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Freies Blatt · 1894-10-14 · 132 (14.10.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
132 (14.10.1894)
Date
1894-10-14
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Nr. 132. *• Freie, bleiben, das hätte, ihn bei der Gutsverwaltung um allen Credit gebracht; den Proceßgcgncr ui» Aufschub bitten, das ging ihm »och mehr gegen den Strich. Den Erzfeind um Gnade anflehen, da« beleidigte feinen Stolz zu sehr. Da erinnerte er sich jenes Verwandten, der in einer Stadt in Süddcutfchland lebte und rin großes Vermögen besaß; an diesen dachte er sich zu wenden. Es war dies sein Vetter, der Sohn von dem Bruder seines Vaters, derselbe führte mit ihm denselben Familiennamen, ist also ein naher Blutsverwandter. Der wird ihn in seiner trostlosen?agc nicht untergehcn lassen^ In diesem Plane sah er den einzigen Rettungsanker; allein mit welcher Lebhaftigkeit er den Gedanken auch ergriffen, nur zu bald erkannte er die llngcbührlichkeit eines solchen Schrittes und wie wenig er auf diesem Wege ans Erfolg zu rechnen habe. Die beide» Brüder, die Väter dieser Vetter», hatten schon in früher Jugend sich mit einander nicht vertragen, häufig genug war Zwist zwischen ihnen noch im elterlichen Hanse gcwcscitals sic dann auseinander gegangen, ging ein Jeder von Beiden seine Wege »nd kümmerte sich nicht uni den Andern. Als es »nn vollends nach i dem Tode ihrer Eltern zur Theilung der Erbschaft kam, da zeigte sich die Feindseligkeit und Verbitterung, die sic gegeneinander hegten, in der vollen Stärke. Sie hatten sich seit jener Zeit »ieinals wieder gesehen. So waren die Väter, und die Söhne dieser Väter, die beiden Vettern, sie kennen sich nicht, sie sind einander fremd, es besteht trotz der nahen Verwandtschaft kein Band zwischen ihnen, welches sic aneinander geknüpft hätte. Und an diesen Veiler sollte er sich wenden? Wie sollte er die Beziehungen anknüpfen? Ja, wen» er hätte schreiben können als Vetter, als Verwandter, einen HerzenSevguß, in welchem das Bedürfniß, dem Blutsverwandten persönlich näher zn treten, ausgedrückt worden wäre, das hätte einen Sin»; aber — unter Einem in demselben Briefe gleichzeitig als Bittsteller auftretcu, das war zn plump, daS hieße die freundschaftlichen Gefühle als MaSke für seine Selbstsucht heucheln, und die Heuchelei wäre gar zn duichsichtig gewesen." „Und doch," sagte er sich, „eS gibt keinen andere» Ausweg!" Wie mechanisch setzte er sich an den Schreibtisch, ergriff die Feder '»nd versuchte zu schreiben. Vergebens. er konnte das richtige Wort nicht finden. Er sing an, strich wieder durch; das Geschriebene befriedigte ihn nicht. Die Worte waren ihm-zu kalt, sic drückte» daS nicht aus, was er sagen wollte. Wieder fing er an, »nd wieder strich er durch, was er geschrieben hatte. In seinem Hirn hämmerte und pochte cS wie von gewaltigen Hamnicrschlägcn. Es war ein schöner und klarer Decembcrtag, ein wahres WeihnachtSwetter. Eine glänzende, von den schrägen Strahlen der Winter sonnc glitzernde Schneedecke lag weithin ausgebreitct rings in der Landschaft. Die Stille und der Friede in der Natur bildeten einen seltsamen Contrast zu der daS ganze Gemüth aufwühlenden Unruhe seines Herzens. Da öffnxtc sich die Thüre und seine Frau trat herein mit einem Briefe in der Hand, den sic chm überreichte. „Der ist ja an dich adressirt," sagte er. „So mach' ihn auf, cs ist ja allcseinS," sprach die Frau. Er öffnete den Brief und laS: „Euer Wohlgeboren! Hochverehrte Frau! Ich erlaube ^iir die ^Anfrage, ob Sie mir für eine kurze Unterredung einige Minuten gestatte» können. Hochachtungsvoll Henriette Kohn." Verblüfft schauten Mann und Frau einander an. - „Was mag die Jüdin von dir wollen?" sagte der Herr v. Birkcnfeld. „Was meinst dü," sagte die Frau, „was soll ich antworten?" „Wer hat den Brief gebracht?" „Eine Magd auS der Judcngastc. Wahrscheinlich ihre Magd." „Hören wir, was sie will." sagte er; die Frau verließ das Zimmer und kam, nachdem sic der Magd, die auf Antwort gewartet, Bescheid gegeben, wieder zu ihrem Mann inS Zimmer zurück. Mit Spannung und Neugierde sahen sie dem angekündigteu Besuche entgegen und ergingen sich in allerlei Vermuthungen. Nach kurzer Frist vernahmen sie .von ferne her jenes erst leise, dann immer lauter und lauter werdende Klingen der Schellen, welche« einen hcrankommenden Schlitten verkündigt. Der Schlitten war stehen geblieben, und keine halbe Minute verrann, so pochte es an die Thüre. Auf da« doppelstimmige „Herein", welches Herr und Frau von Birkcnfcld zugleich gerufen hatten, öffnete sich die Thüre, und herein trat Frau Henriette