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Freies Blatt · 1894-09-23 · 129 (23.9.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
129 (23.9.1894)
Date
1894-09-23
Page
[Seite] (sequence 19)
Language
German
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* - Är. 129. Freies schon für cinc» der größten Gelehrten, und sein Polt blickte zu dem jugendlichen Rabbi auf wie zu einem höheren Wesen und verehrte in ihm den Stolz und die Zierde Israels — aber was war dies Alles gegen die Schönheit und Jugend seiner Tochter, gegen die großen Reichthüiner, die der Priinator, wie inan wußte, seiner Tochter als - Aussteuer mitgebcn wollte! Ta war vor Allein das stattliche HanS, das sic bewohnten, in welches sie nach ihrer Verheiratung ziehen sollte, ganze wohlgefülltc Schränke voll der feinsten Linnen und Spitzen, die kostbarsten Edelsteine, Gold und Silber in Menge, der schönste, kostbarste Edelstein war ja seine Lea selbst — und all dies wollte 'dieser kleine, verwachsene Mann da vor ihm sein Eigen nennen! Nun, er möge Zusehen, wie er seine Werbung bei dem Mädchen selbst anbringen könne, und mit welchen Empfindungen diese ihn anhörcn würde. Ja, so war cs am besten. Nicht er selbst, der Priinator, wollte dcni Bewerber die Kühnheit seines Begehrens vorwcrfen und ihm ein hartes „Nein!" entgegenschleudcrn; denn er fühlte es, trotz der Achtung und Bewunderung, die er für die hohen Geistesgabcn und den Charakter des jungen Mannes hatte, würde ihm sein beleidigter Stolz doch ani Ende Worte in den Mund legen, die den Bewerber aufs Höchste verletzen mußten, und das wollte der kluge Mann nicht. Es war also daS Pernünftigstc, den jungen Gelehrten zu seiner Tochter zu schicken; das kluge Mädchen würde mit dem feinen Takte, den sic besaß, ihn bald und auf schonende Weise über daS Unstatthafte nnd Unmögliche seines Bcrlongcns aufklären. Und so sing er denn nach einigen Augenblicken -des Nachdenkens an, indem er seine Augen ans dem lebhaft erregten Antlitz des jungen Mannes ruhen ließ: „Euer Antrag überrascht mich! Ich hätte nie gedacht, daß Ihr in Euren Gedanken und bei Eurem Studium auch noch Sinn für die Schönheit eines Mädchen habt, und daß Ihr dabei auch praktisch genug denkt. Euch in ein reiches Mädchen zu verlieben!" „Euren Rcichthum, Herr, verlange ich nicht," sprach stolz der junge Gelehrte, „ich habe ein Amt und genug Wißen, um ein Weib ernähren zu können,.und wäre sie auch aus »och so vornehmem Hause, ich liebe Eure Tochter um ihrer selbst willen und nicht ihrer Rcichthümcr wegen!" „Ich glaube es Euch gerne, daß man meine Lea licbcü kann um ihrer Schönheit und Tugend willen, die sie auch auszeichucn würden, wenn sic das ärmste Mädchen ihres Volkes wäre," sprach der Vorsteher mit stolzem Ausdruck; „aber," setzte er hinzu, „wie wollt Ihr daS Herz eines jungen und schönen Mädchens gewinnen, von dem Ihr ja doch auch wisien werdet, daß sic schon zahlreiche und edle Freier abgcwicsen?" Leise lächelnd, hatte der junge Mann der Rede des PrimatorS gehorcht, hatte auch den mitleidigen Zug bemerkt, mit dem derselbe seine unschöne Gestalt gestreift; und min cntgcgnete er, ohne daß man feiner Rede die mindeste Empfindlichkeit über dcS Andern schlecht verhehlten Spott anmerkcn konnte: „Ich habe davon schon gehört, daß Eure Tochter so