Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 130 (30.9.1894)
- Date
- 1894-09-30
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Freies Statt. Nr. 180 Seite I" Vertreter der heiligen Hermandad hält ihn noch immer für betrunken unddrängt ihn, mit ihm zu gehen. , „Aber wo bin ich denn eigentlich?" fragt er endlich in begreiflichem Erstaunen. „In London" — lautete die Antwort. „In London?!" ruft Zadok, indem das Blut ihm wie ein Strom ins Gesicht schießt. Tausend süße Erinnerungen regen sich in seinem Herzen, Gedanken nach Rache, die er mühsam bis nun unterdrückt hatte, entstehen plötzlich in seiner Seele. .London!" wiederholt er mit einem Ausdruck unaussprechlichen Schmerzes und unermeßlicher Freude zugleich. „Ich bin also wieder auf jener dreimal heiligen Erde, wo Gerechtigkeit herrscht. Ja, Mensch, Eure Gesetze sind gerecht, mit der Hand Gottes sind sie in Eure Herzen wie die heiligen Gebote in die diamantenen Tafeln Moses cingegraben. Gerechtigkeit! Meine Seele dürstet nach ihr wie der Blinde nach Licht, sie wird zerschmettern meine stolzen Peiniger, und wenn dieselben aus den höchsten Höhen des Lebens wandeln, wenn sie so mächtig wären wie Pharaö, denn Euer Gesetz ist gerecht wie Gott!" Zadok hatte nicht mehr nöthig sein Loos geheim zu halten, er erzählte cs also, erzählte Alles ‘ einzeln und mit feurigem Eifer, ohne sich um die verwunderten Blicke und das bedeutungsvolle Kopfschütteln des Polizeimannes zu kümmern. „Und wie heißt denn dieser Lord?" fragte endlich der ein schweres Verbrechen erfahrende Engländer mit der des Repräsentanten der öffentlichen Sicherheit würdigen Ruhe. Wenn die Erde vor ihm versunken wäre, Hütte diese Katastrophe keinen schrecklicheren Eindruck auf ihn gemacht, als diese wenigen Worte. Bleich und wie versteinert stand Zadok da, denn erst jetzt erkannte er, daß er. niemals auch nur nach dem Rainen der „schönen Prinzessin" gefragt hatte, und daß ihm die Möglichkeit fehle, den Namen jenes Mannes zu erfahren, dem er unverbrüchliche Rache geschworen hatte. Zadok war jedoch nicht ein Mensch, der sich durch solche Schwierigkeiten abschrecken ließ. Er kannte die Orte, wo die großen Herren sich in wichtigen Angelegenheiten oder zur fröhlichen Unterhaltung zu versammeln pflegten. An einem dieser. Orte mußte er denjenigen finden, welchen er so unaussprechlich haßte, oder diejenige, welche er so sehr liebte. Als man ihn Tags darauf frei ließ, begann er sogleich seine Nachforschungen, er durchlief alle ösfcutlichcn Gürten, alle Unterhaltungsörtc, stand ganze Tage vor dem Eingang des Parlaments, harrend,, ob er nicht komoie. Vergebene Mühe! Da hörte er von eineni Wettrennen, welches in der Nähe Londons stattsinden sollte, lief hin — und der Erste, den er dort erblickte, war jener Schreckliche, der mit so kalter Bosheit sein Glück zerstört hatte. Zadok erzitterte vor Zorn. Im ersten Augenblick wollte er sich aus ihn werfen und die Rückgabe seines Glückes von ihm fordern, aber der Lord sah auf ihn mit so eisiger Ruhe, daß er sich unwillkürlich an dje Strenge der englischen Gesetze erinnerte. Er mußte sich daher begnügen, unaufhörlich seinem Feinde zu folgen, bis er besten Namen erfahren