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Freies Blatt · 1894-09-23 · 129 (23.9.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
129 (23.9.1894)
Date
1894-09-23
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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4 Nr. 124 freier Blatt. reite r> die ihr verkauft habt, um mit Christcnblut reich werden!" Die Angeklagte gab vor dem Richter zu, diese und die anderen Karten eigenhändig geschrieben zu habe», aber Alles. waS da,in stehe, fei wahr. Richter: Wie? Sie behaupten wirklich, daß Mager Ihre Tochter verkauft hätten? — Angeklagte: Da schwör' ich drauf, bei Gott und Christus! — Richter: Wie '.mimen Sic dazu, das zu behaupten? — Angeklagte: Meine ist einmal nach Hanf' kommen und hat ihren Tauf- 'chein verlangt. „Wozu?" Hab' ich sie g'fragt. Da sagt „Für meinen Meister, der wird mich beim Rabbiner -illschreiben lassen, ich werd' verkauft werden." Richter: Das hat Ihre Tochter gesagt? Ru» weiter! Angeklagte: Ich Hab' ihr den Taufschein geb'n. —Richter: 'fd)? Und sic sollte verkauft werden?! — Angeklagte: Am roimtag iS sie dann zu mir kommen lind hat g'sagt: Ich Hab' schon .!»:erschriebcn und Hab' schwören müssen, der Meister hat mir großen Neichthum versprochen, ich werd' bis an mein Ende glänzend versorgt «ein. Dann ist sie nach vier Tagen, am 5». Juli, verschwunden. TagS zuvor hat sie noch gesagt, ihr Herz is ihr so schwer, der Meister will v nicht frcisprechen, er hat andere Absichten mit ihr. — Richter: ■lii:- haben Sie Ihre Tochter seither nicht gesehen? — Angeklagte: '.'•in, seit dem 4. Juli nicht. Am 4. Juli iS sie bis X Uhr Abends t : mir gewesen, ich wollt' sie nicht fortlasscn, aber sic hat gesagt, sic •!; fort, und wenn's in die Höll' is. Sie war sehr nnrnhiq und ist d>snn doch fort, sie hat gesagt, sie muß z» Floch. — Richter: Und Sie wisien auch nichts von ihr?— Angeklagte: Gar nichts, r ie Angeklagte gebraucht Ausdrücke, die den Richter veranlasic». ihr Ticeiplinarstrasen anzudrohen, ) — Die Klüger geben an, daß die uiqeblich Bermißte, so oft sie von einem Besuche bei der Mutter zunickkchrte, wie auSgewcchsclt schien, mit Mißvergnügen arbeitete und schließlich davongelaufen sei. Seither erhielten sie von ihr ein schreiben, welches die Mutter auch gesehen und als sie Handschrift ihrer Tochter agnoscirt habe. — D ic Angeklagte gibt das zu. — Richter: Haben Sie die Polizei von dein Berschwindeü Ihrer Tochter verständigt?— Angeklagte: Ich war bei der Polizei, beim Staatsanwalt und beim LandcSgcricht: bisher bab' ich keine Bcrständigung. Wo sie iS. das weiß Gott und diese zwei Herren. — Richter: Sehen Sie! Sie geben selbst z», de» Verbleib Ihrer Tochter nicht.zu kennen, und doch beschuldigen Sic die Kläger mit Bestimmtheit, daß sie Ihre rechter verkauft haben. — Angeklagte: Sic hat mir ja selber gesagt, sie wird verkauft .- . . und . . . ich beschwör's, die Zwei haben mein Kind an die Cultu sg cm ei nd c verkauft. (Schreiend zu den Klägern gewendet): Ja, ja. Sie haben mein Kind . . . Steiner ruft der Angeklagten eine Beschimpfung zu, weshalb der Nietiter beiden Parteien strengstens solche Dialoge untersagt und der Angeklagten nochmals Gelegenheit gibt, für ihre Anschuldigung einen Beweis zu bieten. Sie erwidert: Juden scin'S ja, und dg her baben'S mein Kind verkauft, ich schwör'! — Richter: S ic wollen sogar schwören, obwohl Tic wiederholt r»geben, nichts zu W