Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 127 (9.9.1894)
- Date
- 1894-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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seit« 4 Freie» Statt. der Verfasser, und ob diese Unterredung «Ich wirklich geschichtlich so, wie hier beschrieben, stattgefunden, hier handelt eS fid nur um die einzige Frage, wofür noch diestm Evangelium Jeiu» in Beziehun) auf seine Nationalität von seinen Zeitgenossen gehalten wurde, und wofür er iich selber hielt. Darauf aber gibt un» gerade diese Erzählung eine Antwort, »ie wir sie bestimmter und beut' licher gar nicht wünschen können. Tenn dies' biblische Erzählung läßt zuerst da» Weib au» Samaria folgende Worte;u Jesu» sprechen: „Wie bittest du, von mir zu trinken, >'o du ein Jude bist, und ich ein samaritischeS Weib? Tenn die Etüden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern." Hier steht e» somit mit dürren Buchstabe», schwarz allsweiß, »er sagt «» die Bibel, oder wer e» lieber hört, da« „Wort Gone«" selber sagt er, wer Jesur war — ein Jude! Ader damit auch der allerletzte Zweifel schw nde, läßt diese Erzählung die Aussage der 'amariliichen WeibeS noch au-drück ich durch die eigene Erklärung Jeiu selber bestätigen. Zn der Antwort, welche )esu» dem Weibe gibt, heißt eS »äiiilich wörtlich: „Ihr wisset nicht, was k )r anbetet: wir aber wissen, war wie anbele», denn dar Heil kommt von den Juden!" (Joh. 4.) Ta» heißt denn dach iür Jeden, der Augen hat zu sehen, w id Ohren zu hören: Jesu» har sich mit dieser Erklärung selbst »nd auf da» Lll> rbestimmteste und Feierlichste, nach dein Sinn und Wortlaut der biblischen Ui künden selber, zu den Juden gerechnet. al» Jude erklärt. Taß er dieser war. dar beweist i un aber nicht nur,, wovon wir birber gesprochen, seine Abstammung. \ ti„f Berwandischaft, seine volk»- lbllinlicheu Gewodnbeilen, sein ganzer laktdrinannschastlicheS Auftreten, dar beweisen in noch höherem Grade die AnichaPungen Und Grundsätze, zu denen zumal auS einem Jesaja spricht, wenn er alle tapfer und Sabbathe für unnütz Nr. 127. ssechtihun und zur Barmherzig, chauung, auf welcher wir einen er sich bekannte, die er öftenllich lehne und ligion. Tamil ist nicht gesagt, und soll nich zwischen dem, war ihm Religion war, und verkündete, sei» Glaube, seine Reim Entscrntesten gesagt sei», daß -ein, war;u seiner Zeit und über Dieser Unterschied den damals Ion banvl Religion des Judeurbum» war mit beule zum Tbeil noch ist, kein llnterschied bestehe. Dieser llnkenchicd kann nur von denen üdersebcp oder geleugnet werden, welche au» irgend welchen Gründen die geschichtlichen Thal lache» »schk »ekine». wie sie sind, sondern chie sie ihnen zu sein scheinen, oder wie sie wünschen, daß sie seien. Dieser Unter chied siebt >o fest, und ist so wenig biiiwegzaleugneii. taß aus ibn gerade, w mn auch nicht ausschließlich, doch ledensalls in sehr eiilscheidendem Maße, der veltgeschichtliche Umschwung zurückgeiübrl werden muß, welcher nach dem To>« Jesu und der bald darauf sol genden Zerstörung Jerusalem» und seines TimpelS eintrat, bestand hauvlsächlich darin, daß JeftlS im Vergleich mll angebenden Varleien der Sadducäer und Phaniäer verhältnißinäßig viel weniger Werth und Gewicht aus die äußerliche, gesetzliche Seite seiner Bolkrreligion legte, daß in seinem persönlichen Bewußtsein und seinem ganzen Nuslrelen die der indischen Religion durchaus nicht fremde, aber damals wie auch später durch vorherrschende Beobachtung der gesetzlichen Formen zurückgedrängte und deswegen vernachlässigte Innerlichkeit der Religion entschiedener zum Durchbruch kam. war namentlich und am weitgehendsten in der Auffassung seiner persönlichen Verhältnisse» zu Gott, in der alle» Bisherige hinter sich lassenden gefühlsliestn und gesüdlSvollen Innerlichkeit seine» «inte«-- oder SohnSbewußiseinS kein Kimmli'chei, Barer gegenüber sich kundgab. Worauf eS hier allein ankommt, ist die Tdal'ache. daß — welcher auch die Religion