Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 127 (9.9.1894)
- Date
- 1894-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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?ntc <>. Freies Blatt. scheinen nutzlos gebrachte Spser;u sein, und Herr Wal; dürfte in absehbarer Zeit an einem cclalanten (falle die Richtigkeit deS Sprichwortes „Wer ans zwei Stühlen sitzen tvili, fällt gerne durch" erkennen. Tao „Vaterland" meldet nämlich, daß „die Conservativen in S bcrskeier in Berücksichtigung der momentanen Berhältnisse, dem charaktervollen Beispiele der diärntner! Conservativcn folgend, bei der t'cvorüeliendeu Reichrathswahl sich de- Stimmenabgabe enthalten werden" Tadnrch erscheinen die Chancen des antisemitischen Candidaten Wal; noch mehr hcrabgmiindcrl, cls sic cs ohnedies waren. >Tcutllialsldälldllnq.'s Wie aus »Frankfurt a. M. berichtet wirk, wurde dort das B ö r n e - T e n t m a i iviedcr einmal von ruchloser Hand mit einer schwarzen »Flüssigkeit beschmutzt, nachdem cS erst vorige Woche irisch gereinigt und abges hliifen sowie mit frischen P>'ianzli::gen umgeben worden war. „T >5 kennst den Schützen, suche leinen a u d e r c n." (CT'ill Illlcillschcr Bürstcriucislcs.) Bezeichnend für die durch den A>ll>>ca::i:s:>::is liervorgerufenc Berwildcrung der. Sitten und alle daraus s.ießenden Coii'eqncnvn ist folgend«! Borgang, der sich neulich in der scheuen greinen Mark ereignete. Ter Bezirksausschuß von M u reck in Sieiermait Hai am -«> Juli an das sseiermürkische Landcsbauamt in i c. \ das dringende Crsnchen gerichttt, zur Untersuchung schadbaiier Connrnclionsilieile der Mnrbrücke bei Murcck auf der Murcck- Raklers'arger Bezirtssrraße zweiter Classe einen LaudcSingenieur chcttjii t: lidm nach Mn re et abordnen zu wollen. Taranfhin wurde der sic:er:::ä: kv'che Landesiugenieur Alois »Franz Heide von dem Landcsbanamie in t"'raz nach Mureek beordert. Herr Heide begab sich am Angllü doxtbrn, und nachdem er voich an demselben Tage die Brinke in Augenschein genommen, erhielt er von dem Bezirksobmanu Johann Schrrergboser und dem Adi oealen Tr. Hof st älter eine Cni..rdnng vT der an demselben Tige, einem Sonntage, in Murell si.ril'iiidencen Lieteriaiel. Als dieselbe zu Cnde war, begab er icch in das "'aülaus, in weichem er wobfile. Hier war ein großer Tbeil d.s Bul -enin-, ive.ches vordem der Liedertafel beigewohnt' halte, anwtsev.d, rind Herr H.idc wurde von d iu BezirkSgerichlsadjuncten Bl ei sei, an denen T:>ch er Platz gen mmu'i! halle, der (Gesell' 'chai: Rainen und Charakter borgest llt. Rn demselben Tische ließ fiui wenige Bciuliien sväier auch der Bürgermeister von St. Leonhard, 'A.::ou Bc rav lag, nieder, dem sich Herr Heide selbst vorstclltc. Bürger:::e:ster M ravlag lv.lie aber ka d seinen Platz, und Ult - miltelbar nachher hoi re Ingenieur Heide, l>er, nebenbei bemerkt, gar kesn Jude «st. bäuusche Bemerkilngeii, weich: er ursprünglich gär nicht lcachieie. von denen er sich aber später iberzeugle, daß sie auf ihn geuiünz: 'eien und von niehrercn Herren ausgingen, welche mit dem Bürger meiste-. an einen! Tische saßen. Al> die Sache immer ärger wurde, als inan mit Fingern nach ihm zeigte, und AuSrusc laut Nr. 127. e r r e i n si r A a r o n i : chauk ihn an, de n ivillden. o u den' S a! o m o n! Moses!" machte er zu dem neben'ihm sitzeuden B.zirksgcrichkSatjuncreu die Bemeikling, ecsei doch komisch, daß man im inr einen ou'm halle, uiit. wie ungehörig das Benehmen der betreuenden Herren und insbesvnderc des Herrn Bürgermeiüeks Mravlag sei. Daraufhin trat Her: Pieiser an den Tisch des Burger::.einerc, uiu ihm Borstellnngeu :u machen. Mravlag' aber mandle sich inir d.n solgcnden ganz laut gesprochenen Worten an Herrn Piei'er: „B > w eis e n S ie mir, 1>aß er kein Jude ist!" und auch 'ändere Herren in der Umgebung Mravlag's riesen: „Cr s r r i ch i w > e e > n .lud', er i sc b r a u iz wie ein I u d', er i st ein Feld'!"