Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 128 (16.9.1894)
- Date
- 1894-09-16
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 128. Freies Blatt. Seit. 7. sprcchung mit dem Finanzminister, einer sehr einflußreichen Persönlichkeit. Nachdem derselbe sehr aufmerksam meinen Ausführungen zugehört hatte und anscheinend meinen Plan billigte, forderte er mich auf, meinen Antrag schriftlich vorzulegen, damit derselbe vom Gesammtministerium erwogen werden kann. Die« wird auch durch den amerikanischen Gesandten nebst dessen Empfehlung geschehen. Hervorragende Glaubensgenossen in Petersburg sind über meinen bisherigen Erfolg sehr befriedigt und geben sich den besten Hoffnungen hin. Sie sind sehr aufmerksam gegen mich und sind mir, sonreit e« ihnen möglich, sehr behilflich Sie sind Alle gegen die Auswanderung der russischen Juden nach fremden Ländern und sind gleich mir der Ueberzcugung, daß Rußland die wahre Heimat und die Zukunft der russischen Juden sei. Ich gehe morgen von hier fort, um die 3'.> jüdischen Colonien in Südrußland zu besichtigen, welche lrotz aller Beschränkungen und ungünstigen Berhältnisse gut vorwärts kommen. Sie sind ausschließlich im Südeti angesicdclt. DaS Counts der St. Petersburger ColonifationSgesellschaft sagt mir, daß tausende und abertausende von Petitionen einlaufen von Juden, welche auf eine Chance warten, Land im Innern Rußlands zur Bebauung zu erhalten. Landwirthschaft für die eingeborenen Juden ist die einzige Lösung der schwierigen Frage. Auf meinem Wege nach den Colonien werde ich eine Besprechung mit Tolstoi haben, dessen Feder und Einfluß ich zu gewinnen suchen werde. Auf meiner Reise inS Innere Rußlands werde ich von einem Mitglied der ColonisationSgcsellfchaft begleitet sein." Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. (Ja der Kirche.) Pfarrer Deckert hält seine Vorträge wieder in der Kirche. Unbekümmert nm die letzthin erwähnte» Weisungen aus Rom, wählt er zum Gegenstand« seiner Kanzelreden volkSwirthschastliche Fragen, und die Art, wie er sie behandelt, läuft zumeist aus ein Hepp! Hepp! hinaus. Auch nimmt er keinen Anstand, den Andächtigen von der Kanzel herab zuzuruseu, sie möchten eine von ihm verfaßte Broschüre kaufen. (Gegen eine christlich-sociale GenossenschaftSleitung.) Tie Leitung der GemischtwaarenverschleißerGenossenschast besteht seit einiger Zeit an« christlichsocialen Antisemiten, und deren Gebühren ist ein solches, daß er in den Reihen der GenoffenschaftSmitglieder große Unzufriedenheit erweckt. Vorige Woche fand eine von mehreren hundert Gemischtwaarenverschleißern besuchte Versammlung statt, in welcher der Schriftführer der Krankencasse, Herr Rieder, gegen den derzeitigen Vorsteher Papst eine Reihe von Beschwerden erhob. Statt die bnmane Institution der Krankencasse zu fördern, schädige der Vorsteher dieselbe empfindlich. Eigenmächtig habe er dahin gewirkt, daß der Beschluß der Generalversammlung, der Lasse eine Subvention von 2000 fl. zuzuwenden, welche den dürftigen Genossenschaftsmitgliedern zugute kommen sollten, sistirt worden sei, und diedeswegen, weil an der Spive der Krankenkasse ein fortschrittlich gesinnter Mann stehe, der den Ehristlich-Sorialen ein Tor» im Auge sei. (Rufe: Hoch Dauer!) Derselbe Vorsteher, der versprochen, die Interessen der Gemischrwaarenverschleißer zu schützen, gehe Hand in Hand mit den Herren Purscht, Wecerz und Spiraler, den geschworenen Feinden des GemifchtwaarenverfchleißerS, er halte mit ihnen gemeinsame Beralhungen ab und verstoße so gegen die Pflichten, die er als Vorsteher