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Freies Blatt · 1894-09-30 · 130 (30.9.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
130 (30.9.1894)
Date
1894-09-30
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 130. Seite Freie, antisemitische Impertinenzen, welche lautes Zeugniß von seelischer Verrohung geben, sind übrigens auch an anderen Orten gang und gäbe. Dem kann nur seitens der Gebildeten durch ein entschiedenes Auftreten gesteuert werden. (Die Antwort auf PaulSdorf.) Aus Reichenberg wird uns geschrieben: Als eine Art „Protestversammlung" gegen das jüngste Gastspiel der Wiener Dioskuren Lueger und Schlesinger in Paulsdorf fand ebendort am 10. September eine Volksversammlung statt, welche äußerst zahlreich von Mitgliedern - aller Parteien besucht war. Der Referent Roscher wieS in seiner anderthalbstündigen Rede auf die Vorkommniffe der am 1. September vom Katholisch-politischen Bolksverein in PaulSdorf einberufenen Versammlung hin und kritisirte die von. Schlesinger und Lueger daselbst gehaltenen Reden. Zuin Schluffe seiner Ausführungen brachte er unter großem Bcifallc eine Erklärung zur Verlesung, welche u. A. den Satz enthielt: „In dem Bewußtsein, daß der Mensch nackend als unverständiges Kind geboren wird, weder Vermögen, noch Glauben und Sprache mit zur Welt bringt, Glauben, Sprache rc. nur ein Product der Erziehung ist — betrachtet die heutige Versammlung bei der Thätigkeit um die politische und wirthschaftliche Befreiung des arbeitenden Volkes Glauben und Ration' als Privatsache und erklärt sich gegen jeden Glaubens- und RationShaß, da dieser, als künstlich erzeugt, die größte Gefahr für die einheitliche, friedliche Völkerbefreiungsarbeit in sich birgt; die heutige Versammlung erklärt sich für das Programm der social-demokratischen Arbeiterpartei, weist die von Dr. Lueger in der katholischen Versammlung am 1. September gemachten Angriffe als entstellt und unbewiesen zurück und spricht zugleich die Entrüstung aus über den die Angehörigen aller Völker jedes Staates und jedes Glaubens beschimpfenden ■ Ausdruck von Dr. Lueger in obiger Versammlung, wonach bezüglich des allgemeinen Wahlrechtes die 21jährigen Staatsbürger als Lausbuben titulirt wurden." Zu einer erregten Debatte gaben die Ausführungen eines gewiffen Carl Tins auS Reichenberg Veranlaffung, der sich als nationaler Antisemit der Versammlung vorstellte und vorgab, nicht gewillt zu sein, die Kastanien den Herren Dr. Lueger und Schlesinger , aus dem Feuer zu holen. Redner will nur aus Taktgefühl sprechen, um die gemachten Anwürfe seiner Partei seitens des Referenten zurückzuweisen. Er erkläre, mit den Forderungen der social-demokratischen Partei einverstanden zu sein, wenn diese sich dem Einfluffe der Juden entledigen könnte. Nur die Juden seien cs, meint Redner, welche die heutige Mißwirthschaft verschulden und die Corruption in alle Gesellschaftsclaffen tragen. Er will auf Grund einer Statistik, welche er leider nicht bei der Hand hat, Nachweisen, daß die Juden cs sind, welche das größte Contingent zu dem Verbrecherthum stellen. Daß seine Partei mit einer anderen Partei in eine Coalition cingegangen wäre, weiß er nicht, sondern diese sei nur stets bestrebt,. die Corruption dort zu bekämpfen, wo sie am nächsten liegt, und das sei unstreitig bei den Juden, weil diese das Großkapital in seiner heutigen Form gezüchtet haben. Redner betheuerte auch, die Juden nicht wegen ihrer