Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 133 (21.10.1894)
- Date
- 1894-10-21
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Zit. 133. Freie» daß er eS „Tüderei" tauft. Nicht minder groß als feine Abneigung gegen die Inden ist die Angst, welche die Antisemiten ihm einflößen. Die Gefahren, mir denen der Antisemitismus da« Christenthum bedroht, erkennt er wohl, und er sieht sich zur Bekämpfung einer „höchst gefährlichen, religiösen Irrlehre" veran' laßt. Bestimmend für 'Pater Albert Maria Weiß ist nicht etwa jene hehre Auffasiung des Christenlhum«, welche au« Liebe zur Menschheit und regem RechtSgesühl den Consistorialrath Dr. Schöps in die Reihen der iiämpser gegen die anriseiuitifche Bewegung stellte, Nein, Pater Weiß läßt sich bloß von BerstandeSgründen leiten,/wenn er zur Abwehr des AiitifemitiSinuS schreitet. So unsympathisch ihm auch die Juden sind und so sehr er auch geneigt ist, de» Antisemitismus sogar als „naturnothwendig" hiuzustellen, bewahrt er sich doch genug Besinnung, um auf die Jnteresicn seiner Kirche, aus die Wahrung ihre- Besitzstandes ängstlich bedacht zu sein. Doch lassen wir ihn selbst sprechen. In der „Kirchlich-socialpolitischen Rundschau" de« jüngste» Hefteder Linzer „Theologisch-praktischen Q uarta lschrist" schreibt er: „Wir haben schon öfter gesagt, daß wir für den Antisemitismus in der rein negativen Form, die er gewöhnlich annimmt, keine Sympathie verspüren, und daß wir von ihm sehr wenig Nutzen erwarten. Wir glauben, über diese» Punkt unsere Ansicht ohne Scheu anSiprcchen zu dürfen, da wir.nicht bloß den Verdacht nicht zu befürchte» haben, als billigten wir die Praktiken, in denen die Juden leider so groß dasteheu, solcher» da wir uns überdies mit gerechtem Stolze rühmen können, daß sich Wenige in ihren national ökonomische» und socialpolitischen Ansichten von den Dogmen der Juderei so weit entferne» wie wir. Darum sage» wir, daß wir den Anlioemitinlnns rui-ruris -sfür eine nichtssagende Halbheit halten, daß wir aber vielfach hinter ihm die allerbedenklichsten Elemente thälig sehen, vor denen wir nicht genug warne» können. Gegen die Juden „Hepp Hepp" schreien, ist eine wohlfeile Tapferkeit, iveil wir sicher, sind, daß wir die ganze Wells?) hinter uns haben. Dabei aber werden die Dinge nicht besser und die Juden auch nicht. Vielmehr schreien die Jude» selber am lapsersten mit, wie die geriebensten Diebe imnler daran zu, erkennen sind, daß sie am lautesten rufen: Haltet de» Dieb! WaS kommt also dabei heraus? Wir versichern ja selber stet«, daß wir keinen Juden todtschlagen wollen. (Wie stcht'S denn mit der Schußgcld-Thcorie, Hochwürden?) Und daß wir die Juderei nicht verfolgen, das brauche» wir nicht einmal zu versichern, denn an diese denken wir nicht einmal. So lange wir aber die Juderei so schonend behandeln, befindet sich der Jude trotz alles. Geschreies bei djeier Hetz, wie der Wiener da« Ding nennt, so vergnüglich wie möglich. Die Sache würde sich schnell ändern, wenn wir den Schlachtruf änderte» und sagten: Laßt die Inden, Tod der Juderei! ES ist sehr wohl zn glaube», daß da Hunderte unter »nS selber.plötzlich stille stehen und schreie» würden: Auwaih geirosie»! Warum hast du mich geschlagen? Offen und-bündig gesprochen, ist der. landläufige AntiskmitiSlnus ein Gemisch au« drei sehr verichiedencn Veslaud theilen. Er ist ersten« die freilich höchst begreifliche, ja natnrnolhweudige und bi« zu einem gewissen Grade auch sehr berechtigte Reactio» gegen die ökonomische AuSbeutungSkunst, in der die Jude» die Lehrmeister und Virtuosen sind. Er ist zweiten« ein tief eingewurzelter Racenhaß. Deshalb lhnu hier Leute mit, welche die Juderei ebenso grundsätzlich treiben wie die Jude». Aber sie schreien: .Nieder mit Pen Semite», wir sind Arier', und damit gehen sic selber straflos aus, indes sie da« barbarische, heidnische Princip der Nationalität, das ohnehin schon so große Unordnung in der