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Freies Blatt · 1894-10-14 · 132 (14.10.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
132 (14.10.1894)
Date
1894-10-14
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Freie» Blatt. Nr. 132. von Niederlage zu Niederlage führen müßte, und sprechen hiemit den Wunsch auö, haß die Vertrauens böhin ischen Volkes noch in zw Tragweite, die Konsequenzen mit den Antisemiten wohl b e d e n Männer deS deütschölftcr Stuifde die eines Bündnisses ken mögen. l>r. I. (i. Don den russischen Juden. Von gut niiterrichlctcr Teile verlautet auf das Bestimmteste, daß die Stellung des Tbcrprocurators des heiligen Synods Pobedonoszew erschüttert ■ sei und er die Gunst des Czaren cingebüßt habe. PobcdonoSzcw bediente sich in einem Schreiben an den Hofministcr Woronzow- Taschkow unvorsichtiger Acußerungen über den E'qir, die dieser erfuhr. Bestätigt sich diese Nachricht, so würden den russischen Inden vielleicht wieder bessere Tage winken, denn PobedomSzew ist der Hauptfaiscur all der furchtbaren und himmelschreienden Ledrüekungcn, denen die Inden in „Väterchens" weitern Reiche vom Baltischen Meer bis zum Stillen Tee an aus gesetzt sind. Einstweilen is von einer Besserung der Verhältnisse nichts zu verspüren. Erst in jün« ster Zeit hat der Generalgouverncur von Irkutsk, wie der „Graschlcmin" meldet, eine Verfügung getroffen, welche die in Sibirien lebi nden Juden äußerst hart treffen dürfte. 'Nach den gesetzlichen Bestimmuigcn steht es den Aamilienniitglicdern eines zur Verbannung nach Sibirien Verurtheiltcn frei, ihrem Familienhanpte nach feinem Bestimmungsort zu folgen. Während der Teporlirtc seinen Bestimmungsort in Sibricn -in der vom Gerichte festgesetzten Zeit nicht vcrlaffeit darf, sind die übrigen Familienmitglieder, welche nnt dem Verschickten desim Los freiwillig thcilcn wellen, in ihrer 'Niederlassung nicht beschränk . Diese gesetzlichen Bestiiilinnngcn kanien bis jetzt auch den Juden zugute, NunmehrZollcn aber, verfügt der Generalgouverncur von J'kutsk, die jüdochn Fa milicnmitglicdcr, welche ihrem dcporlirtcn Fa iiilienhauptc folgen, nur in dem Berbannungsorke desselben sich ansi dein und denselben nicht verlassen dürfen. Durch diese Verfügung merd m sämiurliche in Sibirien lebenden Judenfamilicn, welche ihren verschick en Familicnhäuptern gefolgt find, den Deportirtcn selbst gleichgestellt und müsicn, obwohl sic freiwillig nach Sibirien gezogen, das Schick'?, der Verbannten thcilcn, welche ihre Bestimmungsorte nicht verlasicn dürfen. Damit werden diese Familien nicht allein ihrer 'Niederlasini gsrreiheit, sondern auch unter Umständen der Möglichkeit beraubt, sich forlzubringcn. Wie wenig sich die Judenverfolgungen gerade in Rußland ans anderen als rein religiösen Gründen erklär, n lassen, geht aus den hohen wirihichafklichen Fähigkeiten der russis Heu Juden hervor, von welchen uns neuerliche Beweise vorlicgen. Der Amerikaner Dr. äirauskopf, der bekanntlich die Erlaubniß erhalten hat, neue jüdische tandwirthschaftliche Eolonieu in Rußland zu begründen, liefert in seinen Reiseberichten sehr inrcresianle Mittheilungen über die wirthschaftliche Stellung der Juden