könnte. An den ersten Eonstabler, an dem sie vorbcigingen, wandte er sich mit der Frage: „Kennen Sie diesen Herrn?"" „Ja," erwiderte der Sicherheilsmann, „das ist der Prinz . . . ., der Verwandte des Ministers . . . ." Jeden Anderen würden diese Worte aus seinem Wahne geriffcn haben, nicht aber Zadok. „Und wenn es der König selber wäre," ries er. „Euer Gesetz wird ihn crfasten, denn es ist gerecht wie Gottj!" Rach London zurückgekehrt, eilte Zadok zu einem aus seinen besseren Tagen ihm bekannten Advocaten, erzählte ihm seine Geschichte und verlangte, daß er eine Klage bei Gericht gegen den Prinzen .... iiberrcichc. Tcr Advocat hörte ihn ruhig an, machte ruhig seine Notizen und ..-sprach dem Armen Genugthuung. In der Thal wurde -in aller >c kuesor»! .dem Prinzen .... der. Proceß gemacht, der damit en d'gi-', daß Zadok für wahnsinnig erklärt und ins Irrenhaus geschickt wurec. Glückes sollte voll werden,, das Schicksal schien ihn fürwahr mit beiden Händen für daS frühere Mißgeschick > ntschädigen zu wollen. Er erhielt die Nachricht, daß sein Oheim in Constantinopel gestorben sei und ihm einen bedeutenden Theil seines r csigen Vermögens hinterlassen hatte. Zadok machte sich sofort auf den Weg; den nächsten Tag schon befand er sich auf dem Verdeck eincS nach Constantinopel segelnden Schiffes. Schon sah er die Ufer Afrikas, »ls ein Corsar aus einem Hinterhalte plötzlich das englische Schiff üüerfiel. Der Kampf war heftig, aber die Engländer erlagen dem dämonischen Angriffe der Wüstcnsöhne, und -Zadok gcrieth in Gesang mschaft. Er wurde nach Oran verkauft, wo er 15 Jahre in Sclavvei verlebte. Wer unternimmt es, das Elend dieser 15 Jahre;« schildern? Aber keine Oualcn konnten in Zadok das Sehnen nach Weib und Kind unterdrücken. Mit Lebensgefahr glückte es ihm, seinen Peinigern zu entfliehen, und wieder war es ein englisches <i schiff, das ihn aufnqhm, und wieder erblickte er das gewaltige London. Abev sein Weib ruhte bereits im Grabe, und seine beiden Söhne waren ohne Spur verschwunden. Zadok'kannte kein Schwanken. Tr bereiste daS Land, um feine Söhne zu suchen, und es gelang ihm, den älteren zu finden. Derselbe arbeitete als Sträfling auf den G« «leeren. Mit fchmerzgebrochenem Herzen beschloß Zadok, die alte Welt zu verlassen und nach Amerika zu fahren. Unii noch einmal reichte ihm das Schicksal die freundliche Hand. Es gela ng ihm, in Chicago seinen jüngeren Sohn in glänzenden Verhältnissen zu entdecken. Menah, so hieß derselbe, empfing den Vater mit offenen Armen, vertraute ihm die Leitung seines Geschäftes, und als sie bei ihren weitverzweigten Verbindungen sich um den Nachlaß in Constantinopel zu kümmern begannen, erlangten sie auch diesen. Ein ruhiges, glückliches Alter schien Za)ok cntgegcnzulächeln. Er versöhnte sich auch mit dem älteren Sohn, >er inzwischen die Freiheit erlangt hatte. Da eines Tages erhielten sie die Kunde vom Falliffement eines Handlungshauses in Sacramento, bei dem sie die größere Hälfte ihres Vermögens liegen hatten. Menah begab sich sofort auf den Weg, um wenigstens einen Rest zu rettm. Aber die erste Nachricht, die der Greis erhielt, war die, daß das Schiff, ans welchem sein Sohn sich befand, an