Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 134 (28.10.1894)
- Date
- 1894-10-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441567--1587-4888029- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1 / ' I . Freies Blatt Abonnement-Preis. -.-»> Mrgan zur 2lbwehr des Antisenntisinus. Halbiährig.S Kronen (fl. 1.50) Für das gesammte Ausland: (^an)jährsg.fi Mark H°">iä>>r>g .s Mark so Ps. Erscheint an jedem Sonntage. Einielne Nummern 8 kr. ° Uiifranfirtc Briese «erden nicht angenommen Redaktion miv Adii^inisiratiön: i. Leilerstätte I >. Inserate werden mit 2V tzckler kr.'. vier, mal gespaltene 9lonpareillc>eitt r. kkleiner Anzeiger da» Dort 4> Heller kr.)'. : ,d:ne v.o'n Inseraten in unserer Avmin>'':rali)n^'{owk' im Annoncenbureau M. T ukeS. j. . .!?.!;> lle fr. " Stummer 134. Wien, 28. (Ortober 1894. III. Jahrgang. Lin Sieg des Freisinns. Sprichwörtlich ist der Patriotismus des Ungarn geworden, diese kindlich-naive Liebe zur heimischen Scholle, welche sich bis zu dem halb scherzhaften, halb ernstgemeinten i^xtra lluiigariam non cst vita »ersteigt. Wer hat noch nicht dabei gelächclt? ES scheint aber, alS wollten unsere wackeren Nachbarn von jenscitS der Leilha den Böllern Europas die furchtbare Thatsache beweisen, daß außerhalb Ungarns wirklich kein Leben sei. Ja Bewegung, Geschäftigkeit und Lärm finden wir genug auch bei unS und weiter westwärts, aber es ist die Hast des Todtengräbers, der ein großes Massen? grab für all die freisinnigen (Überlieferungen mehrerer Jahrhunderte schaufeln muß, es ist das geschäftige Treiben der niederen Thiere, die sich in den Leichnam eines gefallenen Riesen theilen, es ist daS Gekreische der schwarzen Vögel, die Aas wittern. Das ist die Reaction, die sich im übrigen Europa regt, der Tod und nicht das Leben. In Ungarn dagegen reckt der liberale und demokratische Gedanke in voller eben erst stolz erblühter Jugendkraft die Glieder feiert det Genius der Freiheit und Menschenbrüderlichkeit in unblutigem Kampfe glänzende Siege. Bor einem Pierteljahrhundert vielleicht noch galt der Ungar in Europa alS eine Art Theißchinese mit den eingeschränktesten und barbarischesten Nationalbegriffen. Heute, nachdem sich dieses bewunderungswürdige" Bolk als solches consolidirt und sichergestellt hat, tritt es den Beweis an, daß sich sein Leben nicht in der engen Pferche eines clanhaften Nationalstolzes einschließen lasse. Für uns, die Allen, soll auch noch etwas von diesem Leben alS Lehre abfallcn, und während sich bei uns das Nationalgefühl immer mehr in ein unleidiges Chinesenthum eindickt, zeigt uns dieses Naturvolk, daß die rührende kindliche Anhänglichkeit on de» eigenen Stamm und die Muttersprache, an die engere Familie nicht nur keine Schranke gegen die übrige Menschheit sein dürfe, daß sie nur das Organ zur Berwirklichung des HochgedankenS allgemeiner Mcnschenbrüdcrlichkeit sein müsse. In diesem Sinne das Werk Deük's fortzusetzen und zu vollenden, ist die große culturhistorischc Mission, welche Wekerle und seine Mitarbeiter Szilagyi und Hicronymi auf sich genommen. Mit angehaltenem Athem haben izlle Männer der Freiheit dem wechselvollen und hartnäckigen Kampfe zugesehen, der jenseits der Leitha um das sogenannte kirchenpolitische Programm geschlagen wurde. Der Kampf neigt sich dem Ende zu. DaS MagnatenhauS, welches im Frühjahre nach heftigem Widerstreben das Gesetz über die obligatorische Civilehe endlich votirte, hat nicht gewagt, de» von diesem Gesetze praktisch untrennbaren Vorlagen über die Religion der Kinder und die staatliche Matrikenführung weitere Hindernisse zu bereiten; so ist denn die ganze auf diese Reform bezügliche legislative Arbeit abgeschlossen, und werden die Gesetze, wie