Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 129 (23.9.1894)
- Date
- 1894-09-23
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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feite 4. Freie» Bl alt. Ich ivar mit meiuci» Freunde K., Bäckermeister und Bezirksausschuß, Ohrenzeuge dieses Zwiegespräches in einem Kaffeehause des Bezirkes Favoriten. „Wer ist denn dieser große Freund antisemitischer Zeitungslectüre'?" srug ich. „Ein Jude," gab mir K. trocken zur Antwort. „Nit wahr, Sie wundern sich, daß ein Jude selbst fürdie Weiterverbreitung der anti- 'cinitischen Hetzblätter in dieser Weise, thätig iS. Der Fall is aber keineswegs vereinzelt; i kenn' viele Kaffeesieder, die nur wegen ihrer jüdischen toaste gezwungen warn, zwei oder no mehr Exemplare' deS .Deutschen BolkSblatteszu abonniren." „Das ist aber doch eine bedauetliche Indolenz," entgegnete ich. „Es iS leider -so, lieber Freund; Hab' mich auch oft und oft drüber geärgert, b'sonders dann, wann i bemerkt Hab', daß freisinnige Blätter, die in ernster, vernünftiger, aufklärender Weise für das Interesse deS Volkes eintreten, von den Kaffeesiedern wegen Mangels an Nachfrag' nit abonnirt wer'n. Es iS a großer Fehler der Liberalen, nit entschiedener für die Perbreitung ihrer Parteipreff' einzutreten; sie sollt'n,'S so machen wie die Antisemiten, die in jedem Wirths- und Kaffeehaus energisch die Abonnirung ihrer Parteiblätter verlangen. Dabei wer'n sie no von den Juden, wie Sie g'rad' g'hört hab'n, unterstützt." „Läßt sich da gar nichts thun'?" „WaS/wollen S' denn da thun'? Tie Sach' is schon oft und oft in den freisinnigen Zeitungen besprochen wor'n, a in öffentlichen Persammlungen hat irgend a Redner darüber a paar Wort fall'n laff'n, aber bei der Lauheit unserer Parteimitglieder nutzt weder das g'schriebene, no das g'fprochene Wort." „Dann nimmt es mich allerdings nicht Wunder, daß die antisemitische ZeilungSliteratur täglich mehr an Ausbreitung gewinnt." „DaS wundert mi scho lang nit mehr," entgegnete K., „es wundert mi scho darum nit, weil ja die Banken, Bersicherungsanstalten, Eisenbahnen :c. durch gut gezahlte Inserate und Pauschalien, die im Jahr viele tausend Guld'n ausmach'n„ die antisemitischen Zeitungen kräftigst unterstützen. Das .Deutsche Volksblatt' hat seinerzeit scho sehr stark nach Luft g'schnappt, uia hat hie und da g'munkelt, daß 'S bald ins beff're Jenseits 'nübergeh'n wird, auf amal hat's wieder neu's Leb'n kriegt, für die rettende Medicin hab'n die Banken, Eisenbahnen und Bersicherungsanstalten g'sorgt." „Ader das ist doch curios; dem BerwaltungSrathe der von Ihnen genannten Institute gehören doch auch Juden an." „Nit wahr, daS finden S' curioS? No curioser is aber die Thatsach', daß ma in jeder 'Nummer deS Berg'schen .Kikeriki', der in beispiellos gemeiner Weis' unsere jüdischen Mitbürger beschimpft, jüdische Inserate find't. Lesen S' nur den Jnseratentheil, und Sie wer'n sind'n, daß i Jhna ka Lug g'sagt Hab'." „Derlei Leute sollte man aber öffentlich nennen; sie stellen sich ja sozusagen selbst auf den Pranger " „Wahr iS, ~ und zwar a traurige Wahrheit, die so recht deutli zeigt, wie unsere Parteiverhältnisse dernmlen beschaffen .sein. Lauheit und Unbesonnenheit auf uns'rer Seil'n, Eifer