in Rußland. So sc>reibt er aus Sdessa; „Während wir Alle in dem Glauben befangen waren, daß der russische Jude selber die Schuld an seinen Leiden trägt, weil er ausschließlich dem Handel sich ergibt, so habe ich durch pe sönliche Anschauung die Uebcrzeugung gewonnen, dass er mit größerem Eifer und in verhültnißmäßig größererer Anzahl dem Handwerk und d:m Ackerbau sich widmet, alS die Juden anderer Länder. Außer den!9 Colonicn von Landbauern, welche im südlichen Rußland sich best irden und im blühenden Zustand sind, sagte mir der kaiserliche Aufselcr, ein Richtjnde, daß gleich blühende Eolonicn in anderen Theiken Rußlands sich befinden . . . In Tdena besteht seit dem Jahre 1804 eine Werkstülte, die in solchem 'lorirendcn Zustand ist wie keine ' ähnliche ir ganz Rußland. Ihre '''eticgenhcit ist bezeugt dtirch eine Masse von Medaillen, Preisen und Be'.obnungen, welche die Regierung der Anstalt anläßlich verschiedener .'lr-stcllung?!l gewährte. Begleitet von einer Gesellschaft gebildeter stattete ich der Werkstätte einen Besul) ab. Ich fand da ein :d>. :::-'s Etablissement, in verschiedene Departements eingetheilt,;. B. '.'Naschinenbauwerkstätte, Schmelzhüttc, Dampfkesselbau, Sebmiet', Banh»::e und Drechslerei. Ungefähr 300 Jungens sind da l.'chr'i^t, -i'.ch! als Amateure, 'andern wirkliche, harte, ernste Arbeit rerrichterd, ir.Miid.’n Aufträge gusführend. Die Lehrer sind alle Inden, darnater ci.i'ge, die ihre Ausbildung ia der Anstalt erhielten. Lcr Eurius erstreckt üch chi' vier Jahre, nachdem der Zögling vier , Iabr; verlor einen Earius der niederen Elemer lar-Handfcrtigkeitsschule durchg.'machk bar. Ich sah ihre braunen, bloßen, muskulösen Arme, welche einem Vulcau Ehre gemacht harren. De: Schweiß, welcher von ihrem berußten "'euch' uns ihrer bloßen Blust herabricselte, gaben beredtes Zeugniß, daß der Jude sein Brot ifn Schweiße seines Angesichts verdienen' kann." Andere nicht unintereffante Einzelheiten Iber die wirthschaftliche Leistungsfähigkeit der russischen Juden entnehmen wir einem Aufsatze M. Beer'S in der „Neuen Zeit", der sich nit den rufffisch-jüdifchen Flüchtlingen in London befaßt. Der Verfass w entnimmt seine thatsächlichen Angaben vornehmlich einem umfasse aden Parlamentsbericht, welcher durch die gegen die Einwanderung ruf ifch-jüdischer Flüchtlinge laut gewordenen Stimmen hervorgerufen wor,en ist. Besondere Be- BcschäftigungSarten der Zahl in dem Berichte achtung verdient die tabellarische Ucbersicht der in London wohnenden russischen Juden, der« auf 23.006 angegeben ist, die indeß, wie »er Verfasser vcrmuthet, ungefähr 35.000 beträgt. Die Erwcrbszwcii e der russischen Juden vcrtheilen sich demnach folgcndcrmaaßen: Erwcrbszwciq «incr ,>rauc» Baugewerbe. 29' •_>i' II Metallindustrie . .•.. >. . )K) Buchdruckgewerbe. -1 Texülindustrie. Süesel- und Schuhmacher .15t|o Painofselinacher . 11 Schneider und Schneiderin,ic».44; llappeninacher . 3ch> Kürschner. Kleider und Mämelmacher .... Nebenarbeiten, Bekleidungsiudusiric. Zmimerleule und Holzarbeiter . . . Nabrnngsniitlelpibereiler . ..i-. . 2^8 Uhrmacher, Juweliere Sonstige gelcruie Handarbeiter Malrofen ..... Fuhrleute und Lahnarbeitcr. Friieüre. Eigarrcnniacher. 