Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 130 (30.9.1894)
- Date
- 1894-09-30
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Freie» Blatt. Nr. 130. en sei der MoseS doch ein und mache sich mit seinem habe nichts gesagt und Was ihn selbst angehe, der Arbeit nie so nnunter - leugnen konnte: allein er meinte, im Gan naseweiser und sehr vorlauter Judenbub ewigen Warum und Wie und Weshalb fei r lästig. Der Meister aber verwies dem Gesellen diese Lieblosigkeit uni> sagte, der MoseS sei ein gescheiter, aufgeweckter Bursche, und er nichts gefragt, was man tadeln könnte, meinte der Meister, so habe er sich bei und aufgelegt gefühlt wie heute, und das habe einzig und allein Moses bewirkt durch seine gescheiten Frag in und Bemerkungen, mit denen er wohl auch noch einen ganz Andern als einen einfachen Töpfermeister auS der Fassung bringen könnte. Der könnt' ja über die Bibel mit einem Pfarrer reden! Kurz, »einte der Meister, er freue sich recht sehr, den MoseS von nun an noch fleißig bei sich und auch wieder auf der Thürschwelle dem Ofen gegenüber zu sehen. HanS seinerseits hätte gegen das Lob, welches dem Knaben hier ertheilt wurde, nichts einzuwenden gehabt, wenn nur nicht auch Genofka so mit voller Seele in dasselbe eingestimmt hätte. Der Meister mochte den Knaben bis in den Himmel erheben, das war dem Gesellen gleichgiltig,' aber jedes Wort des Lobes, daS von ihren Lippen kam, gab ihm förmlich einen Stich ins Herz. Er konnte sich aber nicht helfen und mußte geschehen lasten, was er zu hindern nicht vermocht. Denn in der Tbat kam MoseS seit dem Tage, da ihn der Meister bei sich eingeführk, fast jeden Abend in seinen freien Stunden in die Werkstütte, um entweder der ihm so lieb gewordenen Hantierung zuzusehen oder mit dem Meister zu plaudern, und was für den Gesellen hiebei das Allerbedenklichste war, das konnte man leicht merken, es war der Umstand, daß auch Genofka, welche für das Abendmahl in der Küche nicht so viel Zeit brauchte wie für das Mittagmahl, an den Gesprächen, zwischen ihrem Bater und Moses immer mehr Antheil nahm und zu den Bemerkungen, die er machte, häufig genug ihren Beifall zu erkennen gab. Mebr als je machte sie sich jetzt, wenn Moses anwesend war, in der Werkstätte zu schasten, räumte bald dieses dahin, jenes dorthin,' gerade so, als ob kein Ding an seinem rechten Platze wäre; nach und nach war aber die anfängliche 'Schüchternheit einem ganz -freien, heiteren und unbefangenen Berkehr gewichen. Hans hätte manchmal, ivenn er merkte, daß sie absichtlich hereinkam, nur um mit Moses zu plaudern, obwohl sie fdnst eben da nichts zu thun hatte, vor Wuth 'bersten können, und doch hatte er kein Recht, ihr darüber auch nur den leisesten Borwurf zu machen. Genofka hatte keine Ahnung davon, daß ne durch ihren unbefangenen Berkehr mit MoseS einen stämmigen zwanzigjährigen Burschen auf einen zwölfjährigen Knaben eifersüchtig gemacht. Ein einziger Trost war dem Gesellen geblieben. Bon all der Oual, die ihm durch Moses bereitet worden war, mußte er mit dem heranrückenden Herbste befreit werden. Ta Moses für die Studien bestimmt war. so mußte er den Heimatsort verlaffen und mit den Besuchen in der Werkstätte batte es dann ein Ende. „Aus den Augen, aus dem Sinn!" dachte Hans, und wenn der Judenbub erst einmal fort ist, dann werde auch Genofka sich