heutigen Gesellschaft anrichtct, u>n ei» iuei tereS Kampfmittel vermehren. Endlich ist dritten« nicht zu leugnen, daß sich vielfach auch eine höchst gefährliche, religiöse Irrlehre unter dem Teckinaniel pe« Antisemitismus breit macht. Wir haben schon öfter auf diese« Pnnlt timgewiesen Jedermann kennt die Theorie, die von Renan so vopulär gemacht yiorden ist, di« Theorie, daß die Semite», zumal die Juden, Gott oder doch den Monotheismus ersunde» hätten. Für Alle, die diese Ansicht thgile». und deren sind viele, bedeutet der Antisemitismus nicht» als ei» kräftiges Mittel, den Haß gegen die.Jude» zu einem Bernichtungskriege gegen den Glauben an den Gott auszunützen, der dieGebote auf Sinai gegeben hat. Bckaunllich ist Dühring ans eben diesem Grunde ein Hauptsörderer des Antisemitismus geworden. Dühring und Ahlwarbt zusainmen haben die Losung auSgegeben: ..Heine Fürsten, leine Junker, keine Psaffe», keine Hebräer! Stein Pfafsenthum, keine Religion, sonder» GeisteSsührung im Sinne des moderne» Völkergeistes.' Fast fürchten wir, auch der unselige. Druinont, der schon so viel Unheil und Verwirrung angestiftet hat, sieh diesem Satze nicht gar ferne. (Sieh' die weiter unten folgende Notiz: „Für Ehristen verboten.") Andere, und deren Zahl ist noch größer, erblicken die Hauptaufgabe der heutigen Lultur darin, eine .reine', das heißt religionslose Moral an die Stelle der Religion zu setzen. Auch ihnen arbeitet der AntiseinitiSmus kräftig in die Arme. Sie selber werden nicht müde, de» Satz zu, predigen, nur die Arier, die Grieche» und die Indier, das heißt die Buddhisten, hätten das Geheimniß der wahre», menschenwürdigen Bildung gesunde», indem sie sich an de» Menschen selbst gewandt und ihn kennen gelernt hätten. Den Juden verdanke die Welt die Verquickung von Diesseits und JenseilS, da« Verderbniß der Humanität durch die Religion, die Einmischung phärisäischer Gesetzlichkeit und Werkheiligkeit in die reine Lehre Jesu. Bei der Zähigkeit dieses BolkeS sei auch keine Aussicht, de» Hemmschuh der Religion abzuwersen. Blatt. Seite 7. wen» nicht die ganze Race ausgerotiee werde. (Abo doch da« Verlangen, todtzuschlagen!) Wie weit diese Richtung, geht,. das hat eine Antisemitenver sammlung gezeigt, die im Mai' zu Berlin gbgcballe» wurde. ES wurd; der Antrag eingebracht, nicht bloß da« Alte, sondern auch da« Neue Testament abzuschafscn, weil dieses ja auch ganz vom Judenthum dnrchiäuert fei, und den Namen Gott durch Wodan zu ersetzen. Da üand ein Redner ans u»d hielt den Antisemiten vor, sie steuerten mit ilirem Kampsc gegen da?-- Judenthum in« baare Heidenthum hinein. Aus das bin wurde ihm zngerusey: ,Ja, natürlich! Ist auch besser so. Deutsche sind wir! Ans dieiem CArnnte ist mm ans einmal allenthalben ein heftiger .stampf gegen die Verwendung des Alten T e st a in e n t e S i m V v l I » » » l e r r i ch k c ausgebrochen. Kaum kann man feit ein paar Jahren eine Schrift leie»' die auf der Höhe der Zeit steht, ohne daß man diesen Gedanken begegnet. Ter SocialisnuiS, das Samnielbeckcn der widersprechendsten Zeilineinuiigeu, bat sich trotz seiner feit samen Vorliebe für die Juden, daS heißt für die bibclseindlichen Reformjnden auch zum Hauptsturmdockc beim Angriffe aus da« Alte T cisinncur hei gegeben DaS schändliche Werk: .Tic Bibel in der Westentasche. sa« uiilere Leier wohl alle kennen, liefert dafür Beweise wohl mehr al» genug. Den gleichen Wider spruch sehen wir im inödcrne» Prokestantisinus. Tie Orlbedorrn, die. Stöcke rianer und ähnliche Richtungen sind Aiilifeiniien, da« beißt Feinse des :'k sormjudenthums, hängen aber ost säst mehr am Alten Testament als am Neuen Die Fortgeschrittenen bekäinvsen das Alu- Testament noch scharfer als das Nene, denn sie g^hen mit den Resoriniudeu Hand in Hand Ter moderne Antisemitismus ist wirklich ein getreues Sviegelbild der Zeit, denn eie wider sprechendsten Bestrebungen bergen sich wie überall unter einem genieinianien