übernommen. (Lebhafte Pfui-Rufe.) Obmann Dauer theilte mit, daß im GenossenschaftSauSschuffe die Aeußerung gefallen sei, die Krankenkasse müsse zugrunde gehen, ivenn sic nicht in christlich-sociale Hände übergehe. Man müsse'sie zu Grunde richten (Pfui-Rufe) — so lautet die Devise der Vorstehung, die nunmehr aus da» Entschiedenste zu bekämpfen die Pflicht eine» jeden Genossenschaftsmitgliedes fei» müsse. DaS AuSschußmirglied Herr Schneider erklärte, daß Vorsteher Papst nur ei» Strohmann in den Händen der christlich-socialen Koryphäen sei. Herr Gründerger gestand, daß er einer der eifrigsten Anhänger der antisemitischen Vorstehung gewesen; jetzt, nachdem er Einblick in deren Gebahreu gewonnen, müsse er jedoch öffentlich erklären, daß er bedauere, jemals zu deren Anhängern gezählt zu haben. Die Versammlung sprach der Vorstehung ihr Mißtrauen auS und beschloß einstimmig, gegen die Sistirung de» GeneralversainmlungSbeschlusses bezüglich der Subventionirung der Krankencasse den Recur» zu ergreifen. Die „christliche" Socialreform ruft fast überall Zwist und Hader hervor. („Favorit».") Man schreibt un»: Der Wiener Radfahrerclub „Favorita" gibt, um den Verein „judenrein" zu halten, folgende Anmeldescheine^ au«: 1. Rame, 2. Eharakter, 3. Wohnort, 4. Alter(Eonfessi on). Will irgend Jemand dem Llub betreten, so hat er den Anmeldeschein auszufüllen; derselbe wird dem ElubauSschusse vorgelegt, und e» erfolgt sodann die Ballotage. Selbstverständlich entscheidet für die Aufnahme stet» di« vierte Rubrik. — Zu gleicher Zeit ist der vor Jahren gegründete Geselligkeitsverein „Favorita" ein Opfer antisemitischer Umtriebe geworden. In Folge d«S Austrittes zahlreicher „judenliberaler" Mitglieder entstanden in dem Ausschuss« Meinungsverschiedenheiten; die schließlich zur Auslösung de» Vereine», der sich einst großer Beliebtheit im X. Bezirke erfreute, führten. (Reactionäre GonnniS. Man schreibt uns: Der „zweite^Tag der österreichischen Handelsangestellten" fand am. 8. und 9. d. M.'in Salzburg statt. Zweck der Versammlung war, die Mittel und Wege zur - Verbesserung der materiellen Lage der HandelSgehilienschafi z» besprechen. Tie» ist gewiß ein sehr löbliche» Beginnen, und e» ist nur zu wünschen, daß die berechtigten Ansprüche der Interessenten auch baldigst erfüllt werden. In welcher Fahrwasser jedoch bedauerlicherweise die österreichische Handelrgehilsenschast gerathe» ist, beweist der Umstand, daß die Anwesenheit einer Tr. Geßmann, Tr. Palla, und Gregorig, die natürlich diese Gelegenheit zur Ausdehnung ihrer „Popularität" nicht vorübergehe» ließe», von mehreren Rednern al» wünschen»- und danken»werlh bezeichnet wurde. ES kann un« daher auch die pietistische Art, in welcher der Einberuser Axmann seine Rede begann, nicht Wunder nehmen. (Ter Grazer Ausflug.) Ter Aurflug der chriftlich-iocialen Antisemiten Wien» nach Graz ist vorüber. Ta» Hauptmoment desselben bildete eine Be» sammlung, in welcher Schneider und Lueger sprachen. Ter Erstcre tischte auch den Grazer Antisemiten nebst andere» Unwahrheitendie schamlose Lüge aus, baß in der Wiener liberalen Presse ein Raubmörder eine dervorragende Rolle spiele, und schilderte dann die Zustände Galiziens und der Bukowina in den düstersten Farbe». Ter jüdische Einfluß sei so groß, - daß man in Galizien bei Bestellung eines Wagens Gefahr lause, einen Jude» aus dem Kulschbock zu sehe». Roch ärger sei eS in der Bukowina, wo e» absolut »»möglich sei, ein Gla» Bier zu bekommen, ohne von einem jüdischen Kellner bedient zu werden. AlS bekannter Antisemit sei man dort seine» Leben» nicht