Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 129 (23.9.1894)
- Date
- 1894-09-23
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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freies Blatt. Nr. 129. Stile 8 Haft sich befiii&et. Las ihm ferner zur Last gelegte Factum der Veruntreuung, verhall sich folgendermaßen. Im Frühjahre 1893 Halle OstazewSki, welcher, auf einer Reise nach Paris begriffen, in Krakau sich aufhiell, mil seiner Unter» s chri'l ven'ehene vier Wechsel über 9000 fl. dem LrlowSki mil dem Aufträge übergeben, dieselben bei der Krakauer Sparcaffe zü e-compliren und den diesbezüglichen Betrag den Vertreter deS Herrn LstaSzewski in Sanok enzuenden Als Lnaszewski au« Paris nach Krakau zurückkam, erschien bei ihm ein, geiviffer Szalkowski, der sich als Mitarbeiter des „Kuryer PolSki" vorstellte und mgte, daß er von Orlowski zur Teckung eines diesem gewährten Dar- I,hens von list'H) fl. ein Accept OstaSzewski's über 30M fl. erhielt. Er ersuchte den Letzteren, dieses Accept einzuläien. Hierüber erstaunt, begab sich OstaszewSki nach Sanok, wo er erfuhr, daß Orlowski, da die Krakauer Sparcaffe die eriväbnten Wech'el nicht escomptiren wollte, nur zwei derselben zu 1500 fl. nach Sanok eingeschickt, dagegen die anderen zivei über je 3000 fl. zurnckbehallen batte. OnaSzewSki sorderle den Orlowski unter Androhung der Strafanzeige aus, ihm die zwei Wechsel zurückzugeben; LrlowSki hatte jedoch nur Ein Accept über 30M fl.' relournirt, während das zweite im Besitze des Szalkowki befindliche Accept über dieselbe Summe gegen OstaszewSki eingeklagt wurde. Auf Grund der angesührten Umstände wird demnach Joses Orlowski angeklagt de« Verbrechens des Betruges, begangen durch Fälschung der Unterschrift deS Gra'en Adalbert TzieduSzycki auf den zwei Wechseln zu 700 und 550 fl., >'owie durch listige Herauslockung eines Wechsels deS genannten Grafen über 700 f[.. und des Bei brechen« der Veruntreuung, indem er einen von OstaSzewski erhaltenen Wechsel übet 3000 fl. voremhalien und sich «»geeignet hatte, endlich auch des Vergehens der leichtsinnigen Crida, indem seine angemeldeten Passiven sich am' 100.M4 fl belaufen, während die Activen 2632 fl ansmachen. In der Verhandlung, die sich sehr langwierig gestaltet, verlegte tick, der Angeklagte aufs Leugnen, doch lauteten die Aussagen der -bisher vernommenen Zeugen für 'ihn überaus belastend. Ueber den Ausgang des Proceffes werden wir demnächst berichten. l Ein Act Her Unduldsamkeit.) In der nächst Galgocz gelegenen Gemeinde Recsenn starb daS -Kind eines bei dem Oekonomen Jacob £. L ö w n schon seit Jahren bediensteten Riuderhirten. Der katholische Pfarrer weigerte sich nun, das Kind kirchlich zu bestatten, weil der Diener einen jüdischen Herrn habe und mit einem' Juden unter einem Dache wohne. Der Geistliche rieth jedoch dem leidtragenden Vater, die Bahre des Kindes, auf der Straße, entfernt von dem Hause Löwq's aufzustellen, da werde er die Leiche des Kindes auch nach katholischem Ritus einsegn^n. Der langjährige treue Diener Löwy's wollte nicht einwilligen, da er dies als eine Herabsetzung seines „guten Herrn" ansah, und da auch eine Beschwerde bei dem bischöflichen Bicar in Dirnau nichts hals, blieb die - Leiche des Kindes vier Tage unbeerdigt liegen, bis auf Andrängen des NokärS der (Geistliche sich dennoch herbeiließ, ohne rituelle Ceremonie nur mit einem einfachen Gebete bei der Bestattung der Kindesleiche zu fungiren. 