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Freies Blatt · 1894-09-09 · 127 (9.9.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
127 (9.9.1894)
Date
1894-09-09
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Blatt «bounementsprelS. Für Oestkrrrich.Ungarn: Ganzjährig mit V»Itz»se»duna.ü- *.S0. Hald,Lhri, st. l.*5. «irrtrljährig . . . st, —.75. Für da» gefammtc Ausland: Ganzjährig.ft- 0 — Haldjährig .(I. 1.50. Sinzeine Rummern « kr. Ilnsrankirte Priese »erden nicht angenommen Organ zur Abwehr des Antisemitismus. lkrschcint an jedem Sonnlage. Redaktion und Aduiinislratioii: I. Leilerstiitte l». Inserale werden mit I» kr. für die viermal gelpallenc ülonvarcillezeili berechnet. Kleiner A». zeiger da» Won : kr. Ausnahme von Idjerale» in unserer Administration sowie im Annoncenbureau M. Duke», l..Wall,eile ". sfiummer 127. Wien, 9. September 1894. III. Jahrgang. Schutz den Antisemiten! Ein Wiener Blatt, dessen Aufgabe eS ist, den Haß gegen Juden und Liberale zu schüren, läßt sich aus der Bukowina schreiben, daß eine dortige „judenliberale" Zeitung eine sehr heftige Sprache gegen die Antisemiten führe und dies ungehindert thum dürfe, während allerorten journalistische Angriffe auf Juden unbedingt der Beschlagnahme seitens der Staatsanwaltschaften ver fallen. Das Wiener Hktzblatt begehrt förmlich Schutz für die Aiilisemiten. Man traut seinen Augen kaum, wenn man dergleichen liest. Wie, bringt nicht die antisemitische Presse Tag für Tag Schmähartikel gegen Juden? Sind nicht Gerichtsfälle, in denen es sich um jüdische Uebertretcr des Gesetzes handelt, für sie ein willkommener Anlaß, das gesummte Judenthum, die Juden ohne Ausnahme der Mitschuld zu bcinzichligen? HLird nicht jede auch noch so wenig begründete Denunciation als erwiesene Anklage hingestcllt, sobald sie nur gegen einen Juden oder als Judenfreund verdächtigten Christen gerichtet ist? In Frankreich wurde, wie jeder Zeitungslescr weiß, vor Kurzem ein Bicar hingerichtet, welcher seinen Pfarrer bestohlen und nachher ermordet hatte. Wäre der Dieb und Mörder ein jüdischer Tempeldiener, ein Schächter, geschweige denn ein Rabbiner gewesen, so hätte die antisemitische Journalistik wohl monatelang dieses Hetzmaterial verarbeitet. Daß ihr eine soche Fructificirung trauriger Ereignisse nicht verwehrt ist, weiß sie nur zu.gut, und gewisse Zeitungsspeculanten hätten sich nie zur Herausgabe eines antisemitischen Blattes entschlossen, wenn unsere Preßpraxis von vornherein die Juden gegen die Schmähsucht jener „Futhärker" schützen würde, welche arische Zuchthäusler für sittlich höhere Wesen erklären als unbescholtene Juden. Allerdings ist die Mortalität der antisemitischen Blätter verhältnißmäßig groß, und erst dieser Tage ist in Prag daS Organ deS ehemaligen Weinagenten Anton Kießlich verschieden, aber die Todesursache bilden nicht etwa ConfiScationen, sondern zumeist der Abonnentenschwund in Folge der ' erbärmlichen Mache. Allein, gesetzt den Fall, eS wäre wirklich so, wie das antisemitische Wiener Blatt wider besseres Wissen behauptet, und die Juden würden sich eines unbedingten Schutzes gegen Schmähungen und Verdächtigungen erfreuen, dann — gäbe es einfach keine Antisemiten mehr, sie würden vom öffentlichen Schauplatze verschwinden. Auf..einen gesetzlichen Schutz können die Antisemiten nie und nimmer Anspruch erheben. Müssen sie doch in ihren Eingaben an Behörden zur Lüge Zuflucht nehme», falsche Ramen für ihre Vereine wählen und deren Zwecke verschleiern. Kein österreichischer Verwaltungsbeamter könnte die Statuten einer Gesellschaft bestätigen, welche sich offen zum Antisemitismus bekennen würde. Die Satzungen antisemitischer Vereine sprechen daher auch nur von der Pflege des nationalen Gedankens, von der Förderung des einheimischen Gewerbes, von