sicher, wenn man in den Straße» herumgeht. Wirklich schrecklich! Schließlich kündigte Schneider, nachdem er auch an dem gewesenen Fiuanzminister. dem getauften Juden" Sttinbach, sein Müthchen geküblt hatte, für da» nächste Jahr die Veranstaltung eines AnliskmikeUanSfluge» nach Pari» an Auf keinem Höheren Niveau al» die Auslassungen Schneider'» standen die hierauf folgenden Lueger'^.' Dieser schimpfte über die Juden, Deutsch-Liberalen, die Polen, die Handelskammern :c. und ibat so, als ob die Wähler der Instern Stadt Wien au» lauter „Binkeljuden vom SalzgrieS" bestünden. Da» Sprüchlein: „Unseren Leuten können wir Alle» bieten" — hat' sich auch in Graz bewährt. — Ter Bürgermeister von Graz, Tr. Portugal!, hatte e» abgelehut, die Wiener Antisemiten ossiciell zu begrüßen. Er war deshalb bei dem Festmahle der Wiener und Grazer Antisemiten Gegenstand der hcstigsten Angrisse seiten« de» Grazer antisemitischen GemeinderalheS Dr. Stark!. Die „Grazer Tagespost" bemerk zu diesem Vorgänge, daß die überwiegende Mehrheit des Grazer Gemeinderathe«, wenn sie befragt worden wäre, sich niemals für eineofncielle Begrüßung dieser Gäste a»Sgesprochen hätte, da die Antiscuiiten eine undeutsche Partei repräsentiren, deren einziger Erfolg die Verhetzung der Gewerbetreibenden gegen alle übrige» Stände und' die empfindlichste Störung des bürgerlichen Leben» sei, auf dessen ungetrübter Erhaltung jeder geistige und wirthschafttiche Fortschritt beruhe. . >Ein Fiasco.) I» Leip a haben die Mitglieder der asttiftinitischen Ferial- Verbindung „Hilaria" zum Zwecke der Gründung einer Ortsgruppe de« „Bundes der Deutschen in Bödmen" für den 7. d. M eine Versammlung einberuft». Dieselbe erlitt ein vollständige« FiaScö7 Tie ganze Bürgerschaft hielt sich demonstrativ serne; von den anwesenden 17 Personen waren 14 Mitglieder der „Hilaria" und ein ZeitungSberichterstatter. (Ter Kirchruschällder von Köln:) Tie Strafkammer in Köln verurthfilte am 1. September jenes Individuum Namens Spanier, das jüngst die GeorgSkirche verunreinigte, zu sech« Monaten Ge säug» iß und einer Woche Hast. Ter Antisemilknverein in Köln, zu dessen Zierden da« bekannte Opfer de« römischen Rechte-, Herr Br eit wisch, gehört, batte die unwahre Behauptung ausrcchlerhalten, der Thäler sei ein Jude, trotzdem die ultramontane „Kölnische BolkSzeitung" ausdrücklich feststellte, daß Spanier ein Ehrist sei. E« ist deshalb gegen den Vorstand des Siölnischen Antisemitenvereine« die Anklage erhoben worden. (Wider Juden »ad Junker.) Anläßlich einer Versammlung in Westphalen eiferten antisemitische Schristgelehrte nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen die Junker. Einer dieser Herren äußerte, daS Volk traue .den feudalen Herren, diesen Raubritter-Nachkommen, dir -da« Unternehmer- und AuSbeulungSsystem gleich dem besten Inden anzuwenden verstehen, schon lange nicht mehr. Aus einem Bauernmeetingin Bayern ließ ma» schon die Juden ganz au» dein Spiele und zog heftig gegen die Adeligen los, welche man al« die'Drohyen im Bienenkorb« bezeichnet. Eine solche Ernte haben die Tivoli- Antisemiten bei ihrer demagogischen Saar nicht envarlel. Auch Prinz Aloi« Liechtenstein, welcher jetzt vergnügt schmunzelt, wenn da» „Witz"blatt der Witwe Berg bei Gelegenheit de« Bienenzüchter-Congreffe» wider die Juden al» Drohnen in Wort und Bild aufreizt, dürste eines Tage« von den Ergebnissen, welche die Action seiner Partei herdeisühren wird, unangenehm Überrascht werde». Mit der Verleihung desTitel» „Drohnen" läßt sich, wie daS erwähnte Bauernmeeting zeigte, auch gegen Nichtjuden Hetzen.