Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 130 (30.9.1894)
- Date
- 1894-09-30
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 1. .freies Blatt. Nr. 130. wir hinzünehmen, daß ja seit jener Zeit ein ganze- Jahrhundert verflossen. und in diesem die Angewöhnung und das Einleben der Juden in deutsches Wesen Schritt für Schritt zugen«mmen hat! Aber freilich, die Antisemiten haben, wenn sie nothgedrungen zuletzt auch dieses allmälige Angewöhnen und Einleben der Juden nicht mehr schlechthin in Abrede stellen, sie haben noch einen weiteren^ einen verhältnißmäßig noch schweret wiegenden Vorwurf in Bereitschaft. und das ist der: ein vollständiges Aufgehen jüdischen Wesens in das deutsche oder doch wenigstens ein vollständiges Zusammenwachsen mit ihren nichtjüdischen Mitbürgern sei einfür allemal und für alle Zeit deswegen auSgeschlosien, weil die Juden mit einer 'geradezu-beispiellosen Zähigkeit und Hartnäckigkeit an ihren bis auf MoseS zurückgeführten ausschließlich jüdischen Bräuchen und Sitten festhielten. Wie steht es mit diesem? Als vor achtzehnhundert Jahren zunächst aus der jüdischen heraus die christliche Religion sich entwickelte, da haben Juden den thatsächlichen Beweis geliefert, daß dieser Vorwurf zuin Wenigsten nicht Alle trifft! Die ersten Christen waren ja Juden, d. h. die Mitglieder, die Anhänger der ersten christlichen Gemeinde, die sich vom Judenthum trennten, sie waren, wenn nicht sammtlich, doch zum größten Theil, und am allermeisten die in Jerusalem, geborene Juden: und wenn in der allerersten Zeit von ihnen auch nicht verlangt wurde, daß sie auf ihre gewohnten, durch Jahrhunderte geheiligten Bräuche und Ceremonien einfür allemal verzichten müffen, wenn ihnen die Beobachtung mancher jüdischer, sogenannter mosaischer Bräuche gestattet war, ja, wenn diese Beobachtung sogar für etwas Selbstverständliches gehalten wurde, da jene ersten Christen sich doch eigentlich nur für echte und rechte Juden hielten, so ist es doch Thatsache, daß mit dem Auftreten des Apostels Paulus dieses aufbörte, und daß dieser aufs Allereuergischste die Forderung aufstellte und durchführte: wer in Wahrheit sich zu Christus beke»ne, der sei verpflichtet, auf sämmtliche, nur für Juden gütige Bräuche oder Gesetze zu verzichten. „So bestehet nun in der Freiheit, damit uns Christus befreit hat, und lastet euch nicht wieder in das knechtische Joch fegen! Ich, ■ PauluS, sage euch: wo ihr euch beschneiden lastet, ist Christus euch nichts nütze; wer sich beschneiden läßt, der ist schuldig, das ganze Gesetz zu erfüllen! Entweder — ober!" Galater 5, 1 ff. Das war deutlich gesprochen, damit vollzog sich tharsächlich auch äußerlich der weltgeschichtliche Bruch, und stellte sich die neue Religion ganz und selbstständig auf ihre eigenen Füße. Die Juden aber, welche sich zu ihr bekannten, welche in Christus den MessiaS gekommen glaubten, sie sagten sich damit los von ihren altgewohnten Bräuchen 'und Sitten und bewiesen eben damit, daß der Vorwurf, sie seien eines solchen Verzichtes überhaupt nicht fähig, sie seien nicht imstande, von ihren altgewohnten Bräuchen und Sitten sich loszusagen, es sei ihnen das durch ihre Religionsgesetze einfür allemal verboten, daßdieser Vorwurf in dieser Allgemeinheit sie nicht trifft. Ebensowenig trifft er in dieser Allgemeinheit heute zu, wo es Thatsache ist, daß ein sehr großer Theil der aufgeklärten Juden sich um die sogenannten mosaischen Gesetze und Gebräuche nicht im Mindesten mehr kümmert, ohne deswegen auf die Zugehörigkeit zum Judenthum zu verzichten. Diesen Aufgeklärten stehen aber freilich alle jene anderen gegenüber, welche sich die Beobachtung und Festhaltung dieser Gesetze und Gebräuche nicht nehmen lasten, und welche gerade um so fester an diesen halten, je mehr sie sehen, daß viele ihrer Stammesgenoffen sich von ihnen lossagen. Auf diese zielt der Vorwurf, den die Antisemiten erheben. Wie wir darüber denken, das hab.en wir wiederholt offen und rückhaltlos ausgesprochen, und können uns darum ganz kurz fasten. Wir unterscheiden zwischen Gesetzen und Bräuchen, welche die Juden beobachten, ohne daß diese irgend eine das Zunimmenlcbeit mit Nichtjuden störende oder erschwerende Eigenthümlichkeit baden, und zwischen solchen, denen thatsächlich eine solche Eigenüiuirlidifcit zukommt. Feiern die Katholiken ihre Meffe, ihr Frohnleichuamskest, ihre Marien- und Heiligentage, knien und bekreuzigen ne sich, so mögen die Juden sich beschneiden und ihr Lster-, ihr vaubhutten-, ihr Persöbnungssest feiern — wer sich zum Grundsatz der «Glaubens- und Gewistensfreiheit bekennt, der wird ihnen das rlfedjt dazu nicht bestreiten. Etwas ganz Anderes ist es aber mit ihrem Verbot der Ebe mir, Nichtjuden und ihrem Verbot gewisser Sveiien. Carl