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Freies Blatt · 1894-09-30 · 130 (30.9.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
130 (30.9.1894)
Date
1894-09-30
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Blatt AboonementSpreiS. Für Oesterreich-Ungarn: WanzjSbrig.5 Jtroncn (fl- 2.50) Halbführig.S Stroncn (ft. 1.50) flflir baf gelammte Jlullanb: (?an«iä6rig.0 Mark Halbiäftrig .. 3 Mark 50 Ps. Ein,eine Nummern « kr. Unsrankirle Briefe «erben nicht angenommen. Redaktion und Admiiiiiiration: Organ zur Abwehr des Antisemitismus^ l- 6*ii*twtt* in, .. Inserate «erben mit 20 Hellerenkr) für bie vier, mal gefallene Nonpareille,eile berechnet. Kleiner Erscheint n» jedem Tonntngc. «n,eiger ba« Wort « Heller (2 kr ). Äninabme von Jnteraten in unserer Administration sowie im' Anuoncenbureaü M. Tutes. l. Wollzeile 8. Nummer IM. Wien, 30. September 1894. III. Jahrgang. Proceft Gelder.. Bor etwas mehr als eineni Jahre stand vor -dem Wiener Schwurgerichte einer jener Juden, welche von den Antisemiten als „Ausnahmsjuden" tolcrirt, nein, gefördert, aus ihrem Nichts zu socialen Größen emporpoussirt werde». Wir erinnern uns noch wie von gestern dieseSekelhaften SubjecteS, welches, trotzdem cs den Stempel der Verworfenheit auf der Stirn und den Lippe» trug, uns eine Zeit lang als die rnra avis unter den Jude» und als G'ewährSmann für die furchtbarste Anklage des Antisemitismus vorgeführt wurde. Paulus Meyer war nicht der Erste seiner Art, Aaron Brimann halte schon vor ihm das warme Plätzchen in dem Herzen Rohling's, dessen Gewährsmann er gewesen, mit einem etwas un» freundlicheren Freiplatze in irgend einem Zuchthause vertauscht. Paulus Meyer wird auch nicht der Letzte seiner Art sei», davon haben wir neuerlich eine schwache Vorahnung bekommen. ES ist eine schöne und edle Sache um den Kampf gegen die Eorruplion; er ist sittliche und Bürgerpflicht, aber die Hände des Kämpfers müssen vor Allem selbst rein und sei» Gewissen empfindlich wie eine Goldwaage sein für den Unterschied zwischen Anticorruplionismus und professionsmäßiger Eorruptionsriechcrci. Das Gegentheil von dem letzteren trifft bei der antisemitischen Partei ein. Wir wolle» einmal tolerant und wohlwollend sein und annehmcn daß die mala fides, die böse Absicht, auch grundlos zu verdächtigen, in dem Herzen eines antisemitischen Volksvertreters keinen Raum habe, daß ein persönliches oder gar materielles Nebenintereffe den Catonen der Hcpp! Hepp!-Partei noch nie ein Wort deö Tadels gegen die Juden in den Mund gelegt habe. Ist eS denn aber weniger gxavirend für diese Partei, wenn sie immer und immer wieder die schwersten Beschuldigungen auf Grund der unerwiescnsten, leichtsinnigsten Informationen erhebt, wenn sie die zweifelhaftesten Subjekte als Gewährsmänner gerade ni den ein außerordentlich kritisches Feingefühl erfordernden Angelegenheiten benützt? Die ganze Welt ist sich über derlei Personen immer im Klaren, nur die Antisemitenführer sitzen ihnen auf. Wenn man auch an eine solche Naivität glauben könnte, so kann sie doch unmöglich ein RechtsertigungSgrund sein für die professionsmäßige» Bckämpfer der Eorruption. Diese riechen die Eorruplion jedoch, wie es scheint nur auf große Distanzen, nicht aber aus der nächsten Nähe. Diese Betrachtung drängt sich einem unwillkürlich anläßlich deö am 24. d. M. vor dem Wiener Landesgerichte durchgeführtcu Processes gegen Edgar Hevmann Geider auf. Der Gegenstand dieses ProcesseS kann von der Affaire Pollitzer-Kaiser und dem darauffolgenden EhrenbeleidigungSprocesse Geider-Pollitzer her als bekannt vorausgesetzt werden. Die Verhandlung vor dein Erkenntnißgerichte gegen Geider wegen des doppelten Verbrechens der Erpressung und der falschen Zeugenaussage hat mit Bezug auf das Delikt des Angeklagten wenig Neues ergeben, als etwa den Umstand, daß Geider sein Erpressungsgeschäft an dem „Phönix" schon seit Jahren übte und auf diese Weise den geängstigten Direktoren und Verwaltungsräthen der Gesellschaft ganz ansehnliche Beträge entlockte. Nun, Herr Edgar Hermann Geider ist nicht der Erste, welcher als „Herausgeber" irgend eines WinkelblättchenS großartig anfängt und als gemeiner Erpresser elend, endet, er wird leider auch nicht der Letzte sein. Aber die Folie, auf welcher dieser Herr erscheint — diese Folie inter'cisirt uns und verschafft dem Proccsse allgemeine Thcilnahiuc.