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Freies Blatt · 1894-10-07 · 131 (7.10.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
131 (7.10.1894)
Date
1894-10-07
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Freie» Blatt. kmzcr Sinn gipfelt in dem Satze: „Gewißlich bin mitGeider in Verbindung gestanden; aber das sage ich rückhaltlos, w mn ich gewußt hätte, daß Gelder an, .Phönix" Erpressungen versuchte, hätte u) zwar auch sein Material, das sich al» durchaus richtig und verläßlich erwiesen Emichiedenheit kaltgestellt." Tarum handelt, er sich aber zur Beurlheilung des Falles Geßmann gar nicht; denn hätte der Staatsanwalt die Ueberzeugung gewonnen, daß Tr. Geßmann um die Erpileflungsversuche Gelder'« wußte, so würde Herr Tr. Geßmann dessen Mitangeklagter gewesen sein. Sich in dieser Hinsicht al« Politiker vom Procesie Gelder rtinwaschen zu wollen, heißt Wasser in die Tonau tragen. Worauf es nach un erer Ansicht ankommt und wovon Abgeordneter Tr. Geßman» in seiner Berthtsidigung kein Wort gesagt hat, da« tnitiicher Führer den Jude» e? 2. Wieso er des Geider in sich bedienen und dessen Treu Geider noch nach dem l. Juni sind die Fragen: l. Wieso er als antise Graf zum Vertrauten haben kann Tiensten des „Phönix" gegen den „Phönix b r u ch unterstützen konnte? 3. Wieso er mit in Beziehung bleiben konnte, obschon derselbe bereit« als verdächtig erscheinen mußte'? Am Schlüsse seiner Darlegungen tfeilte Abgeordneter Tr. Geßmann mit. daß er da« „Tii oler Tagblatt" wegen sei rer ehrenrührigen Berichterstattung über ihn geklagt habe. Vielleicht kommt dadu ch volle Klarheit in die Sache. In einer „Berichtigung" leugnet Geßmaitn, daß Graf sein Vertrauter ge wesen und Gelder'» Treubruch gegenüber dem „Phönix" von ihm unterstützt worden wäre. Ter Werth dieser „Berichtigung" werden unser Leser selbst raxiren.! lAuch kill antisemitischer Ehrenmctnn.) Vergangenen Montag besuchte der Sattlermeister Carl C i z e kPleininger's Weinstube und doeumeulirte dort seine antisemitische Gesinnung, indem er sagte: „Ten Liberalen sans alle Gauner, soll ma nach der Reih aufhängen." Tiefer „Ehrenmann" nun wurde Samstäg Nachts verhaftet und dem LandcSgerichte eingeliefert, weil er nicht allein auS dem Arsenal gestohlene Gegenstände gekauft, sondern auch die. Arbeiter zu den Diebstählen verleitet hat. i Verhöhnung eines jüdischen Reservisten.) Tas „Wiener Tagblatt" berichtete, daß bei einer Controlversammlung der zur Waffenübung eingerückten Reservisten der Sanithtstruppe der Soldat Moses Baron von dem Lieutenant Wenzel Ktiöma im jüdischen Jargon verhöhnt und in unschicklicher Weise übev seine Privatverhältnisse befragt morden sei, wobei der Reservelieutenjant Dr, Casimir v. T w a rd o w S k i seinem Kameraden Assistenz leistete. Der Letztere, welcher auch Tocent an der Wiener Universität ist, sendete dent citirten Blatte eine „Berichtigung", welche betonte, da» der Vorgang sich nicht bei einer Controlversammlung, sondern bei per Ausfüllung der ClafsiffcakionSlistcn abgespielt habe, die Verhöhnung zwar nicht leugnete, jedoch in einzelnen Punkten anders schilderte. Das „Wiener Tagblatt" nahm von dieser „Richtigstellung" nur teilweise Notiz, und eine Berichtigungsklage Tr. v. Twardowski's ha te feinen Erfolg, da seine Zuschrift, wie der Richter feststellte, den Anforderungen des § 19 des PreßgeseyeS nicht entsprach. Tie Officiece Kröma und