Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- III (1894)
- Issue
- 127 (9.9.1894)
- Date
- 1894-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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reite 2. Schreiben" vor, in dem die „Begabnuss oder Privilegio unter dem Jnsigel der Stadt Straßnitz" erhärtet is:, daß „nemblich vom Bürgermeister und Rath der Stadt Gaya Jljnen Juden die in der Beschwerde vorgeführten Dinge (Häuserkauf Handel mit Wein, Bieh :c.) bewilligt seien". Laut kaiserlichem Decret» vom 4. ApriliS 1652 wird die Beschwerde rundwegs abgewiesen uüd „den »ffters ernstlich ernannten Juden zu Gaya wird erstlich eutgegeben, das« sie sich anbey gegen dem Bürgermeister nnd Rath gebt hrendt verhalten, nicht« was wied. ordnungg und Recht oder in diesem Privilegio nicht befindlich wäre, Bornehmen und keine Ursach zu ferneren Beschwährden geben sollen". Am 12. Juni 1696 richtete (8. Wolny, IV. Bd., p. 73) die Gemeinde Gaya neuerdings eine Beschwerde an den Kaiser Leopold I. mit der Bitte, „sie von der lästigen und sämmtliche Erwerbszweige der Bürger beeinträchtigendm Juden befreien zu wollen". Dieser Beschwerde wurde nicht stattgegeben. Ta richtete die königliche Skadkgemeinde eine neue Beschwerde, kezüglich Bitte „wider die alldasige Judenschast und um» deren gäntzliche abschassung" Theil« hingegen erinelte <Sauer Judenschaft „wieder Len Magistrat umb de Jnnmihnung der.Stadt erhalten zu werden, dann »vegen »llerhand anderen Zumuthungen und Bedräng »rußen". Das von Kaiser Josef I. ■ It». Wien, 10. Mar; 1711 erlassene D:cret gibt in sämmtlichen von Vcr Gayer Judenschaft angeführten Beschmerdepunklen wider den Gayer Biagistrat volles Recht und wendet sich mit folgenden Worten gegen das Ansinnen des Magistrats, daß iic Gayer Juden vertrieben iverden: „So viel nun zuforderst die vhm Magistrat abgeziehlte Abichaisung der Juden auß der Stadl Galla anbetrifft, da finden »vir gnädigst daß Ermelte» Magistrat dieSfahlS nicht fundieret fege, sondern es ist unser gnädigster Befehl hiemit, »asS besagte Judenschaft bey dein vom Raqser tMalhia Lobseligster gedi chtnuß schon in Anno Siebteheu Hundert drenzchen Erworbenen, auch h'rnach bestättigten Privilegio,. mithin bei» der bisherigen Jnnwlhnung der Stadt erhaltenen und cs auch sonsten bei denen durch die oormahlige Königliche Landes linker Eanlniereren, besonders aber durch Weyland Friedrich grasten von Sppersdorf zwischen dasigen Magistrat, dann dal'elbstigen Judenschaft getroffenen begleichen, nicht weniger b n unsers königl. Pribunali» I!> vom Bierten ApriliS Anno SichSzehen Hundert und zwey und sünfftzig allerdings sein Bewenden haben, den Magistrat aber dargegcn zu Haudlen oder auch die Judenschast künsttig mit einig neuen „Extra" Gabereyen, ' es seye dan», waß bei etwa höchst be schiverliche» Zeiten erforderlich, nnd mit höheren Borwissen, aufzubürden nöihig sein» inöchle, zu beschlvcrcn, von Euch gäntzlich eingestellet, daher Freie» Blatt. auch Ihnen Ganer Juden zu künftiger Abwendung' weiterer Fenersgesahr. die Hänßer, deren Ancrbiethen na<z, anstatt der Strohe Dächer, mit Schindeln zu decken, auch von Stein:n Jedoch ohne Erweitherung in der Breite, und Länge gleichwohlen aber innwcndig nach erheischender nonurtn ein und anderes zu erbauen :c.