Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 132 (14.10.1894)
- Date
- 1894-10-14
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 132. Freie» Blatt. Seite 3. Der jüdische Mesfiasglaube, welcher also im WitcbSker Gouvernement Angst einflößt, zur Verzweiflung treibt, hat in einem anderen Gouvernement ganz im Gegentheile hoffnungsvolle ZukunftSpläne hcrvorgcrufen. Zn der Plätze non Astrachan entstand eine »cnc Sccte, welche den Sabbath feiert und daher Ssubbotniki heißt. Wie Ücr „Rowoje Wrcmja" geschrieben wird, steht die Bewegung mit der beginnenden Answandcruüg der Juden nach Argentinien und Palästina in Verbindung. Die Ssubbotniki bekennen sich vollständig zur jüdische» Lehre, halten sich nur an daS alte'Testament und erwarten noch ebenso wie die Inden den Messias. Obwohl alle russischer Herkunft sind, fühlen sic sich im russischen Reiche wie Gefangene und können bic ^cit nicht erwarten, wo sie unter der Führung dcS Messias nach Palästina a»Swandcrn. Das wird nach ihrer Meinung dann cintrctcn, wen» sich ihr religiöses Ideal verwirklicht — die Sammlung Israels unter der Herrschaft des Messias und die Aufrichtung des Königreichs Zerusalcin. Im neuen Königreich werden sic nach ihrer Ansicht die ersten Bürger sein, höher stehen als die geborenen Juden. In de» letzten Wochen hat sich nun unter den Ssubbotniki das Gerücht verbreitet, daß diese Zeit nahe sei und die Gesandten des Messias schon erschienen seien. Urheber dieses Gerüchts ist ein gewisser Dmitri Gratschcw oder „Awrum", wie er sich selbst nennt, der während seines Dienstes als RcgimcntSschrcibcr von den Judcncolonicn der Barone Hirsch uitd Rothschild in Argentinien und Palästina die Glocken hatte läuten hören. Im Kopfe dcS eifrigen Ssubbotnik verwirrte sich das Alles unter einander, er hielt Argentinien gleichfalls für Palästina, Hirsch und Rothschild für Boten des Messias und begann die Ankunft des Messias und die Sammlung Israels zu predigen. Er pcrfaßtc ein Sendschreiben an seine GlaubcnSgenoffcn, nannte cS den „feierlichen Aufruf zur Freiheit", machte viele hcktographischc Abzüge davon und vertrieb diese, wo er nur konnte. Zugleich forderten er und sein Bruder die Ssubbotniki brieflich auf, den Gesandten dcS Messias zu folge» und »ach Palästina auszmvandcrn. Das Resultat war, daß zehn Familien ihr Hab und Gut verkauften und sich auf den Weg machten, um im Königreich Jerusalem ihr Glück zu suchen, und zwanzig andere ihnen folgen wollten. Zur Auswanderung kam cs aber nicht, da die Obrigkeit die nach Palästina Verlangenden an ihre alten Wohnorte zurücksandte. Die Ssubbotniki haben sich aber noch nicht beruhigt, sondern eine Deputation, zum Baron Hirsch abgesandt, um die orthodoxen Missionare und die russische Obrigkeit bei ihm zu verklagen, die sic daran gehindert, daS Jernsalemischc Bürgerrecht zu erlangen. Welchen Erfolg die Deputation davongetragcn, ist bisher nicht bekannt — schließt launig der im Voranftehenden wiedergegebcnc Bericht der „Rowojc Wrcmja". Uns wundert, daß das judcnfcindliche Blatt nicht auch für die Ssubbotniki die russischen Juden verantwortlich macht. Im Hinblicke auf die Blüthen, welche .Aberglaube und Seetennnwcscn im Czarenrciche zeitigen, erscheint aber die Argumentation der Judenfresser nmsomehr haltlos. Solche i’cutc wie die russischen Bauern wären durch national-ökonomische und social-politische Beweggründe in Motion zu setzen? sTie kaiserlichen Worte