Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 131 (7.10.1894)
- Date
- 1894-10-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt AboniiementSprei». <«a«,iaJ/r0'fl'tr'i4:Är„:(fl.S:K.! Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Halbiahrig.3 Kronen ist. 1.5«) ^Zür da - gefammte Ausland: <^anzjäbrig.fi Mark »albläDrig .:t Mark 50 Ps. . Erscheint au jedem Sonntagk. Einzelne Nummern 6 kr. Nnsrankirte Briefe werden nicht angenommen. Nkdaction und Administration: I. Leilerstätte IN. viitrralr wrrLrn mit SO Heller tio Tr ) für die vier mal gespaltene Na»pareille;e>te derechno. llieiner «n,eiger da« Wart « Heller (S Ir.)- Au'aallmc van Onseralen in unserer 'lldministratian sowie im e- Annaneenbureau M. Tu7e«. I. Wall^ile n. Nummer IUI. Wien, 7. Oktober 1894. III. Jahrgang. ^uden und Deutsch-Nationale.! (^rigiiial-Mitthkiluiig d«S „Freie» Blatter".) ' * A»S Mähre», I. Lclober. Unter die Errungenschaften, welche die sogenannten Deutsch- Nationalen niederen, höheren und allerhöchsten GradeS, von den Dreißigpercentigen bis zu den Hundertpercentigen aufwärts, in ihrer „volklichen Arbeit" aufzuweisen haben, gehört obenan die Thatsache, in dem so stillsrieden Marchlande die „Judenfrage" ins Rollen gebracht zu haben. Allerdings sind vorderhand die er» warteten Erfolge anSgeblieben, und es sprechen sehr viele Anzeichen dafür,- daß auch im Mährerland für die antisemitische GlückseligkcitSlehre ein» für allemal kein Grund und Boden zu finden ist. Herr Schönerer, dessen Frau von einem Juden Namens Schmul Leeb Kohn auö Pohrlitz in Mähren abstammt, hatte mit seiner Antisemitenfahrt ins Mährerland vor drei Jahren den Erfolg, daß sich kein Wirth fand, der ihm sein Gasthaus zur Berfügung stellte, und zwar innerhalb, der Gemarkungen einer deutschen Stadl. Die mit den Deutsch-Nationalen Hand in Hand gehenden Be, strcbungen der tschechischen Agitatoren Mährens können auch keine besseren Erfolge aufweisen. Der von tschechischer Seite mit vielen Mitteln insccnirte Judcnboycott machte im Ganzen und Großen ein erbärmliches FiaSco. Die Märkte werden nach wie vor von „Kaufleuten" beschickt, eS wird nach wie vor verkauft und gekauft, j und kein Mensch fragt danach, ob der Käufer oder Verkäufer christlicher^ oder jüdischer Eonfession ist. Das mehr als tausendjährige Zusammenleben der christlichen Bevölkerung Mährens mit den jüdischen Milbürgern hat ein gesellschaftliches Verhältniß geschaffen, das sich eben nicht durch die erstbeste Agitation außer Rand und Band bringen läßt. Daß dieses gute Verhältniß trotz aller noch so heimtückischen, mitunter niederträchtigen, verabscheuungswürdigen Agitationen fortbesteht, dafür gebührt in erster Linie dem ruhigen Charakter deö MährerS deutscher und slavischer Nationalität Dank. Das wüste Gejohle der Antisemiten deutscher und slavischer Zunge, das in dem Inden den Volksauöbcuter und VolkSschädiger sjv/7,v stigmalisircn will, findet in der Bevölkerung Mährens keinen. Wiederhall. Mähren besitzt nämlich, zum Unglück für die antisemitischen Agitatoren, eine so ehrliche Judenschaft, daß gegen dieselbe sich keine ernste Klage erheben läßt. Das einzige Moment, das derselben vorgeworfen werden könnte, natürlich nicht von unS, sondern allenfalls von slavischen Agitatoren, wäre dies, daß die mährischen Juden allen Verlockungöversnchrn der slavischen Partei gegenüber stets deutsch geblieben sind, und zwar deutsch, so unverfälscht deutsch, wie eS die sogenannten Deutsch-Nationalen niemals waren. Der mährische Deutsche jüdischer Eonfession hat niemals um seines persönlichen oder confessionellen VorthcileS willen sich den vom Deutschenhaß durchtränktcn Satzungen deS slavischen JunghussitiSmuS