‘ In Betreff der Entscheidung der seiten« der Gayer Judenschaft »vider den Ganer "Magistrat erhobenen Gravainiua seien nur zwei Punkte hervorgehoben: s.'itum. Die Jnsolentien des Priniatoris Sohn <le pnu-tei'it» fegen zu verweisen und ernstlich zu steuern und mit Arrest oder soiisten nach Verdienst zu strafen.' „All .»n>l-siiiinm. Wegen der Jüdischen Hand werksleuthe lassen Wir es beu unserer gnüdigstezi Resolution vom drenßigsten August» -des Siebenzehen Hundert achten Jahres Krafft dessen denen Juden venuög Ihres Privilegij dass Sie die Erlernte Hand- »verke »inrer Ihnen zu Ihren 9'utzen frey üben und treiben, doch darmil Ehrbahr und Redlich umbgehen mögen, gnädigst beivenden, cS wäre dann, dass sie mit Einwilligung der Stadtmeistern, auch für Christen arbeithen wollte gehalten seyn.' Zum Schlune etwas Charakteristisches. Ack Aravamsn sscunckiim Iieißt.es: „Die einer jüdischen Wittib exkorquierte Spendage anläßlich des Hausausbaues ihres DochtermanneS iiiusS restituiert iverden, widrigenfalls der Magistrat dazu verhallen wird." Der antisemitische Magiürat haue nämlich verboten, daß «in abgebranntes Judenhaus >.'- r■-v aufgebaut werde. IMus von Nazareth — auch ein ^elnite.H Bon Carl Schosll. - Im ,>abre lk>2ll erictiien in Wjttenberg eipe Schrift. welche i» der Sprech und 2dueibu'.Mi> jener Zeit den Titel tragt: „Ta« JhesuS Christus ein ge- O .Ins dem weben im Berlage der HaudelSdruckrrei zu Bamberg er '.tueiieiien Werke. „Hundert Jahre nach LOsing'S Nathan". Nr. 127. borner Jude sey", und »velche keinen Geringere» zum Berfaffer hat als, »vie e« ebenfalls aus dem Titel steht: Doktor MartinnS Luther. So uirgerecht und engherzig Luther mit zu oft in feinem Leben ü»er Jude und Judenthum sich ausgesprochen, und so sehr er auch in dieser Schr st schließlich auf die Bekehrung der Juden zu seinem stockorthodoxen Christenthum »uSgeht, so nimmt er hier doch im Ganzen einen weitherzigeren Standpunkt i iq, und kann deswegen diese Schrift al» eine Schutzschrift sür daS Judenthrm bezeichnet werden. Sie beginnt mit einer derben Zurechtweisung derer, »»elche gegen Luther.den Borwurs erhoben, daß er Jesus nur für den natirlichen Sohn Josef» und der Maria halte, und wendet sich dann gegen dieser igen, welche, wie er sich au», drückt, „mit den Juden gehandelt haben, al*' wären ef Hunde und nicht Menschen". Hier treffen wir die Stelle, wo er mit der ganzen ihm eigenen göttlichen Grobheit den JudeNhaffern die Worte entgegenschleudert: „. . unsere narren . . , die groben eselSkopffe haben bisher also mit den Juden gesace», da», wer eyn guter Christ wert gpveßen, Helte wol macht eyn Jude werden." Er fügt dann in ruhigerem Tone hinzu: „Und wenn wyr gleych unS rhumen, so sind »vir dennoch Heyden, und die Juden von dem geblutt Christi; »vyr sind schweger nnd ftembdling, sie find blutfteund, »etter untf Bruder unser» Hern. Darumb wenn man sich deS Blute» und steysche« rhumen soll, so gehören die Juden Christi neher zu denn wyr." Wer hätte gedacht, daß in unseren Tagen, im neunzehnten Jahrhundert — Hunden Jahre nach dem Tode» tage eines Lessing! — eS noch nöihig wäre, an diese Schrift Lulher'S zu erinnern! Und wie sehr ist eS nöihig! Bor einigen Jahren noch, al» jene» erste Wort deS deutschen Kronprinzen die Runde »nachte, »vollte e» scheinen, daß eS mit der „antisemitischen" Agitation zu Ende gehe; eS war eine Täuschung. Wir mußten c» erleben, daß in» Gegentheil im Laufe der Jahre sie an Stärke und Ausdehnung zunahin, daß die von Marr und Stöcker und Treilschke gesäete Gistsaal, ailstatt zu ersticken, in wilde Halme ausschoß, und daß sie alS eine ihrer letzten, reifsten Früchte jene Petition zu Tage förderte, welche unter unseren Augen wie ein Gespenst ain helle» Tage uinging nud nichts Geringeres bezweckte, als unseren