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Freies Blatt · 1894-09-30 · 130 (30.9.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
130 (30.9.1894)
Date
1894-09-30
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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reite 3. Nr. 130_• " Frei», der freie Mann arbeitete in Palästina so gut wie der unfreie, und die Gesetzgebung richtet bezüglich der Arbeit die verschiedensten An sorderungen an den jüdischen Besteller deS Weinberges und Bebauer des Feldes. . . Die Sklaven in Judäa ansässiger Fremden erlangten ihre Freiheit mit Anbruch des Jubeljahre«. Sonst hatte die Behandlung deS Unfreien durchaus nichts von der Unmenschlichkeit griechischer oder römischer Sklavenhalter an sich. Sic wurden von den Juden als Mitglieder der Familie betrachtet und vom Staate nicht als rechtlose Menschen . . . Auf Sabbathschändung. stand der Tod, auf Ehebruch Steinigung. . . Aber auch Sanftmuth und Erbarmen äußerte sich in der jüdischen Gesetzgebung. So heißt eS: ,Den Edomiter sollst du nicht scheuen, denn er ist dein Bruder, und ebensowenig den Sohn Egyptens, da du bei ihm als Gast weiltest." „Der geflüchtete Sclave sollte nicht ausgeliefert werden, sondern die Gastfreundschaft genießen: Er soll bei dir wohnen und im Lande ruhen, wo eS ihm gefällt und von Niemandem beleidigt werden." „Ter Wucher ist .strenge ver- . boten . . . Tu sollst deinem Bruder weder Geld, noch Früchte, »och ein anderes Ding gegen Wucherzinsen leihen. Bo» dem Fremden konnte man Zinsen nehme»; hier tritt der in vorchristlicher Zeit all gemein herrschende ParticulariSmus zu Tage. Jedes Bolk, jede Elation hielt sich für bester akS die andere. Die Juden gingen in diesem Falle nur von denselben Gesichtspunkten auS wie die Ungläubigen, und doch ist ein Unterschied zu bemerken, der zu Gunsten deS JudenthumS in die Waagschale fällt, Griechenland und Rom bewucherte seine eigenen Stammesgenosten, Israel nur den Fremdling." Ueber die altjüdische Einrichtung deS Jubeljahres äußert sich der „AntiseinilicuS" Dr. Haas folgendermaßen: „Das ideale Moment des Jubeljahres dürfte aber darin gefunden werden, daß jedes Ueberinaß nach einem bestimmten Zeitraum beseitigt werden mußte. ES durfte Niemand hoffen, Reichthümer auszuspeichern und auf Kosten seines Mitbürgers in Glanz und Herrlichkeit zu lebe». Es wurde also , der Blick des jüdischen Volkes von rein materialistischen Interessen abgezogen und in der Zeit auf ein halbes Jahrhundert begrenzt." Dr. Haas führt dann tzeS Weiteren die immense» Vorzüge inS Feld, die die jüdische Gesetzgebung vor der von Hellas und Nom so unzweifelhaft auSzeichnen, wie gerade bei den Jriden, wie bei keinem anderen Volke des Alterthums daS sittliche und religiöse Moment in solcher Schärfe in der Gesetzgebung sich widerspiegelt. Doch wozu noch weiter daS Buch des „gefeierten" Autors plündern! Verstehen wir Herrn Dr. E. G. Haas recht, so wäre eS für die sittliche und religiöse Ausbildung der arischen und nicht arischen Jugend in den Gymnasien bester, wenn man statt Homer, Ovid, Hora; :c. dort die alltestamentarischen Schriften tradiren würde. Dr. Haas stellt, sozusagen die Juden als das eigentliche klassische Volk des Alterthums hin, neben dem Griechen und Römer puncto sittlicher uild moralischer Entwicklung sich als winzige Größen ausnehmen. Lb wohl der Währinger Stampiglienmechaniens Schneider auch auf das Haupt des greisen