Religion, sondern nur wegen ihrer Rare, wie das schon oft bei den verschiedensten Angelegenheiten durch seinen Parteiführer Georg Schönerer hervorgehoben wurde, zu bekämpfen. Schließlich appellirt Tins an die Versammlung, speciell an die social-demokratischen Theil« nehmer derselben, sich dem Einfluffe der Juden zu entledigen, denn dadurch wäre die Möglichkeit geschaffen, daß sich seine Partei der Social-Demokratie nähern könnte, was am besten dazu beitragen würde, die heutige Corruption mit sicherem Erfolge bekämpfen zu können.. Der darauffolgende Redner, Herr Ed. Schulhof, vertrat in seinen Ausführungen die Ansichten des Referenten und wies nach, daß sich die größte Corruption nicht bei den Juden befinde, wohl aber bei den Führern der Antisemiten, wie die in jüngster Zeit sich mehrfach in den verschiedenen Culturländern abgespielten Proceffc bewiesen haben. Was die Statistik anbelangt^ welche TinS anführte, so könne er genau das Gegentheil beweisen. Ein folgender Redner, E. Zeller, wendete sich gegen die von TinS gebrauchte Bezeichnung „Judcnschutztruppe" und meinte, die große schwarze Internationale habe ein Interesse daran, dem Volke Sand in die Augen zu streuen, dazu brauche sie die Lueger, Schlesinger, Liechtenstein und wie sie Alle heißen, aber die Arbeiter zu kapern, werde ihr nicht gelingen. Ein Herr Mohr aus Reichen berg vertrat die Meinung, daß nur die Rückkehr zu Gott, beziehungsweise zum reinen /Christenthum, die Lösung ■ der socialen Frage in sich schließen wird, worauf der Socialist Alb recht cinwendete, daß das Christenthum nahezu 2000 Jahre Zeit und Gelegenheit gehabt hätte, die sociale Frage zu lösen, ohne daß es geschehen sei. Ein anderer Socialist, Kiesewetter, erwiderte Herrn Mohr, daß da« Christenthum keine persönliche Sclaverei abgeschafft habe, daß eS vielmehr gute Christen waren, welche nach der Entdeckung Bla,,. Amerikas die persönliche Sclaverei in diesem Weltlheile eiiiführten und mit den Waffen in der Hand im Jahre 1804 für die Aufrecht erhaltung derselben eintratcn, daß demnach diese Christen auch die jetzige Lohnsclaverei nicht abschaffen werden, schon deswegen nicht, weil sie das nicht (vollen, wie aus der Encyklica des Papstes hervorgehe. Die schließlich zur Abstimmung gebrachte Erklärung Roscher's wurde mit allen gegen eine Stimme angenommen. . —k— (Ter Fall JCrlotöSfi.) Der Proceß gegen den ehemaligen antj. ' semitischen Chefredakteur-Dr. Josef OrlowStinahm einen für den Angeklagten erfrenlichen Ausgang; derselbe wurde von den Geschwornen freigesprochen. Aus der Verhandlung hat offenbar die Jnrn trotz der belastenden Zeugenaussagen nicht die Ueberzcugung von der Schuld OrlowSki's gewonnen. Da unttr den beschädigten Parteien auch Juden sind, so kam im Laufe des Proccffcs die antisemitische Gesinnung OrlowSki's zur Sprache; derselbe bctheuertc aber, er habe schon vor einiger Zeit den Antisemitismus anfgcgeben, und zwar in Folge der Belehrung des verstorbenen Cardinals, Fürstbischof Dr> v. Duna-. jewski, daß cs Christenpflicht sei, alle Mitmenschen zu lieben. (Tic Reccption der Juden in Ungarn.) Tic veremigtcn Aus. schüffe des ungarischen Magnatenhauses haben am 26. d. M. den Gesetzentwurf über die Rcccption der Juden mit großer Mehrheit angenommen. Im Laufe der Debatte sprach sich Baron Rudni,anSzky, ehemals ei» Liberaler, in heftiger Weise gegen die Vorlage aus, wobei, er cS nicht verschmähte, jcnx Anwürfe gegen die Juden vorzubringen, welche