officiell bereits angekündigt, demnächst der Sanction unterbreitet werden. Die Anstrengung, welche die unterlegene Reactionöpartei macht, um diesen letzten zur Berwirklichung der Ehereform nöthigen Act zu vereiteln, sind nur mehr Scheinmanöver, an deren Wirksamkeit die Regisseure und Acteure selbst nicht sonderlich fest glauben dürften: Dieses Stück Terrain der Ehejurisdiction ist für die Clericalen Ungarns fortan höchstens ein Elsaß-Lothringen, bei dessen Anblick sie sich in unersättlichen Haß- und Rachegelüsten verzehren mögen. Dagegen habe» sich die in dem entscheidenden KamvsgM Haupt Geschlagenen wenigstens eine kleine GcnuglhUung nicht ver sagen können, indem sic sich an dem wenn auch sehr vorüber gehenden Erfolg in einem Scharmützel berauschten. Tie Herren Magnaten, welche nicht mehr den Math belaßen, der Ehcrechw reforin weitere Hindernisse zu bereite», setzten alle Kräfte daran, uni einige Schwankende und Verwirrte wenigstens znr Ablehnung der beiden Gesctzcsvorllzgen über die freie Ausübung der. Religion und über die Reception der Jud^ii zu bewegen, „lic rast der See und will sein Opfer haben." Das billigste Spier, welches die feudalen Herren zur Hand hatten, schienen ihnen die Jude». Mit diesen! letzten verzweifelten Appell an die brutalen Vörnrlheile der Menge hoffte die talar- und attilalragende Opposition im Plag natenhause vielleicht doch ivenigstens einen Theil und — wepn auch den unwesentlichsten Theil der kirchcnpolitischen Vorlagen ver citeln zu können. Für die Enttäuschung sind sie sich selbst verantwortlich. Das Abgeordnetenhaus hat 'mit Umgehung der Ausschüsse die vom Oberhaus abgelchntcli und entstellten Belagen sofort wieder in Beralhung gezogen und mit einer au Summen cinhelligkeit grenzenden Majorität dein Oberhause relonrnirt. Nicht einmal die eine Genuglhuung wurde den edlen Magnaten, iin Unterhause eine kleine Judendebaitc provociri zu haben. In Ungar»' ist man nicht wie anderwärts gewillt, sich durch antisemitische schnurrpseifercien in den feudalen Hochmoor öder in de» Sumpf der clericalen Niederungen locken zu lassen. Wir frage» alle Jene, welche so stolz auf ihre deutsche- Brust, zu schlagen und auf die angeblich nnicr dieser liegenden deutschen Hochgefühle zu pochen pflegen: Empfinden sie nicht die brennende Schamrölhr in den Wangen, daß sich das große Voll der Dichter und Denker von den Söhnen Arpad's eine solche Vehre in der Verwirklichung deS wahren Nationalgefühles crtheilcn lumn muß? Auch das deutsche Volk hat sich die äußere Freiheit, die Einigkeit' und Unabhängigkeit zu geben gewußt, aber dabei ist es stehen ge blieben' Tie innere Befreiung fehlt ihm bis zur Slizude. Man sage nicht, in Ungarn hülle' die Sache der Freiheit einen leichteren Kampf als anderwärts. Nein, her' ungarische Adel ist der reichste und müchligste am Eonlincnle, der ungarische t^piscopal bezieht die Rcvcnüen von Fürsten. Wenn trotzdem in diesem tzande der liberale Gedanke sich so mit elementarer Kraft Bahn gebrochen, so ist die Ursache lediglich in der politischen Reife des Volkes' selbst zu suchen. Das deutsche Volk aber wälzt sich in einem gewalllrunkenen Nationalismus auf dem Boden. Wir haben eö wohl bis zu einem Bismarck, nicht aber bis zu einem Wekerle gebracht. Das ist auch ein Beitrag znr Berechtigung der Racenlheorie. Albert v. DerögcrS Die Ittbeiterfreunblichkeit der 2\nt\ seiniten. Der Fünfhauscr Arbcitcr-Consumvcrcin beabsichtigt, in JnzcrSdors bei Wien eine Filiale zu errichten. Deshalb haben sich die daselbst ansässigen HaNdclstrcibendcn pctitionsweise an die Genossenschaft der Kanflcute in SechshanS um Wahrung ihrer Interessen gewendet, nud dieselbe hat die Petition mit folgender Einbcglcitung an die Bezirks-