Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 131 (7.10.1894)
- Date
- 1894-10-07
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 131. Freie» Blatt. reite :> einig, daß Krauß wohl berauscht, aber nicht volltrunken war. Dieser erklärte hierauf, bezüglich der Beschimpfungen Abbitte zu leisten und auf seine Kosten eine Erklärung zu veröffentlichen. Der Bertreter dcS Privatbetheiligtcn, Dr. Postelb erg aus Wien, zog sodann die Anklage wegen Ehrenbeleidigung zurück. StaatSonwalt Dr. Kaiser hob in seinem Plaidoyer hervor, daß der Angeklagte, der gleichfalls Leinenwaarcn verkaufe, aus Concurrenzneid handelte und ganz und gar vergaß, daß ein öffentlicher Beamter zwischen Privatangelegenheiten und Amtspflicht streng unterscheiden müsse. Es sei offenbar, daß daS unqualisicirbäre, ja infame Vorgehen dcS Angeklagten auch auf eine gute Dosis Antisemitismus zurückzuführcu sei, cs liege eine That vor, die vermöge ihrer besonderen Rohheit"Sühne verlange. Wenn die Anklage nicht aus Verletzung des Gesetzes zum Schutze der persönlichen Freiheit ($ 0) laute, so habe der Angeklagte dies dem Umstande zuzuschreiben, daß die Staatsanwaltschaft annahm, er habe wirklich einen unbefugten Hausirer zu beanständen vermeint. .Dr. P o st c lberg erklärte, auf jeden Ersatzanspruch zu verzichten. Es handle sich ihm nur um Fcsthaltung an dem Princip, daß auch vor einem ländlichen Polizeicommiffär alle Staatsbürger gleich sein müsie», daß ein solcher auch an einem vermeintlichen Hausirer, der Jude ist, nicht sein Müthchen kühlen dürfe. Die Affaire habe einen ernsten, düsteren Hintergrund für jeden rechtlich Denkenden, sic zeige, wie selbst ein sonst gutmüthig veranlagter Mensch durch die blinde Leidenschaft dcS Antisemitismus zum Verbrecher werden könne. So wie Glücksmann" seinem SemitismuS zum Opfer siel, so sei nun der Angeklagte zweifellos ein Opfer des Antisemitismus, der antisemitischen Hetzer. Ter Verthcidigcr Dr. Czumpelik wieS mit Nachdruck darauf hin, daß Glücksmann selbst erklärt habe, an den Ernst der Drohung nicht zu glauben. Ter Gerichtshof sprach Krauß vom Verbrechen der gefährliche» Drohung frei, da letztere nicht' von ihm beabsichtigt wurde und Glücksmann auch nicht bcunrnhigte; dagegen sei er der Uebcrtrctung gegen die Pflichten eines öffentlichen Amtes schuldig und werde zu drei Wochen Arrests vcrurtheilt. Als erschwerend sei anzunchmc» gewesen die besondere Rohheit, die längere Fortsetzung der Mißhandlungen und die gnalvollc Lage, in die er Glücksmann versetzte. (Zur Reichsrathswnhl in Bruck Leoben.» Tie antisemitischen Blätter brachten Beschwerden über eine offtciclle- Beeinflussung von Staatsbeamten im Bruck-Leobcner Bezirke, welche daselbst angesichts der bcvorstebcnden RcichSrathswahl durch einen höheren Beamten dcS Handelsministeriums stattgcfunden haben soll. Der Thatbcstand, der diesen Beschwerden zugrunde lag, wurde am 2. d. M durch ein ofsiciöscS Eommunigm! in folgender Weise richtiggcstcllt: „Vor etwa acht Tagen ist thatsächlich ein Bcamkcr der Postverwaltung zum Zwecke einer periodischen Revision der Aenitcr in Leoben cingctrosfeii. Bei (dieser Gelegenheit wurde von demselben durch spontane tt-'- thcillmgcn vertrauenswürdiger einheimischer Persönlichkeiten in Erfahrung gebracht, daß »ichrerc