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Freies Blatt · 1894-10-21 · 133 (21.10.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
133 (21.10.1894)
Date
1894-10-21
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 133. Freie» Blatt. -/ ich zweifle aber, daß er einem denkenden, honetten Menschen genügt, welcher Religion und Rare er auch angehören möge. Eine sehr schwere und heikle Sache ist cS, das Vermögen der Juden abzuschätzcn. Hier die Erklärung, warum ich vorauSsctze, daß die Juden selbst in unserem Lande (ich spreche sofort von den anderen Ländern) nicht so reich sind, wie man annimmt und wie Biele unter uns glauben. Ich nehme z. B. Paris, diese in jeder Beziehung exceptionelle Stadt, welche aus verschiedenen Gründen, hauptsächlich aber durch den liberalen Geist, der in Frankreich herrscht, besonders die reichen fremden Juden anzieht. Nichtsdestoweniger bemerke ich, daß cS den Juden in Paris viele Mühe machte, sich ihre Synagoge zu erbauen, und daß es ihnen trotz ihres augenscheinlich guten Willens und trotz der Mithilfe der Commune nicht gelang, große monumentale Bauten zu errichten; sie mußten sich auf bestimmte Plätze beschränken und, um die Auslagen zu verringern, minderwerthigeS Material dazu verwenden. Geben wir zu, daß man dieses Resultat theilwcisc auf die religiöse Indifferenz der reichen Judenfamilien zurückführen kann — aber dann darf man diese Familien auch nicht unter die Juden rechnen sie sind nur noch Juden dem Namen nach, und cS ist vollkommen gerechtfertigt, dieselben nicht dazu zu rechnen. . Hier haben wir noch ein anderes Symptom. Alle jene Personen, welche sich in Paris an specifisch jüdischen Werken bctheiligen, wissen, daß diese Werke von höchstens 2500 Personen unterstützt werden; eS sind dies immer dieselben Personen, und unter ihnen befindet sicheine große Anzahl, deren Beiträge gering genug sind. Auf unsere 30.000 bis 40.000 Juden in Paris kommen vielleicht 8000 Familienväter, mindestens 5000 von ihnen sind nicht imstande, zu den Auslagen ihrer CultuSgemeinde etwas bcizutragen. Dies, denke ich, ist wohl kein Zeichen deS Wohlstandes. Ich gebe wohl zu, daß diese Beweise nicht ganz erschöpfend sind, aber eS sind gewiß Gründe genug vorhanden, um Alles, waS man über den Reichthum der Juden sagt oder gesagt hat, anzuzweifeln. Im Mittelalter sowohl als in den letzten Jahrhunderten erklang der allgemeine Schmerzensschrei, daß die Juden allen Rcichthum zusammcnwuchern. Nun wohl! Ich frage Sie: Was wurde aus den fabelhaften Rcichthümcrn? Wohin sind sie gekommen?^ Wer kennt in unserem modernen Judenthum ein Vermögen, das nicht bloß in einem einzigen Jahrhundert erworben wurde, und welches jüdische Vermögen, das in unseren Tagen erworben wurde, wird ein Jahrhundert überdauern? Nur Geduld! Diese Reichthümer werden verschwinden; sie gehen meistens von selbst in die Hände der Christen über; sie werden durch cm geheimes, magnetisches Gesetz angezogen, welches seine Anziehungskraft in der Vergangenheit fühlen ließ und dessen Einfluß noch nicht erschöpft zu sein scheint. Wir weisen nur in Kürze auf die gemischten Ehen hin, welche seit einiger Zeit in den sehr reichen israelitischen Familien Mode sind. Ich nenne nur die Prinzessin von Monaco, geb. Heine, die Prinzessin von Wagram und die verstorbene Lady Roseberry, Beide geborene Baronessen Rothschild. In allen Fällen