Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1894-09-23 · 129 (23.9.1894) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
129 (23.9.1894)
Date
1894-09-23
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4886575-5439163-5441557--1529-4887976
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

r t reite 16. + Freies Blatt. „Antisemitisch.^ Bon Z. {1. Widmann. : Ter Name selbst ist nicht von Lüge frei, 3tecft prahlerisch;u weit des Haffes Grenzen. „ 3 e m i t e n!“ — 5inb denn Böller nicht dabei, Tie hell in eurer Phantasie auch glänzin'? Ain Abend, wenn am fernen HimmelSsainn ZeS Halbmonds Krummschwert blinkt, das scharf gezückte, Wacht da nicht aus in euch dcS Orientes! Traum, Ter eure Jugend einst doch auch beglück»? Tic schöne Wolkcnstadt muß Bagdad seich Bagdad mir seinen Palmen, Minareten, Wo ihr als Knaben ginget auS und ein Und schwüret: «Bei dem Barte des Propheten." Wie köstlich war der Karawane Rast Im braunen Zelt des freien Beduinen. Taß bei semit'schen Männern ihr zu Gast, Hält' euch damals verfinstert nicht die Mienen O! Du arabisch Volk der Märchenpracht; TaS einst, wie Bögel zichn im Wanderflitgc, Bis in die Länder drang der Mitternacht Auf seinem wunderbaren SiegeSzuge! Das der Alhambra Löwcnsaal gebaut Und treue Krieger gab dem Öohcnstaufeir Ter sich am liebsten denen anvertraut, I Tie ihm der Papst nicht taufen könnt' npch kaufen! Semiten waren daS, semitisch war Ter afrikan'sche Held, der überwunden Zuerst der Alpen schreckende Gefahr, Dem pun'schen Bolk den Weg nach Ron«! gefunden. .Am Trasimener See der Nebel spinnt Ein Leichenhcmd den Römern, dort erschlügen. Wenn die .antisemitisch" einst gesinnt, War'S ehrlich. Schwert ward gegen.Schwert getragen. Doch euer Kampf-! Allein es' schafft Verdruß, Zu Ohren sprechen» die nicht wollen hörest. So komm' ich denn zu ungeahntem Schlitß: Recht habt ihr, euch und Andre zu bclhö:en Mit solchem falschen Wort der Unvcrnunt, Das halb verhüllt den häßlichen Gedanke« 6s ist die letz» Scham noch eurer Zunft Tie Welt der guten Sitte muß cuch's damkcn. Prag, und des Nachts saß er dann in seinem Stu >ir;immer und vertiefte seinen Geist in. die gelehrten Eommentare dek Talmud. Es mochte etwa um die elfte Bormittagsstunde sein; der Primator hatte schon einige Stunden gearbeitet, da störte ihn ein schüchternes Klopfen an der Thür; auf sein etwas unwillig gerufenes .Herein!" — denn er liebte es nicht, während der Bormitta« -stunden gestört zu werden — öffnete sich die Thür. Ein junger Mann erschien im Rahmen derselben und näherte sich mit einer tief* a Verbeugung dem Obcrhaupte der Gemeinde. Der Eingetretene war nichts weniger als schön Nr. 129. zu nennen, und Die Werbung. Eine Erzählung ans dem vorigen Jahrhundert voii (Carl *>. <5riot. 'rtad)bru<f nur n it CucUetungabe gestattet. In dem für die damaligen Berhältniffe ururiös auSgcstaltetcn Zimmer eines Hauses der Prager Judenstadr saß an seinem Schreibtische ein älterer vornehm auSschender Mann. Rings um sich hatte er ganze Stöße von Actenbündeln ausgeschichtek, bie| er noch im Laufe des Vormittags zu erledigen Home; denn das Amt^ welches er bekleidete, war kein geringeres als daS hochansehnlichc, abci^ auch äußerst schwierige i ttin’v Brimalors der Prager Judcngemeinde, eiifcr zu jener Zeit sehr :?i sorragcnken Gemeinde. ' Ter Mann, der zur Zeit in welcher unsere Geschichte spielt, diese Ehr-.-ustelle inuekatre. durchwelche ihm die vhllste Macht über seine t^la.:l':nsgenc-'s;n eingeräumt wurde, verdicntcj aber auch wie kein ■ .->iv:kv d u hohen Rang, den er cinnahm. Ausgezeichnet durch die :r:'siicbsten E'-aeuschaiten, schien er berufen. Recht zu sprechen und ■ üctv Wahre und Gute;u finden bei den Streitigkeiten der Gemcinde: demgemäß beugten sich auch seine Glatbcnsgcnoffen stets vor seine,n Urtbeilsipruche. Wenn er sich trotz allier seiner guten Eigen- ,. schatten, und seines leutseligen Wesens doch eine Ausnahmsstellung gesichert. 