Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 130 (30.9.1894)
- Date
- 1894-09-30
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Freier Allerdings stellt sich hinterher heraus, daß dieses „Organ" statt, wie im Vertrage auSbedungcn, 5o0 bloß siebzehn Abonnenten besitzt, und daß es Graf zu gleicher Zeit zufälligerweise auch an einen Zweiten verkauft habe. Herr Graf betrachtet aber alle die Tinge von einem höheren Standpunkte. Er berühmt sich seines gewaltigen Einflusses und erfreut sich desselben thatsächlich in Kreisen, die sonst vornehm, spöttisch oder haßerfüllt auf die Juden hcrabzublickcn pflegen. Mit diesem stolzen Bewußtsiin, ein „AuönahmSjude" zu sein, an den die Feindschaft der Antisemiten nicht hcranreicht, betrat Herr Graf als Zeuge den Gerichtssaal, den er aber etwas weniger hoheitSvoll als moralisch Verurteilter verließ, nachdem es eoram pulfiic-o an den Tag gekommen war, daß der antisemitische Vertrauensmann Graf von der „Abfindungssumme" von 1U<X) fl. — welche er für Geider yom .Phönix" erwirkt halte — diesem bloß die Hälfte auSgezahlt hatte. Das also ist wieder einer von jenen Juden, welche Gnade vor den Augen der gestrengen Antisemiten : finden. Wir gönnen natürlich aufrichtigst Herrn Graf einer Part!ei, welche den Erpresser Geider als Gewährsmann benützt, welche dessen Erpressungs- Versuche mit ihrem Einflüsse unterstützt, deren ReichSrathSabgeordnete.„keine Zeit" haben, sich ihre Interpellationen in folgenschweren Angelegenheiten selbst auSzuarbcitey, vermuthlich weil der Herr Abgeordnete Studien über die Unmoral im Talmud zu machen hat. In dieser Partei ist in der Thal Alles in schönster Harmonie, auch die gewissen „AusnahmSjuhen" passen in dieselbe wunderbar hinein. Das ist die Moral aluS dem letzten Proceß. schnöder Undank. iTriginal-Minheilüng des „Freien BlatteS".) Prag, 25. September. In der J 'eska Sträz“ wird den Jnngls^hechen ihr Liberalismus zum Vorwürfe gemacht. Sehr mit Unrecht; denn cs ist mit diesem Liberalismus nicht weit her, und die jungtschcchischen Wortführer wären nach ihrem eigenen Gcstäadstisse gern bereit, ihn für ein national-staatsrechtliches Linsengericht zu verkaufen. Der Liberalismus wäre, meint das genannte Blatt, nur eine Politik für die Plutokratie, die Juden und die .Halbgebildeten", und in seinem -Namen wären schon die ärgsten Mißbräuche verübt worden. Was die Plutokratie betrifft, so glauben wir, daß sie auch unter einem Regime, welches sich die Bekämpfung aller liberalen Regungen zur Aufgabe gemacht hat, nicht übel gefahren ist. Den Juden kcnninx es allerdings zu statten, wenn liberale Grundsätze das staatliche Leben beherrschen, wenn die Rechtsgleichheit es auch ihnen ermöglicht, ein menschenwürdiges Dasein zu führe». Den Fehler,.den Juden ersprießlich zu sein, besitzt der unverfälschte Liberalismus allerdings. Das räumen wir ohneweiters ein, jedoch mit dem Bemerken, daß liberale Einrichtungen auch Katholiken und Protestanten, wo-sie sich in der Minorität befinden, sehr willkommene Dienste leisten. Ob aber die Anziehungskraft .des Liberalismus'auf'„Halbgebildete" stark ist, wissen wir nicht, zumal cs uns unbekannt ist, was die .Ceskä Sträz“ oder richtiger der gelehrte Professor, welcher ihr Scuisfleur ist, darunter versteht. Wer und speciell welcher Tscheche soll als „ganz gebildet" gellen? Vielleicht bloß derjenige, dem eS cinleuchlet, daß die Königinhofer Handschrift gefälscht ist? Gibt es überhaupt irgend ein politisches oder sociales System, von dessen Anhängern versichert werden könnte, daß sie sammt und sonders die Bildung im denkbar höchsten Grade besitzen? Bisher haben übrigens die Widersacher des Liberalismus immer gesagt, daß er den Geistesarmen schädlich ui, sic des ihnen unumgänglich nothwendigen Schutzes beraube, und fanden mit dieser Behauptung bei so vielen Kleingewerbeircibcnden und Bauern Anklang. Aus dem Mißbrauch eines Fliiicms läßt sich aber keineswegs dessen Verwerflichkeit folgern. Wie viele Verbrechen wurden von Fanatikern der verschiedensten Eaufcisioucn im Namen der Religion verübt? War nicht Böhmen idion so oft der Schauplatz wüster Excesse im Namen der nationalen Idee? Die -<'.->kä Strä/.