Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 131 (7.10.1894)
- Date
- 1894-10-07
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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>?eite 2 freies Blatt. Nr. 131. ES verschlägt auch für diesen Orden wenig, wenn ihm die Duldung des Aufenthaltes in dem! einen oder anderen Staate versagt wird; er hat seine Apostel überall. Entblöden sich dieselben doch nicht, selbst die Segnungen der Freiheit zu seinen Gunsten in Anspruch zu nehmen, als ob die Schäten der Nacht nicht schwinden »lüßten, wenn die Sonne in ihrem glanze aufgehen soll. Inwiefern der Jesuitenorden —l von diesem ist ja hier die Rede — auch der Inspirator der Antisemitenbewegung ist, soll hier ununtersucht bleiben, daß er aber die Hand mit im Spiele hat, steht außer Zweifel. Die Einsendung, daß die Bewegung bekanntermaßen «on protestantischer «eite eingeleilet wurde, spricht mit Nichten dagegen. Er wäre nicht der Jesuitenorden, wenn er cs nicht verstände, die Kastanien voi fremden Händen sich auS dem Feuer holen zu lassen. Stöcke: ist ihm nicht minder willkommen als Deckert. Es sind ab,r auch directe Beweise für seine Theilnahme an dieser Bewegung vorhanden; der Jesuitenpater Abel wird sogar als der Spiritus rector der Wiener Antisemitenhorde angenommen. Meh ■ aber noch alS der Klang der Namen spricht der Klang des Goldes dafür, über daS die Antisemiten für Zwecke ihrer Agitation verfügen. Woher sonst sollt n ihre Matadorr die pecuniärefi Mittel nehmen, um ihre Verhetzungen und Wühlereien so schwüngvoll betreiben zu können? Nur die capitalskräftigen Quellen dieses OrdenS vermögen ihnen perennirend die erforderlichen Gelder zuflicßen zu lassen. Was wollen aber all diese Förderungen besagen gegenüber denjenigen, welche der Antisemitismus durch die Affiliirten des ' Jesuitenordens erhält! Hie liaeret aqia! Die fast bis zur Unantastbarkeit gehende uneingedämmte W ldheit der Antiscmitenschaar erklärt sich nur auf diese Weise. Ande 's wäre es unmöglich, daß das verhetzende und verwildernde Treiben deS StampiglienfälscherS ungeahndet bleibt, selbst in Fäle», wo ihn das schützende Dach der Immunität nicht deckt. Wäre es sonst zu verstehen, daß einem politische» Chamäleon, das seine Farben nach dem ihm winkenden Vortheile ändert, noch Heeresfolge geleistet wird? Müßte im anderen Falle Einem nicht >ie Schamröthe ins Gesicht steigen,, wenn man trotz der ungewaschenen Expektorationen des antisemitischen Wäschehändlers mit de nselben Sitz an Sitz sich befinden soll? Nichts wäre jedoch irriger als die Annahme, daß der Antisemitismus Zweck und Ziel Her hinter den Coulissen arbeitenden Motoren ist; er ist ein!Nittel wie so viele andere Zciterscheinungen, die beunruhigend, aifregend, erschreckend auf das sociale Leben wirken. Dieser Zustand der Beunruhigung und Aufregung ist der Zweck, weil er der öoden ist, der jede Saat leicht aufnimmt und zur üppigen Entfettung bringt. Wäre aber der Gebrauch all der Mittel zur Erreichung dieses Zweckes möglich, wenn nicht die Affiliirten dazu verlälfen? Diesen muß daher muthig und kräftig an den Leib gegangen werden, wenn dem Antisemitismus "der Garaus gemacht »erden soll; wie es ohne Hehler keine Stehler gäbe, so würde du letzte Stunde dem Antisemitismus geschlagen haben, wenn den Affiliirten der Weg zu ihm würde verrammelt werden. <i—z. Per Antisemitismus ibt Gastwirth gewerbe« (Zuschrift an da« „Freie vlatt".) mir muß jeder Gast recht 8 war' von mir die höchste n Local a Seidl Bier oder „I bin a öffentlicher G'schäftsiuann, sein, der bei mir sei Geld anbringt, und jTborheit, wann i denjenigen, der in meine i Bicrtl Wein verlangt, bevor ich ihm'S e nschänk, erst frag'n thät: Sie, san-7 a Christ oder a Jud, a Deutscher oder a Böhm?'" Vorstehendes hat erst vor Kurzem ein auf der Wieden sein Geschäft betreibender Gastwirth einem Anhänglr des „großen" Germanen Hauck zur Antwort gegeben, als dieser inm seiner freiheitlichen Gesinnung wegen Vorwürfe machte. Die Worte diese- GastwirtheS sollen bei seinen nach Tausenden zählenden College a nicht unbeachtelbleiben; ich balte diesen Mahnruf gerade jetzt süv zeitgemäß, weil in den letzten Jahren bedauerlicherweise der Antisemitismus in dem Wiener Gast- und Schankgewerbe eine intensive Ausbreitung gewonnen hat. Noch vor wenigen Jahren übte auf diese (? ewcrbetreibenden daS antisemitische Gift keine nennenSwerthe Wirkung, was der Umstand beweist. daß bei den letzten Wahlen der GinosienschaftSfunctionäre die freiheitlich gesinnten Candidaten mit großer Majorität gewählt worden find. Der Ansturm der antilibcralen Liga vurde mit Erfolg zurückgeschlagen, trotzdem die Herren Tr. Lucgex Schneider und auch daS lleine Putzige Männchen Dr. Psenner, sosvie zahlreiche sonstige antisemitische Agitatoren Tag und Nacht