Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 127 (9.9.1894)
- Date
- 1894-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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i Nr. 127. Bedauern gezwungen, mit den» Abschluffe de» laufenden Vierteljahre», d. i. mit der nächsten Nummer, die Herausgabe de» .Deutschen Volksboten' einzustellen. Der Schritt fällt un» schwer, doch können wir nicht ander», da un» von keiner Seite Förderung zutheil wurde. Unser Gewissen spricht un» von aller Schuld frei." Besonder» mächtig muß also die deutsch-national antisemitische Vewegung in Prag nicht sein. Dagegen scheint der Strom de» czechische» Antisemitismus anzuichwellen. Wie ein Pilsener Blatt meldet, gedenken die tschechischen Anti, semiten demnächst ein antisemitische» Blatt mit einer illustrirten humoristischen Beilage herauizugeben, da« wirthschaftliche Tendenzen verfolgen wird und des AuSnahmSzustande» halber in einer der tschechisch-antisemitische» Landstädte Xolin, Tabor oder Pardubitz erscheinen soll. Da» Gleichgewicht in Böhme» wäre dadurch wieder hergestellt, und vielleicht wird e» Herrn Kießlich, der ja schon Proben seiner raschen Bcrwandlung«ku»st äbgelegt hat, nicht schwer, nunmehr sein Brot bei dem tschechisch-antisemitischen Blatte zu .suche». (Ter aulisemilischk ZukunstSskaat.) Endlich ist e» heraus! Paul Förster Kat endlich den germanisch-judenreiuen Zukunst»staat construirt — wie nnS scheinen will einigermaßen nach dem Gruppensystem der Anarchisten — und tu seinem Blatte „Frei-Deutschland" urbi et. orbi vorgeführt. Diese» antisemitische Zukunst»ideal gipfelt in Folgendem: „Jeder dieser ,S r ain messt aaten" würde mit denlbar weitgehender Selbstständigkeit auSgestaitet, hätte' seine Hauptstadt, seine Kammer, seine Hochschule, seine selbstständigen staatlichen Anstalten silr Kunst und Wiffcnschast und wäre gehalten, der Ausbildung und Entwicklung der Mundart und sonstigen Eigenart de» betreffenden Stammein nachhaltigster Weise Förderung angedeihen zu lasse». Solcher Sl!aat wäre demnach keineswegs mit einer .preußischen Provinz' aus eine Stuse zu stellen. Bei derartiger ReichSeintheilung wäre somit der Pflege de» deutsche» Volkrthum» der denkbar größte Dienst geleistet. Selbstständige kleine Slaminesstaaten innerhalb de» großen Reiche» und doch keine Kleinstaaterei »ach jetzigem Muster! ,, Wie gesagt, wir geben zu, daß da» Volk i» diesen rein deutschen Gedanken erst hineinwachsen, hineinreifen muß." Ta» glaube» wir auch. (Raceuantisemikischks.) Im Sinne der „nordischen Gefühl-weise" schreibt ein germanischer Schmock im Hamburger „T eutscheu Blatt" unter dem Titel: „Unserer Vorväter Gottesglaube" Folgende»: „Tie alten Eiche» rauschen zwar immer noch dasselbe Lied wie einst in grauer Vorzeit, nicht aber ist germanisches Edelvolk in ursprünglicher Reinheit geblieben. Und wen» heule, nach langer, schmachvoller Duldung vergiftenden.Geiste» heimat-loser Fremdlinge, deutscher Geist wie Fruhling»sturm durch deutsche Gaue zieht, so stnd doch viele Anhänger antisemitischen Streben» weit entfernt noch von richtiger Aussaffung deutsch national-antisemitischer Geistessiihrung. Nicht unerbittlicher Kamps gegen- Jitden und jüdische» Wesen allein kann un» reiten. Sagt doch auch Lagarde, er demitleide Jeden, der nur Antisemit sei. Rückwärts müffen wir schauen in deutsche Vorzeit, Kraft und Erquickung holen au» urväterstammesihitmlichem Linnen. .Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt.' Worin aber spiegelt sich klarer Volkrgeist und -Wesen al« in seinem stammeSthümlichen Gottcsglaubeu! .Wie einer ist, so ist lein Gott!' Wir das Volk, so seine Göiterlehre. Daher ist liebevolle» Versenken in unserer Vorfahren GolteSvorstellttiig beste. Ge legenheit zu lernen, was deutsch ist. Unbedingt nationale Pflicht dculschvolklicher Vereine ist mithin auch gründliche Beschäftigung mit deutscher Götterlehre. Traurig aber ist e», daß nicht schon längst deutsch-nationale Männer, kundig der Geschichte deutscher Vorzeit, die deutsche, herrliche Göiterlehre vom deutschen Standpunkte au» beleuchtet und geklärt, in billiger Flugschrift allen treudeutschen Gesinnungsfreunden darboten. Vorhandene Schriften über diesen Gegenstand sind entweder zu theuer oder inhaltlich zu dauernder Einwirkung un tauglich. Nicht» aber ist geeigneter, deutschen Sinn zu wecken, auch bei ver irrten Brüdern, al» liebevolle» Vertiefen in unsere» Volkes jngendsrische Kindheit. Gedächten doch Alle Jacob Grimm'» trefflicher Worte: .Unsere alte Göiterlehre verdient e«, in den Herzen de» Volke» aus» 'Neue ihre Auferstehung zu feiern. E» liegt in ihr eine erhabene Dichtung, die in allen deutschen Herzen anklingt, weil sie da» lautere Gold unsere» eigenelt Sinne» ist, recht eigentlich unser älteste», beste» Erbe, da» wir nicht verwahrlosen laffen sollen.'" Wir empfehlen auch diesen Erguß echt Tühring'fchen Geiste» den antisemiiischen Priestern de» Ehristenthum» zur gefällige» Darnachachtung. Fcuillrrmi. Die Töpferscheibe. Erzählung von Eduard Kuike. (5. Forffc»iing.) „Neulich," sagte die Frau, „als ich beim Rabbiner ju Besuch war, ist dort diese Zeitung auf dem Tisch gelegen. Es sind die .Wiener Blätter' von Adolf Neustadt, un!/ da Hab' ich das Gedicht Blatt. Seite 9. gelesen, und weil cö mir so gut gefallen hat. har mir der Rabbiner daS Blatt geschenkt. ' * „Gan; gut," sagte Emanuel, „aber wie konintk da» da her?" „Ich meine,", erwiderte sic, „Hai es der Ludwig August Frankl nicht zu etwas gebracht?" , „Ja," sagte Emanucl, „er hat eilten Namen, aber von der Dichterci leben könnt' er ttidit; dieser Ludwig August Frankl: glück - lichcrwcisc ist er Seerclär bei der israelitischen Euliusgemeinde; also die Jude» sorgen für ihn." „Und Leopold Kompcrt," sagte sie,- „seine .t^eichichicu anS dem Ghetto'! TaS ist doch etwas Herrliches .Heißt das. cS zu nichts gebracht haben?" „Auch der," sagte Emanncl, „müßt' schmale Bisten estett, wenn er von den .GhettoGeschichten' leben sollte: er'ist aber, wie ich neulich in Wien gehört Hab', Hofmeister in einem vornehmeu Hanse. DaS heißt nicht, eS zu etwas gebracht haben, .io wie i ch es meine." „Und Berthold Anerbach?" fragte ste. „Der hak reich geheiratet," entgegnele er. ..Dazu braucht man nicht stndirt zn haben: daS trifft unser einer auch'" „Und haben sie nicht," fragte ste weiter, „im Wiener Burgtheater ein Stuck von einem Inden ausgesnhrt? Hak man' nicht .