Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1894-10-14 · 132 (14.10.1894) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
132 (14.10.1894)
Date
1894-10-14
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4886575-5439163-5441563--1561-4888005
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Freies Blatt AtumiiementsprrlS. Für Oester reich, Ungarn: Gonzjabrig.5 Kronen (st. 2.50) Halbjährig.S Kronen (fl. 1.&0) Kür dagesammte Au-Iand: Ganzjährig.6 Mark Halbjährig .3 Mark 50 Pf. Einzelne Nummern L kr. Unfrankirle Briefe werden nicht angenommen. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint an jedem Sonntage. f Redaction und Administration: I. Lcilerstätte Ul. Jnlerale werde» mil 20 Heller '1" ft.) für die vier mal gelpallene llloichareilleieile derechnet. Kleiner «Njeiger da» Wort 4 Heller (* fr.). Jurnatme von 3n|tratin in unserer «dminiftralio» sowie in, Annoncenbureau Ul. Duke». I. Wollzeile 8. Nummer 132. Wien, 14. (Oktober 1894. III. Jahrgang. Auch eine (Loalition. (Original - Mitlheiluiig der „Freien BlaileS".) Prag, 10. October. Die deutsch-liberale Partei hat mit den Polen und den im j Hohenwart-Club vereinigten Clerical-Conseroativen eine Coalition geschlossen und zu deren Rechtfertigung angeführt, daß es sich nur um eine Zurückstellung, keineswegs aber um eine' PreiSgebung "liberaler Grundsätze handle. Sie ist aber jetzt, wenigstens in Böhmen, auf dem besten Wege, in ein BundeSvrrhältniß zu treten, welches von der Berleugnung ihrer ganze» Lergangenhcit unzertrennlich wäre; eine Coalition der Deutsch-Liberalen und Antisemiten wird von Männer», die sonst ernst zu nehmen sind, ganz offen befürwortet. Den Vorgänge», deren Schauplatz die Stadl BudweiS anläßlich der Jahresversammlung deS BöhmerwaldbiindeS war, haben Sie bereits im „Freien Blatt" eine wohlverdiente Würdigung zutheil werden lasse». Der Fall von BudweiS st'ht aber keineswegs vereinzelt da. I» Nordböhmen buhlen einzelne Wortführer, die man zur liberalen Partei zählt, förmlich um die Gunst der Antisemiten, und in wirthschaftlichen Fragen stellen sie sich ganz ungenirt auf den Standpunkt der Lueger und Steinwender, indem sie zugleich mit Befriedigung darauf Hinweisen, daß auch der Herr HcmdelSminister denselben einnimmt. Ein der Bereinigten deutschen Linke» «»gehöriger Abgeordneter glaubte, anständig vorzugehe», indem er in seinem und seiner Gesinnuiigögenossen Namen die Versicherung gab. sie wären nur noch der von früher her stammenden Titulatur nach Liberale, thalsächlich aber eine ausschließlich nationale Partei. Untcr Brinz, Herbst und Schmeykal waren Deutschthum und Liberalismus so enge mit einander verbunden, daß die Scheidung deö Einen vom Anderen unmöglich erschien. Niemandem wäre es damals bcigefallen, einen Versuch in dieser Richtung zu unternehmen, am allerwenigste» einem auf Grund eines deutsch-liberalen ProgrammeS gewählten Abgeordneten. Eine bei alle» Freisinnigen Verdacht und Mißtrauen erregende Sprache führe» aber nicht bloß die dii miiiorum gentium. > Niemand'Geringerer als Professor Dr. K/vll hat die Antisemiten zu einem Bündnisse höflichst eingeladenVAls Mitglied der Parteileitung in Prag besuchte er eine größere Anzahl von BezirkscomiteS, und am Schluffe seiner Inspektionsreise äußerte er sich in Leitmeritz: Die Zusammensetzuim der BezirkScomites sei verschiedenartig; hier sitzen Anhänger der entgegengesetzten Richtungen beisammen, dort habe wieder das Comite eine Zusammensetzung, an welcher auch Jene nichts zu bemängel» hätten, die dem Satze huldigen: „Durch Reinheit zur Einheit". Es gebe auch Coiniles, i» denen Antisemiten und Juden friedlich mit einander wirken Ihm dränge sich unwillkürlich der Wunsch auf, es möge jeder Deutiche Gelegenheit haben, so wie er sie jetzt hatte, mil der Bevölkerung in den verschiedensten Theilen des Landes in Berührung zu treten und die Verhältnisse