issen ... ü berhaupt: So spricht und benimmt sich nicht eine Mutter, die ihr Kind wirklich sucht. — Die Angeklagte wurde der Verdächtig» nq i chuldig erkannt und zu 15 G u ldc n Ge ldst r a fc, eventuell eie! Tagen Arrests verurthcilt. Sic meldete gegen Schuld und Strafe, die Privatklägcr gegen das zu niedrige Strafausmaß die BclU'ung an. Es wird sich daher auch das LandcSgcricht mir dieser Bliiibcschuldigung sonderbarster Art zu befassen haben, welche wieder einmal schlagend beweist, wie weit einerseits die Berhetznngs-i und VeidiiinmungSarbeit in Wien gediehen ist und welch wiükomincncn Borwand die antisemitischen Schlagwortc andererseits für jegliches chlicheuc Treiben bieten. Die GefchäftspraxiS eines antisemitischeil 6'tlneindkrathts.) : .\v Sohn des vor einigen Monaten verstorbenen antisemitischen GcvuidcrathcS Slama, Leopold Slama, und desien Oheim Earl Buna standen am Ist. d. M. vor dem Bezirksgerichte Alsergrund \t der Anklage der Ehrenbelcidigung. Laut Angabe deS Privatnaacrö Franz Mussil, der 16 Jahre hindurch in der Slama'schen - oidkettenfabrik als Arbeiter thätig war, sollen ihn die Angeklagten i-iriiimpft und bedroht haben, insbesondere soll Earl Slgma mit geilte» Fäusten auf ihn zugeqangcn sein und auSgerufen haben: „Ich i::ciß dich, wenn du etwas aussagst!" Auf Befragen des Richters i> der Kläger an, daß er viele Jahre hindurch genöthigt worden sei, den betrügerischen Manipulationen des verstorbenen antisemitischen .ueinderathcs Leopold Slama thcilzunchmen; die Angeklagten, die 'ie Betrügereien fortsetzten, hätten nun befürchtet, daß er nach seinem 'i »stritte ans der Fabrik dies verrathen könne, und aus diesem Grunde hätten sie ihn bedroht. Auf die Frage des Richters, was er inner diesen betrügerischen Manipulationen verstehe, erwiderte der Kläger: „Das'war so, Herr Richter! Der verstarbcue (''eincinbeiatf> Slama hat immer schwere Goldketten pnnzircn lassen und dann in der Fabrik die punzirten Glieder an schwacher legirtc, alio »liiidcriverihigc Gold kette» ängesügt und so seine Kunden betrogen, dasselbe thur auch sein Herr Sohn und sein Onkel." Diese Angaben riesen große Bewegung im Anditorinm hervor. Die Angeklagten fanden jedoch kein Wort einer Eiiiwcndnng. Auf Earl Slama, der bereits vom Bezirks gcrichtc Rudolfsheim wegen einer solchen Veranlassung zu vier Tagen Arrests vcrnrtheilt worden ist, schiene» aber, diese Enthüllungen nicht ohne Eindruck zu bleiben, denn er leistete sAbbine und erklärte sich znm Kostcncrsatze bereit. Da der Vertreter deS PrivatklägcrS hieraus die Klage gegen Beide fallen ließ, schloß die Verhandlung mit der Einstellung des Strafverfahrens. (Vom Währingcr Arnicnrathc. l Man schreibt uns - Der Einfluß, den der Währingcr.Bczirksvorsteher und LandlagSabgcordnete Anton Ban in a n n in diversen Vcrtrctungstörpcrn ausübt, hat schon zu wieder holtenmälen bewiesen, wie heilsam das Wirken solcher Männer fei. Speeicll im Armeninstiliite des XVIII. Gcmcind bezirleS sind durch die Machinationen der antilibcralen Partei Anstände - geschaffen worden, die cS dahin brachten, daß die Liberalen, welche ihre Mandatspflichien stets ans daS Gcwisicnhaslestc erfüllt hatten, sich bemüssigt fanden, ihre Stellen picderzulegen .Vor einiger Zeit hat sich, wie bereits ge meldet, derverdiente Obmann Restaurateur Rudolf Holzer nebst mehreren fortschrittlichen Armcnräthcn veranlaßt gesehen. aus dem Armcnrathe