von Balassa Gyarmath.) Man schreibt uns: Einer der Vorkämpfer der Rechtsgleichheit in Oesterreich, Profcffor Dr. Eduard S u e ß, benützte den Eercle beim letzten DclcgationSdincr in der Ofener Hofburg, um einer HcrzcnSpflicht zu genüge». Er sagte dem Kaiser Dank für die herrlichen Worte, welche die kaiserliche Antwort auf die HuldignngSansprachc deS Führers der Judendcputation in, Balaffa-Gyarmath enthielt. Se. Majestät »ahm diese Danksagung freundlich entgegen. Professor Dr. Sucß selbst hat sich durch diesen spontanen Schritt den Dank Aller cnvorben, welche den Wunsch hegen, daß die kaiserlichen Worte von Balaffa-Gyarmath: „In Meinem Herzen bildet der Unterschied der Religion Meinen Völkern gegenüber keine Scheidewand" nicht bloß in Ungarn, sondern auch in Oesterreich allen öffentlichen Functionärcn zur Richtschnur dienen sollen. (Ein ncnes Werk A. Lcroy Bcanlicn's.) Ter berühmte französische Schriftsteller Anatolc Leroy-Bcanlieu, vom französischen' Institut, arbeitet gegenwärtig, wie wir erfahren, an einem Werke über die Bedeutung des Geldes in den heutigen Gesellschaften, das die Fortsetzung zu seinem in unserem Verlage in deutscher Ucbcrsctzung erschienenen bedeutsamen Werke „Israel cliez les nations“ bilden soll. (Aus dem Gcmcindcrathe.^ Die Thore des Rakhhauscs haben sich den Vertretern des Volkes wieder erschloffcn, und gckräftigt nach den Sommcrfericn nehmen die Stadtvätcr ihre Arbeit wicdxr auf. Jeder in seiner Art. Am 5. Octobcr wurde die Neuwahl cincS Stadl' rathes für das durch den Rücktritt Boschan'S erledigte Mandat vorgcnommen, bei welcher Gelegenheit der genannte liberale Gemeinderath wiedcrgcwahlt wurde. Wie jede StadtrathSwahl benützten die Antisemiten auch diese zn einem kleinen Scandal. Vor der Wahlhandlung nahm Dr. Kuvta das Wart, -um Namens der Antisemiten eine Erklärung abzngebcn, weil dieselbe» bei der Ttadtrathswahl nicht bcrücksichligl werden. Diese Erklärung Dr. Knpla's wurde von seinen Genosse» zur Aufführung von argen Vinmkcuin benützt 'ESfielen Acnßerungcn der gröbsten, belcidigendsien und wide-lichsien Art. 'Tic Autorität des Bürgermeisters wnrde verhöhnt, und wurden ihm die verletzendsten.Zurufe cntgegcngeschlcndrrt. Der H:rr -I'ürgcrmeister ließ mit philosophischer Ruhe die Radaubrüder ' gewähret!, und nur als Dr. Kupka in der besagten Erklärung der Znrnds.n'.tnq der Anti-' semitcli bei den StadtrathSwahlcn pccuniärr Absichten al:> Motiv unlcrlcgtc, machte er den schwachen Versuch einer Zurückweisung, indem er darauf hinwics, daß den Antisemiten vor nicht langer Ze:: ein Stadtraihsmändat angeboren wurde, das sic jedoch adlchuieu Zn Beginn der Sitzung brachte Bürgermeister Dr. Grübl zur Kennuriß, daß Gemeindcrath Kretschmer, aus dem zweiten Wahlkörpcr des Bezirkes Favoriten gcivählt, sein Mandat als Gemeiuderalh meinlegt habe, lieber das 'Motiv dieses Mandat-Verzichtes schreibt man mfis: AlS Herr Kretschmer, der auf d a S a n l i.f ein i t i f ch c P re g r a in in gcivählt wnrde, von feinen politischen Gesinnungsgenossen um die Ursache seines Rücktrittes befragt wurde, gab er zur Aniwört: „Ich Hab' mir die Sach' ganz anders vorgcstellt; liab' geglaubt, man werde in Friede und Eintracht für das Wohl der Bevölkerung arbeiten, indessen geh t's zu w i e am ch i»c i i f ch c n K r i.e g s > dt an platz. Bk i r g'fallt die gairze d) i d> t’ itit, wähl t's Ei neu, der seine Pflichten als t^emcindcrath mit dem fortwätzr'endcn