Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 129 (23.9.1894)
- Date
- 1894-09-23
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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feite II. .freies IMall. Nr. 129. daß sic den Knaben an l Lust zusah, wie er sein n der Werkstätte wurde \,t5$ hat mir'S die tuau Mutter gesagt, sagte Moses, .ich werde skudiren. .Und was wirst du werden?" .Ei» Toctor," sagte MoseS, .aber nic^t so einer, der;>t beit .'{raufen gellt, ich will ein Xoctor werden, s einet war, ein Toctor, der Altes lernt und jAlleS weiß." .Unsinn!" sagte der Töpfermeister und!nahm ein Stuck Thon von der Erde ans, ntn einen neuen Tops aus der Drehscheibe zu _ tonnen, .eS gibt keinen Menschen, der AU-S weiß: nur Gott weiß -.'lileev"' Wieder entstand, wie die Scheibe sich djcehte, nach und nach ein neues Gefäß, und Moi'es, der sich iniltlei weile wieder gesetzt hatte, betrachtete aus'S Neue den sich vollziehenden Proeeß und konnttbeim Zuschauen den Gedanken nicht los werden, ipie eigen es doch »i, daß ein Mensch etwas recht gut machen könne, lohne zu wissen, weshalb er das ihm, was er thut. | ' * Geuoika kam herein und brachte auf feinem Teller drei Stück Butterbrote, eines für den Meiner, eines fl r den Gesellen und eines für MoseS. .Und du'?" sagte Moses, als er das Brot nahm. „Ich habe meines schon dranßen gegefsei," sagte Genoska. Der t^eteHe bemerkte es mit Berdrnß, lächelte als sie dies sagte, und daß sie in Butterbrot verzehrte. Das Mädchen entfernte sich wieder, fleißig weiter gearbeitet: Meister und Geselle drehten die Scheibe um die Wette, und sowohl ans der einen S Heide wie auf der anderen entstand ein Topf nach dem anderen, welchen, io wie er sertig war, zu den bereits fertigen Töpfen auf ein Brett zum Trocknen gestellt wurde. So verging der ganze Borniittag. bis es auf der Kirchthurmuhr zwölf schlug und die Mitlagsgloilie geläutet wnrdi. ..Watum fercht man die Scheibe?" Mst dieser »trage verließ Moses die Werkstätte und ging nach Hause, beschwert mit einem Räthsei, welches ihm durch die Unmiltelbarkeit der Anschauung säst noch tiefer;n Gemüthe ging, als dasjenige, welches auf dem Dachboden anS dem zerrissenen Buche seines Enkels herausgelesen hatte. Unablässig dachte er nun bald an die Töpferscheibe, bald an das alte zerrissene Buch derart, daß sich in feinem Geiste allmälig zwischen den beiden ,nagen, welche für ihn in undurchdringliches Dunkel gehüllt waren, eine Ideenverbindung herstellte, die in feitur Phantasie das ungeheuer liche Bild erzeugte, wie Gott der Herr dereinst bei einer kolostalen Töpferscheibe gesenen linfe die Erde gefnetej und ausgebaucht habe. Ein Gedanke dieiLr Art war ja in dein Gespräche in der Werk siätke schon leise berührt worden: jept adar war er bemüht, den Ge Lanken conseauem auszndenken. „Ter Topf," so sagte er sich, .wird ausgebaucht durch das Drehen. Wenn nult die Erde ausgebaucht ist, so muß man auch die Erde gedreht haben, und wer anders könnte ne drehen als Gott'?" Daß die Erde einmal gedreht worden sei, das stand für ihn fest: daß sie sich auch jetzt noch drehe, das wußte er nicht Also batte a, dieser kleine Naturforscher, wenn auch noch nicht die völlige und ganze Wahrheit, io doch nahezu die richtige Ursache für die Ausbauchung der Erde erkannt. Aorvetznug folgt.) Rt>elina. •.'iVofUette von 2M. v. ittarhouir«. - .ij.:\:ruet vertv:»:;. ..Adelina - bin du es?" Still in s ringsum — todteiistill. Etnn ragen die dunkeln Envreffen zttpichen den marmornen l'Nabmalern empor. Darüber der blänlich-golhene Himmel. Dahinter das 'uti in abendliche Schleier hüllende grünes Land — dann das silberne '.llceer. Answeiter Ierne kreischen Wasiervöges zeitweise in schrillen Ehören, daun flattern abgerissene .'klänge einer Ttgnermnsik herüber, Gesänge von IranenNimmeu: in den Enpresien tauscht wie leise Klage der 'ri'che Abendwind. ..