Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 132 (14.10.1894)
- Date
- 1894-10-14
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Sftte 4 ©rtf war weder der Vertrauensmann, semitischen ParlamemSpanei bei den leitenden und hatte nicht da« geringste Recht, sich als so freier Blatt. noch der Delegirte der a»ti- Persönlichkeiten deS .Phönix" cher zu geriren, am wenigsten aber von einem „Friedensschlüsse" mit dem „Phinix" und von der „Bedingung, dasi auch sür Geider etwas geschehe" zu spreche, . Hätte ich oder ei» anderer oniisemiti'cher Abgeordneter von diesen Umtrieb n Kenntniß erlangt, so hätten wir nicht nur zu Geider alle Beziehungen abgebrochen, sondern diese Machenschaff öffentlich gebrandinarki. Geider kam in einer Deputation von Beamten de» „Phönix" zu mir, wie solche von den verichi «densten Aemtern, Gesellschaften, Untcrnelimungeiffu. s w sich bei Abgeordnete« einfinden, um über die gegen sie gerichteten Härten und Mißstünde zu klagen und im Wege der persönliche» oder parlamentarischen InlerveniioiL Abhilfe;> erbitten. Dergleichen Klagen und Beschwerden anzubören und, wenn sie berechtigt sind, dagegen Stellung zn nehmen, ist gerade Pstichl eines Abgeordnete,, DaS, was Herr Geßmann Pflicht eines Abgeordneten zu nennen beliebt, wird von der „Eonservativen Coirrspondcnz" Treubruch als bezeichnet. Tie Ansichten sind eben verfckieden. Auch in Betreff der Art, wie Ebrenhändel ausgetragen wer>cn sollen, divergiren die Meinungen. Ein „Eingescndet" des Tr. Elbogen thcilt mit: Herr Tr. Geßmann bat es für angezeilk erachtet, in den beiden antisemitischen Tagesblättern „Deutsches Volksblat," und „Reichspost" vom 7. d M. eine Erklärung zu veröffentliche». in welcher an Stelle einer sachlichen Poleinik sich eine F:uth von Schmähungen und Beschi npfuugen meiner Person vorstudet Ich habe nocks an demselben Abende zw«i mir befreundete Herren,' und zwar Herrn Dr. Albert Eder und Herrn C-Sca: Hirlh, I. und k Lieutenant in der Reserve, eriiutu, sich zu Herrn Tr. Gißmann in meiner Vertretung zu bemühen, um von demselben in meinem 3 amen Satisfaction zu fordern. Tie beiden genannten '.Herren begaben sich sobin am nächste» Morgen zu Herrn Tr Geßmann, trugen ihm ihr Anliegen vor ,nd verlangten, er möge ihnen zivei Herren namhaft machen, mit denen sie zum Zwecke der weiteren Auseinandersetzung sich in Verbindung zu setzen bi tten. Herr Tr. Geßmann er klärte meinen Zeugen, eS stebe mir frei, mir au' geeignetem Wege Satisfaction zu verschaffen, worauf die beiden Herren ihm bei euteten, sie setzten voraus, daß er die geforderte Genugkbuung in der Weist ge! v, wie dies unter Gentlemen allein üblich lei. Tr. Geßmann erwiderte hieruuf: „Ich werde meine diesbe züglichen Schritte machen und die Herren hievon ve -ständigen." Heute (9 I.Morgens nun erbielten meine Vertreter ein recemmaidirteS Schreiben, in welchem ihnen Herr Tr. Geßmann eröffnet, „daß er da > Tnell principiell ablehne, da er diei'e Art der Austragung von Ehrensachen für ebenso lächerlich halte, al« sie «einer religiösen Ueberzengnng als Katholik widerspreche". Meine beiden Vertreter nahmen über diesen Thalbestand ein ‘ kotofoü auf, da« sie mir eingehäntigl baden. In diesem Protokoll erklären Herr Dr. Eder und Herr Hiuh zum Schluffe, „daß sie unter diesen Umständen und in Anbetracht der in dem Schreiben zum Ausdrucke gebrachten Awchauuin des Herrn Tr. Geßmann na türlich nicht mehr in der Lage sind, mit Herrn Tr. Geßmann in dieser An gelegenbeit irgend