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Freies Blatt · 1894-09-16 · 128 (16.9.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
128 (16.9.1894)
Date
1894-09-16
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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/ IX 128_ '_ Freie, Mit solchen Mitteln also erkämpften die Antisemiten den Sieg in AtzgerSdorf, von dessen Ruhm die Welt erfüllt wurde. Aber dieser Sieg ist noch kein endgiltiger. Nur »och einige Tage trennen die AtzgerSdorfer von den Neuwahlen. An der denkenden Bevölkerung liegt eS nun, Zustände zu schaffen, bei welchen die gesunde Vernunft Cbcrliand gewinnt, odxir aber eS kommen Zeiten unfruchtbarer Thätigkcit, sechs Jahre, der Verhetzung und der Verdummung des Volkes, und man erwäge »och in letzter Stunde, zu wessen Vorthcil und zu wessen Tchadcn dicS wäre. I>ixi. (Sin alter AtzgerSdorfcr. Sittlicbfeit und 2lntifcnüti=-mus. Von Carl Scholl, aus dessen Buch: „Hundert Jahre nach Vcssing's Nathan" wir' neulich einen trefflichen Aufsatz rcprodncirl haben, liegt uns nun eine kleine, 36 Seiten starke Schrift vor, welche einen Vortrag wicdcrgibt, der de» AnliscmitiSmus vom sittlichen Ttandpunktc erörtert. Zu de» ersten und! unerläßlichen Forderungen der Sittlichkeit geböten, führt Tchroll auS, die Wahrheit, die Gerechtigkeit, die Tuldung, die Rebe. Wie steht zu ihnen der AntisemilisuiuS? Sein Name schon ist eine Unwahrheit! Wer die Juden bekämpfen will, muß wisicn, daß sie nicht die einzigen „Semiten" sind: die Benennung „Antisemiten" aber führt zur Annahnic, daß damit alle Tcmitcn gemeint, daß die Vorwürfe, welche von dieser Seite den Juden gemacht werden, und vor Allem der Hauptvorwnrf der Unlust und Unfähigkeit zur Arbeit, der angeborene» Neigung zu bloße» Handels- und Geldgeschäfte», daß diesen alle Scmitcu verdiene» — und das ist nicht wahr, das ist von vornherein schon ein Beweis, wie wenig diese christlich-germanischen Hetzer von der Geschichte wisse». Semiten sind auch die Assyrer, Chaldäer, Babylonier, Araber, Phönizier. Von ihnen sagt die Geschichte aber das gerade Gcgcnthcil. Si^ haben Vandbau getrieben, Dämme und Canäle gebaut, haben die verichiedenstc» Gewerbe getrieben, Spinnereien, Webereien, Färbereien, rcppichc gcuiacht, GlaS- und Mctallarbeiten, die Phönizier habe» die Buchstaben erfunden und vcrwcrthet. Der Vorwurf der Arbeitsscheu und deS bloß leichten Vcrdicncns durch Handels und Geldgeschäfte trisit sie nicht. Aber was sagt denn die Geschichte auch von den Juden! Sind sie wirklich, wie die Antisemiten behaupten und leichtgläubige glaube» mache», diese niedrige, vcrkoinmcnc Racc, welche nicht nur heute, sondern zu allen Zeiten keine Hand zur anstrengenden Arbeit rüyrtc und nur durch Handels- und Geldgeschäfte sich Reichlhümer zu vcrjchassen trachtete? Diese Frage könnten schon die Kinder beantworten, ivclche durch de» RcligionSnntcrricht auS der biblischen Geschichte, ans der einen von der ährcnlcscndcn Ruth schon wisse», daß. auch die Inden landbau getrieben, wie sic. auch Weinbau trieben. Und wer sich etwas vertrauter mit ihrer Geschichte gemacht hat, der weiß, daß sic sich auch auf alle mögliche» Handwerke, besonders auch auf das Knnslgcwcrbe, verstände» haben. Steht doch im zweiten Buch Mose, Cap. 35, betulich;ir lese»: „Sehet, der Herr hat den Bczalccl, den Sohn,Uri, des SohncS Hur, vom Stanini Juda berufen, und hat rlni erfüllt mit dem Geist