Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 129 (23.9.1894)
- Date
- 1894-09-23
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 'l29. Freies N l a t t. reite 17. schon für. einen der größten Gelehrten, undsein Volt blickte;n dein jugendlichen Rabbi ans wie zu einem höheren Wesen nnd verehrte-in ihm den Stolz nnd die Zierde Israels — aber was war dies Alles gegen die Schönheit nnd Jugend seiner Tochter, gegen die großen Reichthümer, die der Primator, wie man wußte, seiner Tochter als! Aussteuer uiitgeben wollte! Ta war vor Allem daS stattliche Hau», \ das sie bewohnten, in welches sie nach ihrer Perheiratnng ziehen tollte, ganze wohlgefüllte Schranke voll der feinsten binnen und Spitzen, die kostbarsten Edelsteine, <- Gold nnd Silber in Menge, der schönste, kost barste Edelstein war ja seine Z'ea selbst — nnd all dies luolltje dieser kleine, verwachsene Mann da vor ihm sein Eigen nennen! Oftm, er , möge Zusehen, wie er seine Werbung bei dein. Mädchen selbst anbringen •; könne, nnd mit welchen Empfindungen diese ihn anhören würde. Ja, - so war eS am besten. Nicht er selbst, der Primakor, wollte dein Be! Werber die Kühnheit seines Begehrens votwerfen und ihm ein hartes ' „Rein!" entaegenschlendern; denn er fühlte eS, trotz der Achtung nnd ' Bewunderung die er für die hohen GetsteSgaben. und den Eharakter deS jungen M'anneS hatte, würde ihm sein beleidigter Stolz doch am! Ende Worte in den Mund legen, die den Bewerber auiS Höchste 1 verletzen mußten, und daS wollte der kluge Mann nicht. ES war also daS Bernünftigste, den jungen Gelehrten zu seiner Tochter zu schicken: daS kluge Mädchen würde mit dem feinen Takte, den sie befaß, ihn bald nnd auf schonende Weise über das Unstatthafte und llninögliche seines BerlangenS aufklären. Und so fing er denn, nach einigen Augenblicken deS RachdenkenS an, indem er. seine Augen auf dem lebhaft erregten Antlitz deS jungen ManneS ruhen ließ: „Euer Antrag überrascht mich! Ich hätte nie gedacht, dag Ihr in Euren Gedanken und bei Eurem Studium auch noch Sinn für die Schönheit eines Mädchen habt, und daß Ihr dabei auch praktisch genug denkt. Euch in ein reiches Mädchen zu verlieben!" „Euren Reichthuin, Herr, verlange ich nicht," sprach stolz der > junge Gelehrte, „ich habe ein Amt und genug Wissen, uni ein Weib ernähren zu können, und wäre sie auch aziS noch so vornehmem Hause, ich liebe Eure Tochter tun ihrer selbst willen und nicht ihrer Reich thnnter wegen!" „Ich glaube eS Euch gerne, daß man meine '-'ea lieben kann um ihrer Schönheit und Tugend willen, die sie auch anSzeichnen würden, wenn sie das ärmste Mädchen ihres Voltes wäre," sprach der Borsteher mit stolzem Ausdruck: „aber," setzte er hinzu, „wie wollt Ihr das Herz eines jungen und schönen Mädchens gewinnen, von dem Ihr ja doch auch wisien werdet, daß sie schon zahlreiche nnd edle freier abgewiesen'?" t'eife lächelnd hatte der junge Mann der Rede deS PriinatorS gehorcht, hatte auch den mitleidigen Zug bemerkt, mit dein derselbe seine unschöne Gestalt gestreift: und nun entgegnete er, ohne daß man seiner Rede die mindeste Empsindlichkeik über deS Ändern schlecht ver hehlten Spott anmerken konnte:; „Ich habe davon schon gehört, daß Eure Tochter so viele und.so stattliche Freier auSgeschlagen/ und gerade dieser Umstand gibt mir noch mehr Hofsnnng. ihr Herz zu gewinnen " „Meint Ihr'?" lachte der Primator, den diese komische Selbst überhebung zu belustigen ansing; „nun, wenn Ihr Eurer Sache so sicher seid, so geht denn hin — und gewinnt Euch meine Tochter! Ick» werde dann auch meine Znstimntnng diesem Bunde nicht versagen." „Habt Tank, Herr," sprach mit freudig erregtem Tone der junge Mann, „großen, innigen Tank! und erlaubt, daß ich henke noch mit der Inngfrau spreche." „Ihr habt noch keinen Grund, mir zu danken, junger Mann," erwiderte ablehnend der Primakor. „Kommt am Rachmiyag wieder her — und versucht Euer Heil bei meiner Tochter!" * * * Am Rachmittag desselben Tages sehen wir den jungen Gelehrten abermals auf dem Wege zur Wohnung des Vorstehers: aber sein Besuch galt jetzt nicht mehr dem Baker: er ließ sich direek in das. Zimmer der Tochter geleiten. Mit einem freundlchen Gruß kam ihm V.’ea entgegen „Welche Ehre für mich, daß Ihr kommt," sprach sie, indem sie ihm einen Sitz anbot; „was führt den großen Gelehrten, den weiten Rabbi zu mir'?" Es vergingen einige Minuten, ehe der Besucher das Wort ergriff: seine Augen sahen in Bewunderung auf die schöne Inngfran hin — und erst als diese ihn aufS Höchste befremdet zu fragen schien, waS sein Begehr, erst dann raffte er seinen Muth zusammen, und in warmen Worten schilderte er dem Mädchen die innige Rebe, die er für sie int Herzen trage, wie sie der Gedanke seiner Tage und der i Traum seiner Rächte geworden, und wie er ihr ergeben sei itttt all seinem Teilten und Fühlen und ihr sein '.'eben und seine Znkunst widtnen wolle: nur solle sie ihn nicht von sich stoßen, 'einer häßlichen Außen feite wegen: die Jtzgend urtheilt ja so gern nach dem Schein,- und doch zerstört oft der leiseste Hauch die Schönheit des Menschen, nnd nur die reinen, fromme» Gefühle des Herzens find es, die wir uns bleibend erhalten in de» Stüimen des '-'ebens . und diese reinen, edlen Gefühle sind eS, Inngfran, die ich Euch anbiete,'' so schloß er, und seine Augen hinge» in gespanntester Erwartung an den Rippen deS junge» Mädchens. Sin»»», wortlos war sie da>fesesie» nnd hatte, ~ Sie Augen zu Bode» gesenkt, de» Worten des Mannes vor ihr gelauscht Rein und klar und ohne Stockung stoß der Strom der Rede von denen '.'ippen: wie mit süßem Zauber hielt sie die leise, klangvolle Stunine ui» sangen, und als er geendet, als er, die Augen fragend aut sie gerichtet, ihrer Antwort harrte, da schien sie wie aus einem Traunte zu erwachen, und da hefteten sich ihre Blicke erstaunt auf die gegenüber sitzende Gestalt/ eia Gefühl der Bitterteit bemächtigte sich ihrer bei dein Gedanken, daß i» einem so häßliche» Körper eitrf so schone Seele nnd solch erhabener Geist wohne, aber' halte er nicht selbst getagt, hatte'.er nicht soeben in beredte» Worte» geschildett, wie nichtig jcide körperliche Schönheit sei, wie diese allen Zu'ülle» nizterworsen, iln einem Angenblick verschwinden könne, dagegen aber ein reines, gotketgebeneS Her; den Mensche» znm Glücklichsten der Sterblichen machen könne'? Ja, dieser Mann besaß die reine, srontnic Seele, die die Gewähr jedes künftigen Glückes in sich barg, nnd zudem war er auch noch ausgezeichnet durch feinen hohen Geist und seine' große, weitreichende