einen Verkehr zu pflegen, und ihr Mandat hiemit in meine Hände zurücklegen". Angesichts dieser Erklär» ,g der Tr. Albert Geßmann kann ich wobl auch darauf verzichten, mir in irgend einer anderen Form Genugthuung zu verschaffen iTcckcrt und sein Rechtsanwalt.) Äer Pfarrer von Weinhaus, Tr. Josef Deckerl, kann. He eS scheint, bei dem Kreuzzuge, welchen er gegen die Iudenschaft predigt, der Be Hilfe getaufter Juden nicht eniratbcn. Ihm zur Seite steht stets entweder ein Paulus Meyer llder ein Tr. Mar Löw. Wie seinerzeit gmieldet wurde, ließ Pfarrer Dcckerl sein „Vaterunser in der Juden ivth" und eine Broschüre „Türkcnnoth und Judenherrschatt" in de« Kirche durch Kiikder ver theilen und wurde deshalb vom Bezirksgerichte Alsergrund wegen Verleitung zur unerlaubten Colportage verurtheisl. lieber die Berufung Dickerts fand nun am II. d. M. die Verbandjung vor einem Appellsenate de! Landesgerichtcs statt. Ter :K\ttr» wurde als unbegründet zurückgewi sen; der vor nicht langer u i: getaufte Tr. Max Löw, welcher als Verthcidiger fungirte, hatte indenen einen Erfolg zu verzeichnen. Es erregte einiges Aufsehen, als :i ::i Plaidoner den Juden, seinen früheren Glaubensgcnoffen, d.: l-c'.'.'lsiarnde Versicherung gab: „Wir wollen ihnen nichts thun; wi: wollen ibr Hab und Gut nicht nehmen: wir wollen ihnen göu'.i.'n, dag >'ie unter uns leben. . ." War Tr. Löw zu' dieser dem Kampfprogramme "ueger'S, Schneiders :c. schnurstracks zuwiderlaufenden Versicherung von seinem Elien en ermächtigt? Wir beuveffcln es und halten die Möglichkeit n cht für ausgeschloffen, daß Tr Deckert seinen Rechtsanwalt jüdifchei Abstammutig noch einmal deSavouiren werde. lEm dummer Scherz. In der Prlterstroße entstand Dienstag Abends ein Auflauf, welcher durch einen lummen Scherz herbeigeführt wurde. Vor eiycm Gasthause saßen <rn ein:m Tische drei junge Herren, nach einer Version Studenten, nach eine, anderen Mitarbeiter eines zu zehn Gulden Geldstrafe Nr. 132. antisemitischen Hetzblattes; dieselben kauften ton einem Hausirer einen GypShund und hängten dann der Figur einer Zettel um den Hals, auf welchem das Wort „Semit" stand. Vorübergehende Juden bemerkten dies und stellten sie zur Rede. Es lntstand ein Wortwechsel, der Wirth erschien und forderte die Veranstalter des Unfuges auf, den Zettel zu entfernen, was diese jedoch vcrv»eigcrten. Schließlich entwickelte sich ein Auflauf in der Straße, da c ne große Menschenmenge sich vor dem Gasthausc angesammelt hatte. Ein vorlauter junger Man», den man für einen der Urheber deS dummen Scherzes hielt, wurde geprügelt, und schließlich mußte Polizei , inschreiten. Die Straßenscene dürfte erst vor dem Bezirksgerichte Le>poldstadt ihren Abschluß finden. (Ter judenreine Standplatz.) Unter d<n Die,istmännern, welche ihren Standplatz vor dem Hauptzollamte haben, gährtc es bereits längere Zeit. Es hatte sich daselbst unter dem Dievstmanne Schubert als Wortführer eine Fraction gebildet, welche den Collegen jüdischer Confession allerlei Schabernack zu spielen suht; auch war unter der auS sieben Köpfen bestehenden Coterie die Loung ausgegeben worden: „Vom Standplatze müssen die Juden weg". Eines Tages hörte der Tienstmann Abraham Mendel W l l l i n a aus dem Munde eines der Verschworenen diese Aeußerung mit den: Zusätze: „Sie sollen nach Palästina gehen," worauf er geantwortetet haben soll: „Ich geh' ohnehin fort, aber früher werd' ich Einem einen Denlzcttcl geben, den er nicht vcrgcffen wird." Dieser Aeußerung