Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 130 (30.9.1894)
- Date
- 1894-09-30
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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.freie» Blatt. Nr. IM. solcher Hartnäckigkeit auf ihren Willen bestanden. 7'eije wie ein Schatten schlich sie im Zimmer auf und ab; sie schien mit sich zu kämpfen. Lange ging sie hin und her und wagte nicht ihn anzureden; endlich hatte sie einen Entschluß gefaßt. Sie blieb stehen hinter dem Lehn stuhl, in dem er saß; eine sanfte Hand legte sich ihm auf die Schulter und eine Stimme gar liebevoll nannte mit Zärtlichkeit den "Namen: „Emanuel". Der aus seinen trübsinnigen Betrachtungen aufgeschreckte Mann hob den gesenkten Kopf in die Höhe, bog sich »ach rückwärts und sei» Auge ward getroffen von dem freundlichen Blicke seiner Frau, die sich jetzt ans die Armlehne des SesielS stützte, so daß er zu ihr empor schauen mußte. „Emanuel!" wiederholte sie nochmals mit der ganzen Zärtlichkeit ihres tief fühlenden Herzens. „WaS willst Du, Jetti?" fragte der Mann. „Wollen wir ihn wieder heim kommen lasten?" * „Wen?" „Wen? Du fragst? 'Jfim, wen anders, als ohne den wir Beide nicht leben können. „Nicht leben können!" sagte Emanuel. „So etwa» darf ein Mensch gar nicht sagen! Gott soll hüten vor Allem, was der Mensch können muß!" Bei diesen Worten stand er von dem Sessel auf und ging einigemale durchs Zimmer auf und nieder, gleich als ob er mit einem Gedanken, der ihm lange im Kopfe hin- und hergegangen, plötzlich fertig geworden wäre. „So ist es nicht dieses?" fragte die Fra». „Ich Hab' i» diesem Augenblick an ihn gar nicht gedacht," gab er zur Antwort. „Was ist eS denn aber, was Dich drückt?" fragte sie ängstlich. „Der leidige Proceß," sagte er, „der wird mich »och krank machen." , f „Geld verloren, nichts verloren!" tröstete ih» die Kran; er aber sagte darauf: „Wie redest Du nur? Als ob Du mich nicht kenntest Ist eS mir denn um das Geld zu thun? Du weißt ja doch, was aus dem Spiele steht! Geld verloren, nichts verloren; aber Ehre verloren, Alleverloren!" „Hast Du den Proceß verloren?" fragte sie bestürzt. „Noch nicht," sagte er, „aber die allernächste Zeit wird die Ent scheidung bringen; und wenn ich de» Proceß verliere; so ist nuin Pater im Grabe geschändet, ich stehe als der Sohn eines Betrügers da, und mit mir leidet die ganze .Gaste'. Tu weißt es ja,'wenn Einer von uns fehlt, wie sie es gleich nnS Allen zurechnen. Bei ihnen mag Einer auch etwas »och so Schlechtes thun, wird es immer nur dem Einen zugerecynet, der es gethan hat. Wir aber werden immer Alle für Einen verantwortlich gemacht." „Aber der Eine bist. Du ja nicht," sagte sie mit Entrüstung. „Das weißt Du," sagte er. „und ich; aber wen» ich de» Proceß verliere, so bin ich's und dann heißt es: die Juden!" „Ich hoffe. Du wirst den Proceß nicht verlieren," sagte die Frau. „Ich hoffe. Tu wirst ihn gewinnen! Du bist ja im Recht!". „Das meint der Advocat auch," erwiderte er, „aber, weißt Tn, wie der Rabbi Baruch Fränkel immer gesagt hat? Weil Du gerecht bist, wirst Du verlieren!" Glücklicherweise hatte sich die paradore Behauptung des berühmten Rabbi Baruch Frankel nicht bewährt. Tie Entscheidung kam und sie war zu Gunsten deS Emanuel Stöhn ausgefallen. (Fortsetzung folgt,) Der: „ewige Jude Londons^. An der Ecke einer der über die Themse führenden Brücken pflegte man viele Jahre einen alten jüdischen Bettler zu sehen, eine elende, gebrechliche Gestalt mit einem Barte weiß wie Schnee und halb erloschenen Augen. Sein Anblick erweckte bei den Borübergehenden stets Mitleid, und fast Niemand unterließ eS, ihm eine kleine Gabe zu reichen. Die Einen nannten ihn John Mudley, die Anderen „den ewigen Juden Londons", eine Anspielung auf die merkwürdigen Erlebniffe dieses Unglücklichen. John Mudley, „der ewige Jude Londons", lebt nicht mehr. Bor- Jahren begrub man seinen Leib auf dem jüdischen Friedhofe, und hinter seiner Bahre gingen der Oberrabbiner von London und viele der angesehensten Bewohner der City. Woher das prächtige Begräbniß diese- Bettlers? Seine absonderlichen Schicksale, die ihm den abenteuerlichen Namen „ewiger- Jude" eintrugen, erklären diese allgemeine Ehrung. John Mudley war ein Jude aus fernen und hieß eigentlich ^eite!