Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 130 (30.9.1894)
- Date
- 1894-09-30
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4886575-5439163-5441559--1541-4887987- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 130. Freies Blatt. Seite 7-. muffe. Dem Eintritt« AhlwardtS, de- VertreterdeS enkschiedensten RadicaliSmus, dürsten fiä, jedoch Zimmermann und Liebermänn v. Sonnenberg, der Freund der KreuzzeittingSpartei und Schlcppträger der Großgrundbesitzer, entschieden widersetzen, und so dürste sich denn um die treffliche Person Ahlwardt'S bald ein Streit entzünden, der die geplante Einheit der Antisemiten, noch ehe sie geboren wurde, vernichten könnte. (Ein Dutzend „Maffenversammluugen".) DerGeschäst-antisemit Sedlave k in Berlin hatte zur Stellungnahme in der Frage de- BierboycotlS zwölf „Massenversammlungen" einberufen. I» großen Placaten waren etwa zwanzig Redner angekündigt. Der Verlauf der Versammlungen entsprach aber nicht der pompösen Ankündigung; sie waren durchgehendschwach besucht, und zu mancher hatte sich gar kein Redner eingesunden. Die Vertreter de- „Deutschen Anti» skmitenbundeS" und der „Antisemitischen Vereinigung für Norddeutschland" lehnten schon vorher in einer Erklärung jede Geineinschast mit den „Massenversammlungen" ab und versicherte», daß ihre Namen von den „Deutsch- Socialen" mißbräuchlich auf die Ankündigungen gesetzt worden sind. Mißbräuche dieser Art sind echt antisemitisch. Aus antisemitischen Blättern. (Eia Dementi.) Da- Preßbureau versendet folgendes Communiquv: „Die ,Sonn- und Montag--Zeitung' bringt unter der Ausschrist .Eine Anfrage' die Nachricht, daß von den Richtern de- Wiener Lande-gerichtean den Znstizminister eine Eingabe gerichtet worden sei, in welcher dem Wunsche Ausdruck gegeben worden sein soll, daß die Ernennung des Rathssecretärs Dr. Jacob Kohn zum LandeSgerichtSrathe im Hinblicke aus deffeu Lonsession (Jude) unterbleibe. Wie wir. erfahren, entbehrt diese Behauptung jeder thatsächlichcn Grundlage und ist vollkommen auS der Lust' gegriffen." Die „Deutsche Zeitung" entspricht der Tezidenz, welcher sie jetzt dieveu muß, indem sie an dieses Dementi den „K'keriki"-Witz kilüpst: „Run hat wohl die arme Seele Ruhe. Oder verlangt sie noch eine besondere Jubelku.idgebung der nunmehrigen College» de- Neuernannten?" Allein die Eonvertitin in der Beatrixgaffe macht sich auch eine- Rückfalles schuldig. Sie canstatirl wahrheitsgetreu, daß „bei un» zu Lande bisher jüdische Gerichirbeamte erst, nachdem sie sich halten taufen lassen, zu Richtern vorrllckten". Der armen- „Deutschen Zeitung" füllt eS eben sehr schwer, ihre laugjährige Vergangenheit zu vergeffen. (Dr. Adalbert Falk fein Christ.> Die „Politischen Fragmente" greisen hestig den Erzbischof von Erlau an, weil dieser i» der ungarischen Delegation Uber daS nächste Conclave gesprochen und eine Einflußnahme der österreichisch-ungarische» Regierung auf die nächste Papstwahl verlangt hat. Ta» genannte Antisemitenblatt stellt in seinem gegen den ungarischen Kirchensürsten gerichteten Artikel die Forderung aus, daß sürder die Geistlichkeit einer Diöcese den Oberhirte» wähle, und sagt unter Anderem: „Wenn so vorgegaugen wird, dann wird nicht nur der gläubige Katholik, sondern auch der gläubige Christ überhaupt au die göttliche Jnspiratidn glaube». Daß aber ein weltlicher UnterrichtSminister, der ja gar nicht Christ zu sei» braucht, wie e» ja vor zwanzig