von antisemitischer Seite erhoben werden. Es fehle, sagte er, den Juden die O.ualisication, welche sie berechtigen würde, die volle Rechtsgleichheit mit den christlichen Confessionen zu fordern. Sigmund v. Beöthy drückte sein Bedauern aus, daß im Saale der ungarischen Gesetzgebung Worte gefallen seien, wiche in die gegenwärtige Zeit und für das Land nicht paffen. Ungarns Gesellschaft habe die Juden schon längst emancipirt und recipirt, und das Gesetz mache nur ein langes Versäumniß den Juden gegenüber gut. Die Fehler der Juden seien nur eine Folge ihrer jahrhundertelangen Unterdrückung. Das Jntercffe der Consolidirung Ungarns erheische die Recepsion der Juden. Auch der Cultusminister Baron EötvöS sprach sich in demselben Sinne auS und vermies insbesondere auf die zahlreichen kulturellen und philanthropischen Institute der Inden. Die Inden haben sich auf allen Gebieten solche Verdienste erworben, daß sie so viel Berücksichtigung verdienen, und Ungarn handle im eigenen Interesse, wenn es den Inden gegenüber zttvorkominend sei, da sie sich dem ungarischen Stasts» gedanken enge anschließen. Graf Ferdinand Zichy gab sodann die Erklärung ab, daß er gegen die Vorlage sei, weil sic den Juden Rechte einräume, deren Gewährung noch verfrüht erscheine. In. lebhafter Weise befürwortete Zier Justizminister Szilagyr die Annahme des Gesetzentwurfes. Die -Juden, betonte er nachdrücklich, müffen auch in Bezug auf ihre confessionellen Beziehungen den übrigen Confessionen gleichgestelt werden. Schließlich trat Baron Desider Pro na y für die Rcccption der Juden ein, welche nach so vielen Zurücksetzungen und Verfolgungen endlich eine Satisfaction erhalten. Ungarn ist, das zeigt sich bei jeder Gelegenheit, überhaupt ein unfruchtbarer Boden für . religiöse Unduldsamkeit. Als in den vereinigten AnSschüffen des Magnatenhauses die Vorlage über die freie Religionsübung berathen wurde, sah sich sogar ein hervorragender katholischer Kirchenfürst, der Erlauer Erzbischof Dr. Samassa, beranlaßt, einzüräumen, daß der Mangel an religiösem Gefühl nicht beijedem Menschen identisch sein müsse mit dem Mangel an moralischer Empfindung, und daß man einen vernünftigen Menschen, von dem man vernommen, daß er kein religiöses Gefühlbesitze, noch lange' nicht für schlecht zu halten brauche. In einem Lande, in welchem selbst Kirchenfürsten so über „Ungläizbige" denken und sprechen, kann die Hetze gegen Andersgläubige selbstverständlich - nicht gedeihen. (Ein Ausspruch des Erzbischofs Dr. v. Stablewski.) Ein CorrespondcnO der „Reuen Freien Preffe" hatte jüngst eine Unterredung mit. dem Erzbischof von Gnesen-Posen, Dr. v. Stablewski. Der Kirchcilfürst vertheidigte das Verhalten der polnischen Unterthanen Preußens gegen den Vorwurf der Illoyalität, schilderte die Verhältuiffe in Posen und machte u. A. die Bemerkung: „Der Socialismus, den wir so lange glücklich von unS ferngehalten haben, klopft vernehmlich an unsere Thore, und wir erkennen ihn wohl, auch wenn er sich in das häßliche Gewand des Antisemitismus hüllt, der überall nur ein Geschäft und ein .Vorwand für selbstische Sönder;wecke ist." („Antisemiten der That.") Vor einiger Zeit rempelte uns ein angeblich social-demokratisches Blatt a!s „Denuncianten" an, weil mir ^>ie armen Antisemiten der nächsten Beziehungen zu den Anarchisten geziehen. Wir haben die theoretischen und akademischen Berührungspunkte

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