Gottes, daß er weise, verständig, geschickt sei zu allerlei Werk, künstlich zu arbeiten in Gold, Silber und Erz, Cdclstcin schneiden und cinsctze», Hol; zinimcru, zu machen allerlei künstliche Arbeit. Und hat ihm sein Herz unterwiesen sammt Ahaliab, dem Sohn AhisamachS, vom Stamui Dan. Er hat ihr Her; mit Weisheit erfüllt, *511 machen allerlei Werk, zu schneiden, zu wirken und zu sticken mit gelber Seide, Scharlake», Rosiuroth, nnbweißer Seide, und mit Weben, daß sic machen allerlei Werk und künstliche Arbeit ersindcn. Da arbeiteten Bczalccl und Ayaliab lmd alle geschickten Männer, denen der Herr Weisheit, und Verstand gegeben batte, zu ivisien, wie sie allerlei Werk mache» sollten zum Dienst deS HeiligihumS, »ach Allem, das der Herr geboten hatte.". Und wie diese Erzählung, wo cö sich um die Herstellung der sogenannten StiftShültc bandelt, so liefert auch die spätere vom Bau des Tempels zur Zeit des HerodcS denselben Beweis der Arbeitsamkeit und vielseitigen Geschicklichkeit der Juden in allen möglichen Gewerben. Wird uns doch berichtet, daß Hcrodcs, um den Bau zu beschleunigen,' nicht weniger als tausend Priester und Tempeldiencr im Zimmer- und Stcinhaucrbandwerk unterrichten und cinüben ließ! Und 'was sagt denn den „allcrchristlichcn" Hetzern das neue Testament? Steht dort nicht schwarz auf weiß, daß der Vater deS Stifters hcS ChristeuthumS ein Zimmcrmann war, ja, steht nicht im Evangelium deS MarcuS, Cap. 6,3, non JcsuS selber: „Ist er nicht der Zin»»er»ia»n> Mariä Sohn?" Und diese Menschen haben die Stirne, zu behaupten, die Juden, als Semite», hätten zu keiner Zeit arbeiten wollen! — Auch vom größten Blatt. > .?cile 3 Apostel des ersten ChristenthuinS, von Paulus, mußten sic wissen, daß er ein Arbeiter, ein Zelt oder Tcppichmacher war! Die andere mit dieser ersten nnminelbar zusammenhängende Unwabrheit ist die, daß die Jude» niemals die Fähigkeit bewiesen hätte», einen Staat zu bilden, und daß sic deswegen eine culturfeindlichc Rare seien. Man traut seinen Dhren kaum, aber ich -habe cs mit meinen eigenen gehört und habe cs dutzendmal gelesen. „Die Juden keinen Staat bilden!" Also wisse» diese Herren nichts davon, daß-die Juden in Seester Zeit schon ihre „Richter" und nachher jahrbundertelang ihre Könige hatten! Wisse» nichts davon, daß sie eine streng thcokratifche Staalsvxyfassung batten, mi: Gesetzen,, die nicht' nur daS öifeniliche, sondern» auch da? Privat- und Familienleben aufs Genaueste und Strengste regelten! Und culttzrfeindlich! Es scheint, diese christlich sein wollenden Herren haben ganz vergehen, was in dem Buch, daS sie doch als Grundlage ihres. Glanbcnö zu betrachten haben, in der Bibel, über diese» Punkt zu lesen ist! Wenn wir ans d^iljüdijchc» Altcrihum nichts weiter besäßen als die im alte» Testament gesammelte» Schriften, sie allein schon geben uns dcn Beweis, daß wir in de» Jude» lein culturseindlicheS,' sondern ein cnlturfördcrndes Volk vor uns haben, ei» Volk, das sich in senc» längst vergangenen Jahrhunderte» schon ein wesentliches Verdienst um Cultur und Cnlturfortschiitt erworben hat. Das beweisen diese Schriften allein schon als Zeugnisse einer zum großen Theil hoben Stufe literarischer Bildung, und genügt eSin dieser Beziehung nur einen einzigen Namen zu nennen als vollgilligcn Beuriheiler ihres hohen WertheS. ei» Geringerer als Goethe hat diesen anerkannt und von sich selbst zngcstandcn, welch tiefen Einsluß die alltestanicnt lichc Literatur aut seine eigene geistige Entwicklung auSgeübt. Diese alltcstanicntlichen Schriften sind aber in noch höherem Grade Beweise für 'das culturgeschichtlichc Verdienst deS JndcnthumS, ’ wenn wir sie zumal auf ihren religiösen Inhalt hin werthc», indem sie Zcngniß ablcgc» für den tiefgreifende» Fortschritt auS.dem alten Viclgöttcrglaubcn zu dem an ein einziges höchstes Wesen, ein Fortschritt, ' den die Menschheit in erster Vinte dem Jndenthum verdankt, und mit welchem gleichzeitig auch in sittlicher Beziehung eS einer reineren AnschaunngSwcise Bahn brach. Dasselbe Verdienst kommt ihm aber zu, wenn wir seine spätere Geschichte verfolgen und namentlich scheu, welche Arbeit eS in wissenschaftlicher Beziehung und gerade in den Jahrhunderten für die Menschheit geleistet hat, in welchen tiefer Aberglaube herrschte! Wer Kur etwas von diesen Zeilen weiß, der weiß auch, daß die Inden eS waren, welche sich in allen Wissenschaften rühmlich damals hcrvorlhale», in der Sprachenwifscnschaft, der Naturwissenschaft, der Astronomie, Mathematik, Medici», Rechtskundc, Philosophie, Ethik, auch'in der Dichtkunst. Ihnen ist eS namentlich auch ganz besonders zu verdanken, daß es de» Christen.möglich wurde, die Werke des elassischcn Allerthums, der Griechen und Römer, zu übersetzen. Sic waren eS, welche jene weltberühmten Universitäten in Padua, in Salerno und Montpellier gründete», auf denen nicht selten HXH) und l’UOO Zuhörer aus aller Herren Rindern zusammen slröniten. Sic waren cs, welche der leidenden Menschheit die meisten Acrztc zur Verfügung stellten und vielen Fürsten ihre treuesten Bcraiher als Staatsmänner. In welchem Vicht erscheint angesichts dieser geschichtlichen Thalsachcn die Behauptung des AnlisemiliSmuö, die Juden seien eine cnlturscindliche Rare, eine allen anderen, zumal der ari'chcn gegenüber, viel tiefer stehende, zu wahrer Cultur unfähige! Wenn das keine absichtliche Vüge, so ist eS jedenfalls der Gipfel von Unwahrheit, von crasicstcr Ignoranz. Und nun zum schwersten Vorwurf, der ihnen von Seite des Anti sciniliSmuS gemacht wird, dem Vorwurf, daß sie nicht nur überhaupt seit Mcnschcngedenken ausschließlich -Handels ttnd Geldgeschäfte getrieben und durch diese sich Reichlhümer gesammelt, sondern, daß sic diese Reichlhümer auf die gewissenloseste Weise sich gesammelt, durch Vist und Betrug, durch Schacher und Wucher. Wie steht eS mit,der 'Wahrheit dieses Vorwurfes? Wer eS aufrichtig und wohl meint mit feinen jüdische» Mitbürgern, der würde ihnen dcn denkbar schlechtesten Dienst erweisen, wenn er leugnen wollte, daß angesichts der unwiderlegbarsten Thatscul,en dieser Vorwurf nicht schlechtweg abgcwicscn werden kann. Aber so wenig dies in Abrede gestellt werden kann, so wenig darf dabei die Hauptsache übersehen werden, welche über den gemachten Vorwurf allein entscheidet, und daS ist die Frage: Sind das alle Juden, welche» er gemacht werden muß, oder sind cs nur einzelne? Und da möchten wir denn doch den Antisemiten sehen, der die. Stirne hätte, die Hand aufs Herz, diese Frage zu bejahen! Sic können eS nicht, sic bcthcucr» sogar ausdrücklich selber in ihren Schriften und Vorträgen, daß sic nicht daran denken, daß sie nie und »immer alle in einen Topf werfen nwllen; Stöcker „liebt" sogar, wie er mit frommem Augenaufschlag sagt, die Juden „als das Volk seines Herrn

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