Jahre» in Deutschland (Falk) geschihen ist, daß dieser vom heiligen Geiste inspirirt ist, wenn er dem heiligen Vater vorschlägt, welche Persönlichkeit zum Bischof ernannt werden soll, das zlaubt nun heutznlage Niemand mehr, man kann sagen, waS man will, und daher komint auch die Abnahme der Religio», besonder« unter de» Gebildeten." Ob eine Zunahme der Religion stattfinden möchte, wenn z. B. ein i» Wahlfachs» geschickter Pfarrer vom Schlage Scherzer'S seine Erhebung zum Bischof mit Hilfe einer gewiffen Presse durchsetze» würde, inöge dahingestellt bleiben. Wir wollen hier nur hervorheben, daß da» Antisemitenblatt dem ehemalige» preußischen CultuSminister Falk sein Cbristenthum abspricht. Dr. Adalbert Falk, der 1827 al» Sohn eine« schlesischen Pastors geboren worden war, ist aber Zeit seine» Lebenan» der evangelische» Kirche nicht ausgetreten. Er ist niemals ein Jude oder ein Bekenner des JSlam» geworden- Falk kein Christ — ist das Unwissenheit oder wohlberechnete Correctur der Geschichte? (Sehr schlau.) Man schreibt un»: DaS Vergani'sche Blatt thul jetzt' fürchterlich national und betreibt eine Polen- und Slovenenhetze schlimmster Sorte. DaS geschieht aber nicht in Folge eine« stark entwickelten deutschen NationalgefühlS, sonder» bloß zu dem Zwecke, um de» Deutsch-Liberalen Verlegenheiten zu bereiten und die Coalition, welche den Antisemiten trotz ter Rücksicht,- di»' der Herr Handel-minister ihrer Wirthschasispolitik zollt, sehr unbequem ist, de» deutsch-österreichischen Wählern als dem Deutichthum höchst abträglich zu denunciren. Liechtenstein und Schneider, die Schutzpatrone de« Deutschthuin», die Deutsch-Liberalen dagegen deffen Verderber — der Einfall ist sehr schlau. Tie christlich-socialen Muster-Deutschen srateruisire» übrigen« »ach wie vor mit de» Tschechen, und zwei derselben sollen auch bei einer Versammlung, welche zur Gründung eines tschechischen' Schutzvereine» für Mähren und Schlesien nach Kremsier für den 30. d. M. einberusen wurde, brüderlich Mitwirken. Wir glauben nicht, daß irgend ein vcrnüstiger Mensch der Schlaumeierei de« galizi- <chen Urteutschen welscher Abstammung aufsitzen werde. (Theorie und PrariS.) Zu den ständigen Kunden de« Berliner Gewerbegerichte« gehören die Eigenlhüiner und Drucker anliieiniwcher Zeitungen, also diejenigen Leute, die in der Theorie von dem „christlichen Lohn", dem „deutschen Arbeiter" rc. nicht genug rede» können. In der Prari« sieht da« Ding aber etwa» anders au«. Erst klagten die Setzer von Förster'« „Frei-Deutschland" um ihre» wohlverdiente» Loh», der Termin mußte vertagt werden, weil keiner der Herren Truckereibcsitzer der eigentliche Eigenlhüiner sein wollte. Nun ist die antisemitisch-agrarische „Deutsche Tagerzeikung", die paS schöne Motto: „Für deutsche Arbeit in Stadt und Land" am Kov'e trägt, auS dem gleichen Grunde geklagt worden. Auch hier versuchten die angeklagten Eigenthümer allerhand Winkelzuge, sie lehnten alle die Ehre ab, Arbeitgeber der Kläger zu sein. Nicht weniger al« sieben BergleichStermine. standen am 11. b.M. gegen die Firma „Deutsche Tageszeitung" aus dem Terminszettel T ie Arbeiter glauben, jetrt den „richtigen" Arbeitgeber gefaßt zu haben. ., (Pfui!