Twardowski gehören offenbar zu jenen Mitgliedern her Armee, von dessen der Herr Kricgsminifter neulich sagte: „Flür die Gesinnungen Einzelner.kann ich natürlich nicht gutfteheu." (Zur Llltger-Ftier.) Ter antisemitische Gemeinderath Dr. Räder richtete an Herrn Georg Schönerer ein Schreiben, welches diesem vermuthlich eine große Freude bereitet hat.! Als im gemeinderäthlichen ist, über die Feier seines gab Tr. Räder, wie er Bürgerclub, dessen Obmann Tr. Lueger fünfzigsten Geburtstages verhandelt wurde, mittheilt, in seinem und seines College» Tomola Namen die Er- .klürung ab, „sich an den in Aussicht genqmmenen Festlichkeiten, und zwar aus dem Grunde nicht betheiligeu zw können, als an denselben ein Mann, welcher, abgesehen von früheren Sünden, sich in der letzten Zeit des infamsten literarischen Diebstahles schuldig gemacht bat, iheilnimmt, und daß eS unsere Ansichten von Ehre und AnssandSgefühl nicht zulassen, mit einem Peraani, diesem Verräther an ler deutschen Sache, an einem Tische zussitzen." Dieser Erklärung, irclche zwar ein sonderbares Deutsch dielet, aber an Deutlichkeit :iä,:s zu wünschen übrig läßt, Haber! sich die Gemeinderäthe R:>>'aw:g und Sauerdorn angeschlossen, und Dr. Räder eracitct noch den Anschluß der Gemeinderäthe Hipp und Krätschmer. '.Hutiicmitiidlt (Mcittläft'frtclantc.) Ein Kaufmann im XVIII. Be- :;i:c hatte, die antisemitische Strömung bmützend, bei dem Buchdrnckereibeiitzer Heinrich Roiß Reclamezette! drucken und diese unter die Passanten vertheilen lassen,, um darau aufmerksam zu machen, möge. Ter Passus „jüdischer Concurrent" rnd „jüdische ConcurrenX in kam auf den Zetteln möglichst oft vor sind mußte laut Bestellung PÄ fett gedruckt werden. Tie Zettel wurden beschlagnahmt und gegen den Nr. 131. Drucker Roiß wurde die Anklage wegen I lebertretung der §§ 9 und 17 des Preßgesetzes erhoben, weil er ouf den Zetteln nicht seine Firma genannt und keine Pflichtexemplare vorgelegt hatte. Bei der Verhandlung verantwortete sich Roiß damit, der Text dieser Zettel sei so schlecht stylisirt gewesen, daß - er sich^ geschämt habe, seine Firma darunter zu setzen. — Richter: Aber Sie legten auch keine Pflichtexemplare vor? — Angeklagter: Wgil die Zettel gewerblichen Inhaltes waren. — Richter: Die Zett:l weisen aber die Worte „jüdische Concurrenz" u. s. w. auf, und zwar in fetten Lettern, ist dies auch gewerbliches Interesse? — Angel lagter: Ich denke wohl. — Richter: DaS ist Förderung dl S confessionellen Unfriedens, des Antisemitismus und nicht Interesse > eS Gewerbes! Als Buchdrucker sollten Sie dies wissen. — Das Urtheil lautete auf 10 fl. ' Geldstrafe. (Alls' Aygersdorf.) Man schreibt u ls: Die Statthalterei hat der gegen die letzten Gemeindewahlen in Atzgersdorf überreichten Beschwerde stattgegeben. Diese Wahlen, bei dmen das Ehepaar Brzobohaty die im „Freien Blatte" schon gebührend gekennzeichnete Rolle spielte, wurden annullirt, und es werden ämmtliche drei Wahlkörper neuerdings zu wählen haben. (Ein Torfpascha ) Wir haben seinerzeit mitgetheilt, wie' der Kaufmann Anton Krauß als Polizeicootmissär von TribuSwinkel mit einem Juden verfuhr, in welchem ev. einen Concurrenten vermuthet hatte. Dieser Vorfall kam am 29. September vor dem Kreisgerichte Wiener-Neustadt zur Verhandlung. Die von der Staatsanwaltschaft erhobene Anklage legte dem?s"ton Krauß zur Last, er habe den Geschäftsdiener Moriz G l ü ck S ns a n n am 5. Juni d. I. auf der Brücke über den Wiener-Neustädl^r Canal nächst Leesdorf unter allerlei antisemitischen Injurien anSi Geländer gedrängt und ihn ins Wasser zu stürzen gesucht, dann aber mit den Worten bedroht: „Du springst jetzt, Jud, in den -Canal, sonst schmeiß' ich dich hinein. . . Marsch, Jud, in den Caisal! Tu wirst mir nicht mehr nach TribuSwinkel kommen!" Krauß habe hiedurch das Verbrechen der gefährlichen Drohung nach; 99 St.