antiseuiitischen Propheten ein Schußgeld wird setzen laste»? Wir können die Lektüre des genannten Buches allen unseren Wider- . sachern nur auf das Wärmste empfchlen und hosten dabei, daß eS dem Verfasser dadurch gelingen möge, seine blutrünstigen Gesinnungsgenosten zur sittlichen Höhe des JudenthumS und seines Glaubens emporzuheben. Sittlichkeit unb Antisemitismus. (Schluß.) In der vorletzten Nummer brachten wir auszugsweise den ersten Theil des lehrreichen Vortrages, in welchem Carl Schroll den Antisemitismus vom sittlichen Standpunkte einer eingehenden Erörterung unterzieht. Im weiteren Verlaufe derselben führt der Verfasser aus: Mit dem vorher besprochenen Vorwurf des gewissenlosen GeldmachenS hängt auch der weitere, nicht weniger schwere zusammen, daß die Juden, eben weil ihr ganzes Sinnen und Trachten ausschließlich auf diese ^ine Thätigkeit, dieses eine Ziel gerichtet sei, und weit in ihnen dadurch einzig und allein der gemeinste Egoismus großgezogen werde, die Geistesrichtung, welche unbekümmert um das Wohl des Nebenmenschen nur an sich denkt, nur in der Befriedigung der persönlichen Bedürfnisse und Liebhabereien ihre höchste und beste Ausgabe sieht,' daß in Folge dieses ausgesprochenen egoistischen CharakterzugeS es den Juden rein unmöglich sei, mit Nichtjuden eine innigere Verbindung einzugehen, daß sie unfähig seien, mit ihnen zu einem geschlossenen und auf voller Gegenseitigkeit beruhenden Volks- und Slaatsverband sich zu verbinden und zusammen zu wachsen. „Vaterlandslosigkeit", „vollständiger Mangel an Vaterlandsliebe", das ist darum der oft gehörte und von den Antisemiten jetzt in allen ihren Blatt. Blättern' und Vorträge» ganz besonders betonte Vorwurf, der den Juden gemacht wird, und auf Grund dieses LstwwnrfeS ,die Forderung, daß die Gesetze, welche ihre Gleichberechtigung, aussprechen, wieder ausgehoben, daß sie als Landessremde unter ein besonderes Fremdengesetz gestellt, wenn nicht geradezu deS Landes verwiesen werde»! Aber wie steht eS denn auch mit diesem Vorwurf? Wie stimmt er zu den nicht ' wegzuleuguendeu Thatsachen? Daß' die Juden überall, wo man sie nur als Waare, als geduldete Knechte, als die.Parias der menschlichen Gesellschast betrachtete, und wo sie deswegen jabrhnndertelang dem entsetzlichsten Hohn und Truck, de» nninenschlichsten Mißhandlungen und Verfolgnnge» ausgesetzt waren, wo man sie nicht nur ' auf den Straßen mit Steine» bewarf, sondern wo der entfesselte Fanatismus sie hnnderteweise wie tolle Hunde todtschlng, das; sie in solchen Zeiten und solchen Ländern von einem „Vaterland" nichlü wußten, von „Vaterlandsliebe" auch nicht ei» Hauch in iliuen anskommen konnte, wer, der Herz und Gefühl hat, kann ihnen daraus eine» Vorwurf machen? Damals hatten sie thatsächlich teilt Vaterland, damals-hatten sie ans der weiten Erde keines, das sie liebe» konnten, und wenn deswegen gerade damals die Erinnerung an ibr durch Jerusalems Zerstörung verlorenes mit glühender Sehnsucht erwachte, wenn sie seiner in allen ihren Gebeten inbrünstig gedachte», werkonnte und wer kann ihnen das verargen? Aber so ist's ja nicht geblieben! Tie» Zeiten sind, andere, die Christen sind menschlicher ge worden, und seit Ende des vorigen Jahrhunderts, seit dem Einslnß der „freien Denker" und der französischen Revolution haku sie angefangen, auch die Jude» als Menschen zu betrachten und ihnen in Folge dessen gleiche Rechte mit allen klebrigen