und schlaue Berechnung auf der andern, so steht's heut', und wann nit bald, aber sehr bald die gesammten freisinnigen Parteien sich eng z'sammschließ'n, a rege Thatkraft entfalten, zum Polk h'nunlersteiZ'n und nit wart'n, bis daS Bolk zu ihnen komult, so geh n wir aner recht traurigen Zukunft entgegen." „So ist es, lieber Freund," schloß ich, drückte dem alten Manne die Hand und entfernte mich, nicht ohne noch einen Blick auf den neben uns sitzenden Juden zu w rfen, der den Inhalt des „Deutschen BolkSblattes" mit einer förmlichen Gier verschlang. *** i Heine Scheidewand.) Der Kaiser, welcher den Manövern in Ungarn beiwohnte, empfing unter den Huldigungs-Deputationen in B a la ssa - Gyarm al auch die Bertreler der israelitischen EultuSgemeinden des Eomiiats. Se. Majestät beantwortete die Ansprache, welche Rabbiner Deutsch als Führer der Deputation dielt, mit folgenden Worten: „Die Bersicherung der Huldigung und unverbrüchlichen Treue der israelitischen E»ltusgcincinden nehme Ich dankend entgegen. In Bk einem Herzen bildet .der Unterschied der Religion Biei ne» B ölkern gegenüber keine Scheidewand. Auf Meine königliche Gnade und Meinen Schutz können daher auch Sie jederzeit rechnen!" Bon der Universilät.j Hofrath Dr. Bogl, Professor der Pharmakologie an der Wiener Universilät, trat einen einjährigen Urlaub an. Auf deni Umwege über Lemberg wird nun gemeldet, dieser Urlaub sei nur der Borläufer einer Beisetzung in den wohlverdienten Ruhestand, Nr. 129. und Dr. Bogl werde seine Lehrthätbffeit nicht mehr aufnehmen. Tie bevorstehende Pensionirung Dr. Bogl'; wird auf das Verhalten zurückgeführt, welches er als Decan der medicinischen Facultät während des Studentenrummels am Schluffe deS > origen Semesters beobachtet hatte. — Gleichzeitig verlautet, daß der R:curs jener zwei fortschrittlich gesinnten Mediciner, welche der akade nische Senat wegen ihrer hervor ragenden Theilnahme an der Kundgel ung gegen B r a g a s s y auf zwei Semester relegirt hatte, vom Unterrichtsministerium abschlägig beschieden worden sei. Es wäre zu wünschen, daß nach Wiederzusammentrilt des Reichsrathes eine authentische Aufklä:ung über diese Vorgänge an d. Universität durch eine Interpellation herdeigeführt werde. (Ein Mahnwort.) Das „Bürg rblatt", ein wackeres Organ fü. die Interessen der tvestlichen Bezirke, richtet an die Liberalen in Wie» ein beherzigensmerthes Mahnwort, dem wir Folgendes entnehmen: „Tie antisemitischen Vereine gehen an die Arbeit. Sollte das d>. Liberalen nicht anspornen, gleichfalls wieder ihre Vereinsthätigkeit ans zunehmen'? Nur nicht zaudern! Es ist keine Zeit zu verlieren, wen! wir nicht Alles verlieren wollen. Ein Zeitraum von etwa sechs Monaten trennt uns noch von den Gemeinderathswahlen aus dem zweiten WahlkörpeL. In diesen secht Monaten kann für uns Viele, erreicht werden, wenn die Agitation der Liberalen eine entsprechend ist. Bleiben wir auf die Herausforderung unserer Gegner, auf die Angriffe und Beschimpfungen, auf sie Verdrehungen und die Miß achtung der Wahrheit nicht die Antwort schuldig: Den AntiliberalisntuS bekämpft man nicht durch Duldsam eit, durch Entgegenkommen oder durch vornehmes Jgnoriren. Durch eine derartige Taktik, die leider, sehr zum Schaden der