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Freies Blatt · 1894-09-23 · 129 (23.9.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
129 (23.9.1894)
Date
1894-09-23
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Nr. 129. .Ei hinne kacliomer Beja-a-ad hajozer, ' Birzosso marchiw Ubirzosso mokafccr, Ken anaehnu bejodchu —-“ „Was siügst denn da?" fragte der Meister, untcr dessen Händen eben ein Gefäß in seinen Umrissen fertig geworden war. „Das singen wir Juden," sagte Moses, „aiu VorabenddeS' VersöhnungstageS." „Aha, vor dem langen Tag," ergänzte der Meister, „aber wie fällt cS dir jetzt ein?" „Weil ich den Topf machen seh," antwortete Moses. „Wie? ist denn in dem Lied vom Topfmachen die Rede?" „Ja wohl," sagte der Knabe. „Aber wie lautet denn das Lied? Im Deutschen, mein' ich " „Auf Deutsch übersetzt," sagte MoscS, „heißt das: Demi wir sind wie der Thon I» der Hand des Bildners, Aach seinem Willen erweitert er ihn Und nach seinem Willen verkürzt er ihn; «o auch sind wir i» Teinec Hand — — —" „Das ist ein schönes Lied," sagte der Meister, „ebenso schön wie unsere Kirchenlieder." „Meister," fragte her Knabe, nachdem der Töpfer die Scheibe zum Stillstehen gebracht hatte, „muß sich denn das da immer drehen?" „Ja wohl," sagte der Meister. „Warum denn?" fragte Moses. „Weil man sonst de» Topf nicht fertig kriegt," erwiderte der Meister. * „Ja, aber warum kriegt man ihn sonst nicht fertig?" fragte MoscS. „Das weiß ich selbst nicht," erwiderte der Meister, „cs muß halt / so sein!" „Merkwürdig," sagte MoscS, und cs entwickelte sich hierauf zwischen ihm und dem Meister folgendes Gespräch: „Wenn man etwas macht, so muß man doch wissen, warum man es macht." „O, das weiß ich sehr gut, warum ich eS mach'; ich mach' cS so, weil cs mir mein Meister so gezeigt hat. Wie er mir'S gezeigt hat? so mach' ich's." „Aber wer hat es denn Eurem Meister gezeigt?" „Dem wieder sein Meister." „Und diesem?" „Wieder der Scinigc." „Und dem hat man's auch so gezeigt?" „Gewiß. Wie denn anders?" „Es muß doch aber einmal Jemand zuerst einen Topf gemacht haben: ich meine, einen, dem es Niemand gezeigt hat." „Das glaub' ich nicht." „Warum nicht?" „Weil man einen Topf nicht machen kan», wenn man cs nicht gelernt hat." „Es muß aber doch vor langer, langer Zeit einmal eine Zeit gegeben haben, da man noch keine Töpfe hatte." „Das kann nicht sein!" sagte der Meister, „da Hütte man ja nicht kochen können." „Man muß auch gar nicht gekocht haben," wendete Moses ein. „Glaubt Ihr, daß Adam und Eva im Paradiese gekocht haben?" „Das weiß ich nicht." , „Das lernen wir ja aus der Bibel. Adam und Era lebten im Paradiese von den Früchten der Bäume; cS steht nichts davon, daß sic Töpfe gehabt und gekocht haben. Und Gott selbst hat doch die Töpfe nicht erschaffen!" „Das wohl nicht!" sagte der Meister und lachte. „Nunalso," fuhr Moses fort und trieb den harmlosen Meister immer mehr in die Enge, „dann muß einmal irgend ein Mensch zum erstenmal einen Topf gemacht haben. Nicht wahr? „Richtig!" gab der Meister zu, da er sich nicht helfen konnte. „Und glaubt Ihr, daß auch der gedreht hat." „Ganz sicher!" - ' „Diesem aber hat cS Niemand gezeigt." „Wie so?" fragte der Meister. „Weil er ja der Erste war, und vor ihm Niemand "einen Topf gemacht hat." „Ja so," sagte der Meister. „Also," fuhr Moses fort, „muß er auch von selbst darauf gekommen sein, daß er drehen muß!" „Ja, ja! so muß eS sein!" Seite l.'i. „Dann muß er aber auch einen Grund gehabt haben für daS Drehen!" , „Ten hat er auch gehabt!" „Nun also! welches war dieser Grund?". „Ich hab'S ja