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Freies Blatt · 1894-09-23 · 129 (23.9.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
129 (23.9.1894)
Date
1894-09-23
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 129. .freie» Blatt. “fite 3. Thatsüchlich sind ja die Differenzen zwischen En gros- und Detailpreisen auS den angeführten Gründen oft sehr bedeutend, bei einzelnen Artikeln bis zu 100 Pcrcent, , und wie sehr gerade oiescr Umstand den großen Magazinen im Allgemeinen zugute fommt, beweist eine von einem Franzosen angestellte Berechnung, „ach welcher ein Pariser Detailhändler mit einem jährlichen Umsätze von 36->00 Frs., um in der herkömmlichen Weise zu exislircn. 41 Percent durchschnittlichen Bruttogewinn an seinen Waaren nehmen muß, während ein große« Magazin mit einem Umsatz von f>00.000 Frs. 12 Pcrcent seines Capitols einbringt bei einem Gewinnaufschlag von 13 7 Percent. Dies nur zur Illustration der unwiderstehlichen Uebermacht des Großbetriebes übex den Kleinbetrieb. Muß sich denlnach der Kleinhandel 'zwar überall dort zurückziehen, wo ihm der Großbetrieb feindlich entgegcntritt, so lleibl ihm doch noch ein weites Feld, auf dem er bei richtiger Schätzung der Verhältnisse bestehen kann, zu Wohlstand gelangt und hiedurch dem socialen Frieden förderlich ist. Zur Hebung des letzteren will man aber für das Handelsgewcrbe'— den Befähigungsnachweis einführen! Hierüber noch Worte zu verlieren ach de» Erfahrungen, die man seit eilf Jahren bezügliche dieser C.m’lk des Hasses und Zankes neuerdings im Kleingewerbe ge-. iinmelt hat, hieße "wahrlich Wasser in die Donau tragen. Nur .me kleine Reminisccn; sei gestaltet. Als die Handwerker im . chre 1848 an die deutsche Nationalversammlung in Frankfurt Luilionen zur Wiedereinführung des Befähigungsnachweises rich ' . len, wurde ein Botum abgegeben, in welchem sich folgende Stelle findet: „Prüfungen für gewerbliche Fähigkeit und gewerbliches Fortkommen sind in der That eine wahre Lächerlichkeit, so lächerlich, wie wenn man von Obrigkeilswege» den Mädchen Prüfungen über ihre Befähigung, gute Hausfrauen zu werde», als Bor-, bedingung des HeiratenS stellen wollte." Was würden jene würdige» Herren, die Verfasser deö Gutachtens, gesagt haben, wenn man an sie das Ansinnen der Einführung des Befähigungsnachweises für das Handclsgcwcrbe gestellt hätte? . . . . ■ Robert Drill. Höritz — auch verjudet. Als wir im vorjährigen Sommer einer der ersten Vorstellungen; o Höritzcr Passionsfpicles beiwohnten und die mauschclnden Judeiz- -aricalurcn, daS häßlich und im Geiste des engherzigsten GlaubensdnnkclS entstellte jüdische Milieu sahen, da hätten wir wohl Alles eher in der-Welt erhofft, als daß auch dieses Passionsspicl, dieses auserlesene Werkzeug zur Propaganda dcS Antisemitismus als „Judcnmaäic" ansgeschricu werden könnte. Und wir müsien der Wahrheit die Chre geben, daß in der That die antisemitischen Blätter daS urivrünglich gelästerte Höritz sehr bald mit richtigem Blick in Gnaden und Wohlwollen ansahcn, und daß sie fast allzumal in unerschöpflichen Varianten daS Böhmerwald-Ammcrgau ini Stnlc des Hdraz'schcn ..iIie mihi tcrrarum praeter orunes angttlus rillet" besangen. Nur der große „Unbedingte" von Rosenau bringt cs zustande, Höritz als eine Art Brutstätte und Hauptquartier des jüdische» Geistes hinzuliellcn. Wie daS Schönerer'- Preßknechtc anstcllen, ist ein wahres Meisterstück antisemitischer, Entstcllungskunst und Verlogenheit. Angeblich freilich hat der Antiscmitcnpapst von Rosenau Höritz in Bann geihan, weil dort dem deutschen Volksgcist „Schweigen geboten wurde, md.in man an seiner statt dem Nomadengotte Jehova das Wort gab". In Wirklichkeit liegt der „unbedingten" Ablehnung des Höriycr Spieles ein viel antiscinitischeres, nämlich ein persönliches Motiv zugrunde. Der Bearbeiter dcS alten Gröllhesel'schcn Textes, ein Krumauer Gymnasiallehrer NamenS Ammann, nebenher bemerkt, .1 »Hänger Schönerer's, glaubte sich nämlich in seinen Ansprüchen durch sie Theaterleitung verkürzt, und da letztere ihrerseits Ammann gegcnuber sich nicht nachgiebig zeigte, kam cS zu einem Bruch zwischen beiden, worauf die Thcaterlcitung von der weiteren Aufführung der Ainmann'schen Bearbeitung absah und sich uni eine neue Bearbeitung ' S Gröllhesel'schcn Textes umsah. Ammaun strengte nun gegen Propst Landsteiner die Klage wegen geistigen Diebstahls an, mit ■eldier er aber von dem zuständigen Gerichte abgcwiesen wurde. Man wird nun fragen, was denn das Ganze mit den Juden zu i'mii hat? Ja, das wüßten wir auch nicht, wenn uns. die „Unverfälschten" nicht dahin aufklären würden, daß in der That Alles nur ans den ,',jüdischen Spielleiter Deutsch" zurückzuführen sei, welcher te» Höritzer», als Brav-Ammann sie entdeckt und geschult hatte, von dem natürlich durchaus „verjudeten" Böhmcrwaldbund aufgcdrungcn wurde. „Die Gegensätze platzten aufeinander," heißt eS in dem Roseuauer^ Moniteur, „und wie überall daS-Noniadenthum des Alt ansässigen -Herr wirh, so trinmphirte auch hier der Jude über den Deutschen. Ammann siel ihm zum Dpfcr, weil er gegen die g'schäftliche Ausschlachtung seiner Schöpfung Cjnspruch erhob und nicht in allen selbstsüchtigen Gelüsten den Geldprotzen des Böhni.crwaldbiuidcs zu Willen war. Man schickte ihn deshalb zu Muttern heim. Die Höritzer wurden durch ihre Geldgeber und Gläubiger gcnöthigt, wider Amman» mit dem Judenwolfc zu heule». Das halte natürlich zur Folge, daß Aminann den Höritzer» die Ehrenbürgerurknndc zurücksandte und seine Bearbeitung aus dem unterdessen zu einem Schachertcmpcl gewordenen Spiclhansc zurückzog und die Vcrkaufsunterhandlnngcn abbrach. Die. gelte- und ruhindnrstigcn Herren jedoch wußten sich anders zu helfen. Schnell war ein listiger Einfall zur Stelle. Man packte .mit seinem Freisinn in ' einem Winkel der unerschütterlichen Manncsbrnst ein, ging mit frommem Angcnaufschlag in das Lager'der streitenden Kirche und ließ sich dort vom deutsche» Ammann etwas verdogmatisircn.. Propst Landsteincr, der tschechische Landlagsbcwcrbcr, wurde mit der Beschneidung fertig, während der Jude Deutsch als gewiegter Drama tnrg das Stück äußerlich bombastisch aufputztc. So hatte man sich aus der Verlegenheit geholfen und die papierenen Trompeten tuteten lustig die erbetenen Ruhmsansarcu Ter Lärm war. fertig. Das ist lnr; die Geschichte." Kurz in der That, aber, was geradezu bewunderungswürdig ist, trotz ihrer Kürze ein