- Einst traten die Erpresser als Lumpen auf eigene Faust auf, heute wird der Revolver mit Anlisemitismus geladen, der Erpresser droht mit seinen Verbindungen mit antisemitischen Abgeordirete», und „die Aktion", wie es in dem Verbrechcrjargon dieser Leute heißt, geht, ungleich leichter, glatter," diplomatischer von statten. Einst schickte der Revolverjournalist dem ausersehcnen Opfer .einen Bürstenabzug deS geplanten Pamphletes ins HauS, heute über reicht er ihm daS Eoiicept einer Interpellation, welche demnächst von einem antisemitischen Abgeordneten von. der Tribüne - des Parlaments loSgelassen werden soll, wen» sic nicht mit blanken Zwanzig Kronen-Slücken niedcrgehalten wir)». Diese beschämende, ja niederschmetternde Thatsachc. hat nun der Proceß Geider gcosfcnbart. Es gibt eine Partei, welche sich nicht nur eines Menschen wie Geider kritiklos als Gewährsmann bedient, um gegen ein Geldiniritu» die vernichtenafte Anklage zu erhebe», diese Partei muß cs nicht nur erleben, daß sie vor Gericht fortwährend in einem Athen, mit einem gemeinen Erpresser genannt wird, der sein verbrecherisches Handwerk mit dem politischen Eapital der Partei betreibt; - cS wird auch vor Gericht constatirt, daß die Drohungen Geider'S mit seinem Einfluß auf antisemitische Abgeordneteeine nur zu thalsächlichc Grundlage halten, und daß cs der Wunsch der antisemilischen Partei war, daß Gcider's Ansprüche an den „Phönix" befriedigt werden, daS heißt, daß seine Erpressungsversuche von Erfolg gekrönt seien. DaS ist eine Partei, die ausgegangcn ist, die Eorruplion todtzuschlagen; man zeige u»S in der langen Geschichte des Parlamentarismus eine zweite, die ihr gleicht! Edgar Hcvmann Geider, der „Sekretär" des antisemilischen Zwanzjgcr-Eomil'S zur Vernichtung des „Phönix", wie er sich stolz nannte, ist ein Opfer seiner Gesinnungötüchtigkeit und deö römischen Rechtes geworden; sein Proceß endete für ihn mit einer, achlmönatlichen Ker.kerftrafe und nachherigcr Landesverweisung. Neben Geider trat im Gcrichtssaalc noch eine andere Figur auf, welche in dem Drama zwar nur eine Episode spielte, nichtsdestoweniger das lebhafteste Interesse deS Publicums für sich zu gewinnen wußte. Herr Josef Graf, nicht besonders rühmlich bekannt als publicistischcr Knappe des chemaligcn Statthalters von Böhmen, Baron Krauß, zuletzt Besitzer der „Extrapost" und der „Kritischen Revue", tauchte hier nach einiger Verscholl-.nheit wieder auf. Der Mann, de» der Antisemit Knotz einst im Parlamente bis zum Ucbcrdruß geißelte, ersteht im GerichtSsaale wieder als Vertrauensmann und Mittler der — antisemitischen Partei. Herr Graf, der als Deutscher einst demtschechophilen Statthalter seine Feder zur Herabsetzung alles Deutschen geliehen, tritt nun jetzt, unbeschadet seiner jüdischen Eonfession, als der einflußreiche Freund Gcßmann'S auf und leitet wie eine über dem niederen Erdengetriebe stehende höhere Macht die Fäden der ganzen gegen daö „Judcnnest" „Phönix" gerichteten „Action". Er fühlt sich als „iptaatsmann", der eine solche „Aktion", wie die Geider'S, nicht bloß von einem rein journalistischen, sondern von einem höheren Standpunkte betrachtet. Vö» welchem, siche weiter unten! Er ist der journalistische Mäcen, welcher aufstrebende Talente, wie das Geider'S, unterstützt, indem er ihm ein Blatt in die Hand gibt.

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