ändern. Auch Moses, wie gerne er die Tövferwerkstätte besuchte, sah der Zeit, die ihn seiner Bestimmung zuführen sollte, hoffnungsvoll entgegen: noch stand aber die Juni-Sonne hoch am Himmel und bis jum Lckober, dem Beginn des neuen Schuljahres, hatte es noch feine gute Weile. In dieser Zwischenzeit mußte der Knabe fähig gemacht werden, ^die Prüfung aus der dritten Hauptschulclaste abzulegen, weil er ohne diele ins Gymnasium nicht eintreten konnte. Ein junger Mann auS dem benachbarten Städtchen, Simion Deutschländer, über den man erfabren batte, daß er schon manchen Knaben zu einer solchen Prüfung ge'ührr, wurde ausgenommen, Moses den bezüglichen Unterricht zu ertheileu, und dieser Bersuch war von dem besten Erfolge begleitet. Die Zrik verging, uud als die Blätter ansingen sich gelb zu färben und -er Herbstwind durch die Stoppelfelder fuhr, hatte Moses die Prüfung at gelegt unk man brachte ihn aurS Gymnasium. V. D er l-a:er batte in Wien mannigfache Geschäftsverbindungen; deshalb reg er c*- vor, den Knaben nach der Kaiserstadt zu bringen, als auf das t^ymnasium in dem nahe gelegenen Nikolsburg. Durch seine geschäsilichen Beziehungen zu einigen Wiener Häusern war Emanuel Kohü genörhigt, die Residenzstadt einigemale des Jahres zu besuchen, uud so verlor er doch den Knaben nicht gan; auS den Augen. Als MoseS von der Heimat Weggehen und sich von der Mutter verabschieden sollte, sagte die Magd, die eben das Zimmer aufräumte, zu der Frau Jeni Kohn: „Sehn Sie sich .ihn jetzt gut an, den Moses, Frau Kohn! Wie er jetzt weggeht von Ihnen, g'hört er Ihnen nicht mehr an!" — „Dumme Person!" Halle die Mutter darauf geantwortet und entließ den Knaben, den der Vater wegführen sollte, aus ihren Armen. Und nachdem er gegangen war, da war es ihr so öde und leer in den Zimmern, die bisher der Knabe so belebt hatte. So lange von der Abreise des Knaben bloß gesprochen wurde und sie die Vorbereitungen für dieselbe traf, hatte die gute Frau noch keine Ahnung davon, was es für eine Mutter bedeute, ein geliebtes Kind in die Fremde zu schicken. Niemals war ihr früher ihre Wohnung so groß erschienen wie jetzt. Sie ging aus einem Zimmer in das andere und konnte in keinem die nöthige Ruhe finden, und die Worte der Magd, die sie „dumme Person" gescholten hatte, wollten ihr nicht auS dem Sinn. Mittlerweile war Moses in Wien bei einer Familie untergebracht, welche dem Hause des Herrn Rosenthal, einem Geschäftsfreunde des Emanuel Kohn, genau bekannt war, und befand sich, wie Herr Kohn nach der Rückkehr von Wien seiner Frau versicherte, in den besten Händen. In diese Zeit der ersten Abwesenheit des Knaben fiel ein für das Haus Kohn wichtiges Ereigniß; es war dies die Entscheidung eines langwierigen Proeeffes, der dem sonst so glücklichen Geschäftsmanne manche schlaflose Nacht gekostet hatte. Emanuels Bater, Nathan Kohn, war zu dem Pächter des herrschaftlichen Meierhofes in geschäftlichen Beziehungen gestanden. Dieser Pächter war ein gutmüthiger Mann, aber eigensinnig; wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, war eS keine leichte Sache, ihn davon abzubringen. Da geschah eS einmal, daß er sich bei einem Geschäfte, das er mit Nathan Kohn abgeschloffen hatte, von diesem übervortheilt glaubte. In dieser Meinung, daß er von, dem Juden betrogen worden sei, verweigerte er, als die