Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 129 (23.9.1894)
- Date
- 1894-09-23
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. IW freies 1' I j 11. So saßen sie auch einst beisamme». Adclina, über und über erglüht wie eine frische Purpurrosc, sah mit lcuchtcndci» Auge zu ihrem jungen Lehrer empor. Sprachen auch ihre Lippen nicht — wozu bc durfte eS der Worte? Und Erno spielte die Harfe, flüsterte tausend süße Flamen, und in dem Blick, mit dem er;u der Eontcsia »icdcrsah, lag ein Hini)ncl voll Wonne. Da rief im jähen Zorne eine harte, klanglose Stimme: „Adclina! Fort! Auf dein Zimmer! Und Sie, Signor Travestre, hinaus ans meinem Hanfe, das Sic Geschimpfen! Die Tochter des Eontc Marlatta steht zu hoch für dön Sohn eines armen Musik meisterS! Hinaus — oder mich reißt der Zorn hin :—" Die schöne, wunderbar klingende Harfe mit den vergoldeten Bögen schlug dröhnend und klagend zu Boden — die Saiten zersprangen! Mit jähem Angstschrei taumelte Signora Elvira aus ihrem Fauteuil empor. Noch einen Blick, einen schmerzlich langen Blick warf Erno auf die todtblcichc Adclina — dann war er gegangen. Aber er war bald wiedergckchrt. Er umschlich PalaiS und (Zarten, um die Eontcsia zu sehen; fang unfern der großen Mauer zur Mandolinc seine feurigsten Lieder und trotzte der Gefahr, von cincin gedungenen Bravo niedcrgcstoßcn zu werde». Ertönte dann seine Stimme bei Tag oder Nacht, dann zeigte sich AdelinenS dunkles Gcsichtchcn für einen Moment im grünen Blätter rahmen, den große, weiß blühende Flicdcrbüfchc um die Fenster ihrer Zimmer gezogen. Sie lächelte ihm zu und verschwand dann, während er im beseligenden Bewußtsein ihrer Nähe zurückblieb. Nur das Nachzitkcrn der Zweige bewies ihm, daß kein Traumbild ihn geneckt habe. So vergingen Wochen, und er sprach Adclina nicht, während sein Bater, dem er sich entdeckt hatte, in Furcht und Zittern dahinlebte, daß der stolze Marlatta die Hand eines Mörders dingen und ihm den einzigen Sohn damit rauben könnte. „Tu mußt fort!" sagte der alte RcgcnSchori, „gehe ins Ausland, »ach Paris, werde ein berühmter Eompositore und kehre mit rulimvollem Namen und Reichthum zurück — dann wirb um die schöne Eontcsia!" In Wahrheit war cö ihm nur darum zu thu», den Sphu aus der gefährlichen Nähe des Palastes Marlatta, ja selbst auS der Stadt zu entfernen. Ter Zufall bot dazu die Hand. Fanre, der berühmte Sänger Frankreichs, weilte in Mailand. Ter alte Travestre war mit ihm vor Jahren befreundet, ihm band der' besorgte Pater in einem eindringlichen, vcrtraucnSvoUcn Briefe den einzige», der ihm von sechs Söhnen geblieben, auf die Seele. Fanre sagte zu und wünschte Erno sofort mit sich zu nehmen. Während der RcgcnSchori so für die Zukunft dcS Sohnes conspirirtc, war Erno nicht müßig geblieben. Durch kleine Geschenke und seine süßen Lieder, die er meist alle selbst componirte, hatte er Endritta, dcS Gärtners blauäugig Töchtcrlcin, gewonnen. Turch Endritta sandte er -Adclincn einen glühenden Liebesbrief, doch beinahe wären Botin und Brieflein dem überall seine Augen badende» Eontc Marlatta in die Hände gefallen: und so weigerte Endritta sich energisch, der Eontcsia schriftliche Botschaften zu bringen. Wieder ging daS so ein Weilchen. Tic kleine Gärtnerin brachte mit den frischen Blumen und Früchten jeden Morgen auch ErnoS treue, liebende Grüße. Allein, konnte daS wohl den gcwaltsani Getrennten genügen? Gewiß nicht! Und auch dies heimliche Privilegium wurde den Armen genommen. Bleich und bestürzt erschien eines Abends die kleine Endritta und verkündete dem trostlosen Erno, daß der harte und finstere Eonrc Marlatta die schöne Eontcsia Adclina morgen Mittag in ein Kloster nach Rom führe, um sie der Obhut seiner ebenso finstere», adcls stolzen Schwester Susauua, der Oberin im Kloster der Kärinclitcrinnen, zu übergeben. Tic arme, schöne Eontcsia — so meldete sic weiter — liege in Thronen aufgelöst auf dem Divan ihres Schlaszimnicrs und habe ihr schluchzend gestanden, sie müffc Erno noch einmal sehen; sie sterbe sonst vor Sehnsucht! DaS habe sic, Endritta, so mächtig crgrisscn, daß sic bei Gefahr ihres Lebens der Eontcsia versprochen, vor Beginn der Nacht Adclina, in bäuerische Tracht gekleidet, hinanS auf die Gräbcrstraßc unter die Porta Ercoladenfc zu führen. Sobald die Sonne im Untergehcn, die Schatten der Nacht sich zeigten, würden sie Beide unter den Granalbäumen bei den Marmorgrüttcn sein, Adclina, um Abschied zu nehmen. „Ich riSkirc einen vergitteren Dolchstoß ins