> Zu der Nachricht von dem Selbstmorde eines jüdische?) Berliner Albumsabrikante» bemerkt da» Förster'sche „Frei-Teutichland": „Galt, waS vor ä Unglück! Der arnrr Isidor!" . Und diese« Gesindel spielt sich al» Verfechter der guten Sitte aus! Pfui! Da« ist schamlos. (Schmutzconcurrknz.) Da« „Kasseler SonntagSblati" schreibt in seiner AbonnemenlSriiiladung: „In dem gegenwärtigen Concurrenzkainpf auch aus christlichem Gebiete bitten wir herzlich nicht ab-, sondern zuzubestellen, denn nur Blätter, die die- Wahrheit reden, baden wahren Werth vor Gott und Menschen. Man sucht heute auch von sogenannter christlicher Seite mit viel Lug und Schwindel da» zu erreichen, wa» man aus geradem Wege nicht erreichen kann. Preuße» drängen sich in unserem Hessenlande mit Macht herein: wo sie eigentlich gar nicht« zu suchen habe». Und dann wendat man alle« nur Denkbare an, um für sich Leser zu eewinncn. Bor Lüge und Schrvindcl schrickt man nicht im Geringsten zurück, und daun dankt man nachher Gott dem Herrn, der Alle« so wohl gelingen ließ." Ta» ebenso Preußenal» >udenseindliche Blättchen läßt sich da »in beachten»werlhe« Geständnis! cmschlüpsen. E» ist, geht au« den voranstehenden Aursühruugen klar hervor, eine bewußte Unwahrheit, wenn die antisemitische Presse, wie sie e» gemeiniglich thut. Schmubconcurren, al» eine nur Jude» zur Last fallende \lnfiitc hinstellt. Ta« „Kasseler Sonntag-blait" leidet ja unter Lug und Schwindel seiner christlichen, namentlich preußischen Cvncurrenlen. - (Wechsel de» Parteiorgans.) Tie schwäbischen Antisemiten haben ihr Parteiorgan gewechselt. Bisher war es die „Ulmer Schnellpost", die aber degradirt wurde; ei» Rundschrkiben de» Ausschusses der „Deuts ch-nat'ionalen antisemitische» Partei Württemberg" Erbebt die Berliner „Volksrundschau" zum Parieiblatt und thut kund und;u wissen, daß in Zukunft Anzeigen und Bekanntmachungen in diesem Blalte erscheinen sollen. Wozu schweifen die schwäbischen Antisemitcnsührer in die Ferne? Tie „Ulmer Schnell« post" dürste in ähnlicher Weise wie da» „Kasseler SonntagSblatt" über die preußische Concurrenz Zeter und Mordio schreien. Feuilleton. Die Töpferscheibe. i . Erzählung von Eduard Nullte. ,!>. Fortsetzung.) Moscö konnte seine Freude über dic gci»achlc Entdeckung gar nicht unterdrücken; er sollte aber auch bald genug den Hohn und Spott erdulden, den mancher Entdecker vor ihm schon erduldet hat^ Denn als er Nachmittag» nnedcr zu feinem Lehrer ins „Ehcdcr" kam, sagte er: „Ich weiß es schon, weshalb die Erde auSgcbaucht ist!" „Warum'?" fragten alle Schüler mit dem Lehrer zugleich. - „Weil Gott sie gedreht hat," gab er zur Antwort. „Davon steht nichts geschrieben," sagte der Lehrer. „Wer hat dir so eine Narrethei gesagt'?" und alle Mitschüler höhnten: „Gott hat die Erde gedreht! Gott hat die Erde gedreht!" und lachten ihn aus. Seitdem trug er Scheu, von seiner Entdeckung etwas zu verrathen gnd irgend Jemandem davon Mitthciluug zu machen; innerlich aber machte ihn die gewonnene Einsicht ganz glücklich, und er hatte daS Gefühl, als ob er der reinen, unverschlcicrten Wahrheit inS Angesicht geschaut hätte. In der Töpserwerkstätte wurde, nachdem Moses dieselbe vcrlasien hatte, — über ihn in sehr verschiedener Weise geurthcilt. Genoska, welche sich den Bormittag über größtcntheils in der Küche zu schaffen gemacht und! nichts von dem gehört hatte, was Moses mit ihrem-Sparer gesprossen, faßte ihr Urtheil in die wenigen Worte zusammen, er sei gar gutherzig. Dies habe sich sogleich gezeigt, da er dem Hans, der ihm doch sehr weh gethan, so ganz ohne- Groll entgegen^getretcn. Ties mußte Hans nun allerdings gelten lasten, da er eS ja nicht