Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 131 (7.10.1894)
- Date
- 1894-10-07
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 131. reite Freies Lciiillctnn. * Die Göpferscheibe. Erzählung von Eduard Kulke. tz». ,-zorlsetzunz.. Mit freudestrahlendem Gesichte stürzte Cfmamtcl in das Zimmer seiner Frau, tu» ihr den Brief jn zeige», den er soeben von dem Advocaten erhalten hatte. Eie las: „Euer Wohlgeborcu! In aller Ei^: die Mitthcilnng, das; Tic in causa Kohn contra Birkcnfcld obgesicgt habe». Alle gegen ihre Forderung erhobenen Einwendungrü, sowie alle ans ei» fraudulöses Borgehen von Seite Ihres verstorbenen BaterS hinzielcnden Beschuldigungen wurden in letzter Instanz als null und nichtig abgcwicsen. Die Ehre und das Andenken Ihres verstorbenen Batcrs steht unan getastet da; Ihr Gegner aber ist zur Zahlung Ihrer Forderung sowie der ausgelaufenen GcrichtSkosten verurtheilt. Die Entschcidungsgründc, wie sie in letzter' Instanz fcstgcstcllt wurden, werden Ihne» Frcndc machen, wenn Sie sie lesen werden. Ich bitte Sie also um das Vergnügen Ihres Besuches und zeichne hochachtungsvoll .. .“ Emanucl las den Brief, nachdem seine Frau ichi gelesen hatte, noch einmal von, oben bis unten, vom Datnm angcfangcn bis herunter ans die höfliche Empfehlung an die Fran Gemahlin, welche der Advocat, obwohl eS ein Geschäftsbrief war, in Rücksicht auf seine befreundete Stellung zum Hause Kohn niemals unterließ; er las den Brief »och einmal und noch einmal, gleich als wollte er sich überzeugen, daß erwache und nicht träume, um sich des köstliche», ihn beseligenden Inhaltes nur umsomehr zu vergewisieru. Wer die beiden Eheleute noch vor wenigen Wochen an jenem Abende in ihrem Kummer gesehen hätte, der würde eS nicht geglaubt haben, daß dies dieselben Menschen seien; so sehr gehoben war bei ihnen Beiden daS Gcmnth. Wenn eS wahr wäre, daß der Zufall Valuten hat, so würde mau ihm nachrühuicn, daß er an diesem Tage bei guter Laune gewesen sei, denn außer dem Erics dcS Advocaten war auch ein Schreiben von Moses eingclanfen, und die Mutter konnte sich an den lieben Schriftzügcu nicht satt sehen. Ter Brief lautete: ' „Vielgeliebte Eltern! Mir kommt eS sehr komisch vor, daß ich einen Brief schreiben soll. Wcmr ich bei uns daheim im Geschäft Hab' manchesmal einen Brief vorlcscu gehört, so ist darin immer nichts Anderes gestanden als von Woll'; hundert Ecnten Woll' und fünfzig Ernten Woll' oder so etwas, und ich habe hicr^.nichts zn schreiben von Woll', sondern höchstens von meiner lateinischen^Grammatik, die gar nicht so schrecklich ist, als man sie macht. Rnr die Ausnahmen bei der dritten Declination, die sind schwer, aber ich Hab' sic schon auswendig gelernt und sürcht' mich nicht mehr davor. Ich weiß auch schon eine Menge lateinischer Wörter, wie;. B. der Lehrer heißt magister, der Schüler discipulus, und wenn cs der Lehrer und meine ehemaligen Mitschüler verstehen möchten, könnte ich sie schon auf Lateinisch grüße» lasse». Das möchte heiße»: Mosps discipulus salutat niagistrnm huliraicum ot omnes eomlLscip'ulos. Das Letztere