Meisterstück, der' Entstellung,, diese Geschichte. Es gehört eine den „ilrgermancn" vorbchaltene Unverfrorenheit dazu, von einem „Schachcrtcmpcl" zu spreche», während, doch der ganze Zwist in. Höritz sich wegen deö „MammouS" entspann, wegen der, wie man hört, etwas übertriebenen Geldaniprüchc . und „Ausschlachtungs"-Versuche^ des antisemitischen Herrn Professors. Wenn die Sache von antisemitischer Seite nun so dargcstcllt wird, als hätte der angeblich „jüdische" Spielleiter von Haus aus gegen den „arischen Tichler" inlrigirt, so ist dies einfach nickzt wahr, da der Ammann'zche Text den ganzen Sommer hindurch gespielt wurde und sich der Streit erst später, nicht an ästhetischen Controverscn, sonderst an den sinan .ziellcn Ansprüchen Ammauu'S entzündete. Weilers ist aber dieser Spielleiter von Höritz überhaupt gar kein Jude, und wir möchten de» katholischen Priester sehen,'der.die Stirne hätte, zu leugnen, daß Herr Deutsch durch das Sacramcnt der Taufe und „die.damit verbundene übernatürliche Gnade" ebenso Vollchrist geworden sei, wie beispielsweise der Herr Caplan von Höritz. Was Herr Deutsch früher war besteht ebensowenig zu Recht wie etwa die „verflossene" Ritterschaft Georg Schönerer's. Wo aber steckt weiter der Jude? Der Roscuaucr Moniteur hat den' guten Humor, den Böhmcrwaldbund, der bekanntlich das Höritzer Spiel sinanzirt, als einen Judcnvcrcin, vielleicht gar. „Judenschutztruppc". hinzustcllcn, Wir haben vor einem Jahre den umgekehrten Schluß gezogen, daß nämlich djcscr Verein, eben weil er Höritz unterstützt, judcnfcinblichc Tendruzen fördert. Wer Recht .hat, beweist der-Umstand, daß die Thcaterlcitung — also offenbar im Einvcrstündniß mit der Bereinsleitnng — im Vorjahre eine Separatvorstellung für prononeirt antisemitische' Vereine veranstaltete und cs duldete, daß diese Gelegenheit von der antisemitische» Presse zu den vcrheycndstcn Ausfällen gegen die Höritz besuchenden Inden mißbraucht wurde. Nicht uninteressant dürste weiters für den Schloßherrn von Rosenau die Neuigkeit sein, daß tzieser „verjudcte" Böhmcrwaldbund' in Wien eine akademische Ortsgruppe besitzt, . die nominell zwar nur national ist, in der That aber der Majorität ihrer Mitglieder nach antisemitisch ist, antisemitisch in einem .Herrn Schönerer sehr sympathischen Sinne. So also steht cs mit der Wahrheitsliebe jener Leute, welche sich gerne auf die berufenen Hüter der altdeutschen Manncstngend hinauSspiclcn. In der That, wenn dies deutsche Art und Sitte wäre, was wir an dem vorliegenden Falle praktisch geübt sehe», dann könnte es uns und mit uns so manchen ehrlichen. Sohn des deutschen Volkes gcrcueu, jemals den 'Namen „deutsch" alS Ehrentitel betrachtet zu haben und für die Integrität unseres Deutschthums a» hartbcdrängtcr Stätte dereinst alle erdenkliche Unbill außer dem. „Martyrium dcS nüchternen Gaumens" erduldet zu haben. - , Mer unterstützt die Hetzpresto? „Marqueur, daS .Deutsche Volksblatt', die .Unverfälschten' und den- .Volksfrcund'!" . „Hier, bitte der .VolkSfreund' und die .Unverfälschten'; das .VolksblatU ist in der Hand." „DaS ist doch merkwürdig; hat denn dir Cafctier noch immer kein zweites Exemplar abonnirt?"

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