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Freies Blatt · 1894-09-09 · 127 (9.9.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
127 (9.9.1894)
Date
1894-09-09
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. .freies Blatt. „Gewiß," sagte Emanucl, „ist d»S eine große Errungenschaft; allein es ist eine Errungenschaft für die Bauern. Wir Juden haben nichts davon." - „Auch für uns Juden," enlgcgncte die Frau, „ist das Jahr achlnndvicrzig nicht umsonst gewesen. Ich erinnere dich nur an EinS; an die Aufhebung der Familiaiitenstcllen: Was hat es da in früheren Seiten für Schwierigkeiten gegeben, wenn ein Zwcitgeborener hat beiraten wollen. Und gar ein Trittgcborener! Der ist ja auf geradem Wege nie dazu gckomiucn. Heutzutage kann doch jeder Jude heiraten, er mag ein Erstgeborener sein oder nicht. Tiefe Schranke hat das Jahr achiundvierzig ein für allemal weggeräumt, und das ist gewiß auch etwas Großes." „Ja," gab Emanucl zu, „das ist wahr; man kann cs nicht leugne». Es war eine Schmach, daß einer, der heiraten wollte, warten mußte, bis ein Familiaiit in der Gemeinde stirbt, und diese Schmach itt beseitigt worden: aber mit der Beseitigung dieser Schmach ist ja sein Inden noch keine Laufbahn eröffnet. Er kann heiraten! Tas ist gut für jeden, der heiraten will. Was bat das aber mit dem Studiren zu thuii? Ich wollte dir dock sagen, in welcher Zeit wir heute leben." „Tic Zeiten ändern fick," sagte die Frau. „Es kann über kurz oder lang ein neues Licht kommen und die Finftcrniß von heute verscheuchen. Wenn ich heute den .Ton Carlos' oder den .Tell' lese, so leie ick diese Sachen mit einem ganz anderen Berständniß als früher, und der Margnis Posa ist für mich kein Phantasiegebilde mehr." „Tos in Alles sehr schön," sagte Emanuel, „und ich will dir deinen >''edan!enlreis nicht stören: nur! wenn du Hoffnungen daran knüvtst. die sich im Lause der Jahre Erfüllen sollen, muß ich dir entgegentreten. Mit solchen Homtungenl aus bessere Zeiten, die im Uilbestimiiitei! liegen, können wir nicht rfchncn: wir müssen rechnen mit den heutigen Zuständen. Heute herrscht die Reaction, und wir haben nichts «''nies zu erwarten. Tie'Herrschaft führen die Geistlichen und die Polizei. In Wien herrscht eine so gedrückte Stinininiig, du kannst dir's gar nicht denken. Tas ,gemeine Polk wird zwar eingelullt Mit Gasicnbauern: .I lutt', Herij Hauptmann, ditt' gar schön, und lanens mi aus Urlaub gehn': übcrtll, wo man geht und steht, hört man die Gcivinns. Polka: .Mein Perlangen, sic zu fan,.cn, hat mir diesmal nichts genützt'. Wenn im Earltheater die Pepita tanzt, ist das Haus gedrängt voll, und wenn sic nach der Borstcllung beim Vamiir ein zerschnittenes Sacktuch vom Balkon hernnterwirit, drängen nch die Enthusiasten als ob an einem solchen Feyen das Glück des Lebens hängen möcht! Im Allgenteinen über herrscht eine Stimmung, daß man sich ans der Straße und im Kaffeehaus fast kein Wort zu reden traut. Ucberall fühlt man sich umgeben von Spitzeln und' fürchtet sich vor Tenunciation. Für das mnschuldigste Wort, das einer spricht, kann er cingcspcrrt werden. Neulich, wie ich das letztemal in Wien war, gcl>e ich über die Gasse, au^ einmal klopft mir Jemand auf den Rücken. .Ich bin so erschrocken, daß ich gemeint Hab' ich sink' in die Erd': ich Hab' nicht anders