jüdischen Mitbürger» die Rechte wieder z» nehnien, die ihnen als „ewige! Äenscheirrechte" in den Bersasiungen aller civilifirte» Staaten garantirt sin^. Ta» ist der alte Haß, der alte, echte, leibhaftige, mittelalterliche Judenhaß, den die Bessere» von un« längst todt geglaubt, der aber, wie eS jetzt sich zeigt, »ur scheintodt war, und den die gegenwärtige sociale Roth im Bunde mit der politischen und kirchlichen Reaction al« ihren oft erprobten HelserShelser» wieder ins Lebe» zurückgerusen hat. Tie Wortführer dieser Agitation verwahren sich zwar gegen diesen Borwnrs, sie weisen cS wenigsten« ans« Entschiedenste von sich, daß ihrem Borgehe» irgend welche religiöse oder eonsessionelle Gehässigkeit zugrunde läge, daß ReligionShaß mit »n Spiele sei; aber es gibt noch einen aiideren Haß, eine» noch viel ver werslicheren, das ist der Racenhaß, und daß dieser zum Wenigsten hier sein Wesen treibt, daß er die Seele dieser ganzen Agitation ist, da« bezeugt nicht nur die ganze Art und Weise, »vie sie betrieben wird, daS erklären und bekennen diese Herren »nt dürren Worten selber. Sie sprechen vom Jude» »ur als dein Angehörige» seiner Rare, und diese Raer scheuern sie sich nicht al» eine solche hinzuslelle», welche im Bergleich mit den andere»; namentlich der gerinanischen, alS eine tieserstehende, ein: niedrigere, eine körperlich und geistig gemeinere Race bezeichnet werden muffe. Ter Name „Jude" allein schon gilt ihnen darum zur Bezeichnung alle« Schlechten, alle» BerabscheUungSwürdlgen; „Jude" heiß» ihnen jo viel alS Betrüger, als Spitzbube, so viel al» Paria, al» Aussätziger der menschlichen Gesellschaft. Wie weit es jetzt schon gekommen, dar beweist doch am allerschlagendsten die Thatsache, daß einer der ersten moralischen Urheber dieser ganzen Agitation selber, der »veiland protestantische Hof- und Tomprediger Stöcker, iii einer seiner Reden, die er iw der christlich.socialen Arbeiterpartei in Berlin gehalten, sich zu dem Bekenijtniß gezwungen sah: „Schon beginnt hie und da ein Haß gegen die Jude» auszutreten, der dem Evangelium widerstiebt." *; Ta will eS un» denn doch scheine», daß eS Zeit, hohe Zeit ist, diesem ebenso wüsten alS gesährlichen Treiben Halt zu gebiete», um namentlich zu verhüten, daß diejenigen Schichte» de» Bolle-, die zu allen Zeiten mehr vom augenblicklichen, iinklaren Gefühl als vom Geist der Besonnenheit sich leite» lasse», mit hineingezogen werden, um zu verhindern, daß der sociale Friede »och mehr alS bisher gestört, der deutsche Na»« mit noch größerer Schmach besteckt, die einsachsten Grundsätze de« Recht- und der Humanität noch mehr verleugnet nnd verhöhnt werden! Dazu eineuj kleinen weiteren Beitrag zu liefern, halten wir sür unsere Bürger- und Meyschenpsticht. Wir sind nämlich der lleberzeugung, daß trotz Allem, was mit! vollstem Recht diesem oder jenem einzelnen Juden vorgeworfe» werden fojin und vorgeworfen werden muß, nicht nur diese ganze antisemitische Agitation^ sondern auch die unabhängig von ihr so vielfach noch vorhandene Antipathie gegen den Juden alS solche», d. h. die Racenantipathie nicht vorhanden, daß si« gar nicht möglich, wenigsten» nicht in diesem Grade und dieser Ausdehnung mi glich wäre, wenn eine einzige geschichtliche Erinnening, welche sür sich allein säon über deu Werth oder Unwerth dieser Race entscheidet, fester und, deutlicher im Gemüthe deS Volke» haftete, und zwar eine Erinnerung, welche geradt denjenigen die theuerste und heiligste sein sollte, die sich deni Jude» gegenüb cr al« „Christen" fühlen und