Herz," schloß Endritta, „allein ich liebe selbst, liebe meinen guten Fernando und kann meine schöne Eontcsia vor Sehnsucht nach Euch nicht sterben sehen!" Und zu Beginn der Nacht, als das Funkeln der Sternbilder am Himmel, begonnen, als der köstlichste Duft den Blüthendolden de» «feite l.'i. ' Flieders, der Orangen und der Marsala» osen entstiegen, da waren sic gekommen. Adclina in Endrilta's Kleidern das liefichwarze Haar mit dem Grailatstraus; und der Spitzenmaniille geschmückt, lies verschleiert. TiSeret blieb die kleine Bcrlraute zurück Ta hatte sich Adclina in leidenschaftlichem Schmerze an leine , Brüst geworfen, zum erstenmale batte er sie da getilgt und von ihren Lippen daS Geständniß der Gegenliebe cmpfangen. Sie halte ihm Treue geschworen und er ihr, unwandelbare Treue bis über öas Grab hinanS — und die alle» Ehpres':» halten daz>i gerauscht, die Utnen.und Grabliionumentc ihre Schwüre vernommen-, wesenlose Schalle» huschten an/ den sich Und die Welt Bergesiend«, vorüber. - . Sic. mußte morgen ins Kloster, und er, er zog nackt Frankreich, nlll Ruhm und Reichlhum zu 'ammcln, Aber über zwei Jahre, dann kehrte er wieder, dann war Adclina Herrin ihrer Hand und ihrer Zukunft und hing von Niemand ab — und er? Er war ein Beeister, dest'en Rns, desie» Name die Welt entslanimic. Nach zwei Jahren, da wollten sie sich an dieser Stelle Wiedersehen, was auch gesckiehe, an dem Schwure hielten sic fest. Er war da, wohl .noch ohne die htti>derllattie»d Francs Renten, aber dennoch mit einem Namen, de» ihm sein Latent und das-Eom- > ponircn zweier O Peru verschasit, aber er brachte mehr als Reichlhum, I er brachte ein treues Herz voll heißer, unendlicher Liebe, und er wußte, daß seiner Braut dies daS liebste (beschenk sei — doch — i , „Adclina, Geliebte! Wo weilst du? Siehst du nicht, daß cs Nacht i wird?" i Schwer lag der Tust der Blnnieii ans ErnoS Sinnen, dan» kam! eines, jener Blumengcistcrcheii geflogen, setzte sich ihm au» die Brust | und drückte ihm die Augenlider zu.! „Adclina, bist du cs?"! So lag er im Halbschlaf. Ta umsingeii ihn zwei weiße, volle : Arme, und an seinen Lippen trank sich ein durstiger Mund satt u»d ' wieder durstig '— leise wurden dicht an seinem Ohre süße Schmeichel ■ wortc gehaucht. „Bist du gekommen. Adclina, iüße Braut?" murmelte er'schlafumfangen. > Sic sprach nicht, sie küßte ihii wild. Schien ihm doch, irtS seien die Lippen so kalt! Es zuckle etwas in seinem Herzen, und das (Gehirn begann ihm von sthrcn Küssen zu glühen. ' Sie sah ihn mit großen, seltsamen Augen an. War denn das Adclina, sei» Mgdchcn? Fa, sie war cs! Sie sah ihn an, aber so j bleichen Gesichtes und die Lippen io farblos, und er ibollte sich ans , rasien, wollte sie fragen, aber da riß sie ihn gcwallsaut zurück in ihre Arme, lind ihr wilder Kuß benahm ihm den Athen,, ans seiner Brust saß der Blnmcngeift — — cs vergingen ihm die Sinne. Fm Hospitz fand er sich wieder. Nach langen Monaten, in denen das Leben mit dem gransamen Tode gerungen, siegte das Lebe» unpseine Fugcndtrask. Endlich kam er heim znm Bater Webmnthig cmpsiug ihn der Alte und doch glückselig^ ErnoS erste Frage galt Adclinen. -! „Tu weißt nicht?" muruielte erschrocken der .alte Mann, ..Sie! starb vor vier Monaten am >>. . . .. als die Sonne üne Strahlen ins Meer tauchte!" >! Ein seltsames Brrständniß überkam Epno L'.avestre 1 ( | „Fa!" dachte er nnd sah traumverloren ro. stch bin,- „sie war; gckomincn, ihren Schwur der '.Treue;n ballen! Was auch geschehen,! sic war unter die blühenden Granalbäuine gekommen. Warum verstand! ich dich denn nicht, meine Adclina?'" | Erno Travestre blieb nicht'beim Baker. Auch nach Frankreich ging! er nicht wieder. Er verschwand plötzlich.! Nach einem Fahre lam dem trostlose» Alten die Kunde von einegi i junge» Bi^lelmötiche, der so wunderbare Kirchencomvosilioncn für alle . Bienen liefere: besonders die Rcguieni, die traf ermeisterhaft. Nur ■ schade. cS gehe trotz seiner Fugend mit seiner Gesundheit bergab. ES litt den alten Mann nicht: er mußte nach Rom. Mühsam schleppte er sich bis znm Kloster. Man Halle den jungen Bettelmönch zwei Tage früher im Kreuz; gang begraben. Tort brach der Alle-zusammen. Erno Travcftre'S oder bester Frater Bcnedictus' RuheplazOgleicht; cincin luftigen, grünen Hollundcrncste, überschattet von einem großen Granatbanm. Er selbst hatte sich kurz vor seinem Scheiden ' dicsgS Plätzchen gcfchmüekt und seiner Icidenschaftlichen Borliebe für Adclinenö ' LicblingSblumen Rechnung getragen.