>. " Abraham ben Zadok. Bor ungefähr 70 Jahren lebte er im Hause ,seiner Eltern im Kreise sechs blübender Brüder und Schwestern. Erwuchs mitten in orientalischem Ueberfluß heran, als das ganze Glück seiner Jugend mit eineinmale. vcniiclyct und ihm Alles, was ihm theuer war, geraubt wurde. Der Pascha seines HeimatSorteS befahl in einem Anfalle üblen Humors, die Juden auSzuplünderiz,' zu vertreibe» und zu ermorden. Die ihres Meisters würdige» Moslemim beeilten sich, diese» „gottgefälligen" Befehl anSznführen Unser Jung ling verlor bei dem Blutbade den Bater, die Mutter und seine ganze Familie. | Er selbst, fast wahnsinnig vo.r Berzweiflnng, irrte mehrere Tage am Meeresufer, bis .der Eapitän eines englische» Schisses ihn aus Teck nahm. "Nachdem er während der Uebersahrt eine schivere Krankheit Überstande», gewann Zadok zugleich mit der.«Gesundheit seine jugendliche Energie wieder. Er fand ans dem Schine sehr viele Theilnahme für sein Unglück, begann sich mit seinem traurigen Lose ansznsöhnen, und-die, Lust zum Leben kehrte atlmälig wieder in seine Brust ein. Daö Schiss landete aus der Themse, und nufer Zadok stand in London iiiit einige» Pfund Sterling in der Tasche und einigen praktischen Regeln im Kopfe. Diese lauteten r „Wer arbeitet, geht in England nicht zugrunde. Wen» das Eine nicht gelingt, muß liitfli eö mit bfiit Anderen probiren. Nur derjenige, welcher;» sich selber daö Bertrauen verliert, ist verloren. Zeit ist Geld." Der eilte Zadok hatte in Sninrna mit Früchte» gehandelt; sein Sohn verstand sich ein wenig, auf dieses Geschäft, kaufte daher ein Körbchen mit Südfrüchte» und stellte sich .auf die Themsebrücke. Die malerische oricntalisclp: Tracht, welche der Jüngling beibehalte» hatte, seine schöne», regelmäßigen Züge, veredelt durch den Ausdruck tiefer Melancholie nnd belebt durch ei» Paar schwarzer, blitzender Angen, machten ihn zu einer höchst inter cssanten Erscheinung. Dies erfuhr auch eine von den schöne» Ladies, welche in einer stolzen Earosse vorüberfuhr.., Tie jn den Damastkissen ruhende Dame wurde ivie elekirisiit, als sie ihn erblickte. Mplad» ließ halten, leerte daS Körbchen des Jünglings und bezahlte den dovpelten Preis. Zadok freute sich des seltenen Glückes. Myladn fuhr jede» Tag' vorbei und schaute mehr in die schwarzen Augen des Jünglings als ans seine Waare, für die sie so ihener zahlte. Zadok Hane schon in seinem Baterlande von dieser Gattung angenehmer Abenteuer gehört. Er segnete daher von Herzen „die schöne Prinzessin" und sah sie immer zärtlicher a»,- je häufiger sie kam, und sie kam mit so häutiger, je zärtlicher er sie mit seine» magischen Augen anblickie, und je schöner ihn die Röthe erscheinen ließ, mit der sich seine Wangen bei ihrem Kommen färbten, um so dankbarer war daS Lächeln, das um ihre» Mund spielte. \ Zadok luirtbe in K nrzem ein vermögender Manu und verkaufte in einem kleinen Borrathslade» seine Südfrüchte. Seine Waare war immer ausgezeichnet, den» er wußte, daß er vornehme .Käufer hakte. Die schöne Fürstin brachte das «Geschäft des Jünglings 'in Mode, und Zadok fing an, reich zu werden. Mit dem wachsenden Glücke wurde er auch kühner, und er erlaubte sich einst, gewissermaßen aus Dankbarkeit eines übervollen Herzen, die Hand der schönen Fürstin zu drücken. Ein hochbeiniger Engländer, welcher plötzlich an der Seite der schönen Dame erschien, hatte 'diese Bertranlichkeit bemerkt. Die Lad» gerieth in Verlegenheit, der Engländer blieb ruhig. Er gab ihr artig den Arm, und'Beide eytsernten sich Roch in derselbe» Nacht wurde der gute Zadok überfallen, geknebelt, durchgebläut, und mit TageSgrauen sah er. sich ans offener See. Sein reinlicher, gntgeordneter Laden, die schöne, gütige Fürstin, Reichthum, Alles war verschwunden wie ein schöner Traum. Der Schissscapitän kam in seine Eajüte und sagte: „Zadok, die Fesseln werden dir abgenommen werden: es wird dir freistehen-, dich ans dem Schisse zu bewegen, wie. jedem anderen Passagier, deine Bcdürfnisse werden befriedigt werden, aber hüte dich. Jemandem zu ossenbaren, was mit dir vorging und daß <du nicht freiwillig da bist. Sprichst du ein Wort davon, so wäre das dein Tod — du verstehst mich?" Zwei Jahre verbrächte er 70 in seinem schwimmenden Gefängnisse. Eines Abends — eS war nicht weit von irgend einem Hafen — überfiel ihn ungewöhnlicherweise ein starker Schlaf. Er fühlte sich indemselben plötzlich sehr stark gerüttelt, mit Mühe öffnete er' die Augen nnd, kaum imstande, die ihn umgebenden Dinge zu erkennen, glaubte er, daß ihn irgend ein Traumbild neckt. Er schließt die Angen wieder, das Rütteln wird noch heftiger. Er kommt endlich zum vollen Be wußtsein und sieht, daß er auf einem Straßentroltoir liegt nnd vor ihm ein Polizeimann steht, welcher ihn an der Schulter rüttelt und unausgesetzt ruft: „Betrunkener!" Er muß auf die Polizei wandern. Er versichert freilich, daß er sich nicht erinnere, Bier oder Wein getrunken zu haben, aber der