's war dies nur durch seinen hohen Dilisungsgrad, welcher ihn vorlheiihatt von seinen Glaubensgenoffen unterschied, die ja zu jener Zeit noch zumeist tut Dunkel der Unwissenheit lebten. Mit Glücksgütern reich gesegnet, konnte der Primator sich wllständig seinem Amte widmen, das denn auch einen großen Theil sliner Zeit in Anspruch »ahm; siine freien Stunden widmete er seiner zeliebte» Tochter, einer au'blühcnden Jungfrau, dem schönsten und beochrteste» Mädchen von seine kleine, etwas verwachsene Gestalt verschwand! beinahe" gegen den hohen Wuchs und daS vornehme Wesen des PrimatorS; doch auf seinem unscheinbaren Körper saß ein Kopf voll Gnsi, und auf seinen feingcschnittenen Zügen konnte man trotz eines leidenden, schivermütbigen Ausdruckes den tiefen Srclenadel erkenren, den das Herz dieses von Gestalt founansehnlichen Menschen bar g Dabei leuchteten seine Augen in mildem Feuer, und es gab Auger blicke, in denen er schön zu nennen war, wenn seine blaffen, eingefallenen Wangen sich färbten und seine sanften, braunen Augen aufleu hteten in glühender Begeisterung. Der Zug des Unwillens, der sich bei der unwi lkommcncn Störung auf dem Antlitze des PrimatorS gezeigt, war verschwunden und hatte beim Anblick des jungen Mannes, welcher sich ihn schüchtern näherte, einem freundlichen Lächeln Platz gemacht. Mit einer wohlwollenden Miene lud er ihn zum Sitzen ein, und indem er den Besucher nöthigte, auf dem Sopha Platz zu nehmen, rückte er sich seinen Lehnstuhl ganz in besten Nähe und lehnte sich behaglick zurück. .DaS ist schön, daß Sie zu mir kgmmen," begann der Primator, als er sah, daß der junge Mann noch immer kein Gespräch anfangen wollte, .wir wollen uns ein wenig aussprechen über die Zeit und über ihre merkwürdigen Erscheinungen." Noch immer hatte der Besucher nicht gesprochcnl und der Primator, dem die Verlegenheit desselben nicht entgehen und l er sich diese Zurückhaltung bei dem so geistvollen Manne nicht recht irklärcn konnte, ergriff abermals das Wort, um seinem schüchternen Gaste entgegcnzukommen. .Es freut mich wirklich gar sehr," sagte er in freundlich anfmunterndcm Tone, „daß Ihr mir die Ehre des Besuches schenkt, und ich weiß dieselbe würdigen, umsomehr als ich ja Euere Abneigung gegen weltliche Vergnügungen kenne und .weiß, daß Ihr nur der Wiffenschaft lebt; doch vielleicht führt Euch ein anderer Grund zu mir und Ihr hättet ein Anliegen an mich?" „Ihr habt es errathen, Herr," sagte endlich wie aus tiefen« Sinnen auffahrend der Gast, „ja, ich kam, Euch um elivas zu bitten." „Ihr macht mich glücklich, und ich muß cs wohl nicht erst sagen, daß ich Alles thun «verde, was in meinem Kräften steht, Euch, junger Freund, zu dienen. Wenn Euer Anliegen im Bereich meiner Macht ist, so sei cs Euch bestimmt gewährt." „Kein Anderer als Ihr, Herr, könnte, mir die Gnade gcivährcn um die ich bitte," sagte mit erregter Stimme der, junge Mann. .Aso sprecht, ich bitte Euch," sagte der Primator, .und seid nochmals versichert, daß es mir stets eine Freude sein «vird, einem so gelehrten Manne, wie Ihr seid, mit etivas dienen zu können." Einige Augenblicke sah der junge Mann vor sich nieder.— er schien die letzten Worte seines Gegenüber nicht gehört zu haben — wie in tiefes Sinnen verloren richteten sich feine Augen in unbekannte Fernen, heftig arbeitete es in seinem Antlitz, und im Tone der höchsten Erregung begann er nach einigen Minuten: „Ihr wißt, Herr, daß ich mein Leben stets der Wissenschaft und unserem Volke gewidmet habe: nur darin, nur in der Auslegung der heiligen Schrift hat sich mein Geist gefallen, und ich habe stets nur darnach getrachtet, Erleuchtung zu bisingcn incinen Brüdern in Israel! Ich habe kein anderes Ziel im Au/gc gehabt, und diese Beschäftigung war mir stets die höchste Wonne, nie habe ich mich den Vergnügungen hingegcbcn, welchen meine AlterSgcnoffen fröhntcn, ich fand nur Trost in der Wiffenschaft und in der Deutung der heiligen Schrift. Doch cs sollte anders werden! Ich sah Eure Tochter Herr! Auf einem einsamen Spaziergänge, den ich in der herrlichen Umgebung unserer Stadt machte, erschien sie niir »vic ein Engelsbild! Da zog die Liebe ein in mein Herz, und ich bitte Euch, Herr — ich flehe Euch an! Gebt mir die Hand Eurer Tochter!" Sprachlos starrte der Primator in das Antlitz des Sprechers. Das also war es!? Seine Tochter? Nichts Geringeres als seine Tochter, sein Kleinod, seine holde Lea verlangte dieser Mann zum Weibe! Seine schöne, vielumworbene Tochter! Das war zu viel! Einer solchen Kühnheit hätte er diesen unscheinbaren Menschen nicht gehalten. Wohl wahr: der Bewerber galt trotz seiner Jugend

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.