schon gesagt! Weil es ohne Drei,eü »iäit geht." „Ja, aber warum es nicht geht?" , „Weil sich's drehen muß!" „Nein! TaS ist nicht zum Aushalten!" ries MoseS und sprang von seinem Sitze' aus, auf den er bisher ruhig geicsien war. „Wie so?" fragte der Meister ängstlich, „ist dir was v^stirt?" „Ihr versteht mich nicht!" rief Mose? in seiner Erregtheit; der Meister aber erwiderte ganz ruhig: „Ich versteh' dich schon! Tn willst etwas wisicn, was ich selbst nicht weiß." „Man kann also etwas machen und braucht nicht zu gissen, warum man eS macht," sagte MoscS zn einem etwas brummigen Tone, als ob er darüber böse wäre: der Töpfermeister aber sagte: „Wozu auch?" „DaS Hab' ich nicht gewußt," brummte Moses weiter und ging mit raschen Schritten in der Wcrkstättc. auf und ab. „Ich drehe meine Scheibe," sagte der Meister, „weil ich die Töpfe sonst nicht machen, kan»! Punctum! Weshalb cS sich drehen muß, ist meine Sorge nicht." „Da könnt' ich kein Töpfer werden," sagte MoseS, indem er stehen blieb und den Meister anschaute. Dieser aber sagte: „DaS meinst du nur! Ter Mensch muß nicht Alles wissen." „Aber man möchte doch! Es drängt einen doch dazu." —- „Ich weiß gar Vieles nicht, und mich drängt eS gar nicht." „TaS begreif' ich nicht," sagte MoseS, „mir läßt es keine Ruhj, weil ich nicht weiß, weshalb die Erde auSgebaucht ist." „WaS sagst du da?" „Weil ich nicht weiß," iviedcrholte Moses, "„weshalb die Erde auSgcbauäit ist." a „Was heißt denn das?" fragte der Töpfer. „Ich henke mir," sagte MoseS, „die Erde hat eine» Bauch, so wie der Topf, de» Ihr da gemacht habt." „Unsinn!" sagte der Meister und lachte. „ES steht aber geschrieben," sagte MoseS, „ich Hab' cS in einem Buch gelesen." - r~ „Da hätte ja," sagte der Meister, „die Erde auch auf der Töpferscheibe gemacht werden müffen." „Und GottwSr' der Töpfer," sagte,MoscS. „Ja,"- sagte der Meister, „wo nimmt er aber eine so große-Töpferschcibe her?" „Gott braucht keine Töpferscheibe," cntgegncte MoseS, . „er kann machen, was er will; er hat ja doch die Welt aus nichts erschaffen." „Aus was?" ' „AuS nichts." „Wie hmn denn,das sein?" „Wie? Wißt Ihr denn das'nicht? Les't Ihr denn keine Bibel?" „Die Bibel?" sagte der Meister, „Ich bi» ja kein Geistlicher. Die ist ja nicht für unS gewöhnliche Leute, die lesen ja nur die Geist, lichcn." — „So?" fragte MoscS. ' „Natürlich," antwortete der Töpfermeister, und Moses sagte: „Bei uns Juden kennt Jeder die Bibel; cS lerne» sie schon die kleinen i Kinder, sobald sie nur das Hebräische lese» können." j „Und da drinnen steht," fragte der Meister, „daß Gott die Well! au« nichts erschaffen hat? Ich bi» kein Slndiner, aber man ist doch auch, nicht auf den Kopf gefallen. Wenn ich einen Topf mache, so muß ich einen Lehm dazu habe»; wie man aber eine Welt aus nichts machen soll,—" „Dafür ist cS ja Golk," unterbrach ihn MoscS in der Rede,*„bti Gott ist ja der Wille genug. Er sprach,. eS werde Liäst und eS ward Licht: er sprach, eS werde eine Ausdehuung und eö ward eine Ausdehnung." „Ja," fragte der Meister, „wer hat cS denn aber gehört, wie Gott das gesagt hat? Ist d-.nn Jemand dabei gewesen?"« „DaS Alles," sagte der Knabe, „hat Gott selber dem Moses erzählt, dem Propheten MoscS. Gott hat sich ihpi doch geofsenbart." „Nein! was du schon Alles weißt," sagte der Töpfermeister und legte die beiden Hände vorne über den Bauch zusammen. „Nicht mehr, als die anderen Knaben meines Alters," sagte MoscS. „Aber du wirst weiter lernen!" „Wie?" . „Du wirst studircn!" „Woher wißt Ihr das?" Freies Blatt.

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