könnte auch heißen: omnes«,uo con.liscipul»--. weil die Silbe «,ui! angehängt so viel ist wie ct; aber der Lehrer versteht das ja nicht und er müßt' sich'S erst vom Pfarrer übersetzen lassen, ist also besser, ich grüße ihn und auch die Mitschüler auf Deutsch. Mir geht es sehr gut. Jeden Sonntag, wenn ich mein l',-u--nm gemacht habe, gehe ich zum Herrn Rosenthal. Wir bekommen nämlich jedesmal auf den Sonntag eine deutsche Aufgabe, die müssen wir ins Lateinische übersetzen, daS heißt man das Pensum, wie z. B. magister laiidat boniim discipulum, das heißt ans Deutsch: der Lehrer lobt den guten Schüler. Der Herr Rosenthal sagt, da eS jetzt schon auf die Weihnachten los geht, so soll ich Euch Rechenschaft ablegen über meine Fortschritte, ich weiß aber nicht, wie man das macht, daß man Rechen schaft ablegt und ick; Hab' mich geschämt, den Herrn Rosenthal zu fragen. Der Professor ist ein strenger Mann, da heißt es, beständig fort anfpassen, waS er sagt. Wenn er etwas fragt und zeigt ans Einen mit dem Finger, da muß derselbige gleich aufstehen und antworten, z. B. tertia persona pluralis plusquampert'oeti iiidicativi activi von amo arnare, so muß derselbige sckinell sagen: amaverant. urtü das muß gehen Schlag auf Schlag. Wie man da eine falsche Antwort gibt, so kriegt man ein ,Ganserl', aber kein gebratenes, sondern einen Dreier in den Katalog hinein. Ich Hab' bis jetzt nych keinen bekommen. Wie ich neulich Sonntag bei Herrü Rosenthal gewesen Blatt. bin, hat mir die Fräulein Bertha ein Buch geschenkt. Ich mach' eS ans, ist gar nichts darin, nichts ge,'d,neben, nicht» gedruckt. Ick, frag' sie, was ick; mit dem Buck) anfaugeu soll. DaS ist ein Tagebuch, sagt sie, .da soll ick) jeden/Abend hineinschreibe», was sid, au dem selbigen Tag ereignet hat und waS mir eingeiallen ist. Zu Ivaü soll id) das '? frag id,; sic sagtdarauf, cS ist so etwas einmal in späterer. Zeit eine angenehme Erinnerung. Daraus bringt sic mir ihr Tage bnd> mtb zeigt mir, waS sic jeden Tag hinein schreibt. wo sic hin gegangen ist und mit wem sie gesprochen hat und waS der und der gesagt hat, und richtig hat mich die kleine Her and, schon hinein geschrieben. Der Herr Rosenthal heißt seine Tochter immer die kleiite Her, und so Hab' id) sie auch die kleine. Her' geheißen. Sie ist größer als id), aber ich Hab' sic doch die kleine Hex' geheißen. Hat sie mir eine aufs Maul gegeben; aber eS hat mir nidtt woh gethau, und sie hat /S gleich darauf bereut und Hai gesagt, id) darf sie (leine Her heiße»; ich thnc eS aber nidjt und just heiß' id) sie Fräulein Bertha. Sie ist aber sehr gut, so wie Eleuosla, nur ist sie übermüihig, was Gcnofka nidjt ist; das kann ich mir audj gut erklären. Berthas Vater ist der reidje Herr Rosenthal und GeuofkaS Vater ist der arme Töpfer Martinck. .VI v«>, >>in Genofka. Ad \m.vm heißt: zu dem Worte, oder — weil wir gerade davon reden, — ich laß den Töpfermeister unb Genofla grüßen und den Gesellen anckj', obwohl 'id, weiß, daß der mich nicht gern hat. Den Lehrer lass' idj besonder» grüße». Jetzt sch' idj erst, was idj bei ihm Alles