einem Felsenriff gescheitert, und daß Menah mit vielen Anderen dabei zugrunde gegangen sei. Und nochmals wurde das Herz deS Unglückseligen zerrissen. Er übergab das Geschäft seinem ältesten Sohne und war gewillt, in Abgeschiedenheit vom Leben seine Tage zu beschießen. Da berichtete man ihm eines Tages, daß sein entarteter Sohn mit den Vermögensresten davongclaufen sei, und daß die zurückgel liebenen Immobilien zur Deckung der Schulden verkauft werden müssen. Ohne ein Wort der Klage verließ der Greis sein Haus. Nur so viel konnte er retten, als zur Erfüllung seines letzten Herzenswunsches nöthig war; er schiffte sich nach London ein, um dort zu lsterben und an der Seite seines Weibes zu ruhen. Der Tod kam jeioch nicht auf seinen Ruf, der Greis schleppte seine Tage dahin, indem Londons bettelte. Vergebens boten ihm G aubensgenofsen Unterhalt. Er wollte Temuth gegen das Schicksal zeigen und den Kelch deS Elends bis zur Neige leeren. Täglich sah Schmutz zusammengekaucrt an der Ecke der hatte imitier einen halbgeöffueteu Mund, sprach aber nie etwas; er saß fast ohne Bewegung, gleichgiltig klein« Gaben annehmend, die man ihm in den Hut warf. Nur Abends «rhob er sich bei Sonnenuntergang, um daS Abendgebet zu sagen. An einem Tage erhob sich der Greis niiht zum Abendgebet, man fand ihn ohne Leben. So endete „der ewige Jude-Londons". Briefkasten der Redcction. rybar. Unerbetene Manuskripte Ä. T., Elisabethstraße. Für uns nicht verwe» werden nicht retournirt. «W.lrr vergingen zwei schreckliche Jahre, während welcher der kaum mehr als zwanzigjährige Jüngling gänzlich ergraute. Man gab U-m endlich die Freiheit, aber «eine Kräne und sein Muth waren gebrorlien. 'Roch aber war sein Geschick nicht erfüllt. Seine Geschichte wurde ruchbar und erwarb ihm das Mitleid seiner Glaubcnsgenoffen, weiche ihn unterstützten, ihm die Möglichkeit gaben, wieder an sich zu denken, uyd langsam kehrte seine Energie zurück. Er begann von Neuem zu arbeiten, die Umstände wurden ihm freundlicher, nochmals lächelte ihm das Glück, er wurde wieder vermögend, ja beinahe reich. Auch die Liebe kam, um ihn zu beglücken. Er verheiratete sich und ' wurde in einigen Jahren mit zwei schönen Knaben gesegnet, welche " den Stolz seines väterlichen Herzens bildeten. Aber das Maß deS I L. P.» Neubau. Daß die anliseinitische Presse von dem Processe, welcher die GelLüslspraxiS eines antisemitischen Gemein »eratbes enthüllt hat, keine Notiz nimmt, kann nicht befremden. Sie otrtufdien Alles, was nicht in den Kram ihrer Brotgeber paßt, diese Herren „Schriftleiter"; sie müssen es lhuii. Gaya. Artikel kommt in nächster Nummer. F. W. Bllwitz. Erwachsene Kinder müsse» i jre Streitigkeiten hübsch unter sich selbst ausmachen und nicht immer zu „Vater i" renne» und dessen Inter vention anrufen. Wer sich aus die Gewalt beruft, viumt durch die Gewalt um. Frage sich nur stet« jeder Jude, ob er selbst wirklich im Kampfe immer auseinem Platze war. Lesen Sie gefälligst den Artikel: „Wer unterstützt die Heupresse?" in unserer letzten Nummer und dpn Artikel „Wehrt Euch!' in Nr. 45 vom 12. Februar 1833! Tr. L. G., Prag. Vollkommen einverstanden. X, Bukarest. Ist wohl nicht so tragisch zu nehme».