geglaubt, als daß es ein vertrauter ist und eS hat mich Jemand ldcnnncirt. Ich Hab' vielleicht irgend ein Wort gesprochen und cs hat os Jemand falsch gedeutet.' „Um Gottes Willen!" rief die Frau erschrocken aus. „Ich dreh' mich um," erzählte er weiter, „und wer meinst du, ist es gewesen? Unser Bürgerincistcr! Tn kannst dir denken, wie troh ich war Ich war von'einem Truck befreit, wie wenn man auS einem bösen Traum erwacht." „Davon hast du mir ja gar nichts trzählt, voll, „warum hast du mir davon nichts sagte sie vorwurfs- „Tn magst mir es glauben, Jetti," erwiderte er, „diese gegen wartigcn Zustände sind mir so ekelhaft, dcß ich nicht einmal gern davon rede und auch jetzt red' ich nur uothgcdrr »gen davon, weil cs sich um die Zuknnft und das Glück unseres Kindes handelt. Tu wirst cs daher begreiflich finden, daß ich. ' wenn ich mich zu dem Schritt entschließe, mir. heute fchon die Frage vorlege, was ans ihm werden soll. Soll er Arzt werden? Tiefe Laufbahn steht dem Juden frei." „Wie soll ich darauf Antwort geben," sagte die Frau. „Ich, für nt ine Ber'on finde in dem Berufe des Arztes etwas sehr Erhabenes: de: Jru. wenn'er feinen Beruf richtig ausfaßt, ist ein Wohlthäter der Sai'il'N::: kann ich aber wissen, ob Moses Neigung dazu haben wird'?" „Tas ist .a das Gefährliche bei der Sache," sagte Emanuel, ..daß n,e dasnicht wissen können. Nufere Pflicht ist es aber doch, alle M.-gl:chkciteii in-Z Auge zu fasten. 'Nehmen wir also an, er wird At",i. '.'lach d.'incr Anschauung ist er dann ein Wohlthäter der Menschheit. Ich aber bin ein praktischer Mensch und frage, was hat er da für ein 'Glück gemacht? Mir scheint, je mehr er Wohlthäter der Menschheit ist, desto weniger schaut dabei für ihn selbst heraus, ‘-itt Ai zt iit der itcts bereitwillige Tiener eines jeden Anderen, er!.Mt keine» Tag und keine Nacht und ist nicht sei» eigener"Herr. Und getagt: wenn er sich den beschwerlichen Anforderungen, die Tag und Nacht an ihn herantreten, nicht unterwirft, hat ei nicht zu leben." „Daran brauchen wir doch nicht bei 2 loses zu denken! Er wird zu leben "haben, wenn er auch gar keine Praxis haben sollte'. Nr. 127. darf sich nicht auf, unseren werden, der auf eigenen ,Das ist sehr unpraktisch gedacht. Er -Reichthum verlaffen; er muß ein Mann Füßen steht. Können wir ihm ein Bcrmögin hinterlaffen, desto besser für ihn, aber er muß nöthigenfalls auch darauf verzichten können. Weiß denn der Mensch, was in der Zu km ft liegt?" „Er muß ja nicht Arzt werden," sagte die Frau. „Also Advocat vielleicht?" fragte Emai uel. „Weißt du, wie lange das dauert? Acht Jahre Gymnasium, vier Jahre JuS, dann vergeht ein Jahr, bevor er das Doctorat gemacht;at. Dann kommt er als Eoncipient in eine Kanzlei und muß acht Jahre warten, bevor er zur Advocatenprüfung nur zugelaffcn wird, gemacht hat, dann steht erst der uumorud clausus da und hindert ihn daran, eine Advocatcnkanzlei zu eröffnet. Dieser Numerus clausus ist für diejenigen, die Advocaten werden wollen, dasselbe, waS bis zum Jahre Achtundvierzig die Familiantenfl elle °ür die Juden gewesen - ist. Einen Vortheil hat die Advocatur in r leinen Augen. Sic kommt der Laufbahn des Geschäftsmannes am nächsten; ja streng genommen ist der Advocat ein Geschäftsmanü. „Und dies," sagte die Frau, „dürfte feitierjeit auch die Ursache sein, daß