Schroll kann sich mit diesen Verboten keineswegs befreunden und tritt für die Beseitigung aller „antisocialen Sitten und Bräuche" ein, zu denen er in gewister Beziehung auch die Ausrechthaltung des Sabbath neben dem Sonntag zählt. Er bespricht hierauf noch die falschen Behauptungen des Antisemitismus in Bezug auf den Talmud, wobei er insbesondere auf den Proceß Bloch contra Rohling hinweist, und hebt schließlich noch ein „Meisterstück von Lüge und Fälschung" hervor, nämlich die antisemitische Erfindung stammung Jesu und seiner Jünger. Wie alle Schroll's ist auch die vorliegende als geistvolle Freunden der Abwehrbewegung wärmstenS zu femiten, welche noch der Belehrung zugänglich fälliges Studium der kleinen Schrift, die wiedergibt, geradezu wohlthätig fein und sie gründlich heilen. den iil aon der arischen Ab- Abhandlungen Carl und belehrende Lectüre impfehlen. Für Anfissnd, könnte ein sorg- Bortrag Schroll's sittlicher Beziehung Zur gksulligcu Mchricht! Nachdem der Abonnementspreis unseres Blattes ohnehin ein minimaler ist, so sehen wir uns zur Verringerung der Administratiousspcsen veranlaßt, das Vierteljahrs-dlbonnement ganz aufzulasscn und den Preis sür das Halbjahrs-Abonnement um ein Geringes zu erhöhen, dagegen bleibt der Preis für das Jahres-Abonnement «rro-rand-rls. Gleichzeitig benachrichtigen wir unsere p. t. Provinz-Abon ncntcn, daß wir den am 30. September d. I. fälligen A bonnem entsbetrag mittel st Po st auftrages beheben B,eröf,K Dt- Administration. (Ans den Delegationen.) Im Budgetaussc,usse der Reichsraths- Delegation.erwähnte Delegirter Tr. Sueß, es seien ihm wiederholte Klagen in der Richtung zugekommen, daß bei Aafnahmsprüfungen in einzelnen Cadettenschulen die besondere Art der Prüfung israelitischer Bewerber den Zutritt derselben in solche Ans alten thatsächlich unmöglich mache. Da er nun nicht zweifeln könne, daß die kürzlich von dem Monarchen selbst geäußerten erhabenen B esinnungen auch die Armeeleitung erfüllen,, ersuche er den Herrn Kriegsminister um eine Aeußerung, welche in dieser Beziehung Beruhicung und das Gefühl verbreiten könne, daß in der Armee kein anderes Princip als das der Gerechtigkeit herrsche. Der gemeinsame Kriegs: »inister General der Cavallerie v. K r i e g h a m m e r erwiderte: „Seit ®ie Armee besteht und iu allen Phasen ihrer denkwürdigen Geschichte hc t sie einen Unterschied in.Nationalität und Religion nicht gekannt. 8 ür die Gesinnungen Einzelner kann ich natürlich nicht gut stehen, aber die Heeresverwaltung bringt allen Untergebenen, also auc) denen israelitischen Glaubens, Wohlwollen und Gerechtigkeit entgegeti." (Eine Scene in einem Pratcr-Kaffeehmise.) Eines schönen Juni-Tages entstand im zweiten Kaffeehause in Prater dadurch ein Tumult,' daß die im Garten sitzenden Gäste, ton einem Regenguß überrascht, massenhaft in den Saal drängten. Dabei kam es zwischen dem Cafetier Herrn Rudolf Schneider und dem Dentisten Ernst Siebt zu einem Rencontre, bei welchem der Cafetier Herrn Siebt einen „Judenbuben" schimpfte. Eine Anzahl artisemitischer Gäste ergriff damals Partei für Herrn Schneider, und es wurden die Rufe laut: „Nieder mit den Juden!" „Hinaus mit den Juden!" In Folge einer Ehrenbeleidigungsklage Ernst Liebl's wurde nun. Rudolf Schneider vom Bezirksgerichte Leopoldstadt zu eitler Geldstrafe von 30 fl. verurlheilt. Herr Schneider hat durch fl in von antisemitischer Seite mehrfach belobtes Benehmen gegenüber einem jüdischen Gaste seinem Geschäfte sicherlich nicht genützt. Es gibt doch im Prater genug Gast- und Kaffeehäuser, wo auch Juden nicht befürchten müsten, vom Wirthe beschimpft zu werden. (Gcmeindcwahlen.s In Guntramsdorf wurden bei.den jüngst stattgehabten Gemeindewahlen ausschließlich Candid aten der fortschrittlichen Partei gewählt. Alle antisemitischen Umtriebe uwiesen sich als vergeblich, und es ist, wie das „Badener Bezirksblatt" schreibt, die Hoffnung vorhanden, „daß die christlich-sociale Partei binnen Kurzem in Guntramsdorf verschwunden sein wird". (Ein Pöbelexrcß.) In Tulln wurden, wie berichtet wird, zu Beginn dieses Monates auf dem jüdischen Friedhofe Spuren eines Pöbelexcesses entdeckt: umgeworfene Leichensteine sind verwüstete Gräber. Allem Anscheine nach hat man-es hier mit eiizem Erfolge antisemitischer Hetzreden zu thun. (Frivole Witze.) Man schreibt uns aus O l m ü tz: In einer Gartenwirthschaft producirte sich ein den gebildeten Ständen äußerlich angehöriger Herr mit der Vorführung seines dressirten Köters. Die Dressur bestand darin, daß der Köter bei den Porten seines Erziehers: „Es ist vom Juden" nach der dargereichten Speise nicht schnappte. Der „Witz" fand unter den anwesenden Damen! darunter auch adelige, lauten Beifall. Ein Commentar hiezu ist höchst überflüssig. Derartige