gelernt Hab'. . Beil» Reiigionslehrer Breuer bin id) der beste Edjülcr, ,weil idj ans dem Hebräisckje» Alles übersetzen kann, was er mich fragt, und - die Wiener Kinder können nichts, sic lernen kein Hebräisdj; stellt er midj immer als Muster auf. Freitag Abend geh' id, mit dem Herrn Rosenthal immer in den Tempel; da Hab' ich den Enlzer singe» gehört mit dem Ehor, was sehr schön ist, und im Theater bin idj and, .schon gewesen mit dem Herrn Rosenthal und der -kleinen Her', will id, sagen, Fräulein Bertha. Anfgcführt hat man ei» Stück, das. heißt: .Einen Jur will er fick, mad,e»'. Da kommt-herein der Restro» und der Scholz. Der Vater wird da» Stück gewiß sd,on gesehen haben: man gibt es im Earl Theater. Wenn die Mutter das Stück sehen möckjt', möd,t' sie fid) kraul lachen. Und jetzt bin id) mit dem ganze» Papier sckjou fertig und das ist sehr gut, weil ick, gar nid,t mehr weiß, was id, sdjreibcn soll; also bleib' ich in Dankbarkeit Euer y M oscö." Diese kindlich kindische Heiterkeit des -stnaben erfreute dis Eller» sehr. Der Vater machte zwar die Bemerkung, daß MoseS Alles durch einander mische und Mitte -Kraut und Rüben in einen Sack, die Mutter aber sagte liebevoll: „WaS willst Du verlangen vo» einem zwölfjährigen Knaben'? Er ist ja nod, ein Kind, und eS ist ja der erste Brief, den er schreibt. Wenigstens sicht man dodj, daß cr ihn selber verfaßt und daß chm Riemand dictirl hat. Und bmT ift mir doch 'viel lieber so! Die Hauptsache ist, daß er sid, glücklid, fühlt, und das ersieht man ans dem Br^ef." „Du hast Recht," sagte Emanucl, „heute köunen wir un» einen guten Tag machen! Diese zwei Briefe i»ad,en and, jin» glücklid,. 'Rur Eines ist bei der Sache," fügte er uack, einer kleinen Pause hinzu, „was mir die Freude verdirbt." „Was ist das'?" fragte -die Frau „Der jetzige Pädjter," antworieke er, - „hat leichtsinnig gewirth j'djastet: nicht so, wie sein Vater. Man svrickjl Berschiedeues über seine Verhältnisse. Blatt sagt von ihm, er wird nickjt imstande sein, den Pachlschilliug zn bezahlen: »nt wenn w den nicht zalstl, wird ihm von der herrschaftlichen tMterverwallnng gekündigt und cr muß fort von dem Meierhof." „Das ift traurig," sagte die Frau, „id, bedauere ihn sehr!" „Id, auch," ,'agte Emauuel „So lauge der Proceß nnentj'chieden war, Hab' id, an uidjt Anderes gedach), als an die Anfredjthaltung meines guten RantenS; jetzt aber, da meine Ehre gerettet ist, jetzt denke ick, an ihn und an sein Unglück." » 6 . „So hilf ihm!" sagte die Fran. „Sehr gern will id) das," eutgeguete er, „diS^Frage ist tmr: Wie'? Er ist jähzornig und stolz. Kann, id, wissen, wie er eS auf- »immt'? Wird er nidjt zn stolz sein, wenn id, ihm entgegeukomme, mein Anerbieten anznttehmen'? Kann er eS nicht so aussasseu, alü ob ich. der reidje Jude, ihn auf diese Art demüthigeu wollte'? Denk Dir nur: Er, der Herr von, gedemüthigt von einem. Inden! Es ist eine heikle <2ad,e." — „Ueberlaß cS mir," sagte die Fran. „Ich kann Dick, dem nidjt anssetzen, was er in seinem Jähzorn beginnt," sagte Emannel. „So werd' id) mit seiner Fran reden," sagte sic.