er keine Neigung haben wird, sich dem Advocatenstande zu widmen." „'Nun also," sagteder Batcr, „soll er Rabbiner werden?" „Mein Geschmack wäre es nicht," sagt die Mutter. „Wenn man sicht," fuhr der Batcr fo: t, „was der Rabbiner in der hiesigen Gemeinde für Verdrießlichkeiten hat, kann einem die Lust vergehen, den einzigen Sohn Rabbiner wirden zu lasten. Bei jeder Sache, die in der Gemeinde vorgeht, bilden ich zwei Parteien und diese bekämpfen sich gegenseitig mit der größten Verbitterung. Und nicht immer ist es dem Rabbiner möglich, sich neutral zu verhalten; gar oft wird die Sache, aus das religiöse Gcbick hinüber gespielt und er kann sich nicht helfen, er muß seine Mein rng abgeben und sich auf die eine oder die andere Seite stellen. Unn wie er sich auf die eins Seite stellt, hat er die Anhänger der anbei c» Partei zu Feinden." „Leider, sehr wahr," sagte die Mutter. „Was bleibt alfo noch übrig?" fracte der Pater, „die Eisenbahn? Ich mg' dir, ich beneide keinen datum. Der Dienst ist schwer und die Verantwortung außerordentlich." „Ich weiß es," sagte die Frau, „ich habe erst neulich mit dem Bctriebselcven davon gesprochen; der hat wir sein Leid geklagt." Hierauf nahm Emanucl ihre Hand in die seine und sagte: „Wenn ich nun bei diesen Iraurigin Zuständen auf deinen Wunsch cingch'n soll, so habe ich große Furcht, daß wir mit diesem Schritt einen großen Fehler machen. Tie Sache ist doch keine Kleinigkeit, und ich befinde mich ihr gegenüber in einer sehr verzwickten Fage. Ich stehe da zwischen dir und ihm. Es thut mir weh, dir deinen liebsten Wunsch zu versagen, auf der anderen Seite aber Hab ich doch als Vater die Pflicht, AUcS abzuwchren, was zu seinem Unglück führen kann." „Aber genau in derselben Lage bin ja auch ich," entgcgncte die Mutter, „auch ich möchte, dir nicht gern wehe thun; ich möchte nicht gern meinen Wunsch erfüllt sehen, wenn es nicht mit deiner Zustimmung geschieht; ich kann doch aber in >cr Sache nur als Mutter empfinden, und als Mutter empfinde ich^ wenn ich deinen Widerwillen zu überwinden suche, weil ich über: engt bin, daß er nur auf die Art glücklich werden kann, wie ich cs meine. Ich würde dir ja mit Freuden das allerschwerste Opfer bring:», das du von mir verlangen kannst; nur dieses nicht, g'rade ioeil es sich um seine Zuknnft handelt! Es ist ein schwieriger Proce j, in welchem beide Theile Recht haben." „Wenn du," sagte Emanucl, „nach S ilent, was ich vorgebracht habe, nicht widerlegt bist und nicht cinsichst, daß ich allein Recht habe, so wirst du Recht behalten; denn entscheid!» müsien wir die Sache so oder so, und heute noch " ' Sic schwieg. „Nun? Warum schweigst du?" fragte der Gatte. „Tu willst sagen," erwiderte sie, „daß du das Opfer bringst und willst sehen, ob ich cs annehme!" „Nein, Jetti," sagte Emanuel, „so war es nicht gemeint." Er umfaßte sic mit seinen Armen und sagte: „Es sei! Ich habe mich entschieden. Kein Mißton darf anfkommen zwischen uns. Vielleicht liegt in der Festigkeit, mit der du auf deinen Willen bestehst, etwas Höheres. Vielleicht ist es Bestimmung! Wc in es Gottes Wille ist, so soll cs sein und ich will die Sache nicht hindern. Es ist also abgemacht und jetzt werden wir Nachtmahl csien." ' z Fortsetzung folgt.) und dann, wen» er sic

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