ist eS eine bestimmte, unleugbare, über allen Streit erhabene Thaffache: im Großen und Ganzen sind die Juden arm, elend, sie leiden Hunger. Man nimmt im Allgemeinen an, daß eS auf der Erde sieben Millionen Juden gibt. Bon dieser Anzahl befindet sich kaum eine und eine halbe Million in halbwegs zufriedenstellender Lage. Dies gilt von den Juden in Frankreich, England, Deutschland, Italien, Oesterreich, einem Thcil von Ungarn und anderen kleinen europäischen Staaten, noch mehr aber von den Jude» der Bereinigten Staaten von Amerika. In allen anderen Ländern und in allen anderen Welttheilen ist die Armuth der Juden erschreckend. In der europäischen und asiatischen Türkei, in Rumänien, in Serbien, in Bulgarien, selbst in einem Theile Ungarns, dann in Marokko, Algier, Tunis, im Tripolitanischen und in Persien ist ihr Elend unbeschreiblich. In , den östlichen und südlichen Provinzen von Rußland, in Galizien sind sie noch bedauernswerther daran. So grausam herrscht das körperliche Elend unter den russischen Juden, welche in einem ungeheueren Ghetto, in den ihnen als feste Wohnsitze bezeichnctcn Orten, eingeschlosscn sind, daß die stellungspflichtigen Juden durch eine außerordentliche Abnahme des Brustumfanges auffallen. Bon den sieben Millionen Juden leben zum Mindesten fünf Millionen im größten Elend.*) Zieht man in Betracht, daß die besser situirten Juden der anderen Länder es als ihre Pflicht erachten, ihnen ihre Hilfe angedeihen zu lassen und daß in unseren Ländern die Juden im Allgemeinen durch eine Art Pression, die man auf sie ausübt, gezwungen sind, schwerere Lasten als ihre andersgläubigen Mitbürger zu tragen, so wird man finden, ,daß ihre *) Wir rechnen wie folgt (Ungarn ausgeschlossen): Aus da» europäische und asiatische Rußland 3,500.000, Galizien 700.000, Rumänien und Serbien 300.000, die europäische und asiatische Türkei 300.000, Persien 20Jj00, Afrika 200.000, zusammen 5,000.000. Seite 3 Stellung gewiß nicht beneidenswcrth ist. Die Juden sind nicht reich, man will aber durchaus, daß sie es sind. Dennoch ist eS ein Märchen, nichts als ein Märchen. <Au» dem Französiiche» übersetzt von V, T. > (Bon Der llniocrntöt.) Die Rccursc der anläßlich des Studenten - rummels an der niedicinische» Facultüt vom akademischen Senate rclegirtcn Studenten wurden, wie bereits berichtet, vom Unterrichts- - Ministerium abschlägig beschieden. Auf Einschreiten des RcvtoratS sah sich jedoch, neueren Meldungen zufolge, der liincrrichtsministcr veranlaßt, die vom akademischen Senat verhängte Relcgirung im Gnadenwege aufzuheben. * «Ter Fall Tcckrrt im Bczirksschulralhe.) In der a», 17. d. M. stattgehabten Sitzung deS BczirkSschulrathcs intervcllirte Geincindcrath Dr. Fried jung über den Stand der Erhebungen gegen den Pfarrer Deckert von WeinhauS, welcher Schulkinder zur Colportagc seiner Flugschriften in der Kirche verwendet habe, und beantragte, laß die Acten über diese Angelegenheit vom Strafgerichte reomriej werden mögen. Der Schulreferent Magistratsrath Preycr erwiderte, daß diese Angelegenheit insolange von der Verhandlung abgesetzt werden mußte, bis die Strafverhandlung gegen Pfarrer Decke« zum rechtskräftigen Abschlüsse gebracht war. Nachdem dies nunmehr der Fall sei, werden auch die Erhebungen fortgesetzt werde» (Bürsscrmcistcrwahl in Krems.) Am 17. d. M fand in Krems die Bürgcrmcisterwahl statt, bei welcher der