Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 134 (28.10.1894)
- Date
- 1894-10-28
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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ttr. 134 Seite freies Blatt. „Es wird der Hietzing und Umgebung zur höflichen und dringenden Bitte hauptmannschast Hietzing und Umgebung übermittelt: löblichen 4. k. Bczirkshauptmannschaft eompetenten Berücksichtigung nzit der übermittelt, die in Aussicht genommchie Errichtung einer Filiale des Fnnshauser Arbeiter-Consumvcreines iri Jnzersdorf bei Wien wegen der dadurch drohenden Gefährdung der Existenz ganzer Kreise ron Gewerbetreibenden gütigst zu verweigern, weil nachgewiesenermaßen diese Art Institutionen nur dem Vrrtheile einzelner Personen zu statten komme», dem allgemeinen Wohle, insbesondere aber der änneren und arbeitenden Bevölkerung gar nichts nützen und somit in der Hauptsache nur die gefährliche Eigensäafl besitzen, stcuerkräftige Ge werbcbetricbr zu vernichten und selbstständige Existenzen, verbunden mit der Gründung und Erhaltung eines anständigen bürgerlichen Familienlebens, unmöglich zu machen." Dieses von brutaler Jnteresscnpollitik dictirte Schriftstück wurde von den hiesigen führenden Antisemite rorganen abgcdruckt und beifällig glossirt. Wenn cs sich in diesem Falle um einen Consumvercin für die Mittelclaffen uud nicht um cinm solchen für Arbeiter handeln würde, so wäre zu der Thatsache, daß die Gründung einer derartigen Genossenschaft von der antisemitischen t fresse bekämpft wird, nicht viel zu bemerken. Ein großer Theil der anti icmitischen Heerde recrutirt sich doch aus den Kleingewerbetreibenden un) Krämern, und cs kann demnach nicht aussallen, daß die Interesscr derselben von ihrer Leibprcffc verfochten werden, wobei die letztere selbstverständlich in bekannter Scrupellosigkeit die Scheidung zwischen Berechtigtem und Unberechtigtem unterläßt. Diesmal kommt jedoch ein Arbeitcr-Consumverein in Betracht, und da die Antisemiten die Handarbeiter so herzlich gerne;u sich hcrüberzichcn möchten und es ar diesbezüglichen Anstrengungen nicht fehlen lassen, muß es auf den irsten Anblick befremden, daß unsere paienlirten Soeialreformer eimr Agitation ihre moralische Unterstützung angedcihen lassen (sofern lieser Ausdruck hier überhaupt gestaltet iss >, die sich gegen eine von Arbeitern gewollte, i., deren Interesse gelegene Institution richtet. Glücklicherweise ist jedoch das früher cilirle Elaborat in seiner Art eiy Meisterstück, das jedem Rcdacteur eines antisemitischen Blattes zuä Ehre gereichen könnte. Wahrheit und Dichtung sind darin so kunftvi ll verquickt, der sehr egoistische Hintergrund desselben ist mit einem so lieblichen pseudo-altruistischen Mäntelchen verhängt, daß alle diejenige^, welche so unvorsichtig sind, jenem Schriftstücke Glauben zu schenken, über die vorgeschlagene Lösung dcS ConflicteS entzückt fein müssen undi antisemitischen Schriftleitern die Möglichkeit-geboten wird, ihre klcingcwerbliche Interessenvertretung mit scheinbarer Arbeiterfreundlichkeit zu verbinden. In der That, so wird behauptet, liegt die Sache furchtbär einfach: der Arbeiter-Consumvcrein schadet dem Gewerbe und Hai del, bringt abev den Arbeitern keinen- Borthcil. Verbietet also seine Constituirung, und Alles löst sich in herrlicher Harmonie. Es lohnt sich jdoch, die Decke ein wenig zu lüsten. Man kann nicht leugnen, daß unsere