viele <und so stattliche Freier ausgeschlagen; und gerade dieser Umstand gibt mir noch mehr Hoffnung, ihr Her; zu gewinnen." „Meint Ihr?" lachte der Priinator, den diese komische Selbstüberhebung zu belustigen anfing; „nun, wenn Ihr Eurer Sache so sicher seid, so geht denn hin — und gewinnt Euch meine Tochter! Ich werde dann auch meine Zustimmung diesem Bunde nicht versagen. >> „Habt Dank, Herr," sprach mit freudig erregtem Tone der junge Mann, „großen, innigen Dank! und erlaubt, daß ich heute noch mit der Jungfrau spreche." „Ihr habt noch keinen Grund, mir zu danken, junger Mann," erwiderte ablehnend der Primator. „Kommt am Nachmittag wieder her — und versucht Euer Heil bei meiner Tochter!" * * * Am Nachmittag desselben TagcS sehen wir den jungen Gelehrten abermals auf dem Wege zur Wohnung deS Vorstehers; aber fein Besuch galt jetzt nicht mehr dem Vater; er ließ sich direct in daS Zimmer der Tochter geleiten. Mit einem freundlchen Gruß kam ihm Lea entgegen. „Welche Ehre für mich, daß Ihr kommt," sprach sic, indem sie ihm einen Sitz anbot; „waS führt den großen Gelehrten, den weisen Rabbi zu mir?" Es vergingen einige Minuten, che der Besucher daS Wort ergriff; seine Augen sahen in Bewunderung auf die schöne Jungfratt hin — und erst als diese ihn aufs Höchste befremdet zu fragen schien, waS sein Begehr, erst dann raffte er seinen Muth zusammen, und in warmen Worten schilderte er dem Mädchen die innige Liebe, die er für sic im Herzen trage, wie sie der Gedanke seiner Tage und der Blatt. Seite 17. Traum seiner Nächte geworden, und wie er ihr ergeben sei mit all seinem Denke» und Fühlen und ihr sein Leben und seine Zukunft widmen wolle; nur solle sie ihn nicht von sich stoßen, seiner häßlichen Außenseite wegen; die Jugend urtheilt ja so gern nach dein Schein, und doch zerstört oft der leiseste Hauch die Schönheit des Menschen, und nur die reinen, frommen Gefühle des Herzens sind es. die wir uns bleibend erhalten in den Stiumcn des Lebens —-„und diese reinen, edlen Gefühle sind cs. Jungfrau, die ich Euch anbicte," so schloß er, und seine Augen hingen i» gespanntester Erwartung an den Lippen des jungen Mädchens. Stumi», wortlos'war sic dagcscsien und hatte, die Augen zu Boden gesenkt, den Worten dcS ManneS vor ihr gelauscht. Rein und klar und ohne Stockung floß der Etrom der Rede von. dessen Lippen; wie mit süßem Zauber hielt sic die leise, klangvolle Stimme »>;>- fangen, und als er geendet, als er, die Augen fragend auf sie gerichtet, ihrer Antwort harrte, da schien sie wie aus einem Traume zu . erwachen, und da hefteten sich ihre Blicke erstaunt auf die gegenüber sitzende Gestalt; ein Gefühl der Bitterkeit bcmächtigZc sich ihrer bei dem Gedanken, daß in einem so häßlichen Körper eine so schöne Seele und solch erhabener Geist wohne, aber hatte er nicht selbst gesagt, hatte er nicht soeben in beredten Worten geschildert, wie nichtig jede körperliche Schönheit sei, wie diese allen Zufällen unterworfen, in einem Augenblick verschwinden. könuc, dagegen aber ein reines, gottergebenes Herz den Menschen zum Glücklichsten der Sterblichen machen könne? Ja, dieser Mann besaß die reine, sromuic Seele, die die Gcivähr jedes künftigen Glückes in sich barg, und zudem war er auch »och ausgezeichnet durch seine» hohe» Geist und seine großeweitrcichcnde