-G. begangen. Ferner habe Krauß den Glücksmann an den % iermehi und am Rockkragen gepackt und mit Stößen tractirt, somit während.seiner Amtsthätigkeit als Orts-Polizeicommissär von TribuSwinkel sich Mißhandlungen zu Schulden kommen lassen, welche die Uebertretung des 8 331 St.-G. bilden. Außerdem - lag gegen Krauß auch nne Privatklage GlückSmann'S wegen Beschimpfung und Schmähunjg nach den §S? 491 und 496 vor. In der Anklageschrift wurde ausführlich der Sachverhalt geschildert. Als Krauß den Glücksmann erbliö te, eilte er in Hemdärmeln und barhäuptig sofort auf ihn zu und beanständete ihn wegen unbefugten Hausirens. Als GlückSmann erklärte er habe bestellte Waare abzuliefern, nannte ihn Krauß einen Lügner und ließ einen eben vorüberkommenden Leiterwagen halten, wobei!er dem Kutscher zurief: „Aufhalten, einen Juden Hab' ich, der mu; mit und wenn's zehn Gulden kostet!" Bald darauf trug sich db bereits vorher erwähnte Scene auf der Brücke zu. Der Angeklagte Krauß verantwortete sich damit, daß er berauscht gewesen sei und gar l keine Ahnung hatte, daß Glücksmann ein Jude sei; er sei ein Gegner! der Hausirer, gleichviel, ob sie Juden oder Christen sind. Erst seit dissem Vorfälle nenne man ihn weit und breit Judenfresser. Daß er iei seiner Amtshandlung weder Rock noch. Hut anhatte, gebe er zu. Der Vorsitzende Landesgerichtsrath Dr. Gemperke bemerkte dararf: „Ist das das Benehmen eines Polizeicommfffärs? In Hemdäimeln und barhäuptig in ein fremdes Territorium einfallen und dort Scandal machen?" Der Angeklagte entgegnete, daß er als Polizeicommissär zwar beeidet wurde, aber keine Instructionen erhielt, wie er des Amtes zu walten habe. Der Beschädigte, Moriz GlückSmann, schilderte den Vorfall zwar so wie die Anklageschrift, meinte aber, er aiuthe dem Angeklagten denn doch nicht zu, daß derselbe seine Drohung, ihn in den Canal zu stürzen, verwirklicht hätte; er halte sich selbst auch für kräftig genug, ihm für jeden Fall Widerstand zu leisten. 'Hierauf wurde constatirt, daß ein Packet Leinwand thatsc chlich in Leesdorf bestellt worden war und. daß Krauß auch bei dem Besteller amtshandelte, obwohl er hiezu nicht kompetent var. Wie das Zeugenverhör ergab, legitimirte sich der Angeklagte d irch sein Abzeichen und kündigte Glücksmann sofort Ohrfeigen an. Alsdieser in der Wohnung des Bestellers der Leinwaxcd bat, Krauß möge ein wenig warten, bis Jener gekommen sei, packte ihn der Commi^sär beim Kragen und trieb ihn unter fortwährenden Rippenstößen! bis zur Canalbrücke, woselbst er ihn anS Geländer drängte und vobbeugte. Der Gastwirth daß man bei ihm und nicht bei „jttdischn Concurrenten" kau^n Schweigler und der Fabriksdirector Nauchann, die GlückSmann in Schutz nahmen, bestätigten die antisemitischen Beschimpfungen; ^etztcrer gab an, Krauß habe auch noch iti WirthShause gedroht, Glücksmann ins Wasser zu werfen. Auch wqren alle Zeugen darin

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