Wissenschaft, der Stolz und die '.'euchte Israels! Ader diese rertiimmerte, unansehnliche Gestalt! lind ntit*ctttciiititale erwachte sie a»S ihrem' Sinne» und schüttelte den Zauber von sich, den die sanfte, herrliche Stimme auf sie auSgeübt: und eine Wolke deS llnwillens erschien aufihrer reine» Stirn. TaS, was er ihr gesagt' und dem sie gelauscht mit einem Gefühl deS höchsten Entzückens, daS war ja eine Werbung tun sie, kceS PriinatorS Tochterlein! Und das-wagte dieser Mann ihr zu bieten, die schon so viele Bewerber um ihre Hand auSgeschlagen! Freilich war es zumeist der Mangel an Geist und Geniüth gewesen, waS sie zurückgeschreckt hatte nnd waS keine noch so glänzende Außenseite bei dem geistvollen Mädchen witt »rachen konnte, aber eS waren doch Sohne aus den angesehensten Familien der Gaste, und keiner von ihnen hakte ein so unvortheilhasteS Aeußere wie dieser Mann: und doch wagte auch er eS, als Bewerber um ihre Hand in die Schranken zu treten. Ra vergaß den Eindruck, den seine gefälligen Rede» auf ihr Her; gemacht: sie erinnerte sich nur seiner Werbung, nnd daß diese eigentlich eine Kühnheit sei, nnd so entschloß sie sich denn nach einigen Minuten peinlichster Stille, ihm die Antwort zu geben, die er verdiente. ' «Ihr seht mich höchst überrascht, Herr," sagte sie mit zu.Boden gesenkten Wimpern, „ich hätte nie AehnlicheS von Euch erwartet! Kommt Euch denn gar nicht der Gedanke, wie wenig wir zu einander passen'?" ' Mit einem traurigen lächeln erwiderte der junge Mann: ..G:w:ß sehe ich eS ein, daß unsere Gestalt ganz verschieden ist: daß Ibr. Jung srau, der Inbegriff alles Schone» nnd BoÜkoiütnen.-n ':.d und ich hingegen häßlich und unansehnlich an Gestalt bin: :r.::n :ch mich aber dennoch erkühne, um Euch zu werben, so ttv.te :.ki :s nur. weil ich weiß, daß Ihr mit mir glücklich sein tonnt:: c:nd daß /»er -eben an meiner Seite stets ein freudvolles und glu/uä'ts' >e::t würde. Trotzdem aber zaudert Ihr — und dcSlmlb daß ich Euch eine kleine Geschichte erzähle. Als Toeltter I'rak.s wißt Ihr ja, daß die Ehen im Himmel geschlossen wert:::, und daß :edein Manne schon bei seiner Erschasiung die '-'ebenSge'älwti:: bestimmt-werde, mit der er durchs '-'eben wandeln «olle — da wurden denn unsere Seelen, holde Jungfrau, für einander bestimmt. Aber auch die Gestalt dxS werdenden Menschen wirk von der Vorsehung gewählt: und so geschah eS, daß Ihr. auserseden watet, mit einer verkümmerten Gestalt und häßlichem Angesicht durchs '-'eben zu wandeln, während mir Eure ganze Schönheit und Redlichkeit zutkeil wurde. Ich fühlte Mitleid mit Eurem zukünftigen Geschicke!,. Int Geiste sah ich die C.ualen voran-, die Ihr empsinden werdet, denn ein Weib ohne Schönheit und An muth ist wie ein Mann ohne Geist und Eharakter, und da Ihr mir doch als Lebensgefährtin bestimmt wäret, so stehte ich in inbrünstigem Gebete den Schöpfer an, unsere ursprünglichen Gestalten zu verändern — Euch all die holde Schönheit zu geben, die mir bestimmt ward — und mir die Mißgestalt zu verleihen, mit der Ihr das unglücklichste Weib geworden wäret.' Ter Allmächtige horte mein brünstiges Gebet — und unsere Gestalt wurde vertauscht — hier aber, holde Jungfrau, seht daS Bild Eurer ursprünglichen Gestalt," und mit diesen Worten