Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 129 (23.9.1894)
- Date
- 1894-09-23
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16. Freies Blatt. „AnLilemitil'H." Po» I. 1l. Ividvann^ Ter '.'fante selbst ist nicht von Üiige frei, Steckt prahlerisch;u weil des Hasses (j'renzeir. „Semiten!" — 3inb denn Böller picht dabei, Tie hell in eurer Phantasie auch gläjijen? ‘Jim Abend, wenn am fernen Hiinuielssanni Tes Halbmonds Krummi'chwerl blinkt, jdas scharf gezuckte, Wacht da nicht aus in euch des Orientes Traum, Ter eure Jugend einst doch auch beglückte? Tie schöne Wolkenstadt muß Bagdad slin, Bagdad mit seinen Palmen, Minareken, Wo ihr als Knaben ginget aus und e n Und schwüret: „Bei dem Barte des Propheten." Wie köstlich war der Karawane Rast 3m braunen Zelt des freien Beduinen. Taß bei semit'schen Männern ihr zck Gast, Hakt' euch damals verfinstert nicht die Mienen T! Tn arabisch Bolk der Märchenprachr, TaS einst, wie Bögel zieh» irn Wandetfluge, -= Bis in die Länder drang der Millernckcht Auf feinem wunderbaren Siegeszuge! j TaS der Alhambra Löwenfaäl gebaut lind treu« Krieger gab dem Hohenstaufen, Ter sich am liebsten denen anverlrant. Tie ihm der Papst nicht tauten könnt' noch kaufen! Semiten waren das, semitisch war '<. Ter afrikan'sche Held, der überwunden! Zperst der Alpen schreckende Gefahr, Tein pnn'schen Bolk den Weg nach Rvm gefunden Am Trafimener See der Nebel spinnt I Ein Leichenhemd den Römern, dort erschlagen Wenn die „antisemitisch" einst gesinnt. 'War's ehrlich. Schwert ward Toch euer Kamps - Zn Cbren sprechen. So komm' ich denn Recht habt ihr, euch Mit solchen: ialschen gen» gegen vchwert getragen. - —! Allein es ichafi: Berdruß, die nicht wollen qören.;u ungeahntem Schluß: und Andre zu betören Wort der Unverckunst, Tas halb verhüllt den häßlichen Gedalnken rrs T ie ist die letzte Schau: noch eurer Z: Welt der guten Sille muß euch's nti, danken. Die. Werbung. eine cijabiur.g ans dein vorigen Ialirdnuder^ von Varl v. Ulriot. '.'^.Tdru^ int: :tc .unattc:. In dem für die damaligen Berhälinifse' lnrnriös ansgestaiielen Zimmer eines Haiiies der Prager Iudenstadf faß an seinem Schreib tische ein älterer vornehm aussehender Man». Rings um sich haue er g.iir,e S löste von Aekenbiindeln aufgefchichlel. die er noch iui Laufe des Bormitiags \u erledigen, hoffte: denn das Amt, welches er bekleidete, :var kein geringeres als das hochanfehnliche, iber auch äußerst schwierige eines Brimators der Prager Iudengeineinöe. einer, zl, jener Zeit sehr beivorragenden t^enieinde. Ter Mann, der;ur Zeit in welcher utjiere Ge'chtchte spielt, diese Ebrenstelle innehaiie, durch welche ihm dib vollste Macht über feine '‘'l.inb.v.sgenonen elngeräunit wurde, verdchnie aber auch wie kein -ln' »er den hohen Rang, den er einnahm! Ausgezeichnet durch die ". r~.\.i>f:.,r Eigenschaften, schien er berufen, Recht;u sprechen und ':. r e eas W.'.!:: und Gute zu finden bei peit Streitig keilen der Ge men de: lern genieß beugten sich auch feine Glaubensgenossen stets vor nls'p'.iiche Wenn er sich irvtz aller feiner guten Eigen 'eines lenl'eligen We'ev.s doch eine Ausnahmost llung ge :r.rr dies nur durch feinen hohen ^Bildungsgrad, welcher ihn schauen siche: voribeilhafi von feinen Glaubensgenossen nisierfchied, die >a zu lener Zen noch zumeist im Tunket der Unwisienbeil lebten. Beit Glucks gittern reich gesegnet, konnte der Brimalor sich vollständig seinem Amte ividmen, das denn auch einen großen Tlnjil seiner Zeit in Anspruch nahm: feine freien Stunden widmete er seiner geliebten Tochter,, einer aufbliihenden Jungfrau, dem schönste» und! begehrtesten Mädchen von Prag, und des Nachts saß er dann in seinem Studirzimmer und vertiefte seinen Geist in die gelehrten Eominentare I eS Talmud. Es mochte etwa um die elfte BormittagSstuniie fein; der Primator hatte schon einige Stunden gearbeitet, da störte Klopfen an der Thür; auf sei» etwas unwillig Nr. 129. ihn eij, schüchternes gerufenes „Herein!" denn er liebte es nicht, während der BorinitlagSstunden gestört zu werden — öffnete sich die Thür. Ein junger Mann erschien tut Rahmen derselben und näherte sich mit einer tiefen Berbeugung dem lTberhaupte der Gemeinde. Ter Eingetretene