Namen, und Leute, die sich sonst in ihren Richinnge» bekäinvsen wie Wasier und Feuer, arbeite» sich gegenseitig in die Hände, Alle imt einander aber richten nichts au«, weil keiner den Anderen versieht nitd Jeder dein 'Anderen und sich felbcv widerspricht. Doch ganz abgesehen hievon, ist eS.an sich schon sehr merkwürdig, daß überall, wo »n Schoße des Protestantismus die frei sinnige Richtung überwiegt. der Kamps gegen das Alle Testament nns gegen die angebliche .Verunreinigung de« EhriiteniKninS durch die Talmud nild die Hebräerüberlieserungen' mummt. Sehr bezeichnend ist eine längere Aussükrung in der seltsanierweise jogenannte» .Christlichen Well', dem Organe Harnack'S. Hier heißt es miler Andere,», das Alte Testament sei enlbekrlich, 'denn da? Ebristeiilhilm verhalle sich ganz gleich .znni Judentduin wie zilin Heidenlhum, das heißt, eS sei nicht eine. Fortsetzung des Jndenthuins, sondern es sei das natürlicheI-Ergebniß auS der gesaimnleii Entwicklungsgeschichte^ der Menschheil. Das Alle Testamenr sei auch nnz. seiner armen nnvoUkoniinencn Elbik willen gefährlich, namentlich fei der Dekalog nnbrauchbar für den Unterricht, Das Wenige was an«, dem Allen Testamente für den VolkSunterricht verwendbar sei, finde sich überall anderwärts auch, Es sei hohe Zeit, den Meifia's.'! ma urel der Propheten von den Schulte rn Christi zu n c h nie »' Selbst die Verfasser de« Neuen Testamentes Hanen noch vielfach geirrt, »idem ‘ sie die Prophezeiungen des Allen Bundes ans Christus bezogen. Aber Christus sei eben nicht der jüdische Meisias. Die Geichichie de« Allen Bundes bedeute für »nS genau so viel und so wenig, als dix Völkerivanderung oder das Nibelungenlied. Tie Religion d e r Z n l n n f i~ nt » f f e ein d u r ch a u S 0 o n allen jüdischen Best a n d l h e i l e II geläutertes Christen thuin sein, WaS diese Wor-ee 'nr Ui,» fiir einen Sin» haben, ergibt sich a » S dem oben eiagten von f e ( b si." "Das „V a icr l a n d" hat die voranstehenten AuSlassniigen reprodncirt: auch wir lhn» eS, zumal sie in jenem Thcil, welcher die dem Chrittenthnin gefährliche- Seite des Anti scmitiSiun« behandelt, wirklich lehrreich sink. Das de» Christlich Socialen dienst bare „T e u t s ch e V o l k« b I a t t" poleminrt imt den, Vater Weiß und erklärt -eS für die Pflicht der antisemitischenPresse, ,^den sich in neuerer Zeit mehrenden Versuche», die aiilisemitische Bewegung zu rerwäsien und von ihrem Ziele adzulcnken, aus« Nachdrücklichste entgegcnzutreten." l.Faeultativkr AntiscinitiölllllS.s Ter Wainsdorfer „Abwehr" lbkilt ein Abonnent, welcher der Reichenbergcr „Deiiii'chcn Polkszeirung" einige Wochen hindurch größere Ausmerksamkeil gewidmet hak, daS Ergebniß seiner Studien, initz; er ichrcibl ». A.: „So oft eine von Inden bezahlte Änuonce in der .Volkszeitung' enthalten ist, wird den Juden auch mit keinem Worte nahegctreten; fehlen die Annoncen, dann kommt der AnrisemiliSnniS knüppeldick." lZwrirrlki Maß.) Pia» schreibt UN«: An der medicinischen Facultät der JiinSbrucker Universität bereiteten die Hörer dem Professor Baron R o k i . ton« In anläßlich seiner Antrittsvorlesung am 15. d. M. eine spontane Ova tion. Professor Rokitansky nahm diesen Anlaß wahr, um die Studentenschaft auszusordern, sich von allen extremen nationalen und conscssionellen Bestrebungen /er» zu halten, die dem humanen Berufe de« ÄrzteS widersprechen, welcher Pkahnruf von den Studenten mit stürinische» Prositrufe» beantwortet wurde. ES entspricht dem „FreiheitSideale" der deutsch-natiönalen Presse, einem Lehrer zu verarge», daß er er cathedra seine Schüler ans den humanen-Charakter ihre« Berufe« aufmerksam macht; am liebsten würde man den Professor wegen Mißbrauch« der Amtsgewalt gemaßregelt sehen. An der Wiener Universität gibt e« einen Profeffor, der säst kein AntritlScolleg vergehen läßt, ohne seine Schüler aus die Bedeutung der tschechischen Ratio» ansmerksain zu machen, wa« wohl