'Morn scharf.) „Der ungarische Israelit" berichtet: Mori; Scharf, welcher in dem unseligen Drama von Tisza-Eszlar eine so traurige Rolle gespielt hakte, hat sich am 1. d. Mnach New-Aork eingeschiffl, nachdem er in Amsterdam, wo er sich zehn Jahre aufgchallen, das Diamantenschleisen erlernt und ausgeübt hat. Sein Ehcs, welcher die Schleiferei nach Amerika verlegt, hat ihn mit genommen. In dem Abschiedsbriefe, den Moriz Scharf an seine Eltern gerichtet, schreibt er: ilm, sondern auch eine Reihe unschuldiger Menschen in« Verderben stürzen und olle meine Glaubensgenoffen für ewige Zeiten brandmarken mußte. Wie ich zu dieser Äur'age gekommen — ich weiß es nicht, und mein Herz zuckt schmerz ba>t zwauimen bei dem Gedanken, daß mein Vater, daß die Welt annehmen konnte, die lanerlicbe Anklage sei in meinem eigenen kindlichen Gehirne entsianden. lind obwohl ich täglich Gott dafür danke, daß die Folgen der Bosheit ausgebliebe,,. die Gerechtigkeit gesiegt unddie Wahrheit;um Turchbruch ge- 4'Minen ist. so Ilopie ich doch reuig an die Brust und spreche: „Vater, ich habe -':»'d:>uMeiner Jugend Sünden und Vergehen wolle nicht gedenke», o Es ni mir unmöglich von hier zw scheiden, ohne euch, lheuetste Eltern Geschwister, noch einmal ein Lebewohl zuzurufen. Ich meinte, daß der ,'l ■: iT-n .'lmiierdam, dem. Orte meiner Wiedergeburt, mir'nicht so schwer s.'.ä'n wu'.re, als cs in der Tbat geschieht. Bin ich doch euch, meine Lieben, b rr um 'o nel näher, als es nun der Fall sein wird, wo der Ocean zwischen uns liegen wirk! Trotzdem ich schon so viele Jahre von euch getrennt lebe, 'ilble ich doch heute die Liebe zu euch mir doppelter Stärke erwache», und im Augenblicke des Scheidens iebne ich mich mehr al« je nach euch, ihr Theuern! Ich biit' euch nun, liebe Eltern, Schwestern u»d Brüder, vergeffel mein nicht, gedenket des-Getreuen, der im fernen Äbendlande weilt, deffen Her; mit unlösbaren Banden der Treue an euch geknüpft ist. Schmerzlich empfinde ich es daß es mir nicht gegönnt ist, euch vor meinem Scheiden noch einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen, euch an den pochenden Busen zu drücken und die segnende Hand der Eltern auf meinem Scheidet zu spüren. Lebet wohl, Geliebte, der Allmächtige sende Segen und Gelingen in alles Werk eurer Hände, zu ihm wollen wir hoffen, daß er uns wieder vereinige, die wir doch einander so enge ongehören. Lebet wohl! (Wieder kein Ritualmord.) In der westphälischen Provinzstadt R o t t h a u s e n wurde jüngst an einem kleinen Mädchen Namens Josephine Hoffmann ein Lustmord verübt, und alsogleich bemühten sich einzelne westphälische Antisemitenblätter, den Fall für die Blutlüge auszubeuten, indem sie die bekannten Schlagwörter vom „sachkundig geführten" Schnitt durch die Hauptschlagader deS vor der Ermordung entkleideten und reinlich gewaschenen Opfers und von der völligen Blutleere rc. gebrauchten. Dem gegenüber erklärt die Essener Staatsanwaltschaft, die Obduction der Leiche habe nicht ergeben, daß die Hauptader mit Sachkenntnis geöffnet, daß die Leiche reinlich gewaschen und die That an dem entkleideten Kinde vorgenommen worden sei. Der Tod sei durch Verblutung eingetreten, weitere Schlüffe über die Todesart konnten auS dem Leichenbefunde nicht gezogen werden. Von anderer Seite wird noch gemeldet, die Leiche sei ganz schmutzig, bereits in vorgeschrittener Verwesung und mit einer tödtlichen Stichwunde in der Leistengegend gefunden worden. (Leuß als Kläger.) Vor dem Landgerichte Kassel fand kürzlich ein Nachspiel zu dem vorjährigen Wahlkampfe um das Reichstagsmandat dcS Wahlkreises Eschwege-Witzenhauscn-Schmalkalden statt. In der ersten Hälfte des Juli 18143 erschienen zwei Flugblätter