Scandäliren vereinbaren kann. Dazsii taug' i uil." lGtßlimilll Gcidcr. Tr. Friedrich El b ogen,, der in dem Proceß (steider als Vcrtheidiqcr des Angeklagten fringirre, veröffentlicht in der «Reuen Freien Piaffe" ein Schreiben, in welchem er gegenüber der „Berichtigung" des Dr. Geßmann an der Hand der Acten und der Vorkommniffe in der Haiiptverhandlung Folgendes feststellt: Herr Tr. ('vfinmitti leugnet. Saß Herr Jo'ef t''rai >ei» Vertranter war und gibt nur zu. Gcidee geraiben zu haben/ sich um die Aufnahme riiicS „Phönix" Artikel«, ln de, „Ertraposl" zu bewerben. Tem gegenüber ronstarire ich, baß Gras al» Zeuge-vor Gericht wiederholt von seiner intimen Freu »dschasl init .Geginau» utid de» übrigen auriseinittschen Parteibänpter» ipiach,und dag Geßiiian», als ihn Geiser iin oberöiterreichilchen Bade Hals be'uäne, dielen an Graf empfahl und ihm, Geider t zu dieiein Zwecke einige an> feine lGegiiianns) Pmllarle geschriebene emrsehlende Zeilen an Graf milgab. Ich eonnatire aus dein ZeiigeuprolokoUe. Gr.aj'S, daß Graf e» 'war, der als Bcuralicusinann odK Telegirier der anlifeinitif'chen ParlanienlSparlei den leitenden Perwulichkeiie» de» „Phönix" eröffnete, die Partei habe erklärt, es ,'ei eine Bedingung des Friedensschlusses, „daß auch für Geider etwas geschehe". Gerade deshalb konnte ich in meinem Plaidoner mit guten» Grunde behaupten, dag die moralische Mitschuld au Geider'S Erpreisnugeii die auiiieinitsichc Partei treffe. 2! Tr. Geginan» „berichtigt" weiter, dag er den Trcubruch dcS in Tiensteil deS „Phönix" stehenden Geider nicht unterstützte, und erltärt, daS von Geider gelieferte Material von dieiein zu einer Zeit erballen za haben, wo derselbe längst nicht »lehr Beamter tee „Phönix" war. Tem' gegenüber eonnatire ich, dag Geider langevor lei.»er Entlassung ans dein „Pliön.ix" mit Geßmann in Beziehung trat. Geider selbst erzäj.ne ,n ter Verhandlung, welche viebenSwürdigteil tl»d Anfinnnlerung er bet sc,»ein erneu Beiuche, den er mehrere Monale vor seiner Entlasst,ng.abstattete und bei welche,» zxv den, Tr. Gegiuau» bereits Maiciial überbrackne, von Gefnnai», erfahren, und dag gerade dic>e und die Göniierichafl der übrigen a/iiieiniii'chen Abgeordneten ib» chestiinniteil, dem Verlangen nach immer neuem Material zu eutiprechen.' Ich counaiire, daß Geginanii, alS Geider das erstemal, bei ihm er'chien und ihm Material gegen den „Phöiisi" vräientirie, diesen mit der Beinerlung empfing, er besitze tvohl icho» von einem andern angestellten Beamten des „Phönix", Rgitien» VukalS, Material, allein er ici glücklich, »nniiiehr in Geider de» lang gesuchte» GcwährSinaiiit gcfiindeii zu haben. Tie zahlreichen I »terpellationen .und Reden, die antnenlitische Abgeordnete gegen de» „Phönix" gehalten haben und deren vo» der Hand Geider'S herrUhrcnde Manuscripte iich zum große» T heile in meinen Händen besindeiz, bezeugen, tag Geider seinen Patronen in Wort »»d Schrift die werthvvllste» Ticnsle geleistet hat. 3. Geßnia»» „berichtigt", er sei schon einige Zen vordem 1. Juni dieses Jahre» mit Geider in keinerlei Beziehung gestanden. Ta»-Entresiler der „Eonicrvalivcn Correspondenz" (gegen welche sich die „Besichtigung" des Dr Geginaini vidttet) enthält den Zn-atz „diese» Jahre»" nicht f er ist in der Thal belanglos. Tr. Geßlilan'n rcplicirt in antisemitischen Blätter», indem er mit Ausdrücken wie „Schurke" und „gemeiner Lügner" Lufthiebe -auöthcilt und dann fortsährt:;j