Arbeiter-Consumvereine häusig nicht proiperiren. Es sind insbesondere zwei Ursachen, welche diese bedauerliche Erscheinung bedingen: die n angelhastc Administration und geringe Popularität dieser Genossenschaft n. Es ist leider wahr, daß die Leitung der Arbeiter-Consumvereine usweilen nicht kn den richtigen Händen ruht und deshalb ihre Zwcckerfi llung keineswegs immer außer Frage gestellt ist. Auch ist es eine nur allzu bekannte Thatsache, daß der Arbeiter selbst die fatale Greißler-Blrgwirthschaft dem in Consunivcreinen üblichen Baarzahlen nicht selten vorzieht, wodurch das Wachsthum dcS Mitgliedcrkreises gehemmt u id die ökonomische Lage der Vereine, jedenfalls nicht gebessert wird. 3st cs aber gestattet, hieraus den Schluß zu ziehen, daß „diese Art I istitutionen nur dem Vortheile einzelner Personen zu statten kommen, icm allgemeinen Wohle, insbesondere aber der ärmeren und arbeite,ibett Bevölkerung gar nichts nützen"? Was Consumvereine im Allgeneinen und Arbeitcr-Consumv.-reine im Besonderen leisten können, dall sehen wir in England, ihrer l^ebunsstättc. Dort haben die Arbeite, allein 150U Consumvereine :>u! einen! jährlichen Umsätze von 30 Millionen Pfund Sterling oraanisirt, und die relativ günstige Lace der englischen Handarbeiter ist;itm nicht geringen Thcile diesem Unstande zuzuschreiben. Was nützen Ä>b:iie,fchiitz und Arbeiterversicheruug sowie die zahllosen anderen :m Intercne der Besitzlosen erlassenen Ge etzc und Verordnungen, wenn den ärniercn Bevölkeruugsclassen nicht d» Möglichkeit geboten ist, sich gute und billige Lebensmittel zu beschaffet!, um hiedurch ihr Standard il!il'-> zu hebenL Die Lösung der sogenannten socialen Frage in wahrhaft socialresormatorischem Sinne wiscd erst dann möglich sein, wenn „das Leben zu billigem Preise" hersbeigeführt sem wird, wodurch die Arbeiter früher als durch alle ander<n vorgeschlagenen Maßregeln m die Lage kommen, einen größeren The l ihres Haushalrungsbudgets für die höheren Genüiv des Lebens zst verwenden. Daß aber die Consumvereine hier wesentlich mitwirke» können, steht außer allem Zweifel, obzwar jener famose, an die saatlichc Vorsehung gerichtete Hilferuf die Behauptung aufstcllt, daß dies „nachgewiesenermaßen" nicht der Fall sei. Deshalb beweist der Unstand, daß unsere Arbeiter- Consumvereine nicht immer tadellos or, janifirt sind und sich häufig nicht der erwünschten Beliebtheit erfreuen, selbstredend gar nichts gegen „diese Art Institutionen" im Allgemeinen Vielmehr wird Jedermann, der die einschlägiger; Verhältnisse kennt u id der Wahrheit die Ehre gibt, sich dahin aussprechcn müssen, daß e S von höchster socialpolitischer Bedeutung ist, die Mängel unserer Ai bciter-Consumvereine zu beseitigen, ihre Popularität durch Belehrtem besonders der Arbeiterfrauen zu heben und sie überhaupt in jeder mög ichen Weise zu heben und zu kräftigen. Alle diejenigen, welche sich dieser Mühe.durch Rath und That unterziehen, haben Anspruch auf die Dankbarkeit nicht nur der betreffenden Arbeiter, sondern der ganzen Gesellschaft. Die Antisemiten jedoch, die Volksbeglückcr uud Arbeiterfrcunde, stellen sich — wie gewöhnlich — den Feinden einer nützlichen Institution zur Seite und suchen zu verhindern, daß sich die Arbeite: aus den Klauen der Kleinhändler befreien. Die Antisemiten verkünden stets, d,ß der Zwischenhandel das Leben ungebührlich vertheuere, es fällt ilmen aber aus leicht erkennbaren