Postbeamte sowohl in Leoben als in Bruck, an Agitationen und Umtrieben anläßlich der bevorstehende» RcichsrathSwahl in ganz offener^Weise sich bckheiligc». In Folge dessen hielt cs der inspicircndc Beamte mit vollem Rechte für seine Pflicht, die solcher Umtriebe beschuldigten, ihm persönlich bczcichneten Beamten vorzurufcn und ihnen zu bedeute», daß zwar einem jeden von ihnen selbstverständlich die Freiheit der Gesinnung und Abstimmung vollständig gewahrt bleibe, daß aber seitens ihrer Vorgesetzten Behörde als nicht statthaft erachtet werden könne, daß dieselben an Agitationen welcher Art immer activ thcilnchmcn. Aus dieser die tha'tsüchlichen Borkommniffe allein richtig wicdfrgcbenden Darstellung erhellt nnzweifelhaft, daß keinerlei Auftrag des Handclsministers vorlag, daß seitens dcS betreffenden Beamten der Postverwaltung keine Eandidatnr als mißliebig bezeichnet wurde, daß keinerlei nnstatlhastc Wahlbceinfluffung stattgcfunden hat." (Tcr Skandal von Murcck.) Ter steierische LandcSingcnicur Herr Heide, welcher bekanntlich während einer dienstlichen Anwesenheit in Mureck in einem dortigen Gasthause von dem Bürgermeister von St. Leonhard, M rav lag, und mehreren anderen Personen insultirt worden war, weil man ihn für einen Juden hielt', hat gegen Herrn Mravlag beim Bezirksgerichte Murcck die Ehrenbclcidigungsklagc überreicht. Dieses Bezirksgericht hat jedoch, da beide Richter desselben als Zeugen bei der Affaire anwesend waren, um Delcgirnng des Falles an das Bezirksgericht RadkcrSburg angesncht. (Tculscher Böhllicrwaldbund.) Wir würden gerne auf die traurige Genugthuung verzichten, welche unserer Voraussicht durch die Vorgänge der am letzten September stattgchabten „Zehnten Hauptversammlung des Deutschen BöhmerwaldbundeS" in Budweis ertheilt wurde. "Die leitenden Personen dieses Bundes — welche sich durch unsere ob der Höritzcr PgssionSspiele erhobene Anklage der Vorschubleistung dem Antisemitismus gegenüber nicht bcrttbrr fühlte» — sahen sich am verflossenen' Sonntag dcmüssigt, einen tiefen Bückling vor den Herren Antisemiten'zu machen. Ein Wiener antisemitischer Schrfftleitcr verlangte eine entschiedene Erklärung über die Haltung des Bundes zu der in letzter Zeit wiederhole aufgetauchten Mittheilung, daß der Bund direct der liberalen Parteiorganisation eingegliedcrt werden soll. Ter Obmann Taschck beeilte sich, diesem Wunsche mit einer Erklärung »achzukommcn, Laß der Böhmerwaldbund über den Parteien stehe und niemals die Antisemiten bekämpfen werde. „Uns ist es gleichgillig," sagte er mit großem Rachdruck, „welcher Gesiniiung die Mitglieder des Bundes sind, ob Liberale oder Antisemiten, und ich werde cs nie dulden, daß i m R ahmen - dcs Bundes den Antisemiten w e h e geschehe. Wir stehen ans den Satzungen, wir sind I ine-liberale Parteiorganisation, und ich verwahre mich dagegen, daß die Liberalen uns ihrer Parteiorganisation anglicdern." Abgeordneter Tr. Ritsche -fügte hinzu: Für den Böhmcrwaldbund sei cs gleichgillig, ob clcrieal, ob liberal, ob Antisemit, ob Fürst Schwarzenberg oder ein einfacher Bauer, Hauptsache sei die nationale Sache. Wir müssen cS natürlich den Herren Taschck und Ritsche überlassen, sich ihren nationalen Gedanken ganz nach ihrem Geschmacke zürcchtzulcgcn. Es srägl. sich nur, ob