Jclu gewesen, und wie sie auch deute noch sich von der lüdischen Religion, iosern diele vorherrschend am Beobachtung äußerer EultuStörinen Werth legt, unterscheiden möge — geschieht Iich genommen ne nicht nur in der jüdischen wurzelt, au» der lüdüchen stammt, sondern in unk mir ihren besten, wesentlichsten und schönsten Gedanken und Grundsätzen beute noch gar nichlS Anderer al» jüdisch, echt jüdisch ist. Dar beunnst unr schon da» persönliche Selbstdewußlsein Jesu, von dem erfüllt er, wie wir eben ge'ebeii. den Samaritern gegenüber mit hohem Selbstgefühl erklärte: ..Dar Heil, kommt von den Juden:" dal beweist un» auch die andere von den bibli'cheu Urkunden ibin in den Mund gelegte Belbeuerung: „Ihr sollt nicht wabneli, daß :ch gekommen bin, da» Gesetz oder die Propheten aufzitlösen, ich bin nicht gekommen au'julä'ai. sondern zu füllen, denn ich >'age euch, wahrlich b-.r daß Himmel und Erde vergeben, wird picht vergehen der kleinste Buchstabe, noch ein Titel vom 'besetz, dir taß er Aule» ge-chebe; wer nur Einer von die en kleinsten Geboten aiiftö'el und lehret die Leute al-c, der wird derKleinste b.-lßen :::: Himmelreich." Mlh. 6, 17.) Daßj Jelur den Glauben an den einen und c iizigen Gott d.sti Judenlbtiin entiioiiiiizen. da» bat noch Niemand-zu be st.ei:eu gewagt.: aber dem Judenibum enlnoinmen. und darum echt jüdisch ist :::ch de: mit diesem Glauben verbundene Andere, daß dielet eine Gott der Be.: : 'e: und zivar Nich: nur 'einer auSersvähklen. sondern der Beter aller B..l . .e Bienchen. Echt jüdi'ch ist die harau» fließende Anschauung, daß : Ba-.er gegenüber die Meii'chen keine .linder, seine Sühne sind und •:r. Be.l elmiß einander Brüder, allerdings mir besonderer Bevorzugung der :v.:b'.:en Belke-:, aber nicht mit Au-'chpeßlichkeir. Echt jüdisch ist dez io lmeildllch w:.v::ge und die innere Fortentwicklung der Idee der Religion io we'enklich 'oiderude i*lundsatz, daß daeigenlliche Weien der Religion, trotz der gerade im Judeuldum berrichenden Beraußenichung ter'elben, nicht in kielen .der lene» Leußerltchkeite». Bräuchen oder E^remonien liege, sondern umgekehrt un Jtltiern der Herze»», de? Gemülde», in! der Reinheit der Gesinnung und der aus ihr bervorgedenten Tbal. Da» ist ^er echt prophetische Geist, wie er erklärt und statt dessen zu sittlicher Thal, zum keit ruft; da» ist die Höhe wahrhaft sittlicher An l Jereinia, einen Hesekiel und einen Joel seh>n, wenn der Erster« vor den „Priestern und falsche» Propheten" warnt, voi ihrem „heuchlerischen Gottesdienst", und statt dessen auffordert zu einem „lesseren Leben", und wenn die beiden Andere» die Zeit verkünden, wo e» mit den „tollen Propheten", den „Füchsen in der Wüste", und ihren „Lügen" zu Ende sei, und den Menschen statt ihrer „steinernen" ein „neue? lebendige» Herz" und ein „neuer Geist" werde gegebeu — wo „Erde und Himmel" »er sein werden. Diese Hinweisung aus den innern Menschen, auf die Nothwcndigk« ir einer vollständig inneren Umkehr und Umwandlung, dieser Ruf zur sikilicher Wiedergeburt, wie er innerhalb der vorchristlichen JudcnthumS schon einen ga, z entschiedenen Fortschritt über den starren MosaiSmu« hinan» offenbart, diese - ist eS, der un» gleich beim ersten Auftreten Jesu« so gewaltig und erichünernd als die unerläßliche Be dingung und Borau»setzung alle» Bcsserwerdew aus Erden entgegentönt, und mit diesem Ruse, mir diesem Eck» der alten Pr iphetenthuinsiebt darum Jesu» ganz und vollständig aus dem Boden der aluii JudentdumS und steht selbst dann auf diesem, wenn sich Nachweisen läßt, da i er eS mit der Forderung dieser Erneuerung de» inneren Bcenschen noch ernster und noch tiefer genonimen, al» die alten Propheten. Auf diesem Boden sieht r auch mit seiner Botschaft vom „Himmelreich", seinem Evangelium vom „Go te»-" oder „MesfiaSreich", da» nach seinem Selbstbewußtsein mit ihm tbatsächl ch angebrochen sei. Denn diese» Meisiarreich ist eS ja, waS in den trübsten > eiten de? jüdischen Volke», al» sein KönigSihron