Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 130 (30.9.1894)
- Date
- 1894-09-30
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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rette Freies Blatt. beider Richtungen hierauf klargelegl. Neuester Zeit scheint nun aber auch die „Propaganda der That" von den Antisemiten dem Anarchismus entlehnt zu werden. Ter „Frankfurter Zeitungwurde unterm 11. September ans Bauern geschrieben: Jüngst wurde aus Traunstein gemeldet, daß in einem dortigen Hause eine heimlich gelegte, mit Sprengpulver gestillte Blechröhve explodirt sei. Tie Zeitungen legten die That natürlich Anarchisten zur Last. Run stellt sich aber heraus, daß die THüter Antisemiten waren. Der Hausbesitzer sollte ab gehalten werden, .einem israelitischen Kaufmann einen Tatzen einzuräumen. Bor dem Attentat hatte der Hausbesitzer Drohbriese erhalten. — In Rörten (Hannover) erhielt vor einiger Zeit ein Jude solgendes liebenswürdige Schreibebriefchen: „Am Aufträge meiner Genoffen bin ich verpflichtet. Ihnen witzutheilen, was wir über Sie beschworen haben. Hoch die Anarchie! — Binnen Kurzem wird Ihnen großes Unheil widerfahren, ein Theil Ihres Haukewird in die i'uft gekprengk werden Hoch die Anarchie! — Nieder mit den Juden! —" Obwohl dieser Anarchist natürlich seine Epistel anonym geschickt hatte, ist er doch bereits in der Person eines antisemitischen jungen Schreihalses ermittelt worden und sieht einer strengen Bestrafung entgegen. WaS sagt nun der „N o r d b ö h mi s ch e BolkSbote" zu den intimen Beziehungen von Anarchismus und Antisemitismus? Sollte er beiden mehr, als der Wiener social-demokratischen Parteileitung lieb ist, gewogen sein? (Ehrabschneider.) Die Zahl der „Opfer des römischen Rechtes" isi in steter Zunahme begriffen. Wie aus Nürnberg berichtet wird, verurtheilte die dortige Strafkammer den antisemitischen Agitator und Pamphletisten Betterspitz wegen Beleidigung mehrerer Beamten zu sechs Monaten (fk e f ä n g n i ß und verfügte seine sofortige Ber- Kaslung. Au-,^mtiseniitischen Vereinen und Versammlungen. Lueger iu Berlin. «Vorige Woche trat Lueger in einer Berliner Antisemitenveriaminlung auf. Treu seiner lAewochnheit, ad captaudaiu beaevolentiam seiner leweiligeu Zuhörerschaft zu sprechen, belonle er gleich zu Beginn seiner Rede, daß die Äniisemilensraeiion, welcher er jetzt angehizrt, und die sich christlich social "nennt, in consekfioneUer Hinsicht kuidiam sei, und daran keinen Anstoß nehme, daß der eine oder der andere Mitstreiter ein Protestant sei. Ohne von der Wahrheit abzuweichen, baue Lueger in diesem Punkte weilergeben und sich darauf berufen können, daß die Christlich Socialen aus lauter Tuldsamkeit gegenüber de» Protestanten sich Mühe gegeben haben, ans der voll protestantiicher Seite für Wiener Schulet? angeregten Frage des „stummen Gebetes" eine Juden Äffaire zu machen. In der Bekämpfung des Iudenihums liege, wie Llieger sagte, ein gemeinsame» Jnleresie Oesterreichs und Deutschlands, und für alle nationalen Wirre» in Oesterreich-Ungarn machte er die Juden verantwoNlich. Wie werken selbst seine Freunde Hofmann v» Wellenhof und Bianchini lachen, wenn sie dies veinehmen! An der geplante» Errichtung eines slovenischen Unterguninasinnis >» Cllli und an dem Sirene zwischen Italienern und Croaten in Dalmatien sind Juten nicht im Entferntesten betheiligk Ter Galizianer Bergani dürste zwar nicht lachen, weil dergleichen respectwidrig und vom Staiidpunkte des Geschäftes schädlich wäre, aber er weiß doch, daß mit den polnisch ruthenischen Differenzen die Juden nichts gemein baden. Dagegen würde das Zwerchfell eines Diplomaten, der