zur Bekämpfung der Candidatur des antisemitischen Scribenten Hans Leuß. Es wurde ihm darin vorgeworfen, er habe sich in Hannover ekelhaft benommen, sich in einem Kaffeehause Nachts herumgeschlagen und sei dann durch ein Closctfenster geflüchtet. Ferner wurde behauptet, er habe in Stadthagen Bankerott gemacht und den Offenbarungseid geleistet; es wurde indirect angcdeutct, er habe seine Stellung in der Administration des „Volk" wegen Unterschlagung verloren und sei seinem Logiswirth in Aurich mit der Miethc durchgegangen, als er noch Agent der Neidlinger'schen Nähmaschinenfabrik gewesen sei. Auf Antrag des Hans Leuß erhob nun die Saatsanwaltschaft die Anklage wegen verleumderischer Beleidigung gegen die Drucker der Flugblätter, Paul Schneider in Kaffel und W. Haubold in Eschwege sowie den von diesen als Auftraggeber und Gewährsmann bezeichneten Kaufmann Siegfried Schloß zu Witzenhausen. Bon dem als Zeuge geladenen und zugleich als Nebenkläger auftretenden Abgeordneten Leuß wurde zugegeben, daß er im Alter von 18 Jahren, um feinen Vater, der eigentlich Seemann gewesen sei, zu entlasten, ein kaufmännisches Geschäft in Geestemünde übernommen habe, daS dieser nicht mehr zu halten vermochte. Er habe sich, sagte er, die redlichste Mühe gegeben, daS Geschäft wieder flott zu machen und vor dem Zusammensturz, zu bewahren. Trotzdem habe er doch seine Zahlungen einstcllen müffen. Bei dem Prügelvorgang in Hannover sei er durch einen Herrn Robby provocirt worden. Durch die Aussagen der commiffarisch vernommenen Herren Stöcker und Obcrwinder wurde festgcstellt, daß die Behauptung von Unterschlagungen beim „Volk" haltlos sei. Leuß erklärte, er habe eine Vollmacht zur Einrichtung einer eigenen Druckerei für das „Volk" gehabt, dabei habe der gemachte Voranschlag um 20.000 Mark überschritten werden müffen, woraus Streitigkeiten Er habe darauf die Stelle freiwillig niedergelegt. Auch für die Äe- Leuß sei seinem Logiswirth mit der Miethe durchgebrannt, wurde kein Beweis erbracht. Von Seite der Vertheidigung wurde die Affaire Dr. Schnutz und deffen Scheidungsproceß gestreift. Leuß erklärte, er chabe in diesem Proceß beschworen, in keinen unlauteren Beziehungen zu der Frau seines ehemaligen Freundes gestanden zu haben. Es fei richtig, daß auf Veranlassung des Letzteren ein Untersuchungsverfahren gegen ihn wegen Meineids eingeleitet worden sei. Es wurde eingestellt; darauf sei ein nochmaliger Antrag von Toctor Schnutz gestellt worden, in Folge veffen er wieder vernommen werden sollte. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft beantragte — die Bankerotksgeschichte als wahr von der Anklage auSscheidend — jeden der Angeklagten wegen verleumderischer Beleidigung zu 150 Mark Geldbuße zu verurtheilen. Ter Nebenkläger wollte nur für Schloß als Juden Milde walten lasten; die beiden Drucker aber hätten in gewinnsüchtiger Absicht gehandelt, sie müßten mit Haft bestraft werden. Wenn nicht eine scharfe Strafe eintrete, müffe er selbst Schutz suchen, dann stehe er für nichts, was konlinen werde, überall werde er im Kreise Volksversammlungen abhalten und selbst sein Recht vertreten. Rechtsanwalt Dr. Weiß bezeichnetc es nicht als Aufgabe des AuSgangeS dieses ProceffeS, Herrn Leuß vor etwaigen künftigen BeleidiiUi'iiu’ Seele ift -ür immer befleckt, sieiS wirb der Wurm ber Reue an | entstanden seien, meinem Herzen nagen, obwohl ich nicht begreife, wie ich gegen meinen lheuern,! obgleich man ihn bewegen wollte, zu verbleiben, heißgeliebten Vater eine >o irech erlogene Aussage machen konnte, die nicht nur ' hauptung.