war nichts weniger als schon;» nennen, und seine kleine, etwas verwachsene Gestalt verschwand beinahe gegen den hohen Wuchs und daS vornehme Wesen deS wnmatorS; doch auf seinem unscheinbaren Körper saß ein Kopf voll Geist, und auf seinen seingeschnittene» Zügen konnte man trotz einsS leidenden, schwerinüthigen Ausdruckes den tiefen Seelenadel erkennen, den das Her; dieses von Gestalt so unansehnlichen Menschen bprg. Tabei leuchteten seine Auge» in mildem «teuer, und es gab Augenblicke, in denen er schön zu nennen war, wenn seine blasien, einaefallenen Wangen sich färbten und seine -sanften, braunen Augen aufleuchteten in glühender Begeisterung. Ter Zug des Unwillens, der sich bei der unwillkommenen Störung auf dem Antlitze deS Primators gezeigt, war verschwunden und hatte beim Anblick des jungen ManneS, welcher sich ihm schüchtern näherte, einem freundlichen Lächeln Plav gemacht. Mit einer wohlwollenden Miene lud er ihn zum Sitzen ei», und ivdein er den Besucher nöthigte, auf dem Sopha Plav zu nehmen, rnäle er sich seinen Lehnstuhl ganz in denen Nähe und lehnte sich behaelich zurück. - „ Tas ist schön, daß Sie zu mir kommen," begann der Primator, als er sah, daß der junge Mann noch immer lein Gespräch ansangen wollte, „wir wollen uns ein wenig ausspreden über die Zeit und über ihre meriwürdigen Erscheinungen." Noch immer batte der Besucher nicht gesproe>en, und der Primator, dem die Berlegenheit desselben nicht entgehen und der sich diese Zurück Haltung bei dem so geistvollen Manne nicht red t erklären konnte, er griff abermals das Wort, uni feinem -schlichte neu Gaste enkgegenznkoulliien. „Es freut mich wirklich gar sehr," sagte er ick freundlich auf munterndem Tone, „daß 3br mir die Ehre bei Besuches schenkt, n»d ich weiß dieselbe zu würdigen, umsomehr als in ja Euere Abneigung gegen weltliche Bergnügungen kenne und we ß. daß Ihr nur der HWisien'chafl lebt: doch vielleicht führt Euch in anderer Grund zu mir und 3br hättet ein Anliegen an mich?" '„3hr habt es errathen, Herr," sagte endlich wie aus tiefem Sinnen auffahrend der Gast, „ja. ich kam. Euch um etwas z:> bitten." „3hr macht mich glücklich, und ich muß e> wohl nicht erst sagen, daß ich Alles thun werde, was in meinem -Kräjlen fleht. Euch, junger jvreunS, zu dienen. Wenn Euer Anliegen im Bereich meiner Macht ist. so ''ei es Euch bestimmt gewährt." „Kein Anderer als Ihr, Herr, könnte in r die Gnade gewähren um die ich bitte." sagte mit erregter Stimme >er junge Mann. „Afo sprecht, ich bitte Euch," sagte der Primator, „und seid »och inals versichert, daß es mir stets eine «vreul e sein wird, einem fo gelehrten Manne, wie Ihr seid, mit etwas die teil zu können " Einige Augenblicke fab der junge Mann schien die letzten Worte seines Gegenüber- »ich s der Wissenschaft und nur in der Auslegung en. und ich habe stets vor sich nieder — er gehört zu habe» — wie in tiefes Sinnen verloren richleieu sich feilte Augen in unbekannte .lerne», heftig arbeitete es in seinem Antlitz, u :d im Tone der höchsten Erregung begann er nacheinigen Minuten: „Ihr wißt, Herr, daß ich mein. Leben ste unferem Bolke gewidmet habe: nur darin, der heiligen Schrift hat sich mein Geist gern! nur darnach getrachtet, Erleuchtung zu bringen meinen Brüdern in Israel! Ich habe kein anderes Ziel im Ange^ gehabt, und diese Be schänigung war mir stets die höchste Wonne, niehabe ich mich den Bergnügungen hingegeben, welchen meine Alteesgenosieu fröhnteu. ich fand nur Trost in der Wisienschafl und in d>r Tentung der heiligen Schrift. Toch es sollte anders werden! Ich sah Eure Tochter Herr! Auf einem einsamen Spaziergange, den ich in der herrlichen Umgebung unserer Stadl machte, erschien sie mir wie ei t Engelsbild! Ta zog die Liebe ein in mein Herz, und ich bitte (juch, Herr — ich stehe Euch an! Gebt mir die Hand Eurer Tochter " Sprachlos starrte der Primator in das Antlitz deS Sprechers. Tas alfo war es!? Seine Tochter? Nichts Geringeres als seine Tochter, sein Kleinod, seine holde Lea 'verlangte dieser Mann zum Weibe! Seine schöne, vielumworbene Tochtir! Tas war zu viel! Einer solchen Kühnheit hätte er diesen uusewinbaren Menschen nicht fähig gehalten. Wohl wahr: der Bewerber galt trotz seiner Jugend