christlich-socialen Reformen u. s. w. Hinter diesen Aushängeschildern verbirgt sich der eigentliche Zweck: die Bekämpfung der Juden als Confefsion und Race. Mitunter steckt dahinter auch eine verderbliche Tendenz irredentistischer Ratur, welche nach dem bei einer Sedanfeier in Wien abgelegten Geständnisse im Oesterreicherthum ein „verwirrendes" Wort erblickt, vor dem gewarnt werden müsse. Der Antisemitismus hat bedauerlicherweise das Rechtsgcfühl weiter Kreise gründlich erschüttert. Aber selbst verbohrte Antiicmiten dürften sich noch so viel klare Besinnung bewahrt haben, um nicht zu erwarten^ daß die Behörden ihnen bsi ihrer Arbeit Beistand leisten würden. Bei einem nächtlichen Ueberfalle auf eine mißliebige Zeitungsredaction, bei der Verkündigung, von Kampfprogrammen, welche die Ausrottung der Juden durch Einführung eines Schußgeldes verfechte» oder den Kämpen die Wahl lassen, die Feinde zu ertränken oder a» den Galgen zu bringen, ja selbst bei Verhöhnungen jüdisch ausschender Landesbeamlen, der planmäßigen Sprengung ' fortschrittlicher Versammlungen, der Boycottirung von jüdischen Geschäftsleuten und der Verunglimpfung von finanziellen Instituten auf'Grund der Angaben solcher-Gewährsmänner, wie eS Herr Geidcr ist, der sich in wenigen Tagen vor dem Wiener Landesgerichte wegen Betruges und Erpressung zu verantworten haben wird — in keinem dieser Fälle könnte irgend eine turopäische Regierung zu Gunsten der antisemitischen Action intervenircn. Die Racen- und Eonfesswnshetzcr selbst sind sich größtentheils ohne Zweifel darüber klär, daß es widersinnig ist, wenn sie das Verlange» nach behördlichem Schutz äußern. Daß trotzdem der Ruf erschallt: „Schutz den Aulisemilcn!" scheint nur jener Taktik zu entsprechen, nach welcher diese Kampfschaaren stets handeln: sie sind bemüht, durch Unverschämtheit zu verblüffen. Diesmal wird eS ihnen aber sicherlich nicht gelingen, damit einen Erfolg zu erzielen. Sun! eerti ileniafue tines. Auch im Reiche der Ünwahrschcinlichkeit ist nicht Alles möglich. itt Line historische Aeininiscenz. (Original Millyeiiulig des „Freien Blatte-;".^ ÄuS Madien, im September. Bekanntlich ist daS (Vterum «•citseo aller antisemitischen Weisheit, daß der Jude, der Urquell alles UcbelS, unter allen Umständen ver nichtel werden müfie. Wie zur Zeit der großen Pest die Juden alS Urheber derselben verfolgt wurden, indem man sic bezichtigte, die Brunnen vergiftet zu haben, so suchen die heutigen Antisemiten voUs wirthschaftliche Ucbclständc auf das Kerbholz der Inden zu schreiben. Hiebei gcbcrdcn sich aber Pie Apostel dieser neue» Heilslchrc, alS ob sie ganz originelle Tauscndfasias mären, indem sie vcrgcsicn, daß sic in Wirklichkeit nur jämmerliche Plagiatoren sind. Die Lueger, Schneider, Schönerer, Jstöczy, Ahlwardt e tntti gnnnti sind,. was ihre Erfindungsgabe von Mitteln zur Verfolgung und Vernichtung der Juden betrifft, recht stümperhafte Leute. Schon vor 242 Jahren bereit? lind all die Praktiken der jetzigen Antisemiten bei weitem übertroffen morden. Zweien unS von freundlicher Seite zugekommenen, bis jetzt noch nicht, veröffentlichten Urkunden auS dem Archive der königlichen Stadt Gaya entnehmen mir folgende Thatsachen, deren Erwägung wir unseren Antisemiten an ihre arischen Herzen legen. Bereits im Jahre 1652 hatte nämlich die Gemeinde Stadt Gaya gegen die Juden eine Beschwerde eingercicht, „daß dieselben der Stadt einen großen Schaden und Untergang zufügeten". Darauf brachten die Juden der königlichen Stadt Gaya ein „von Ihrer Kays. Mayst. Kayser Mathia an den Edlen und gestrengen Carl Haugwitz von BiSkupitz unter Kammer deS Marggraffrhumbs Mähren am Freihtag nach der gedachtnusS der Heyligcn Dreyfaltigkeit äto. 1613 erlassenes Cr

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