thätig waren, um Stimmen für die antiliberalen Candidaten zu werben.! Wieso das auf einmal ^so ganz anders geworden ist, darüber braucht man nicht lange nachzudenken, um die einzige wahre Ursache Hu finden. Die Antisemiten ließen sich von diesem Mißerfolge nicht abschrecken; sie erkannten mit richtigem Scharfblick, daß in den Wirthshäusern an den unterschiedlichen Stammtischen Abend für Abend sich^ Leute zusammenfinden, die auch gerne über politische Tagesereignisic und gewerbliche und wirthschaftliche Berhältnisie sprechen. Bei der! Unzufriedenheit wegen des vermeintlichen Niederganges der Gewerbe find des Handels, welche sich heute allüberall mit oder ohne Berechtigung fühlbar macht, war es für die antisemitischen Hetzapostel keineswegs schwer, auch den Gastwirthen die Ueberzeugung beizubringen, daß'an all dem Ungemach der heutigen Geschäftslage nur die Juden Schuld seien. Den Vorortewirthen specicll redete man ein, daß die Hinausschiebung der Linienwälle, die auch thatsächlich daS vorortlicht! Gast- und Schankgewerbe äußerst schwer getroffen hat, ein Judenwcrk! sei. So dumm diese Beschuldigung auch ist, so wurde sie doch geglaubt, oft nicht aus Ucbcrzeugung, sondern nur auS Haß gegen unsere jüdischen Mitbürger. Was es immer nur Schlechtes, ErbärmlichfS, Verächtliches gibt. Alles wird den Juden und jenen Christen in dies Schuhe geschoben, die der systematischen Volksverdummung energischen! Widerstand entgegensetzen. Und gerade in den Wirthshäusern steht die^BolkSverdummung auf der TagcS- oder vielmehr Nachtordnung, und sit wird noch begünstigt von den Gastgebern, die vergessen, daß ihnen jeher Gast, mag er sich zu waS immer für einer Religion bekennen, liejb und werth sein soll. Allerdings ist diese Gesinnungsänderunj deS größten TheilcS der Gastwirthe nicht allein ein Werk der antilibcralen, sondern auch das der liberalen Partei. ES kann unseren libesralen Parteiführern dieser Vorwurf nicht erspart bleiben. Man hat ch im liberalen Lager sehr genau gewußt, daß die antisemitischen Führer seinerzeit begonnen haben, ihre ausschließliche Thätigkeit auf bit WirthShäuscr zu verlegen, und was hat man dagegen gethan?! Nichts! Nichts! Nichts! Ein ganzer, großer, für das politische Leben hochwichtiger Gewerbe stand wurde ohne Schwertstreich dem Feinde pberantwortet. Die Folgen sind auch nicht auSgeblieben; bei jeder Wahl machen sie sich empfindlich eder wahrhaft freiheitlich entgegensetzen. Ich habe liberalen Bezirksausschuß bemerkbar, und nicht ohne Bangen muß gesinnte Bürger den nächsten Wahlkämpfen dieser Tage Gelegenheit gehabt, mit einem gerade über diese Angelegenheit zu sprechen, und drückte meine Meinung darüber aus, daß es endlich aft der Zeit sei, daß die liberalen Vereine, Corporationen rc. eine enesgische Thätigkeit entfalten sollen. Man möge allüberall Versammlungen veranstalten, die besten Parteiredner da- und dorthin senden, überhaupt mit dem Volke in enge Fühlung treten — und erhielt darauf die Antwort: „Dazu ist es schon zu spät!" Ich aber sage: Nein, eS ist noch ininiei: nicht zu spät, um der Wahrheit zum Siege zu verhelfen! Es ist auch keineswegs zu spät, die Gehilfenschaft deS Gastwirthcgewerbes hon einem Wege abzubringen, auf den sie von Schneider und Cunsorten gedrängt worden sind,, und dies wäre um so leichter, als nur ein Theil der Gehilfenschaft so verblendet war, den Lockrufen der Vergifter der BolkSmoral Folge zu leisten. Die dermalige Verirrung rnter. den Gehilfen, verursacht durch die Maßregelung deS Obmannes der Krankencaffe, wird, wenn die Genoffenschaftsleitung und; mit ihr die Fachpreffe leidenschaftslos auf die Gehilfin einwirken, j nur eine vorübergehende sein. Zu einer Action gegen die Verrohung! ist eS niemals zu spät. Ein Wiener Gastwirth. (Geßmann-Geider.) Die Antisemiten Hab m sich natürlich bemüht, daS Berhältniß zwischen dem Abgeordneten Geßmann und seinem Gewährsmann, dem Erpresser E. H. Geidei, als ein möglichst lofiS hinzustellen, und Geßmann selbst hat in e ner am Montag stattgehabten Versammlung seiner Wähler versucht, sich und seine Partei von aller moralischen Mitschuld an der „Action" Geider's rcinzuwaschen. Ein Volksvertreter müsse daS Maierial dort nehmen, wo er eS findet, meinte der Erwählte wm Neubau. Auch der Staatsanwalt scheue sich nicht, sein Anklagen aterial auS den Händen eines BerbrecherS zu nehmen. Nur vergißt Herr Geßmann, daß er nicht Staatsanwalt, sondern „Volksvertreter" R, und daß ein Staatsanwalt nie allein aus die Angaben eine» Verbrechers hin eine Anklage erhebt. Herr Geßmann verkehrte aber auch mit Geider keineswegs, wie ein Staatsanwalt mit Personen zu verkehren! pflegt, welche ihm daS Material zur Verfolgung einer strafbaren Ähat liefern sollen. DaS beweist nachstehende Correspondenz; auS ihr geht nicht nur hervor, daß