trennen, sonder» auch äußerlich so zu verbinde», wie sie durch Kirche innerlich und geistig in Glauben und Liebe verbunden sein sollen. (. Nach vorstehender Darlegung der christlichen Lehre über den ‘Na lionalismus drängt sich unwillkürlich die Frage nach der Berechtigung des Antisemitismus auf. Derselbe ist, kur; gesagt,, die gänzliche Negation der christlichen Anschauung, „eine Schande der Menschheit, ein Greuel vor Gott". Guggenthal, 21. Oktober 1834. Dr. Schoepf. (Selbsthilfe.) In der Inneren Stadt nnd in der Leopoldsladt ließen sich in fortschrittlichen Versammlungen jüdische Wählerstimmen vernehmen, welche eine gewisse Unzufriedenheit mit dem Verhalten der Bereinigten Linken in der Frage des Antisemitismus kundgaben. Die Malcontenten wurdtn auf den Weg der Selbsthilfe verwiesen. Die Indenschaft als ehrenhafter Bestandtheil der Bevölkerung solle sich moralisch immer mehr zur Geltung bringen — äußerte ein hochachtbarer Wiener Abgeordneter; ein erprobter Liberaler aus Mähren war ebenfalls der Meinung, die Sanirnng könne da nur im Wege der Selbsthilfe erfolgen. Beide Männer sind über den Verdacht er- ' Blatt. haben, lau in Dingen der Nechtsglcichheil zu sein, und bedürfen sicherlich keiner Mahnung zur Abwehr antisemitischer Angriffe. Nicht» destoweniger wäre namentlich im Interesse der liberalen Partei zu wünschen, daß dieselbe die Sliuimung der jüdischen Wählerkreise nicht außer Acht laste. Im Nachstehenden -bringen wir ein Schreiben zum Abdrucke, welches uns als wahrheitsgetreuer Stimmungsbericht'-bemerkenSwerth erscheint. (5in „jüdischer Wähler", der „im Namen Vieler" zu sprechen erklärt, schreibt unS: „Der Magistratssaal'wird zu einer Lueger-Feier überlassen, bei welcher auch dir Ehren männer Vergani und Schneider fungiren. Warum lhnl die« das Gemeinderathspräsidium? Der Pariser Sberrgbbiner meinte, al» er die Anordnung von Gebeten in den Snnagogeu für die (Genesung des Czars rechtfertigte, Alerander lll. sei. stets ein ehrlicher Judenfeind gewesen. ES scheint, daß daS Gemeinderathspräsidinm in Lueger auch einen Mann respectirt, der jederzeit ein ehrlicher Wider'acher des Liberalismus war. Während'Lueger im RcNhhause gefeiert wird, ver-! nehmen wir in den Hotels, in denen liberale Vereine Versammlungen abhalten, Trostworte, die unS nicht genügen. Professor D e m e!, der. muthige Abgeordnete von Troppau, äußert die Ansicht, der Antisemitismus, eine Pest, die um sich gegriffen habe, besinne sich jetzt schon im Niedergange. (Vielleicht in Troppan, in Wien nicht. : Herr Constantin NoSke, für den ich bei der letzten Wahl gestimmt habe, stellt unS wieder ein kräftiges Wort der roalirten Parteien ffi Aussicht. Gehören nicht auch Herr Dr. Ebenst o.ch nnd Archimandrit Zur kan zu einer der coalirten Parteien? Nicht vgn der Eoalition als solcher, sondern von den Liberalen erwarten wir ein ziclbewnßleS Vorgehen wider den Antisemitismus. Die ^bestehenden Gesetze gewähren unS hinlänglichen Schutz, aber man muß daraus dringe^, daß sie auch erforderlichen Falles zur Ausführung kommen. Man gibt uns allenthalben den Rathschlag, der Selbsthilfe zu vertrauen. Ganz einverstanden! Allein es ist auch ein Art der Selbsthilfe, liberale MandatSträger bei jeder Gelegenheit an die Nothwenlhgkeit zu erinnern, daß sie nicht ans Rückficht für die Inden, sondern um ein Gebot der 'Selbsterhaltung zu erfüllen, dem Antisemitismus unter alleit Umständen energisch entgegentreten müssen." (Tic Soillltflstsrllhc.) Die Regierungsvorlage über die Sonntagsruhe, welche in der abgelaufenen Woche auf dem Tisch des Abgeordnetenhauses niedergelegt wurde, enthält die neue Bestimmung, daß in allen Städten und Märkten der Monarchie während des Vormittag-GotteSdiensteS sämmtliche Verkaufsläden geschlossen sein müssen. Nur in einigen wenigen Füllen, z. B. an Wallfahrtsorten, ist eine Ansnahnie gestattet. Dadurch hat die Sonntagsruhe, die bisher lediglich eine socialpolitsche Maßregel war, einen christlichconsessionellen Anstrich erhalten. Aus der Sonntagsruhe ist die Sonntagsheiligung geworden und damit einer der dringendsten Wünsche der Christlich Socialen erfüllt Wir sind nach diesem Präludium auf den reaetionären Charakter der noch einznbringeiiden Gewerbenovelle vollständig gefaßt. * . .. ’ > (Tic Priester im Heilistthum des Herzens. Der Rector der Wiener Universität, Dr. Laurenz M ü l l n e r, Professor der Philosophie an der theologischen Facultät, hielt anläßlich der ersten diesjährigen Promotion von Medieinern eine Ansprache, in welcher er u. A. sagte: „Ihnen gerade, weil Sie in die Praris übertreten, muß ich »och eine andere Seite Ihres Berufes betonen, die ideale und ethische. Es ist unrichtig, wenn man der Wissenschaft Mangel an Idealismus, vorwirft. So verschieden auch die heutige Welt von der früheren sein mag, waö politisches, sociales und religiöses Leben betrifft, das Heiligthnm deS Herzens ist ihr als gemeinsames Gut geblieben, und da sind Sie die Priester." Mit einem Appell an die jungen Aerzte, ^tote Menschenliebe hoch und theuer zu halten und sie in jeder Lagezu bethätigen, schloß Dr. Müllner seine Ansprache. Auch mänche älteren Aerzte, die im Kampfe gegen unbegueme Concnrrenten auf dem Standpunlte „christlich-syciater" Selcher stehen, solltendiese edlen Worte wohl beherzigen. (Ans Aysikrsdorf.) Man schreibt uns: Frau Brzobohatl) triumphirt: die Gemeindeverwaltung von Atzgersdors ist durchaus in antisemitischen Händen, und der,Gemahl der Agitationskünstlerin be. kleidet die Würde eines GemeinderatheS. Vielleicht gelingt es ihr noch, dem Landtagsabgeordneten des Wiener Bezirkes Landstraße, dem Cooperasor Schnabl, zu einer Psarrersstelle in oder bei Atzgersdors zu verhelfen, dann wird sie wohl auf ihren Lorbeeren ausruhen können. ' ., m. (Constlmtill v. Wurzbach über de» Antisemitismus.) In dem eben ver.ösfentlichteu Salzburger Haus- und Wirthschaftsschreibkalender aus das gemeine Jahr 1835 finden wir einen hochinteressanten Nekrolog auf Constantin v. Wnrzbach aus der Feder des Herrn Consistorialrathes Dr. Schöpf, in welchem dieser berichtet: Nachdem ich meine