^eborah' gegeben'? Und ist Moscnthal kein Jude?" ' „Dn bringst," sagte Emanuel, „-lauter Benr-iele. von Juden, welche Dichter sind. TaS hat-ja aber mit unserer Frage, ob MoieS studircn soll, gar nicht» zu ihun.» Wird denn Jeder, der studui, ei» Dichter? Ich habe gemeint, du wirst mir W'i spiele ansühreu von Juden, die studirt haben und am Staat etwas geworden und - Solche Inden sollst du mir nennen " - ' „Aber damals,"' sagte die Fra», „als wir die Bereinbarung getrosten haben, hast du mir solche Einwendungen Nicht gemacht." „Damals," erwiderte Emanuel ..habe ich niit leichterem Herzen auf die Bedingung cingch'n können, über die wir.»»» verständigt haben. Ersten» Hab' ich, wenn ich dir's aufrichtig gestehen soll, im Stillen gehossl, daß diese Bedingung stch gar niemals erfüllet, wird. Der Fall, daß das Kind, wenn du cS ihm nicht einflößest, jemals von selbst ans diese Idee loiinucii soll, war nach meiner Meinung völlig ausgeschlossen. Zweitens war. MofcS damals erst acht Jahre alt, und die Möglichkeit dieses Falles, selbst wenn er nicht so tutwahrscheinlich war, als ich gemciiN habe, war noch in weiter Ferne gelegen; einige Jahre mnßtcn jedcnfaltS noch darüber hingchen, bevor so etwaS stch ereignen konnte. Drittens aber, und daS ist die Haupt sachc, war damals eine neue Zeit hereingebrochcn, weiche das, was tu fr heute als völlig aussichtslos erscheint, nicht so ganz aussichtslos erscheinen ließ. Man hatte damals, du erinnerst dich ja daran so-gut wie ich, das Gefühl, alö ob ein ncucS Sonnculichk stch über die Welt -auSgcgosten hätte, nüd ein Strahl von diesem Licht, das weißt du, ist auch in unsere .Gasse' hcreingesalle». Man hat von nichts reden gehört, als von der Freiheit. Ich bin damals in Wien gewesen. WaS' daS für ein Jubel war, das läßt sich gckr nicht sagen. Die Studenten! Die Nationalgarde! Die Masse Zeitungen und Flugblätter. Da hat man in den Straßen ei» Flugblatt verkauft, daS war daS erste censur frcie Gedicht. ES war von cinetn jüdischen Studenten, der eS versaßt hat, während er auf dem Wachposten, gestanden ist: und dieser jüdische Stüdent war derselbe Ludwig Angust Frankl, von dem du vorhin gesprochen Haft. Den Wiener Prediger Mantiheimer hak man gar in den Reichstag hincingewählt und der ist drin gescsten- und har Reden gehalten, wie wenn er im Tempel gepredigt hätte, und Alles hak ihm zugehört und hat gelauscht auf jedes Wort, und er Kat mitgehotfcn Gesetze machen. Es war eine merkwürdige Zeit: cS war Alles, wie vom Taumel ergriffen, und so war auch ich-vom Taumel ergriffen und Hab' gemeint, daß jetzt wirklich für uns Jude» eine bessere Zeit ge konimen ist und daß die AuSnahmSgesetze, unter denen wir biö dahin zu leiden gehabt haben, nun endlich aufhörcn. Da ist es mir nicht so ungeheuerlich crschienczi, daß MoseS studircn soll. Dein Wunsch war cS. Meinetwegen, Hab' ich mir gedacht, wenn sic eS durchaus will, soll er studircn. Soll er meinetwegen Bezirksrichtcr werden! Weis liegt daran? Heute aber leben wir in einer anderen Zeit. Der Taumel ist gewichen und die Ernüchterung ist gekommen, und das Jahr achtnndvicrzig erscheint heute-wie ein Traum." „Leider!" sagte die Frau. „Und doch, Manni, war cS kein bloßer Traum. Ich sage dir, so etwas, wie daS Jahr ach'tundvicrzig,. vergißt sich nicht. TaS lebt fort im .Gcmülh. Der Jubel ' kann, unterdrückt werden, die Erinnerung daran — nicht. Wir haben die Freiheit gesehen; sie hat Gestalt angenommen, wir wisicn, wie-sie ausnehi., Die einzige Thatsache, die Hans Kudlich zustande gebracht hat, daß nämlich die Robot aufgehoben worden ist, bleibt eine Errungenschafr für all', kommenden Zeiten." l . i