Gründen nicht ein, mit diesem Aussprüche die Krämer zu belästigen, sondern einzig und allein der Großhandel ist cS, gegen welchen ihre.Angriffe gerichtet sind. Run kommt eS zwar bisweilen vor, daß durch Ringe Preise normirt weri en, die den PcoductionSbcdingungen keineswegs entsprechen. Alltin im Allgemeinen ist der perccntuclle Gewinn des Großhandels im Vergleiche mit demjenigen des Kleinhandels ein geradezu verschwindet der. Nicht der Großhandel, sondern Krämcrei und Kundengewerbe, d esc Schütz! ngeder Antisemiten und geborenen Feinde der Consum vereine, treiben die Preise der Waaren aus eine ungerechtfertigte, bisweilen enorme Höhe. Wer die thatsächlichen Verhältnisse-, besonders ixe unserer engeren Heimät, beobachtet, wird sich darüber nicht wundern. Wenn irgend ein Individuum nichts gelernt hat, aber trotzdem in müheloses Leben führen will und im Besitze eines Capitales von liunbcrt Gulden ist, dann errichtet er ein Kohlenvcrkaufsgeschäft oder einen Milchladen. Ist sein Vermögen etwas größer, so reicht es wohl für eine Greißlereim. s. w. Auf diese Weise sind tausende' von ganz unberechtigten Existenzen entstanden, die ein minimes Absatzgebiet Haien und deshalb von jedem tück Waarc hohen Gewinn nehmen müffm, aber nichtsdestoweniger nur selten ihr Auskommen finden, was drnn natürlich für sie ein hinreichender Grund ist, in das antisemitische Horn zu stoßen. Man sagt, daß die Juden gleich Va npyrcn die übrige Bevölkerung.aussaugen. Der Gebildete weiß, welche Bedeutung diesem tendenziösen Unsinn bcizumessen ist, und nicht minder, daß diejenige», welche in Wahrheit das minderbemittelte, auf den 6 inkauf der Lebensmittel im Kleinen angewiesene Polk ausbeuten, insbesondere im Kreise der vorwiegend arischen Greißler, Fleischhauer u. s. w zu suchen sind, welch letztere jedoch in der Regel nicht in die Kl tegoric der schwachen Eristenzen eingereiht werden können. Der 3! erein für Socialpolitik hat hicke Bände über den Einfluß des Klcinha idels auf die Preise veröffentlicht, die antisemitischen Führer weiden sich aber hüten, die Resultate dieser Untersuchungen ihrem P iblicum mitzutheilen. Die hervorragendsten Kenner der Preisgestaltum sind der Ansicht, daß in Anbetracht der thatsächlichen Monopolstellung der Fleischer und Bäcker eine weitgehende obrigkeitliche Bevormundung derselben auch heute noch durchaus gerechtfertigt ist, aber die antiscin tischen Demagogen und ihre Presse beeilen sich stets, ihre Lieblinge gegen jeden Angriff zu schützen, ui» keinen Wähler, beziehungsweise keinen Abonnenten zu verlieren. Und wehe denjenigen, die cs wagen, jem Zwischenglieder zn überspringen, die nachtheiligen Wirkungen des Kleinhandels fernzuhalten. Die Antisemiten, die privilcgirten Anwälte ier Detaillisten, überschütten sie mit Geifer und hindern sie nach Möglichkeit, den sogenannten berechtigten" Interessen ihrer Schützlinge ^u schaden. Sie machen, in diesem Falle auch bei Arbeitern keine Ausrahme, wie die Erfahrung zeigt, denn so weit geht die Arbeiterfreundlichkeit der Antisemiten nicht. Robert Drill. Eine Nenrinijcenz. 'Nachdem sich das Nationalprincip in solch verwerflicher Gestalt offenbart, dürfte es angezeigt sein, sich an die Anschauung des Christen- Ihums über die Nationalität zu erinnern. 3liefe Anschauung ist in dem Hirtenschreiben des österreichischen Episcopals vom Jahre 1849 ganz bestimmt und klar ausgesprochen. Darin he ßt es: