Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1894-09-16 · 128 (16.9.1894) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
128 (16.9.1894)
Date
1894-09-16
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4886575-5439163-5441555--1503-4887951
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

/ i Nr. 128._ Freie! ganz correct vorgrgangen war, weshalb die Untersuchung gegen ihn eingestellt wurde. Als Schreiberin dieser beiden Briefe wurde bald die 46 Jahre alte Hausbesitzerin Josefa Parasicz in Gäaden auSgeforscht und der Staatsanwaltschaft angezeigt. Am 11. d. M. hatte sich die Frau vor dem Bezirksgerichte Mödling zu verantworten. Weinend und händeringend bat sie sowohl den Richter als auch den erschienenen Postmeister Herrn Pcchtold um Bcrzeihung und erklärte, daß sie daS Opfer eines ComplotS geworden sei. Es wäre ihr niemals eingefallen. Jemanden zu beleidigen, am wenigsten den Herrn Bürgermeister, den sic schon seit 26 Jahren als Ehrenmann kenne, für einen Betrüger zu halten. Rur dem Drängen ihrer „Parteigcnosicn", welche erklärten, daß hier ein Betrug vorliege, habe sie Folge geleistet und die Briefe geschrieben. Da Herr Pcchtold bekannt gab, daß er sich mit einer Ehrenerklärung vor dem gesammten Gemcindcrathc begnüge und bereit sei, Verzeihung zu gewähren, wurde die Parasicz, ibelchr übrigens auch an die Statthaltcrci und Bezirkshauptmannschaft Bittgesuche um Bcrzeihung gerichtet hatte, in Anwendung besonderer Milderungsgründe zu nur 2f> fl- Geldstrafe, eventuell fünf Tagen Arrests verurtheilt. Froh, so billigen Kaufes davongekomnlen zu sein, erlegte sic sofort den Betrag mit dem Versprechen, nie »lehr anonyme Briefe schreiben zu wollen. Den feigen Ehrabschneidern, welche ein einfältiges Weib als Werkzeug ihrer Verlcumdungssucht mißbraucht haben, ist es leider gelungen, dem Eriminal, wohin sie eigentlich gehören, zu entrinnen. (Todesfälle.) Der weltberühmte Naturforscher Helmholtz ist am 8. d. M. zu Berlin im Alter von 73 Jahren verschieden. DaS vor mehr als einem Jahrzehnt erschienene Manifest der Notablen Berlins, welches gegen die antisemitische Bewegung gerichtet war, trug auch seinen Namen. Die antisemitische Verunglimpfungssucht wagte cs, sich auch an einem Helmhol; zu vergreifen, uud Dühring, der für die Leistungen der größten Deutschen blind ist, schrieb über ihn in einem Tone widerlicher Selbstüberhebung. —- Am 10. d. Dt. ist zu Kufstein das Herrenhausmitglied Professor Dr. Adolf Er.»er, kaum 53 Jahre alt, einem Tchlagansalle erlegen. Ter ausgezeichnete Rcchtsgelehrte. hat als Rector der Wiener Universität im Jahre 18‘.*1 9— tut nicderöstcrreichischcn Landtage sich auch als ein entschieden freisinniger Mann bewährt. l.Der Fall AronS.) Vor einigen Wochen brachte das Berliner „Jntelligenzdlatt" die Notiz, der Privatdocent an der Berliner Universität Dr. Leo Arons, ein in Fachkreisen geschätzter Physiker, habe 300.000 Mark der social-demokratischen Parteicasse zur Fortführnng des Bierboycötts zur Verfügung gestellt. Gegenüber dieser Notiz, welche, da sie einen Juden betraf, die Runde durch die antisemitischen Zeitungen machte, erklärte das social-demokratische Organ, der „Vorwärts", „Dr. AronS habe der soeial-demokratischen Parteicasse weder für den Bierboycotl noch für einen anderen besonderen Zweck irgend welche Summe zur Verfügung gestellt." Dr. AronS sei Mitglied der social-demokratischen Partei und zahle allmonatlich 20 Mark Beitrag, worüber die monatlich erscheinende O.nittung des Parteivorstandes Aufschluß gebe. Mit dieser Erklärung ruhte aber die Hetze nicht. Daß ein Privatdocent der Berliner Universität Social-Tcmokrat sein und seine Parteizugehörigkeit offenkundig behaupten dürfe, war in den Augen der conservativ-antisemitischen Preffe etwas so Unerhörtes, daß die Hetze von Neuem begann. Dabei ist Dr. AronS agitatorisch nicht besonders hervorgetrcten, keinesfalls darf man ihn den Demagogen niedrigen StylS zuzählen. Ein Vorschlag, den er zur Erichwerung der Güterschlüchtcrei im „Socialpolitischcn Ccntralblatt" machte, fand sogar die Zustimmung Böckels. Es war klar, führt ein im Organe des Berliner Abwchrvereines veröffentlichter Artikel aus, daß die gegnerische Preffe die preußische Regierung zu einer Maßregelung drängen wollte. Das ist ihr auch vollkommen geglückt. Bor einigen Wochen hat der EultuSminister Dr. Bosse, sich an die philosophische Facultät der Berliner Universität wegen des Dr. Arons gewendet. Die Erscheinung, daß im Lehrkörper einer königlichen Universität ein Mann wirkte, der, getreu dem social-demokratischen Programm, die Grundlagen der bestehenden Ordnung des Staates und der Gesellschaft offensiv bekämpft, hat den Leiter des UntcrrichtSwesens der Monarchie mit Zweifel und Sorgen erfüllt. Die Commiffion der Facultät hat nun gegenüber der Vorstellung des Ministers den Beschluß gefaßt, von einem Eingriff in die Lehrtätigkeit des. genannten Privatdocentcn abzusehcn, da für die Facultät lediglich die wissenschaftliche Befähigung das Criterium der Zulaffung sei. Ter Eifer, mit dem die conscrvativ-antiseMitischc Preffe auf die Entfernung Dr. Arons' drängte, hat alsp keinen Erfolg gehabt. Die Entscheidung in der Angelegenheit ist ganz der philosophischen Facultät anhcimgcgeben, und zwar nach den Statuten der Universität. Diese regeln di: Disciplin überdie Facultäten. Wäre Dr. AronS noch wie früher Assistent am physikalischen Institut, hätte der Minister kur; Blatt. reite f> seine Entlassung verfüge» können. So correct sich die Berlin:r Universität benommen hat, so beschämend ist co, .beton:. upscre Berliner Abwehrcollegin, daß die Regierung -sich zum Sprachrohr der reactionärantisemitischcn Wünsche gemacht hat. In Reden vom RcgicrungStisch sind die Antisemiten wiederholt für gefährlicher als die Social Deniokraten hingestellt, in ihrer Agitatiouowcisc mit den Anarchisten verglichen worden. Wie aber entsprechen die Thatcn den Worten? Die Regierung hat einen socialistischen Privatdocentcn lediglich feiner Gesinnung wegen maßregeln wollen, trosdem er in seinem Fach — mathematische Physik — überhaupt gar nicht die Möglichkeit lat, für seine politischen Anschaunngen propagandistisch ciuzutrcten. Wahrend man sich sonst immer mit der Leyrsrcihcit der Universitäten brüstet, gibt schon die bloße Zugehörigkeit zu einer Partei, der über ein Fünftel der deutschen Wähler zngehört, der Regierung einen Grund, die Absetzung des betreffenden Universitätslehrers zu betreiben, obgleich er in seiner Stellung, wie bemerkt, gar nicht die Möglichkeit Hai, die Lehren seiner Partei zu entwickeln, ("nu; anders stellt fttf): die Regierung zur antijcmitischcn Partei. Tie Antisemiten haben ' die Regierung planmäßig angegrissen. 'Nicht aus Uederinutk. sondern weil sie daS ihrer Agitation zuliebe thun müssen. Rach ihrer e hcmie beherrschen die Juden das Deutsche Reich, und da in den üreichsänttern und Ministerien keine Juden sitzen, müsfcn die Anriscmiten eben behaupten, daß die Beamten in Judcuhändcn sind. Auf dem Magdeburger antisemitischen Parteitag (.181*1) thciltc Ahlwardt mit, daß 80 Percent aller Officicre und 60—75» Pcrccut aller Beamten in Judenhänden seien. Die Verleumdungen' gegen' den Finanzminister M i q u c l, die Ahlwardt nur wiederholte, nachdem sic von anderen Antisemiten angedentet waren, die Anklagen gegen die Justiz und gerichtliche Sachverständige in den Fällen Paasch »yd Fanten, der Ahlwardt'sche Jndenstintenschwindcl waren Symptome Dieser der Partei notwendigen Taktik. Ist die Regierung gegendie Beamten cingeschrittcn, die diese Agitation mitgcmachl haben? Ist besonders das Cultuüministerium in dieser Beziehung cingcscyrrticn? Keineswegs, trotzdem gerade Lehrer häufig Führer dieser Agitation gewesen sind. Dabei ist doch dem Schullehrer weit eher wegen des besonderen Tactes, den feilt Amt erfordert, größere Zurückhaltung nöthig als dem Universitätslehrer. Besonders bekannt ist die agitatorische Stellung des Professors Förster. Trotz der Protcstvcrsammluitgcn, die er in der Sache Paasch veranstaltet hat, trotz 'seiner Erklärung, sein' Gewissen verbiete ihm, mit Jndcnstinten die Truppen gegen den .Feind zu führen, hat jintit ihn ttic belästigt,' er ist darauf, seiner Anciennilüt entsprechend, unbcanständct Professor geworden.- Danach ist das Verfahren der Regierung einfach unbegreiflich. Ein Privatdocent, der keinen Gehalt bezieht, darf maif als Socialdcmokrat nicht sein, dagegen darf man.als angestelltcr Schullehrer die Behörden angrcifcu, die Gcwchrprüfungscommijsion, eine der wichtigsten Militärbehörden, grundlos als eine Sippschaft von Bestochenen oder Unfähigen hinstellen — daS und nicht weniger liegt in der Lüge von den Judensiinten. Uud dann halten Mitglieder der Regierung noch Reden gegen die Antisemiten und. verhelfen ihnen zu dem billigen Ruhm de>! MärturerthnniS. Das ist nicht nur uitverständlich, cs ist schlimmer als das, cs verletzt den Standpunkl gleichen Rechtes für Alle. Und dabei sind die Antisemiten noch nicht einmal zufrieden. So beklagte sich dif „StaatSbürgcrzcitung" in einem DciiunciationSartikel gegen''Dr. AronS,. daß die antisemitischc Bewegung vom RcichStanzlcraml nicht wohlwollend angesehen wird — dieselbe Bewegung, welche die Regierung als eine Sippe von Judenknechle» bezeichnet und fürdie Zwecke ihrer Agitation geradezu bczcichncu muß. Besonders . hat man noch gegen Dr. AronS Klage geführt, weil er gegen die!'Großgrundbesitzer gesprochen, weil er, der sehr wohlhabenden Kreisen angehörl, als Vertreter des Proletariats ausgetreten sei. Aber hat er eigentlich etwaS Anderes gethan als die ganze conservative Partei, die doch apch überwiegend aus wohlhabenden Leuten besteht und. doch immer gegen das Capital zu Felde zieht? Mit einem Unterschied allerdings. Tie Tivolimänner habe» mir gegendaS fremde Capital, gegen das mobile Capital geeifert, ihr eigenes, den Großgrundbesitz wollen sic.sogar gefördert wiffen, Dr. AronS hat sich aber nicht nur gegen das titi? mobile Capital gewendet, er hat klar genug auch das mobile Capital angegriffen, dessen. Kreisen er selbst angchört. Wir sind politisch nicht Anhänger deS Herrn, aber wir sind der Meinung, daß in seinem Standpunkt weit mehr Idealismus steckt als in demjenigen der Herren, die ihn jetzt dcnunciren. Die Antisemiten klagen immer über Denn» ciation, wenn man fcststcllt, daß sie keine Märtyrer sind, sondern trotz einiger Redewendungen im Parlament und trotz ihrer Angriffe auf die Regierung günstiger behandelt werden als andere Parteien, wenn man gleiches Recht für Alle verlangt. Hier aber sind sic unznfriedcn und insceniren eine Hetze, weil der Regierung ein unberechtigter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.