Wisiciischasl, der. Stolz rivd die Leuchte Israels! Aber diese vcrkünuucrte, -tinanjchiilichc Gestalt! Und mit ciilcmmalc erwachte sic aus ihrem Sinnen und schüttelte de» Zauber von sich, den die sanfte, herrliche Stimme auf sie auSgeübt; und eine Wolle des Unwillens erschien aus ihrer reinen-Stirn. Taö, was er ihr gesagt und dem sic gelauscht mit einem Gefühl dcS höchste» Entzückens, das war ja eine Werbung um sic, des Priniators Töchtcrlcin! und .daS wagte dieser Mann ihr zu biete», die schon so viele Bewerber um ihre Hand ausgcschlagcn! Freilich war cs zumeist der Mangel an Geist und Gemiith gewesen, waS sie zurückgeschrcckt hatte und waS keine noch so glänzende Außenseite bei dem geistvollen Mädchen wett machen. konnte, aber cS waren doch Söhne aus den angesehensten Familien der Gaste, und keiner von ihnen hatte ein so unvortheilhafteS Aeußcrc wie dieser Mann; und ,doch wagte auch er <S, als Bewerber um ihre Hand in die Schranken zu treten. Lea verghß de» Eindruck, den feine gefälligen Reden auf ihr Herz gemacht; sie erinnerte sich nur seiner Werbung, und daß diese eigentlich eine Kühnheit sei, nnd. so entschloß sic sich denn nach einigen Minuten peinlichster Stille, ihm die Antwort zu geben, die er verdiente. „Ihr seht mich höchst überrascht, Herr," sagte sie mit zu Boden I gesenkten Wimper», ,Jch hätte nie AehzilichcS von Euch erwartet!! Kommt Euch den» gar nicht der Gedanke, wie wenig wir zu einander! pasten?" Mit einem traurigen Lächeln erwiderte der. junge Mann: „Gewiß sehe ich cS ein, -daß unsere Gestalt ganz verschieden ist; daß Ihr, Jungfrau, der Inbegriff alles Schöne» und Vollkommenen seid und ich hingegen häßlich und unansehnlich an Gestalt bin; wenn ich niich aber dennoch erkühne, um Euch zu werben, so thue ich cs nur, weil ich weiß, daß Ihr mit mir glücklich sein könntet und daß Euer Leben an meiner Seite stets ein freudvolles und glückliches sein würde.. Trotzdem aber zaudert Ihr — und dcshulb erlaubt, daß ich Euch cinc kleine Geschichte erzähle. Als Tochter Israels wißt Ihr ja, daß die Ehen im Himmel geschloffen werden, und daß jedem Manne schon bei seiner Erschaffung die Lebensgefährtin bestimmt werde, mit der er durchs Leben wandeln sollet— da wurden denn unsere Seelen, holde Jungfrau, für einander bestimmt. Aber auch die Gestalt des werdenden Menschen wird von der Vorsehung gewählt; und so geschah cS, daß Ihr ausersehen wäret, mit einer verkümmerten Gestalt und häßlichem Angesicht durchs Leben zu wandeln, während mir Eure ganze Schönheit.und Lieblichkeit zutheil wurde. Ich fühlte Mitleid mit Eurem zukünftigen Geschicke! Im Geiste sah ich die Qualen voraus, die Ihr cmpsinden werdet, denn ein Weib ohne Schönheit und Anmuth ist wie ein Mann ohne Geist und Charakter, und da" Ihr mir doch als Lebensgefährtin, bestimmt wäret, so flehte ich in inbrünstigem Gebete den Schöpfer an, unsere ursprünglichen Gestalten zu verändern — Euch all die holde Schönheit zu geben, die mir bestimmt ward — und mir die Mißgestalt zu verleihen, mit der Ihr das unglücklichste Weib geworden wäret. Der Allmächtige hörte mein brünstiges Gebet — und unsere Gestalt wurde vertauscht — hier aber, holde Jungfrau, seht daS Bild Eurer ursprünglichen Gestalt," und mit diesen Worten

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