Zeit herankam, die Zahlung der Summe, welche Nathan Kohn zu fordern hatte und nannte den Juden einen Betrüger. Dies führte zu einem Proeeffe, deffen Ende Nathan Kohn nicht erlebte und der von - dem Sohne weiter geführt werden mußte. Emanuel Kohn war reich genug, den Verlust jener Summe Geldes zu ertragen; aber nicht dieser Verlust, falls er den Proeeß verlieren sollte, war es, was ihm so manche Stunde verbitterte; was ihn schmerzte, war daS Unrecht, welches sejnem Vater yon dem Pächter zugefügt worden, und dies empörte ihn in innerster Seele. Hätte es sich bloß um das Geld gehandelt, so würde er sich zu einem gütlichen Ausgleiche herbeigelaffen haben, ja er hätte diesen selbst angestrebt; aber wie die Sachen nun einmal standen, konnte von einem Ausgleich keine Rede sein. Emanuel Kohn war in die Geschäfte seines Vaters völlig eingeweiht, er wußte genau, um was es sich bei dem Abschluffe deS Geschäftes mit dem Pächter 'gehandelt und welches der Jrrthum war, in dem der Pächter sich befand. Den Makel deS Betrügers hätte er bei einem gütlichen Ausgleich von dem Andenken seines VaterS nicht weggewischt; er mußte also dem Proeeffe seinen Lauf lassen. Das Urtheil des Gerichtes mußte zeigen, daß sein Vater in vollem Rechte gewesen; einzig uud allein daS Gericht konnte den Vater im Grabe noch von dem Schimpfe befreien, welchen der Pächter ihm durch den Vorwurf des Betruges zugefügt hatte. -. Mittlerweile war vor Beendigung des ProeeffeS auch der Pächter gestorben und der Sohn des Pächters befand ^ich nun diesem Proeeffe gegenüber in derselben Lage wie sein Gegner. Die Väter hatten den Proeeß begonnen und die Söhne führten if)nj weiter. Für Emanuel Kohn war die Fortführung des Proeeffes eine Herzenssache, ihm war es dabei um nichts zu thun, als die Ehre des Vaters zu retten; nicht also stand eS auf der Seite des Gegners. Der Pächterssohn war ' leichtsinnig und hatte iu wenigen Jahren fast Alles verschwendet, was der Bater in vielen Jahren durchs kluge Bewirthschaftung deS Gutes erspart hatte; für ihn gestaltete sich dieser Proeeß daher zu einer Existenzfrage. Wenn er zur Zahlung der Summe und der aufgelaufenen Gerichtskosten verurtheilt wurde, war er ein ruinirter Mann. So standen die Dinge, als eines Tages Emanuel Kohn von seinem Advoeaten einen Brief erhielt, worin ihm die Entscheidung in seiner Proeeßangelegenheit contra Herrn von Birkenfeld für die allernächste Zeit in Aussicht gestellt wurde; zu wessen Gunsten, das war die große Frage, denn gerade hierüber hatte der Advoeat nichts Bestimmtes ersahren können. Ich hoffe, wir siegen, schrieb der Advoeat, denn unsere Sache ist eine gerechte. Diese Mittheilungen versetzten den sonst so ruhigen Mann einigermaßen in Unruhe, und er konnte, als er deS Abends bei seiner Frau im Zimmer saß, der düsteren Stimmung, die sich seiner bemächtigt hatte, nicht Herr werden; und nicht wie sonst saß er da im traulichen Gespräche mit seiner Frau, sondern schweigend und sorgenvoll das Haupt auf die Hand gestützt. / Seine Frau mißdeutete diese Stimmung völlig, indem sie die Ursache derselben in einer ganz anderen Richtung suchte, als wo dieselbe wirklich lag. Für sie bestand kein Zweifel, eS sei die Entfernung deS Knaben aus dem Elternhause, waS ihm Kummer bereite; sie fühlte Mitleid mit ihm und machte sich im Stillen Vorwürfe, daß sie mit