Kohn. Blatt. . Seite JJ. „3d) bitte um Entschuldigung," begann Frau Kahn mit einer leichten Neigung des Kopfes gegen Herrn v. Birkenscld, „man har mich draußen auf mcinc Anfrage hiehcr gewiesen." „O, ich bitte," sagte Herr v. Birkenfeld, ..Sie wollen mit meiner . Frau sprechen. Ich entferne mich sogleich," und mit diesen Wörlcn wollte er das Zimmer verlassen. Frau Kohn aber sagte: „Herr v. Birken selb, wenn ich Sie darum bitte» dars, so bleiben Sie; denn nur weil ich als Weib es paffender gefunden habe, mich au die Frau Gcinahli» zu wenden, habe ich den Brief nicht an Sie gerichtet. Was ich aber iltitzutheilcn habe, kann Ihnen kein Geheimniß bleiben, und die Erfüllung mciner Bitte hüngr ja doch vorzugsweise von.Ihnen ab," „Ich bitte Play zu nchinen," sagte Frau v. Birtenfeld. Frau Kohn nahm Play, und die beiden Eheleute setzten sich ihr gegenüber. „Womit kann ich dienen?" fragte Herr p. Birkcnieid. - „Ich will damit beginnen, Herr v. Birkcnfetd," sagte Fra» Kohn, „Sie zu bitten, daß wir in diesem Augenblicke.gegen die beiden Ver-! storbencn, durch deren Zwist wir unfreiwillig z» Gegneru geworden sind, keine Rccriininationcn erheben. Ihr Herr Vater uiciuke, er war im Recht, mein Schwiegervater meinte, er war im Recht, und da» fft ja ganz natürlich: sonst hätten sie ja keinen Proceß geführt." „Das ist richtig," sagte Herr v. Birkenscld, und Frau Kohn fuhr fort: „lassen, wir also das Vergangene vergangen sein und beschäftigen wir uns ganz ausschließlich mit der (Gegenwart." . „DaS können Sic mit leichtem Herzen," sagte Herb v. Birkenfeld, „aber ich — —“ „Betrachten Sie," sagte Frau Kohn schüchtern und zögernd,, wie' wenn sic Jemanden zu beleidigen fürchtete, „den Proceß als gewönne»!" Ein bitteres Aachen von Seite de» Hcrrü v. Birkenscld war^dic Antwort auf diese sonderbare Aufforderung. Es entstand eine kürzt Pause, und Herr v. Birkenscld beendigte sic mir de» Worten: „Gelinde ausgedrückt, muß ich Ihnen sage», Frau Kohn, daß ich den Vorschlag, den Sie mir da gemacht haben, wenn ich ih» nicht als-eine boshafte Ironie betrachten soll, einfach'nicht verstehe. Sie sagen, ich soll den Proceß als gewonnen .betrachten. Wie kann ich ihn als gewonnen bc trachten, nachdem ich ihn.verloren habe?" - „Gestatten Sie," sagte Frau Kohn, „daß ich Ihnen die Möglich feit einer solchen Auffassung der Sache anseinandersetze " „Ich bin begierig," sagte er und rückte seinen Stuhl etwa» näher, und sic fuhr fort: „Wie soll ich es anfangen. Ihnen die Ueberzeugung beizubringen, daß dieser unselige Proceß vo» Seite unseres Hauses nicht des Geldes wegen geführt wurde." „Sehr merkwürdig," sagte Herr v - Birkenscld,. „aber weshalb wurde er denn geführt?" „Ihr Befremden," sagte Frau Kohn, „über diese meine Acußcruna flößt mir wenig Muth ei», und doch kann ich nicht von hinnen gehen, ohne Ihnen diese Ueberzeugung beigcbracht.zn haben." „Nehmen mir an, iS wäre so," meinte der Pächter. „"Nehmen wir an," entgegnctc Frau Kohn, „daS soll wohl heißen: wir geben eS aber nicht zu. beider besteht gegen uns Juden das Vor nrtheil, daß wir kein höheres Jütcrcffc kenncu, als den Gelderwerb: seien Sie versichert, Herr v Birkcnfcld, cS gibt für. uns Juden höhere -Güter als das Geld. Der gute 'Name unseres Hauses steht aufrecht. Damit begnügen wir uns." „Und waS folgt daraus?" fragte Herr v. Birkenfeld. „Ich habe cs schon gesagt und wiederhole cs, daß ich Sie bitte, den Proceß, was die Geldangelegenheit betrifft, als gewonnen zu betrachten." - ' . _ - „DaS heißt," sagte der Pächter, -„der reiche Emanucl Kohn schenkt einem armen Teufel von Mcicrhofpächicr die paar Gulden! Und glauben Sie, daß ein Edcluiaun dies annehm/n kann?" „Herr v. Birkcnfcld," sagte Frau Kohn,' „ich bitte Sie, nicht diesen Ton! Kehren Sic in diesem Augenblicke nicht den Edelmann gegen den Juden heran», und weisen. Sic nicht stolz und schroff die Hand zuiück, die Ihnen die Wund? verbinden will, an der Sie zu verbluten in Gefahr sind." „Wer hat das gesagt?" rief der Pächter mit zorniger Sliünne. „Wir wissen Alles," sagte Frau Kohn fest und bestimmt, „wenn cS aber hier' nicht so steht, so ist cS ja um so .bester, und meine Aufgabe ist beendet." Gebrochen,' und keines Wortes mächtig sank der Pächter in den Stuhl zurück, auS dem kr sich in der Aufwallung erhoben haste; Frau Kohn aber, an die Pächterin sich wendend, subr fort: „Frau v. Birkcnfcld, ich bitte Sie, besänftigen sie ihn, wir meinen es gut." „Ich glaube Ihnen," sagte die Pächterin, indem sie aufstand, „seien Sie überzeugt,.er wird sich beruhigen! Wir weisen Ihre Hand nicht zurück l"

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