-Red diese RWe nicht arlihörchl woUleil, 'erhob sich Herr H.:de >:nd ivandie sich mit folgenden 'Worten an die Provocanten: .. ,i i: : ch zehnmal cin Jude, so ist ein derartiges Bell c h nl e ,l :: :: :c r g e b i l d e l e n L e n t e n n i ch t Sitte." Während er c'.cio 'diach. wurden die vorerwähnten Ruse nnausgesevk wiederholt, und Herr Heede >'ichr decaalb in seiner Zurechtweisung fort, indem er sagte: „Wenn ich durchaus ein Jude sein! soll, so bin ich wcnigskcnö -:n srol.nncr Filde: ich war Kerne hier j schon in »der Äirche. Sie könne» den Herrn Biarrer fragen." Rn,^ schrie ihn Bürgermeister elcic: Ulit den Worten an: „'Wir brauchen keinen Pfarrer, ich e-I.: B'a.rer i:nd Papst. Wenn Sie kein Jud' sind, so sind . n. ustc. Jnd'. und schlechter wies cin Jud', Sic sind kein utit- Heide Alois »Franz» Heide, bin steiermärkischer Landes- F'ude, weil ia dersteirische L an des au S- Fv. den an stellt.";— „Ach was," rief da l . L a nd e s a u s i ch r> ß handelt auch m a n ch m a l H.rr» Heid, wurde die Tachb schließlich zu viel, und er ivotlte, ans das Tiefste emvorr, das (Gasthaus verlassen Bezirksadjunct Pfeifer >:i:d die Geumblil: des Bezirtsrichress von St. Leonhard, »Frau >> g-.r.. ::d..: entgegn.u tltgenicnr f ch u ß! Mravlag j i: d i i n> T izwl'cheu schrien die den Bürgermeister Mravlag um Herr..:: „Wir sind deutsch, urdeutsch!" Herr Heid : .. .m:;:UC I.: ■ ii u Morocutti, hielten ihn jedoch ab, weil sie befürchteten, daß er auf der Straße mißhandelt werden könnte. Jt der That bemerkte Herr Heide, daß einige Herren Bicrkrügel und Flaschen erhoben. Nun wurden die Zurufe gegen Herrn £ cide immer heftiger; die Herren, bcsondprs Bürgermeister Mravlag, s hrien: „H i n a u S' in i t dem Juden!", und Herr Heide verließ chlicßlich das Local, auf dem Wege von Gelächter und höhnischen Zl rufen begleitet. Und cs waren nach den Angaben deS in so cinpi rcndcr Weise behandelten Bkannes nicht bloß Herren, s o n d c r > a u ch T a m c n, welche ihn verhöhnten und verlachten und aus tiefe Weise zwangen, cin öffentliches Local zu verlaßen, ohne daß ii: der großen 'Gesellschaft, abgesehen von der ursprünglichen Jntcrvcntio i deS Adjnnctcn Pfeifer, sich Femand gefunden hätte, der für ihn Partei ergriffen und die Beleidiger zurechtgcwiefen hätte. Die Angclcgc ihcit, welche begreiflicherweise das öffentliche Interesse im höchsten Gcadc beschäftigt, wird cin gerichtliches "Nachspiel haben, da Herr Heide legen Bürgermeister Mravlag d i c E hrcn b clc^id i g u n gs kl a ge überreiche» wird. — Ter „Grazer Tagespost" zufolge wird daS Cvlebniß Heidc'S in Mürcck auch in der nächsten Sitzung des Lani csausschnsseS zur Sprache gelangen. Cs wird von der Landesvcrwaltu ig untersucht werden, ob in dem Auftreten einzelner WirthShauSgästc ^rgen den Landcöingcnieur Heide auch eine Bclcidignng des LandcSauSfä usscS zu erblicken wäre, und welche Schritte diesfalls zu unternehmen seien. Tie Statthaltcrci hat sofort," als die ersten Meldungen über dl» Zwischenfall erschienen waren, einen