auszutreten. Nun sind auch die letzten Männer, die sich znm Freisinn bekennen, aus dem Armcnralhc des XVIII Bezirkes , geschieden. Es sind dicS die Herren: der provisorische Leiter, Obmann Stellvertreter Florian Holzer, Rechnnngssührer Joses Schmid, Eassicr Johann Jahn, ferner die Herren: Restanratcur Kronberger, Eafctier Hein, Fabrikant Putsch!, Wirthschastsbefilzer Höfermaier n. A. Herr Banmaiin und seine Getreuen werden nun jubeln, weil eS ihnen gelungen ist, ans dem Armenrathe eine antisemitische Körperschaft zu bilden. Montag erschien im Bureau des Währingcr Armcninstitutcs der Leiter dcSArnicndcpartcmcnts, Magistrats - rath T r a b a u c r', um die Geschäfte zu übernehmen und die Armen pflege so lange, bis die Neuwahlen vollzogen sein iperden, ,'von Eom munalbeamten besorgen zu lasten. Zu solchen Zuständen führen die ontisemitischen Wächter der „Autonomie". (C-lilt zcitgrmiißc ReminiScenz an Lrsfnig.) Ei» Freund unseres BlattcS schreibt uns: Was glauben Sie wohl, daß .zu, der neuen Gcwcrbcgcsetznovclle, die den Befähigungsnachweis auch für das HandclSgewerbe einführen soll, ganz wie cs die antiscniilischen Laden schwengcl wünschen, der selige— .Lenin g sagen würde? Sielachen, weil Lcssing wohl über Kunst und Acsthctit, Theologie und Philosophie, nicht aber auch über Gewerbe- und HandelSsragcn geschrieben bat. Nichtsdestoweniger scheint der große „Judäcrstämmling", wie ihn Dühring und sein 'Nachbeter Paul A l brecht, dersich übrigens vor einigen Tagen selbst um sein ruhmreiches Leben brachte, so wohlwollend nannten, auch auf dem dürren Boden der Nationalökonomie nicht so. ganz ohne llrthcil dagestandcn zu sein, und —■ wir wette» Zehn gegen Eins — wenn unsere Antisemiten jetzt eincsT-djcscr Urtheilc vernehmen werden, so-werden sie jnbilirend ausrnfen : „Ah. seht ihr den Judäcr stümmling Gotthold Ephraim?" Im Jahre 176X erließ nämlich eine „arische" VcrlagShandliing I. Dodsle» L Eonip. in Hamburg, welche, nebenher bemerkt, einen nnbefugten Nachdruck derHastibnrgii'chcn Dramaturgie verlegt batte, eine „'Nachricht an die Herren. Buch . Händler", . worin sie ihren Eollegcn mittheilr. entichlosten zu sein, „künftig Denjenigen, wel ch e i i ch o h n e di e er s ord crt i ch cn E ig e lisch asten in die Bnch ha n d ln ng mischen werden, daS Telbstverlegen zu verwehren und ihnen ohne Ansehen nachzndrucken: auch ihre gesetzten Preise alle Zeit um die Hülste zu verringern". Die Herren Dodsle» L Eonip., über deren antisemitische Gesinnung nnS zwar nichts berichtet wird, die wir aber als - Natnrnothwendigkcit vorauSietzcn, hatten eine förmliche Organisation geplant, um unterdem Deckmantel, den Nachdruck zu bestrafen, diesen si>stcmatisch zu üben, und um andere Buchhändler zu ködern/ ml lioiv deren Gilden - dünkel gekipelt. In der That, cs klingt uns ganz heimlich unh yiodcrn, wenn wir in dem Eirculandnm die treuherzige.Versicherung 1 hören, daß I DodSle» & Eonip. keinem rechtmäßigen Buchhändler ein Blatt Nachdrucken werden und dann weiter lesen: „Aller dagegen werden wir sehr aufmerksam sein, sobald jemanden (sie!) von unserer Ge sellschaft ein Buch nachgedruckt wird, nicht allein dem .'Nachdrucker hinwieder allen Schaden zuzusügen, sondern auch nicht weniger den jcnigcn Buchhändlern, welche ihren Nachdruck zu verkaufen sich unterfangen. Wir ersuchen demnach alle und jede Herr (sic!) Buchhändler

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