wegen liefe» nun die sieben Anti seii'.itcn zur Polizei und verklagten den Williua wegen gefährlicher Drohung, wurden jedoch abgewiesen. Ta verfaßte Schubert eine Klageschrift wegen Ehrenbeleidigung, welche seine sechs Gesinnungsgenoffen als Kläger mitunterfertigten. Uber diese- Klage sollte vor dem Bezirksgerichte Landstraße dieser Zage abgehandclt werden. Abraham Mendel Wollina hatte sieben jüdisck e Dicnstmänner als Entlastungszeugen mitgebracht. Ta nun die g gen den einen Juden ausgerücktcn sieben Antisemiten sahen, daß tr »tzdcm ihre Position keine besonders günstige sei, zogen sie 'die Klage zurück, worauf Wollina freigesprochcn wurde. Ter große Zweck, de» Standplatz, vor dem Hauptzollamte judenrein zu machen, war also auch durch dieses Mittel antisemitischer GcrcchtigkeitSliebe nicht zu erreiche! . (Ter Wcibersieg von Atzgersdorf.) Mm schreibt uns: Am 5. und 6. October fanden in Atzgersdorf sie Neuwahlen in allen drei Wahlkörperu statz, welche mit dem Siege der Antisemiten endeten. Tie rückschrittliche „Reform" besitzt lunmehr den dritten und den zweiten Wahlkörper (18 Mandate), während die Fortschrittspartei bloß im ersten Wahlkörper mit neun Mandaten durchdrang. Während der Wahltage haben die Männer des sattsam bekannten Dr. Brzobohaty wieder einmal gezeigt, aus welchem Holze sie geschnitten sind. In betrunkenem Zustande sind Manche sogar zur Wahlurne gekommen. Kurz vor der Wahl wurde eine Wählerversammlung abgehalten, in welcher die Fr tuen und halbwüchsige Burschen das Gros der Besucher bildeten. Tie Bildung der Herren zeigte sich auch da in mannigfaltigster Wei e, indem die anständige Bürgerschaft auf das Infamste beschimpft wurde, so daß sich der bisherige freisinnige Vicebürgermeistcr Krcmmer veranlaßt sah, gegen einen „Reformer" durch den Advociten Dr. Sei dl er die EhrenbelcidigungSklage einzubringen. Es wu den kleinere Schuljungen ausgenommen, denen die Aufgabe zufiel, a le jene Wähler, die zum Freisinne gehören, bei ihrem Berlaffen aus dem Wahllocale zu bel schimpfen. Bei dem Sieg der „Reform" in Atzgersdorf ist wohl wie nirgends das Wort „Cherchez In femrae“ gerechtfertigt. Die Weiber in Atzgersdorf, jn erster Linie die Gattin B -zobohaty's, waren es, die in Versammlungen maßgebend waren, sie «waren es, die in Can didaturcn machten und von Haus zu Haus jim Vollmachten „fechten" gingen, sich nach den Wahlen beglückwünsche^ ließen u s. w. (Tie Gemeindewahlen in Krems.) Döe Neuwahlen für die Gemeindevertretung von Krems fielen im drittcy Wahlkörper zu Gunsten j der Antisemiten aus. Im zweiten und erstell Wahlkörper siegten die Liberalen. Erwähnenswerth sind folgende Bemerkungen der „Niederösterreichischen Preffe": „Um die Wähler in allen drei Wahlkörpern irrezuführcn und dadurch einen Erfolg zu »reichen, haben die sich sonst so stolz brüstenden Antisemiten sogar! den Antisemitismus verleugnet; sie sprachen in keinem ihrer Wahlaufrufe vom Antisemitismus, schimpften nicht wie sonst über die, Corruptwn der Bürger, sondern constituirten sich, um ihren Zweck zu erreichen, selbst als wirthschaftliche Bürgcrpartei. Die Wähler im zweite» und ersten Wahlkörpcr ließen sich durch -die momentane Metamorphose dieser Partei nicht irre-. führen, sondern wählten nach ihrer Ueberzrugung diejenigen Männer in die Gemeindevertretung, von welchen man annehmen kann, daß sic in ruhiger, sachgemäßer Weise, nicht geleitet von Gehässigkeit und Parteilcidcnschaft, die großen und wichtigen Aufgaben, die in nächster