Bericht von der Bezirkshauptun nnschaft in 'lcadkcrsburg verlangt (.U'!UT .jidani.) Cin empörender Act antisemitischer Rohheit, spielte sich vor siurzcm in dem Cnrorte Torna-W a Ira nächst Czcrnowitz ab. Daselbst gefiel es nämlich eines Tages dem dortigen rumänischen k. k. »Forst- und Doüiäncnvcr valtcr, Ranicnö Pinlea Tcrnavcanu, in einem dem gricchisch-lrlhodorcn elccligionSfondS gehörigen Gasthausc in Gesellschaft einige Connalionalen seinem Hasse gegen die Juden durch verschiedenartige iinslälhige Acußcrnugen Lnrt zu mache» und endlich dem Pächter des Hotels den Auftrag zu criheilcn, sämmtlichc anwesende Juden sofo l hinauSzujagc», keinen einzigen dieser „stsacc" fernerhin bei sich cin ehren oder Siesta Hallen zu lassen, widrigcnö cr ihm die Pachtung kündigen und ihn binnen wenigen' Stunden detogircn werde. Als jedoch der Pächter des besagten Gasthauses, selbst ei» Fude, sich entschied:» weigerte, diesem Aufträge zu entsprechen, wagte cS der angehcitcr:e Rumäne,' einen Herrn und eine Dame arg zu itiißhandcln, sie mit den Worten „afaiv .jidani" („Juden hinaus!"^chinanszudrüngen sowie die ganze Gesell schaft mit Stühlen, Gläsern und Tellern z i bewerfen. Bezeichnend ist »och insbesondere der llmstand, daß bei! ieser brutalen Scene, ein k. t. l^cndarmcricwachlmeister anwesend war der cs aber ganz und gar nicht der Mühe wcrth hielt, die bele digten und mißhandelten jüdischen Bürger irt Schutz zunehmen, so adern sich gcmülhlich ins »Fäustchen lachte. In Czcrnowitz erregte d:cfcr Borfall die größte Sensation, und der Herr Landeschcf, Graf l^oc-ß, hat sofort den Tireclor des gricchisch-orthodoren RcligionSf >ndS zu sich befchicdcn, um ihm Weisungen zu ertheilcn, was gegen Tcrnavcanu von amtswegen zu unternehmen sei. Dem Bcrnclnncn nach soll gegen denselben von Seite deS Religionsfonds die DiSciplinnruntcrsuchung cingcleitct, von der k. k. Staatsanwaltschaft in Czcri owitz aber die Anklage wegen schwerer lörpcrlick>er Beschädigung erhi bcn werden. (Hcrvcr über die Zudcil.s Der Hunde, tundsünszigste Geburtstag Hcrdcr's wurde von der antisemitischen Press: in ihrer Weise gefeiert.! Tic Raren und Confcssionsheycr mißbrauche:, stets die Namen großer i Tobten für ihre unlauteren Zwecke. Aus düse,» Grunde bringen die . „Berliner Bkittheilungen" des dortigen AbwchrvcreincS folgende AuS fprüchc Herdcr'S in Crinncrung: „Cs wirk eine Zeit komme», da; man in Europa nicht mehr fragen wird, „er Jude oder Christ sei, i denn auch der Jude wird nach europäischen Gesetzen leben und zum ' Besten deS Staates beitragen. Rur eine barbarische Bcrfassvng hat! ihn daran hindern oder seine »Fähigkeit s>hädlich machen können." „Alle Gesetze, die den Jude), ärger als Bie i achten, ihm nicht über den Weg trauen und ihn k)amit täglich, ja stündlich ehrlos schelten: sie zeugen von der fortwährenden Barbara i deS Staates, der ans barbarischen Zeiten solche Gesetze duldet. Montesquieu hat Recht, daß ' die ehemalige Barbarei in Curopa das Bcrderbniß des jüdischen ' Stammes und Charakters durch cin gcwaltt lätiges und häßliches Be nehmen gegen das jüdische Volk mit bcigctra ^en, welches wir ihm, der! Geschichte zufolge, nicht ablcugncn können: l'ahcr ist cS der Curopäer Pflicht, die Schulden ihrer Borfahren zu vc:güten, und die durch sic ehrlos wurden, der Chrc wiederum fähig und wcrth zu machen." „Israel war und ist das ausgezeichnetste B-olk der Erde: ig seinem Ursprung und »Forkleben bis auf» den heutig« n Tag, in seinem Glück