>{omuin du. Adelina'?." lieber die tbauigen Blumen gaukeln bunte »valter hiniveg, während klug -blufenbe Eidechsen über halbverlöichie Inschristentaseln durch die Spalten der tslrüfte in das gekeimnißjvolte Innere schlüpfen, dort hinein, wo die Schatten wohnen. Trüben sank die Sonne, und über s?ainpswolken des BesuvS stieg der Bollmond empor. ) Auf weicher Moos bank, unter desi Zweigen eines glührothen Granatgebüsches, lag ein junger Mann. Tiefdui kle, träumende Angen, schwarzes Lockengewirr icS Antlitz, lieber all phantastischen Tänzen. ein matt olivenfarbener Teint, ein prachtvolles und, von ihm eingerahmt, ein elassisch geschnitten das huschen die letzten Sonnenstrahlen in tausend Tie schlanke Gestalt ist ganz von dem uatüilichen MooSbetk herab gesunken. Unter dem Haupte ruht der rechte Arm, die linke Hand hält einen Strauß von Granatblüthen und wei sein spanischen Glieder. Ta schimmerte' es wie blitzende Perlen in >eS Jünglings Augen, eine unaussprechliche Sehnsucht überkam ihn. * „Cb sie es wohl weiß, mit welch verzehret der C-ual ich Tag und Nacht diese Stunde herbeigesehnt'? Cb sie ein. Ahnung hat, welchen Enltus ich mit ihrem Bilde in meinem H rzen getrieben °? Ach, Adelina! Du mußt es ahnen, mußt es wissen Er drückte den Blumenstrauß an Wange und Lippen. „-selbst deine Lieblinge, die Granatblüthen,- wie habe ich sie stets gehegt, mich mit ihnen umgeben! Wie selbst im Traume dein braunes, süßes Gesichtchen mit den brennenden Langen und leuchtenden Augen allem nur gesehen! Komm' doch, Adelitia! Wo bist du'?" Bor zwei Jahren, als die Natur ihr verregnetes Winterkleid abwarf und sich in frühlingsgrünen, rosengestickt^n Schmuck hüllte, den ewig jungen Körper mit rankenden Neben, mit duftenden Crangen büschen, mit Licht und Glan; neu schmückte,! da war , er aus Befehl seines Bakers hinausgezogen, .weit über das glitzernde, tückische Meer, weit nach sprankreich mit seinem Seine-Babrsion Paris, nach Paris mit seinen Marinorhäusern, seinem verwirrenden Gewoge und den kokett schönen Tratten. I Doch bevor er sich den rollenden, gurgolnden MeereSwellen anvertraute, hatte er hier, an dieser Stelle, unter den blühenden Granaten, unter dem Schutze der ernsten Grahmonuinente, unter der Porta Ereoladense von seinem Mädchen, von Adelina Marlatta, bitteren Abschied genommen. Abschied nehmen — welch gnalvolles Empfinden! Wie - weh das that! 'War es nicht AdetinenS Bäter selbst, dpr mit dazu beigetragen, ihn, - den jungen Eompositore Erno Travestre, in die weite Welt zu schicken? Wollte nicht der stolze Eonte Marlasta sein einziges blnuien frisches .'lind von dem armen Musikmeister ttjennen? Hatte der Eonte nicht Adelinen mit dem ,'llofter gedroht? Hilfe sein eigener Batet — Giovanni Travestre, der RegenSchori von derKitche Maria di Loreno — der halte gewarnt, gebeten, endlich besohlen, und Erno gehorchte. Doch hier auf. dieser MooSbank, untef den vom Abendthaue blipenden Granatblüthen, da hatte Adelina an seinem Herzen gelegen, da hatte ihr kühles, seidenweiches Haar seine Wangen gestreift, da hatte er ihr die Thränen von den langeii Wimpern geküßt, ihren Herzschlägen gelauscht. Und dann halten sich ihre Lippen gefunden, unter schmerzlich süßem Beben gestand sie ihni ihre tiefe, treue Neigung — gewußt hatten Beide, was Eines für jdaS Andere empfand — aber keines brauchte der Worte.! / Und an ihrem kleinen rosigen Chre, über sie geneigt, hatte er ihr seinen Jammer, sein Herzleid, doch auch seine glänzenden Hoffnungen, seine heiße, innige Liebe anvertraut. Es war daS alte Lied von ewig „hinimelhochjanchzenden — zum Tode betrübten" 'Menfchenherzen, gleich dem Sonnenlicht, gleich dem Waldesdnfte und dem Bogelgesang. Immer das Alte — immer, das Gleiche -- und doch, welches Menschenher; möchte Liebe und Sonnenlick t, Waldesdust und den Gesang der Böglein entbehren'? „Adelina — ach, komme doch!' Bor seinen geistigen Angen tauchte der empor, das reizende Bersteckspiel der An >eu, ein leise geflüstertes Wörtchen, eine zugeworfene Blume, fein En tzücken, wenn ihr schlankes Elfensigürchen int Nahmen des Kircheupc rtales erschien, oder ihr granatblüthengeschuiückteS .'{öpfchen in der gstdigen Lichtflnth des vor nehmen Empfangsalons ihres Bakers sich vor der kirschrotlfen Sanimt tapete abhob. Dann hatte sie es erreicht — 0. wie chlau ist solch ein weiblich Geschöpfchen! — daß er ihr Unterricht im rpiel der Pedakharfe geben durfte. Bon da an kam er fast täglich ins Palais und genoß die süßesten Stunden. Wohl war Adelinens Dueüa stets bei den Leetiouen zugegen, dennoch war ein heimlich Einver tündniß recht bald erzielt. Tie weichen Laute der Harfe halfen den fünfnndsechzig Jahren von Donna Elvira meist nach — sie schlief nn: erwachte aber merkwürdigerweise, sobald die Musik verstumnit>, weöhalb Erno Travestre gezwungen war, fortznspielen, wenn er süßi Schmeichelworte und heiße Blicke an seine Schülerin verschwenden wol te. Welch selige Tage waren daS doch cewesen — doch die Götter neiden dein Sterblichen jedwedes Glück! ganze süße Liebesfrühling