unterworfen. Den deutsch-nationalen Zwittern, die sich im Schatten der „slavischen Linde" unter Umständen ganz behaglich fühlen könnten, läßt sich dies nicht nachsagen. Der Geist der Negation um jeden Preis, der die Deutsch-Nationalen krankhafterweise beseelt, hat bi« jetzt nur bewirkt, daß die tschechische Partei Mährens einen Vortheil über den anderen ergattert hat. Die allerdings noch etwa« verschämte Art, in der man den | deutschen Juden Mährens seitens der Deutsch Nationalen alles > Ungemach in die Schuhe zu schieben versucht, gehört zu den famosen Minirkünsten jeder dcstructivcu Partei. Wir erlauben uns an die Deutsch-Nationalen aller Eoalcnrs nur eine Frage: WaS soll aus den Deutschen Mährens werde»,.. wenn einmal euere Verhetzungsarbeit wirkliche Erfolge Hütte, wenn die deutschen Juden dieses Landes, der infamen Beleidigungen der „arischen" Deutschen müoe, sich in politischen Dingen entweder ganz passivverhalten oder gar ins slavische Lager übergehen, woselbst sie (vide Böhmen), sobald sie die Tschamara an gezogen, die freundlichste und höflichste Aufnühinc finden? Die Herren, welche so vollgewallig national aufbranse», wenn in einer deutschen Gemeinde ein slavischer Diurnist mit $5 Kreuzern Diäten ausgenommen wird, wären da bereit, mir nichts, dir nichts, einer antisemitischen Marotte zuliebe, die Deutschen Mährens preiszugeben. Ja freilich, der Jude ist ihrer Ansicht nach kein Deutsch-Nationaler, kein Deutscher überhaupt. Börne, der sich um die deutsche 'Nation größere Verdienste erworben als alle heutigen Antisemitenfuhrcr, sagte seinerzeit, daß rechtliche Gründe für die Gleichstellung der Juden aufbringen, eine überflüssige Arbeit geworden sei, weil sie vor dem Richterstuhle deö Vernunflurtheilcs keiner Beweisführung mehr bedürfe. Den mährischen und anderweitige» Antisemiten "seien diese Worte zur Beherzigung empfohlen.' II—ehe. Die Affiliirteii der Antisemiten. Die Macht jenes Ordens, der nach dem Geständnisse hervorragender Mitglieder desselben dem Grundsätze huldigt: „Dcr Zwcck heiligt die Mittel", liegt nicht so sehr in der ttraftfüllc, die er selbst in sich birgt, als in dem wcrkthäiigcn Beistände, den er von jener Schaar erhält, die sich aus den verschiedensten Gescllschasts- und Berufsclassen recruli.rt, ohne ihm offen und vor aller Welt anzugehören. Man' neNnt sie die Affiliirlcn dieses OrdenS. Die Zeichen der Zeit mit geübtem Blicke erkennend, versteht er es, die Elemente herauszufindcn, welch» bewußt oder.unbewußt ihin zur Erreichung seiner Ziele zu verhelfen vermögen. Sie sind ebenso in den Niederungen wie in den Höhen der gesellschaftliche» Stufenleiter'zu finden. Keine Veränderung im soeialen wie.im staatlichen Leben findet ihn daher unvorbereitet; er braucht bloß eine Diversion in der Wahl oder im Gebrauche scklrer Mittel vorzunehmen, um in der Neugestaltung der Dinge sich zurecht - zufinden. „Tempo,-a miitantiir et »os imitaimir in illis“ gilt für ihn als Leitstern seines Verhaltens. Ob die Staatsform eine autokratische, constitutionell-monarchische oder republikanische ist, ihn ficht das nicht weiter an; seine Suche geht nur nach den den Verhältnissen entsprechenden Hilfsürganen. Es kommt ihm hiebei nicht darauf an, welcher Art diese sind, wenn sie nur seinen Zwecken diene». „Xon ölet“ ist auch hierin sein Grundsatz. Selbst der Glaubensunterschied bildet für ihn in solchen Fällen keinen Grund zur Abstehung. Unterhält doch der fürstliche Zögling deö Kalks - burger EonvictS freundliche Beziehungen zu den Dunkelmännern mosaischen Glaubens, wie die'Eiferer gegen die kirchenholilischcn Gesetzesvorlagen in Ungarn sich Arm in Arm mit den dortigen | hyperorthodoxen Juden befinden. '