auch die Mehrzahl der Bündcsmitglicdcr cs für glcichgiltig ansicht, ob in Sachen des Tcutschlhnms der internationale Eleri calisniuö und Feudalismus und der mit allen Todfeinden restlicher Eultur verbündete Antisemitismus vollkoinmc» gleichberechtigt mit sprechen solle. AuS den Reden Ritsche'S taucht der Geist Stein wender's auf, der sich in Obcrsteiermark uni die Gunst der Elcriealcn und Ehristlich-Socialen bewirbt, in Böhmen sich von den radicalstcu Organen des Tschcchismus in Schutz nehmen läßt. Alles nur zur größeren Ehre des Deutschthnms. Unseres Wissens Hai diesir Geist der Prager Parteileitung schon sehr trübe Stunden berestel; wir sind daher sehr begierig, wie sie die heftige Verwahrung Taschct's und die neue Definition der „nationalen Sache", die das Mitglied der Partei lcitung Dr. Ritsclze leistete, hiunchmen wird.- Ach wlr furchte», wie 'bisher Alles, mit einem merkwürdigen Geiniich von Rathlosig'cit und Resignation. Anders wird hoffentlich §cr Eindruck in jenem Mitglieds kreise dcS BöhmerwaldbundeS sein, welche aus uauirlichen Gründen sich zu den Worten Bendels bekennen werden, daß ans dem Ehorus deutscher Weifter, von welchen der in Budweis anwesende Bauern befrcier HanS Kndlich gesprochen, in unvergänglicher Schöne auch Lcssing's VJi a t h a n" hcrvorlönc. lieber diescA-Geist „Rathaus" sind die Herren Taschck, Ritsche und, wie sie wisst heißen, die führenden Geister von Budweis längst hinaus, und es ist daherhöchste Zeit für die Tculichcn jüdischer Eoirfrssion, dem „Böhmcrwaldbunde" den Rück en zu kehre»,' damit gewisse Herren erkennen^ juic weit die Sache des Denlschthums ohne de» Geist „Rathaus" tomme. Tie Juden mögen sich beeilen, diese» Verein zu verlassen, -che .man sie hinausweist. Wer dem Teufel einen Finger reicht, de» erwischt er bei der ganze» Hand. Tic antisemitische» Preßkerle erklären schon heule, die Worte Taschek's könnten ,sie. nicht befriedigen, weil nach ihrer Meinung ein Verein zum Schul?.' der nationalen des deutschen Volkes aus unbedingt antisemitischer Grundlage fußen müst'e. WaS nicht ist, kann werden, Herr Tr.- Riliehe ist tron 'ieiuer grauen Haare ein gelehriger Schüler. (rillt Anjrage.l Wir erhalten folgendes Schreiben: Sehr geehrter Herr Redaczeur Mit Bezugnahme auf die in Rr. Ihres sehr geschätzten Blattes ritirtcn Worte des Kriegsniinisters„Seit die Armee besteht und in allen Phasen ihrer deutwürdigen <«cschichte hak sie einen Unterschied in Rationalität lind Religion nicht'gekannt —", beehre, ich mich anzufragcu, ivie viel Juden derzeit bei de». LR ilitärgerichte n a n g e st eilt i i n d '? Mit dcui Ausdrucke,der vorzüglichsten Hochachtung D r. Le u d o l f G r ü n b e-r g, Advoeak.. Budweis. am -!>>. September ld>i>4. (Znrnckgcwicscn ) Wie ans Krems icr gemeldet wird, fand sich dort anläßlich des letzten Sonntag stattgchablcn tschechischen Gcwerbetages Mechaniker Schneider als Delcgirter der Wiener antisemitischen Genossenschaften ein. Die Versammlung besaß so viel Selbstachtung, sich gegen seine Thcilnahme an den Verhandlungen anszusprechen und ihn nicht zum Worte züzulaffcti. (Semiten und Arier.) Der berühmte Altcrthumsforscher Ernst Eurtius, welcher letzthin den zweiten Band seiner „Gesammelten Abhandlungen" herausgegebcn hat, schickt seinem Buche ein Vorwort