gestürzt, seine .Könige und ein großer Tbeil de» Bolle» sortgeschleppl waren in» Exil, al» fein letzter Retli ngSanker, sein letzter HoffnungSstern ibm erschien, und da» er sich deswegen mit den glühendsten, nnr einer morgenländischen Phantasie Möglichen Bildern und Farben auSmalle. Und dann noch Eine», war al» da» Bezeichne idste der von Jeiu» ausgehende» sogenannten „neuen" Religion, al? das sie nn vorldeübaflesten von allen andern Unterscheidende geivöhnlich hingestelll un' gepriesen wird: ihr Grundsatz der Liebe, der Nächstenliebe, der allgemeinen B.uder- und Menschenliebe! „Du sollst lieben deine» Nächsten, wie dich selbst, dal ist da» ganze Gesetz:" „Daran wird Jeterinann erkennen, daß ihr meine I liiger seid, daß ihr euch untereinander lieb habt!" „Liebet eure Feinde! Segnet, die euch ftuchen, khuk wohl denen, die euch Haffen, bittet für die, so euch >cleidigen und verfolgen!" Dasind in der Thal hohe, herrliche, da» sind gölte re Worte! Da» sind Worte au» rem „ewigen Evangelium", und sie sollen wider dem Ehristenlhum, obgleich dieser gerade sie in der Folgezeit am meisten v. leugnet Hai, noch weniger sollen sie Jeiu» selbst genommen oder ihm abgesproch n werde»! Ader die Wahrheit und die Gerechtigkeit verlangen, un?;* erinne ». daß auch diese» Evangelium nie und nimmer zum allererstenmale von Jeiu > verkündet wurde, iondeni daß er auch im Hinblick apf kiese» nur fortgesetzt, .va» Andere vor ihm degonneu, daß er auch diese» geholt und geschöpft bat au» dem reichen GeisteSschatze seiner, te« jüdischen Bolle». Sr sei -nicht unerwähnt, daß Stimmen und Anklänge dieser Evangelium» der allgemeinen Mewchenli be wie auch der anderen vorher besprochenen sittlich religiöstn Ideen sich außerhild de» Juteutdum» vorfinden, daß sie »nS ganz besonders au» den alle» Religionrbücherii Edina», Indien» und Persien» wie auS griechischen und römi ch-elaisischen SchrisisteUern. un abbängig vom Juden- und Ehristentdum, enlgigentönen. Aber tiefe Quellen waren Jeiu» unbekannt r feine Kenntniß der l teistesschätze der Menschheit war am diejenigen seiner Heimat, seiner Bolke», a ,f da? Gesetz und die Propheten beschränkt, au» diesen schöpfte er und auS tiefen allein Hier aber brauchen wir un» nur ein klejnwenig umzusehen, um uu» zu iberzeugen, in welch bestimmter, durch nicht» wegzuleugnender Weise da» alte Jul enlhum schon diele» Evangelium der Menschenliebe, der Humanität verkündet bcr, wobei eS für unseren Zweck ganz gleichgiltig ist, ob' die betreffenden Snllen sich in alirestamentlischen Schriften rorfinden, welche wirklich gerate a iS der Zeit verrühren, wie idr »käme e» will glauben machen, oder au» einer inderen. Und darum dürien wir letzt wohl auch di Aller entscheidende Frage auf werfen, ob c» angesichir all tiefer von un» ai geführten Tbarkachen noch mebr der Beweist, noch mebr der Zeugnisse dalür b« ars, daß Jesu? mit Allem, wa» an und in ihm war, mit seiner äußeren Er» leiuung, seinem Gesicht, seiner Sprache, mit seinen innersten und geheimsten Gefühlen und Gedanken, seinen glühendsten Hoffnungen und seiner heiligsten Seb ssuckr, ob .er nicht mit Leid und Seele Jude, allo Semite war? Wenn aber dem so ist: wie stedk er kann mit diesem gegenwärtigen Thun und Treiben gegen Jude und Judentbum? Lenn dem io ist: wie steht e» dann mit tiestm Borwurfe, mit dieser Betiaiipl ing einer un» „fremden", einer im Vergleich zu uu» „niedrigeren" Rare? Und wie steht e» vollenddann mit der Beruftiiig dieser heutigen Judengegner au ihr „Ebristenibum"? — Ta» Judeulhum, da» Semilentbum — eine , niedri irre" Race! Und hätte er keine» Mose», keine Propheten, keine makkabäischen Held«»Männer und Heldenftauen, keine Mathematiker, keine Astronomen, Naturforscher, lerzte. Dichter, Philosophen und Siktenlebrer durch alle Jahrhunderte hindurch und zumal in jenen vergangenen, ipo über dem Ebristentbum die tiefste Nacht lag. aafzuweisen, bäne er nur tieftn einen Gedanken, tiefe« eine Evangelium der Nächsten und Meuscheiillede au»