25jl Stock- und Schirinarbeitec. 1! Kellner, Dienstmädchen.. Buchhalter, Expedienten, Kleinhändler, Eoin iniisionäre, Hansirer. Lumpeniortirer.. Studenten <sic!), Sljnagogciibcainle.löljl Nicht angegeben .132 Rentiers. 3t " In Summa. . . Von den 12.890 Männern sind also in d 2 k 9 l: l2l 11 »s 31 8 12»,: HO 124 183 K2 ';» 20 2 113 2 342 149 4 816 7399 88 zusammen 299 81 54 7 1591 172 3727 406 409 302 156 6!K) 298 133 178 *>9 12 167 364 200 376 722 31 2359 872» 125 107,6 23000 <r Bekleidungsindustrie allein 0943, d. h. beinahe .34 Percent (Freuen 1820, etwa 17 Pcrcent) beschäftigt. Ten jüdischen Arbeitern ist et gelungen, die Mäntclindustrie in London derart zu vergrößern, daß die a tsländischc Concurrcnz, specicll die Berliner, zurückgedrängt wurde. Ebenso ist cs das Verdienst der russischen Juden, die Eigarelteniudustric in London , eingeführt zu haben, was bis zu einem gewissen Grade auch l insichtlich Berlins und anderer europäischer Großstädte gelten darf. Solche Angaben strafen Lügen die Phrase von der wirthschafllichcn Ilnsähigkcit der russischen Jude,/ wclckc zur Rechtfertigung der endlosen Verfolgungen immer wieder g droschen wird. Tie wiederholte», aus den Kreisen christlicher Barcrn und Handwerker kommenden Petitionen, man möge die JudenauSweisungen rückgängig machen, um die bctrefsenden Districte nicht wirtl schaftlich zu ruinircn, beweisen, daß man mit der genannten Ausfluck t kaum die öffentliche Meinung in Rußland für sich bekäme. Dagegen ist das religiöse Vorurtheil, besonders des bäuerlichen Volkes, wohl noch immer ^e stärkste Stütze des von oben betriebene» Antisemitismus So herrMi gegenwärtig in einem Theile des Gonvcrucincnls Witelsk eine für die Juden höchst bedrohliche Stiinmung nuter der ländlichen Bevölkerung. Es hatte» sich daselbst mämlich die Schreckensnachricht verbreitet, daß der „Antichrist" erschienen ist. Der Glaube an len Antichrist und die Furcht vor ihm ist in ganz Weißrußland verbretct. In Folge ihrer langjährigen Beziehungen zu den Juden, die in Weißrußland sehr zahlreich sind, mit deren Ho'fnung auf daS Erscheinen, des Messias vertraut, glauben die christlichen Weißrussen der unteren Classen, dieser Messias sei der Antichrist und werde Alles zum Judenthum bekehren. Bei geringen Veranlassungen nimmt dieser Aberglaube greifbare Formen an, und die fruchtbare Phantasie der Weißrussen erzuigt dann die wunderbarsten Geschichten. So auch jetzt. Professor Wiskowalow war im Gouvernement WitebSk eingctroffcn, um Schädelm ssungen vorzunehmen. Zu diesem Zwecke bereiste er den inneren Theil deS Gouvernements, uud flugs erkannten die klugen Bauern, die von dem wissenschaftlichen Zweck seiner Messungen keine Ahnung hatten, i i ihm den Antichrist, der den Köpfen der Ehristenmenschen sein unheiligcs Siegel aufdrückt. Besonders unglücklich machte es die Bauern, daß sich auch die Priester dieses gottlose Siegel aufdrückcn ließen. Tie ilten Leute ließen die Köpfe hängen, die Weiber heulten, und die Ju igcn trennten sich in Erwartung des bevorstehenden Weltunterganges von ihrem Hab und Gut, das sie in den Schänken verzechten. '

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