eitiziiräuinen! Seil dieser Gleichstellung und Gleichberechtigung' haben sie mit diesen Rechten auch die gleichen Pflichten übernomme», dieselben Abgaben, dieselbe» Steuern, und haben, wo immer der Ruf an sie erging, bewiesen, daß sie als treue Staatsbürger und Söhne des Vaterlandes auch bereit sind, ihr Leben für dasselbe einzusetzen. Dazu halte» sie sich im Rauicü ihre'r Religion verpflichtet, wie das wiederholt und — mit-ansdrncklicher Beziehung auf die antisemitischen.Verdächtigungen und Verleumdungen —. vor Kurzem erst in jeüer ösfentlichen „Erklärung" ausgesprochen ist, welche im Februar lX’Jii sämmltiche Rabbiner Deutschlands abgegeben haben, und in welcher es heißt: „Tie Sittenlehre des JudenthuinS, die seinen Bekeunern cheilig ist, die in dxn Schulen gelehrt und von den Kanzeln verkündet wird, gebietet: in jedem Menschen das Ebenbild GotteS zu achten, in Handel und Wandel strengste Wahrhaftigkeit gegen Jedermann zu belhütigen,. jedes t^efiibbc und Ver sprechen, welches irgend einem Menschen, sei er Jude oder Nichtjude, geleistet wurde, alS unauflöslich und unverbrüchlich treu zu' erfüllen, Nächstenliebe gegen Jedermann ohne Unterschied der Abstammung und deS Glaubens zü üben, die Gesetze deS Vaterlandes in treuer Hingebung zu befolgen, das Wohl deS Vaterlandes mit alle» Kräften zu sördern und an der geistigen und sittlichen VervoUkommuung der Menschheit initzuarbeiten." Es ist somit eine thatsächliche Unwahrheit, wen» nicht absichtliche Lüge, den Juden, vorzttwerfen, daß sie von einem Vaterland nichts wissen und nichts wissen wollen, daß sie deswegen, wo sie auch und, wo ihnen Gastfreundschaft oder sogar Gleichberechtigung mit den Bürgern de» Landes eingerüumt ist, stets nur als „Fremde", als ge duldete Fremde betrachtet werden müssen. Es ist da» ganz besonders Unwahrheit oder Lüge gegenüber den in Teiuichlaud wohnenden, wo eS sogar kein Geringerer als der edle Jude Mendelssohn, der Freund Lessing'S, gegen Ende des vorigen Jahrhunderts w?r> der fid» die Aufgabe stellte, seine StammeSgenossen mehr und mehr für deutsches Wesen, deutsches Fühlen und Teliken heranznbilden, und der dieses hauptsächlich dadurch znnächst zustande brachte, daß er sie ein, richtiges Deutsch lehrte, ihnen die Thora, die Propheten, die Psalmen übersetzte. Dieser nämliche Mendelssohn bewies ja seinen durch und durch deutschen Sin» und Charakter auch dadurch, daß er nicht nur seine jüdischen StammeSgenossett, sondern auch die Deutschen überhaupt richtiger Deutsch spreche» und schreibe», ja, echter deutschsogar handeln lehrte-. War er es doch, der durch seine Schriften einen tiefgeheuden reformatonschen Einfluß auf die ganze damalige deutsche Literatur auSNbte, in so hohem Grade, daß selbst angesehene deutsche Gelehrte, Schriftsteller —. eS sei nur an den Philosophen Abt erinnert — sich nicht schämten, ihr- Manuskript ihin, dem Juden, vorzulegen mit dem Ersuchen, die darin vorkommenden Verstöße gegen ein richtigeres Deutsch zn verbessern. War er es doch, der Jude, der „Fremde", welcher darauf drang, daß das deutsche Theater sich frei mache von der Abhängigkeit namentlich von den Franzose», daß deutsches Leben, deutscher Charalter auf die Bühne gebracht werden müßte. Wie kann angesichts solcher, Thatsachen der Vorwurf von Vaterlandslosigkeit, von Mangel an Vaterlandsliebe der Juden aufrecht erhalte» werde»! Zumal wenn

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