zufälligerweise von der Berliner Rede Lueger'» Kenntniß erhalten sollte, bedenklich erschüttert werden. Ter Dreibund werde von den Juden geschädigt — raisonilirie der Wiener Agitator in der deutschen Meli opole. Iu Ungarn führen ja die Juden da» große Wort. Serben und Rumänen aber dort eine schlechte Behandlung, und diese müffe dem Dreibünde in t» Königreichen Serbien und Rumänien die Sympathien rauben. An der il .t:\iriU;cr Juden für die Politik des Dreibundes könne deinnach nicht . . werden. >d erat dt-moustrandum! Jenes Publicum, welches einem;10,1!l, rnjnbelt, nahm auch die Rede Lueger's, der übrigens nicht bloß : vr ac Ji.doi. und Maguaren eiserie, sondern auch gegen die Social-Demo- ' r-o.i'.d) iuii g. mit großem Beikall auf. Es scheint nameuUich die ^ar'.it.'l! rsl-.r»eich,'chen Christlich Sociale» bewunden zu haben, denen .o,,r ,..il m:o, .ue. alle Instimte angreifen, die „Judennester" seien, I'doch ZU i-lwahun:, daß die Plane zu einer kühnen Offensive für einen;o;. Ii.izuge von Edgar Her manu Geider enkijvorken wurden. Alls den uns ei,e iidcii Berich'»u ist nicht zi. eriehen, ob naht auch bei einem Festmahl zu i’.'.i:; d,r i-J o:;oi Mastis ein Beuichl iervirt nmrde: jidensalls hätte ihn eine iiro Au'me'.l-ani'..: m der Fremde als schöne krinuerung an die liebe Heimat, o i: rchanp.atz 'eine.- velkiichrü Wirkens, i.riir gefreut Eine ..kclalauic Kunügebnng gegen deu Judenlideralismiis".) Unter kie>e:n iiiaiktschreioii'chen Titel beruhtet ein jliiti'eiitilinblall über eine im raale der Wiener Ressource abgeiiallene Kel-lnierversamlung. In derselben erklärte der gewesene Obmann der Krankencaste: „B ir find Antisemiten". Zugleich rühmte er sich feiner Berbindung mit dem Michaniker Schneider. Die Kellner wurden dann von den Herren Geßmann und Greg orig bearbeitet, und zu guierletzt gelangte eine Resolution zur Annahine, welche dei» gewesenen Mitgliedern de» KrankencaffenauSschuffeS das „vollste Vertrauen" votirte. Das war die eclatante Kundgebung gegen den „JudenlibecaliSmuS"; (Te wäre wohl aber noch eclatanter gewesen, wenn man den Beschluß gefaßt hätte, von nun an zur Wahruag der Würde christlich-socialer Reformer alle Trinkgelder von „Judenliberalen" mit jener Höflichkeit und Entschiedenheit, welche das „Bitte sehr, bitte gleich!" zuläßt, zurückzuweisen. (Zur St. Piilteuer Reichsrathswahl.) Am 22 wähl eines ReichsratbSabgeordneten im Landgemeii idebezirke St. Pölten statt. Um allen Wiener Agitatoren der Antisemite» die Möglichkeit zu bieten, schon am Bortage in den Wahlorten ihre Geschäfte zu be fünfzigsten Geburtstages ihre» Wortführers, zu 11 ,elcher sich die Christlich Socialen Wiens rüsten, eine Woche vorher, als bestimmt war, nämlich bereits am 14. October abgehalten werden. Die Agitation n in keinem Falle irgendwie vernachlässigt. Da die ganzen Sommer hindurch müßig waren, während d Nr. 130. von Ort zu O-t zogen, uni die bäuerliche Wählerschaft für ihre Zwecke zu ge October findet die Ersatzird von anti-liberaler Seite Liberalen im Bezirke den e Antisemiten unermüdlich bald in den Besitz des von Er wird e«, wie OrtösterS in der Geschichte der winnen, so dürfte nun der „Sociologe" Sch eich er ihm so sehr ersehnten ReichsrathSmandatS gelangen kundige sagen, nicht zum geringsten Theile der Fahrlässigkeit der Liberalen zu -verdanken haben. (Nemo propheta in patrluch ES ist schon Menschheit vorgekommen, daß Propheten im Heimat lande vervehmt wurden, bei den Antisemistlingen aber, wo der erstbeste Krakehsler sich eine Prophetenrolle anmaßt, gilt der Prophet weder in der Heimat, Tauer etwas. Die leidige Coneurrenz gibt es nicht zu, daß der Weizen einzelner