bisherige deutsch-liberale Bürgermeister Dr. Ludwig Heinemann wicdcrgcwählt wurde.' (Znm Fall Scherzer.) Die Untersuchung gegen de» ehemaligen Pfarrer von Schrick, Pater Scherzer. ist bereits abgeschlossen; derselbe wird sich vor dem Korneuburger Schwurgerichte wegen .BerbrechenS der Amtsveru'ntreunng zu verantworten haben, Die' Verhandlung findet in den ersten Tagen des Dccembcr statt, doch bleibt Scherzer bis dahin in Berwahrnngshaft. (Die Neichsrathswahl in Bruck-Leoben.) Bei der am 15. d. M. im Städtebezirke Bruck-Leoben staltgehabten Ersatzwahl eines ReichsrathSabgcordnetcn an Stelle des verstorbene» Dr. Heilsbcrg wurde nach einem heftigen Wahlkampfe der deutsch-liberale Eandidat» Professor Franz Lo.rber mit 7(17 Stimmen gewählt. Der antisemitische Gegenkandidat, Gewerke Anton Walz, *blicb mit 087 Stimmen in der Minorität. Der Sieg des liberalen Eandidaten ist hauptsächlich das Verdienst der Bürgerschaft von Leoben, welche in weitaus überwiegender Mehrheit an den Grundsätzen der Freilseit und des Fortschrittes fcsthült. (Der Murecker Antiscmiten-Scandal.) Vor dem Bezirksgerichte Mnrcck kam am 18. d. M. die EhrcnbelcidigungSklagc des steicr-' märkischen LandcSingenieurs Franz Heide gegen den Bürgermeister von St. Leonhard, Anton M rav lag, den Hauptbetheiligtcn am viel besprockscnen Murecker Antisemiten - Scandal, zur Verhandlung. Mravlag wurde der Ehrcnbclcidigung schuldig - erkannt und zu einer Geldstrafe von 25 fl. vcrurtheilt. Tie Versammlung der Vertrauensmänner des deutschen Volkes in Böhmen.) Aus Prag wird pns geschrieben: Sonntag den 14. d. M. fand hier die Versammlung der Vertrauensmänner deS deutschen Volkes in Böhmen statt. Unter den gegebenen Verhältnissen können mir mit dem Verlaufe derselben zufrieden sein. Mehrere Redner geißelten daS Verhalten jener'„Nationalen", welche statt der Liebe zum deutschen Volksthum in die Brust der Jugend erbitterten Haß gegen einen großen Thcil der Volksgenossen cinpslänzen, unter dem Deckmantel der nationalen Idee den verderblichen Antisemitismus.unter die Bevölkerung tragen sind jenem Principe untreu werden, welches schon Kaiser Josef II.. hochgehalte» hat, indem er allen Ständen und Religionsbekenntnissen das gleiche Recht vor dem Gesetze zuspräch. 'Die Unterstützung des „Bundes der Deutschen. in Böhmen" wurde abgelehnt und in einer Resolution daS unverbrüchliche Beharren auf den Grundsätzen deS wahren Freisinnes und Fortschrittes, das Eintreten für die Unverletzlichkeit der freiheitliche», durch die Verfassung verbrieften Errungenschaften aller Staatsbürger ohne Unterschied auf das Nachdrücklichste betont. Auch im Schlußworts ermahnte der an die Spitze der Parteileitung berufene Dr. Schlesinger die Versammelten, den freisinnigen Grundsätzen treu zu bleiben. Eine Coalition der Deutsch-Liberalen mit den Antisemiten ist Erfreulicherweise nicht mehr zu besorgen. Ob die Parteileitung auch antisemitischen Bestrebungen energisch entgcgentreten werde, wird erst die Zukunft lehren. 1>r. L. li. (Sie machen auch vor Gräbern nicht Halt.) Die Judenfresser in Kolin, welche im April des vorigen Jahres den Tod eines Mädchens in den Fluthen der Elbe zu einer wüsten Hetze gegen Juden benützt hatten, wollten, ihn noch weiter zu gleichem Zwecke verwerthen^. In Folge dessen wurde auf dem Grabe des Mädchens eine Gedenk-

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