- sagt ferner, daß der Liberalismus ganze Völker an die Wand drücke. Dem gegenüber verweisen wir nur auf Rußland. Im Ezarenreiche ist Alles, was auch nur liberal schillert, streng verpönt, und wie ergeht eS dort jenen russischen Unlerthanen, die nicht der orthodoxen Kirche angehören! Die polnische Sprache ist nicht nur auS Schule und Amt verbaynt, sonderii in einzelnen Gouvernements auch im Privatverkchr nicht gestattet, und zahlreiche Söhne des polnischen Volkes müssen die Blatt. Nr. 130 Kerker oder in den den baltischen Pro- Bethätigung ihrer nationalen Gesinnung im Bergwerken deö Ural und Altai büßen. In vinzen wird das Deutschthum hart bedrängt, tznd selbst tschechische Colonisten wissen davon zu erzählen, wie main in Rußland mit Nichtrussen umgeht. Die Verbindung, welche das tschechisch-antisemitische Blatt zwischen Liberalismus und Völker! edrückung Herstellen will, ist thatsächlich nicht vorhanden, und insbesondere die Tschechen verdanken ihren nationalen Aufschwung nur dem Liberalismus, freilich nicht ihrem eigenen, sondern dem der Vcrfaffungspartei, den Staatsgrundgesetzen und der freien Schule, diesen ruhmreichen Schöpfungen deutsch-liberaler Volksvertreter. Die deutsch-nationalen Antisemiten erheben ja auch gegen die Männer, welche in den Sechzigerjahren dem liberalen Gedanken z» m Siege verhalfen, die Anklage,, daß dieselben die Tschechen un > andere slavischen Völklein durch ihre „doctrinären Gesetze" zroßgezogen haben. Einem tschechisch-nationalen Professor steht cs sicherlich nicht an, den Liberalismus zu schmähen, denn wenn derselbi in Oesterreich auch den Juden genützt hat, so gäbe es andererseits ohne ihn kaum tschechisch-nationale Professoren. Das System Bach-Thun hätte sie schwerlich geduldet. Durch den modernen Judenhaß werden, wie es scheint, auch „ganz Gebildete" blind — oder wollen sie bloß Andere blenden? In jedem Falle bekunden die Auslassungen der „Öeskä Strä?.“ schnöden Undank. J>r. L. <i. Pr. G. Haas über dHe Juden. (Zuschrift an dar .Freie Blatt".) Lieu, 25. September. Dr. E. G. Haas, der .gefeierte christliche Sociologe", wie ihn die antisemitische Preßmeutc mit Vorliebe nennt, der „Veuillot des modernen Christenthums", wie ihn sein Busmfreund Monsignore Scheicher apostrophirt, einer der Vorkämpfer der christlich-socialen Partei und journalistischer Hauptvertrcter dersellcn, Wahlmacher deS antisemitischen Abgeordneten Ritter v. Troll unt Ehrenmitglied unterschiedlicher christlich-socialer Hetzvereine, in allerlester Zeit insbesondere durch seine leidenschaftliche Polemik gegen den ständigen Secretür deö österreichischen Katholikentages häufig genannt, 3)r. E. G. HaaS also, hat vor mehr als Monatsfrist in dem neuesten Antisemitischen Vorort, in Graz, bei Ulrich Moser ein Buch erscheinen slaflen, welches bereits viele Wochen vorher von der ganzen anti-liberawn Journalistik ohne Unterschied der Couleur als neuer Stern auf dem Büchermarkt mit großem Eclat angekündigt wurde. Das Werk betitelt sich „Geist der Antike" und hat nach des BcrfafierS eigenen Worten dijn Zweck, der Ucbcrschätzung deS klassischen Alterthums, wie sie durch den Humanismus verallgemeinert worden sein soll, energisch entgegenzutreten. In der Einleitung bespricht der Autor die > religiösen Ideen der alten Völker und versteigt sich bei Besprechung der jüdischen Religion - für einen Moment gänzlich aus seiner antisemitischen Rolle fallend - zu einer förmlichen Apologie der Juden und ihrer religiösen Anschauungen. Alles Schlechte, alle hämischen cjnd gemeinen Angriffe auf das Judcnthum und seinen Glauben erfahren hier eine Zurückweisung, die selbst dem .ärgsten Judcnblatt" chur alle Ehre machen könnte. Der der jüdischen Rare angeblich angeborene Abscheu vor der Arbeit, der Hang zum Wucher und zur Ausnützung der unterthänigcn Arbeitskräfte, kur; alle häßlichin Anwürfe gchen da« Judenthum, wie sie Bergani, Spitzer-Weimar, Schönerer, SjBolf, Wähner e tiitti «juanti tagtäglich ihrem leichtgläubigen Leserkreise vorsetzen, werden hier von Dr. E. G. Haas, dem antisemitischen Propheten, auf das Glänzendste widerlegt. Doch lassen wir lieber dfn „geschätzten" Autor selbst reden.! Er beginnt (Seite 30) folgendermaßen: „Während aller Wahrscheinlichkeit nach die Uroffenbarung bei allen Bsölkern und Stämmen im Verlaufe der Zeit verdunkelt wurde, wähfend sich der Monotheismus in Pantheismus und Vielgötterei umgestaltete, rettete der jüdische Stamm den reinen Strahl deS göttlich«n Lichtes auf jene Zeit herab, da alle anderen Nationen dem Jrrthu n verfielen. Wie ein erratischer Block ragt jüdischer Glaube und jüdische Moral zwischen dem tauben Gestein der heimischen Erde empor " An einer anderen Stelle (Seite 31) heißt eS: „Mochten es die Griechen Juda in Kunst und Wissenschaft zuvorthun, mochte eine gewisse Harmonie der Kräfte, wie sie den Nachkommen Jacobs mangelte, an den Kindern Hellas' ersichtlich sein . . . ., an innerem Werthe, an Sittlichkeit und idealem Aufschwung ist ihm das verachtete Judenvolk w it überlegen." Ferners auf Seite 32 und 33: „Die Arbeit bildete im jüdischen Reiche keinen Gegenstand des Abscheus oder der Mißachtung, da sie nicht wie bei den Griechen und Römern ausschließlich Sack e der Sklaven war;