antisemitischer Prophetlinge ausreise und eing -heimst werde. So hat sich z. B. wieder eine der antisemitischen Größen auf kie Strümpfe gemacht. Wir »lüsten dem sauberen Patron die Ehre eines NaczrufeS schenke», um seinen Namen dem Gedächiniste unserer Leser einzuprägenz denn bekanntlich kommen gar nicht spärlich derlei Führer und BolkSbeglücker früher oder später an einer anderen Stätte, sei eS al» glücklichere Speculanten, sei es als Opfer de» römischen Rechtes, wieder zum Borschein. ES handelt sich diesmal um den vielgenannten 'hessischen Bauernkönig, den lieben, braven Tr. Otto Böckel, der vor etwa zwei Wochen i» Langön» bei Gieße» von seinen früheien Gehilfen Hirschel und Köhler schmählich verralhen und vernichtet mordetest. Böckel roch zwar den Braien und beeilte sich, in der Generalversamlniig des „Mitteldeutschen Bauernbundes" auf den Vorsitz zu verzichten Niemand rührte sich, um dem Scheidenden ein freundliches Wort zu sagen. Auf allen Gesichtern zeigte sich Befriedigung über den Entschluß des geehrten Herrn Präsidenten. Solche Einstimmigkeit in der Meinlliig Aller veranlaßte nun den lieben, guten Böckel nochmals zum Aufstehen und zu der Erklärung, er trete au» der antisemitischen Resormpartei au». Energisch klang sein AbschiedSgiuß: „Ich verlasse euch auf Nimmerwiedersehen!" Der Fisch stinkt stoin Kopf, sagt das Sprichwort; wenn man aber einem stinkenden Fisch beki Kops abschneidet, wird der Rumpf darnm noch lange nicht genießbar. Wir zweifeln zwar nicht, daß mit dein Scheide» Böckel'S eine große Reform des „Bauernbundes" eingeleilet fei, . doch glauben wir, daß seine früheren Gehilfen imnierhi» alS würdige Nachfolger zurückbleiben. Wenn Böckel auf Nimmerwiedersehen Abschied nimmt und sich eilendS zur Bahn begibt, so erinnert unS dies an pndere antisemitische Größen gehen, werden sie gegangen, ierkracht so vieler Leuje Zeit inem antisemitischen Unter- R. 8. ) Die Borarbeiten für die utschland zu einer „Deutschan Zerboni, Hron rc. Wenn Antisemistlinge Be, kracht ist die ZaitungSunternehmung Böckel'S, und Geld: nur die Ehre ist nicht verloren, bei nehmen ist keine zu verlieren. (Zur Einigung der deutschen Antisemiteal Einigung sämmtiicher antisemitischer Parteien in Dt u socialen Resormpartei" nehmen nach einer Mittheilung der deutsch-socialen Parteileitung einen hoffnungsvollen Verlauf. Da» osficielle Organ dieser Partei versichert, „daß bei dieser Einigung weder sine Recht»- noch eine Linksschwenkung von der einen oder der andere» Seite, sondern lediglich eine Sammlung aller Kräste beabsichtigt wird": Das ist aller rings sehr schön gedacht, nur wird diese Zweiseelentheorie kaum durchführbar sein und darum einer Einigung , bald wieder eine Spaltung folge». Fruchtbare Aus itze hiezu sind jetzt schon vorhanden. Ahlwardt will auch dabei sei», wo im Großen Juden gehetzt werden. . Bekanntlich sollte der Exreetor nur als „Hospilc nt" zugelaffen werden. DaS I scheint ihm aber nicht zu genügen, er will ganz irilthun und erklärt daher in \ seinem „Bundschuh" unter Berlengnung eines Art kels der von ihm redigirten „Westfälischeu Reform" vorbehaltlos, er stehe auf dem Boden der „Antisemitijd;e„ Bereinigung für Norddeulschland", erstrebe wik diese die Einigungauf einer gesunden Grundlage und werde deren Entschließ«», für sich als bindend erachten, f Auch die „Antisemitische Bereinigung für Norddeui schland" selbst hak ihren Bei- ' tritt davon abhängig gemacht, daß alle antisenitischen Abgeordneten gleiche . Rechte und Pflichten haben sollen, also Ahlivar >t sofort ein vollberechtigtes | Mitglied der neu zu bildenden Fraclion der vt reinigt«! Antisemiten werden