kennen zu lernen, dann würde inan nicht so leicht auf dem einseitigen Standpunkte, zu dem Jener gelangt, ' tvelcher aus dem engen Kreise seiner Umgebung nicht hcrauStrill, verharren. „Auf dem Gebiete der nationalen Arbeit," meinte Professor Knoll, „kann man Niemanden entbehren; wir können die Juden nicht entbehren, wir können aber auch die Antisemiten nicht entbehren." Die Wahrnehmungen, die er gemacht, lehren, daß bei der Arbeit für daS deutsche Volk Raum für Alle vorhanden sei. Nicht ein seichter Vereinsschwätzer und Versöhnungsmeier, nicht eine Bezirksgrößc, welcher eine unbegreifliche Laune der Wähler zu einem des Befähigungsnachweises nicht bedürftigen j Mandate verholfc» hät, sondern ein angesehenes Mitglied der Prager Paitcileilung hat so gesprochen, und die seinen Aenßerungen anhaftende Naivität ist wohl geeignet, großes Erstaunen hcrvorzurufen. Eine Bereinigung von Juden und Antisemiten im Interesse des DeutschthumS erscheint, wenn man Personen und Dinge einigermaßen in Betracht zieht, geradezu unmöglich. Der Antisemit kann' seinen Satzungen gemäß den Jaden nicht als Deutschen anerkennen, wie soll er da mil ihm gemeinschaftlich das Deutschlhum schützen? Den Juden aber zuzumuthen, daß sie um nationaler Zwecke willen diejenigen unterstützen sollen, die gar kein Hehl daraus machen, daß sie ihre volkliche Aufgabe zunächst in der Be- ' kämpfung alles dessen, was irgendwie jüdischer Herkunftist, -erblicken — daö dürfte um so gewagter sein, als aus die Juden, welche bisher treue Anhänger dev deutsch-liberalen Partei waren, daS'Wörtchen „liberal" die eigentliche Atlraclionskraft geübt hat, für de» Liberalismus jedoch in einer Vereinigung mil Antisemiten kein Raum wäre. Aus mehreren Gerichiöverhandlungen ging allerdings hervor, daß eine Cooperation äußerst unlauterer jüdiicher Elemente mit gleichwerthigen antisemitischen zur Veranstaltung rentabler Judenhetzen immerhin möglich sei, aber auf so geartete HilfStrupprn zählt der Herr Professor sicherlich nicht. Ihm schweben jene nationalen Mnsterjuden und Musteraiiliiemilen vor, die in einzelnen BezirkScomites, wie er wahrnahm, friedlich mit einander wirken. Wir hätten allen Respecl vor dem Fischblut und der Selbsteniäußerung dieser Juden, würde sich uns nicht die Vermuthung aufdrängen, daß die friedlich * mit ihnen Wirkenden nur Titularautiscmiten seien, wie es ja andererseits auch Männer gibt, welche bloß dem Titel nach Liberale sind, in Bezug auf de» hiezu erforderlichen Charakter aber sich selbst Nachsicht gewähren. Kann die Prager Partcileilung die Antisemiten nicht entbehren, jo wird sie unserem I)afü> Hallen »ach auf die Mitwirkung der Jude» verzichten müssen. ' Die Zukunst wird erst lehren, ob die Zurückstellung liberaler Principien in Folge der Koalition mit den Polen und dem Hohenwart-Club dem deutschen Volke in Oesterreich irgend welchen Nutzen bringen oder cs auch nur vor Schaden bewahren werde. Sicher aber ist es, glauben wir, schon heule, daß die Preisgcbung des Liberalismus durch Abschluß eines Bündnisses mit den Antisemiten für daS deutsche Volk in Böhmen die unheilvollsten Folgen »ach sich zöge. Der Verein zur Tschechisirung der böhmischen Juden könnte gar kein merksameres Agitationsmittel herbeiwünschen, und vor lauter nationalem Schutz dürfte, um nur das Nächstliegende und Gefährlichste zu erwähnen, die Pit Hilfe der Juden so lange erfolgreich vertheidigte Stadt BudweiS bei einem künftigen Wahlkampfe dem Deutschthum verloren gehen. Der biedere bäuer- ' liche Abgeordnete Kiepek jagte.in den letzten Tagen, die antisemitische Geschmacksrichtung dürfe keinen Grund bilden, um die „nationale Arbeit" zu zerspalten! Wir sind dagegen fest überzeugt, daß eine solche Duldsamkeit, ein Untrügliches Anzeichen beklagenSwerthcr UcberzeugungS- und Willensschwäche, die Deutschen in Böhmen i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.