guten Sache, nsher beliebt war, ist er groß ge worden. Da man uns zum Kampfe zwingt, so mögen sie den Kampi haben. Wir sind ja ohnehin im Nachtheile, da wir ihn nur mit ehr lichen Waffen führen und die vergift tten Pfeile, den Hinterhalt verab scheuen. Aber wir vertrauen auf d e Kraft der liberalen Grundsätze, die, wenn von ihren Anhängern e cergisch vertreten, gewiß in den Wählerkreisen Anklang finden werdcn. An die Arbeit für die gute Sache!" (Christlich-social oder social-temokratisch?) Letzten Sonntag fand in Penzing eine-'zahlreich besuchte Arbeiterversammlung statt, welche ebenso wie frühere Bersammlt ngen zur Frage „Christlich-social oder social-demokratisch'?" Stellung nahm. , Ter Arbeiter Asobskh beleuchtete das Verhalten einer Partci, der Männer wie Prinz Alois Liechtenstein, Lueger und der sogenannte Arbeiterführer K u n t s ch a k angehören. Der Ein meint, daß die Großcapitalisten nur dann Berechtigung haben, zu leben, wenn sie seiner Gesellschafts-, claffe angehören. Alle zusammen iber verlangen für das Sauunel surium: „Christlich-social" nur deshalb die höchste Autorität, um — die Schule in ihre Gewalt zu bekom nen. Beim Prinzen Alois Liechten stein, sagte der Redner, ist nur bei Reichthum der Juden unehrlich, der Reichthum seiner Standesgenosse i aber ehrlich erworben und unantastbar. In keinem Lande der Welt stehen die Arbciterinassen auf einer so tiefen Bildungsstufe wie in Oesterreich; das komme daher, weil nirgends der Clerus eine solche Macht besitze wie i» Oesterreich. Schon aus diesem Grunde gebe cS. keinen Pact mit den Christlich Socialen, deren Führer Feinde jeglicher BolkSaufklärung seien. Es sprachen dann die Arbeiter Weinzettel und Hlieber, die ins desonvere die Bestrebungen der Chrsstlich-Socialen, durch die Frauen auf die Gesinnung der Männer einzitmirken, in scharfer Weise geißelten. (Tas Blutmärchcn in Wien.) Ein ganz cigenthümlicher Fall beschäftigte am 18. d. M. das BmirkSals Jnjuriengericht Alsergrund. Als Geklagte erschien die Witwe Anna U h e r, ihres Standes Bedienerin in einem verrufenen Hause. Ihre siebzehnjährige Tochter Ernestine war vor nicht ganz drei Jahren zu dem jüdischen Damenschneider S. Steil er in die Lehre getreten. Tie Mutter begehrte die gewerbliche Fre sprechung ihrer Tochter, da aber die dreijährige Lehrzeit noch nicht uri war, verweigerte Steiner dieses Ansuchen. Da provocirte das Mädchen eines Tages einen Conflict, verweigerte den Gehorsam, warf ne Arbeit weg und eilte davon. Seither ist sie verschollen. Die Mt tter behauptet, Steiner und sein Schwager Adolf Floch hätten dcs Mädchen um eine bedeutende Summe Geldes zu — Ritualmordzwecken verkauft. Die Polizei war bisher nicht in der L ige, das Mädchen auszuforschen, allein Steiner und Floch behauptet, daß die Mutter den Aufent haltsort ihrer Tochter kenne, da Letztere im Einverskändniß ihres Vormundes bis zu, einer gewissen Metamorphose in Zurück gezogenheit und Verborgenheit leben soll; da aber die Uher ihnen, trotz Verwarnung der Polizei, unaufhörlich Correspondenzkarten gleichen Inhaltes zusendete, sahen sie sich schließlich veranlaßt, den Schutz deS Strafgerichtes anzusucken, und incriminirten die letzte offene Postkarte, die lautet: „Jude, gib mir meine Tochter,