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Freies Blatt · 1894-08-26 · 125 (26.8.1894) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
III (1894)
Issue
125 (26.8.1894)
Date
1894-08-26
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Freies Blatt. Nr. 125. Seite 10. Der Mann Hörle ihren Ausführungen ruhig zu und sagte, nachdein sie dieselben geendigt hatte: „Weißt du waS, mein Kind! wir werden jetzt Nachtmahl cffcn; wir haben ja noch Zeit, über die Lache zu reden." , Die Frau wußte nicht, wie sic sich diese Aufschiebung einer so wichtigen Angelegenheit deuten solle. Hatte Emanucl, seines gegebenen Wortes eingedenk, innerlich zu ihrem Wunsche bereits seine Zustimmung ertbeilt und auf jeden weiteren Widerstand verzichtet, oder suchte er nur Zeit zu gewinne», um sich zu erneutem Widerstaude um so besser vorzubereikcn. In jedem Falle hatte sic bereits so viel, gewonnen, daß —die Lache einmal in Fluß gcrathcn war, und sie mar scst entschloffcn, sich auS der gewonnenen Position nicht mehr verdrängen zu lasten. Man setzte sich zum Nachtmahl und »ahm cS schweigend ein. . Män fühlte sich wenig ermuntert zu reden. Der Frau wäre cS wie eine Bersündignng an ihren heiligsten (Gefühlen erschienen, bei Tische wie sonst über gleichgiltigc oder auch selbst über ernste Dinge zu sprechen, wenn cS ihr versagt war. über die allcrwichtigste Lache, die ihr wie keine andere am Herzen lag, den- Mund zu öffne»; und Ifnunutcl wollte keinen .Entschluß taffen, ohne die Lache nochmals gründlich zu überlegen. Man muß, wie er meinte, so eine Lache überschlafeii. Man ffchk eine jede Lache am Morgen anders an als am Abend. Auch ihm erschien die Lache wichtig genug: aber gerade darum, weil er sie .für wichtig hielt, wollte er sic nicht übereile» und sich nicht heute schon 'durch ein etwa im ersten Eifer voreilig gesprochenes Wort für die Zukunft binden. Er hielt die Lache für wichtig, aber nicht für dringlich Und so ward daS Mahl beendigt, und man ging früher zu Bette, als dies an anderen 'Abenden zu geschehen pflegte. In der -Nacht hörte sic ihn seufzen,"' und das lhal ihr weh. Er wälzte sich im Bette mehrmals hin und her, legte sich bald auf die recht?, bald aus die linke Leite: er konnte also nicht schlafen, und sie Halle Mitleid mit ihm. Wenn cS tonst der Fall war, daß er erwachte, fragte sie ihn,, weshalb er nicht schlafe, ob ihm etwas sei, ob er sich nicht wohl fühle, sie stand auf, weckte, wenn er dcffen bedurikc, die Köchin und ließ ihm auf dem Lchncllsiedcr Thce koche» oder sie kochte ihn wohl auch selber: in dieser Nacht aber trug sic Lchcu,- an ihn eine 'Frage zu richten. Kannte sie doch nur allzu gut die Ursache seiner Lchlaflosigteik. und was . sollte sie ihm zur Antwort geben, wenn er ihr auf die Frage, weshalb er nicht schlaff, etwa gesagt Hütte: -„Du weißt eS ganz gut, warum ich nicht schlafen kann! Die Dache inacht mich ganz krank". Lie erkannte cs klar, daß sie den bevorstehenden Kampf, auf den sie sich vorbcrcitcn mußte, nicht sowohl gegen seinen Kopf, d. h. gegen die Bcrstandcsgründc, die er etwa Vorbringen könne, zu führen haben werde, als vielmehr gegen sein Gefühl, und sie mußte fürchten, daß ihn die Lache vielleicht stärker angrcifcn könnte, als sic bisher gemeint hatte, und er in Folge der Zwangslage, die er sich durch die mit ihr getroffene Bcrcinbarung geschaffen hakte, ernstlich krank werden könnte. Diese Erwägung siegte über alle Bedenken, und sic räusperte sich, als ob sie soeben erst er wacht wäre, entschloffcn, bei der allernächsten Bewegung seinerseits, ihn zu fragen. Ihr Lcclcnadel hakte übxr ihren Herzenswunsch gesiegt; „Nein, länger werd' ich diesen .Hampf nicht kämmen. Ten Ricieiikamp' der VNicht —" l so drängte es sich mit dem Lchwungc Lchiller'schcr Bercdtsamkcit ihr ins Gemüth. Nein! Das konnte sie sticht wollen! Den geliebten i Gatten krank zu machen, um nur ihrstu Dillen durchzusctzcn, das! hieße den Eigeirsinn auf die Lpitzc treiben. Ltill lag sic im Bette, -horchend und lauschend auf jeden Athcmzig. Der statte aber, kaum hatte er beincrkk, daß sie wach sei, verfielt sich auch ganz ruhig und lhat sogar ein wenig, als ob er schnarchte, nur um sie glauben zu machen, daß er schlafe. Er wollte cst vermeiden, ihr seine Bckümmerniß zu zeigen: denn daß sie, wcnst sic seinen- Lchntcrz in der ganzen Ltürkc kannte, von ihrem Willen, abstchcn wurde, das wußte er: et wußte aber auch, daß sie sich über das Ansgeben ihres Lieblings Wunsches kränken würde, und kränken wollte er sie nicht: auch bei ihm begann der Adel der (Besinnung üb^r die Ltürkc des eigenen Willens die Lberhand zu gewinnen, uüd so waren die beiden Ehegatten dem Frieden, der dem bevorstehenden Kampfe erst folgen sollte, 'chon in diesem Angeublicke näher, als sie Beide cs zu ahnen vermochten.! Fortsetzung folgt.) Die Judenverfolgung z^i Gaunersdorf. ^lue Lriminatge-chichlk au-Z alter Zeit. Im Frühjahr l-Uli. zogen zwei Judcsi, Adam i'eitr „der Jüdl" und David Jüdl „der Iud", beide wohnhaft und hausgeseffen zu Nikolsburg, mit Tuch gen Wien. Es wasten Kauflcute. Adam Jüdl, Iud zu MatterSdorf, stellte Roß und Wagen bei und war ihr Fuhrmann. Gegen eine „Ergetzlichkeit" oder im modernen Sprachgebrauche gegen ein Trinkgeld durften die Nikolsburg:r Juden auf dem Wagen des Mattersdorser Juden sitzen und fahlen, sonst hätten sie sollen „zu Lchirm und Wehr" »eben Roß und'!Vagen gehen. Die Israeliten zogen friedlich ihres Weges, kamen eit es Abends nach GauncrSdorf und suchten Herberge. In Gaunc «borf amtirte damals der Pfarrhcrr Johann Oberdörfer; in dem Lchottenprälatcn zu Wien verehrte er seinen Lehnsherrn. Kaum wur>en die Juden erblickt und die Waarc erkannt, als Pfarrer und R chtcr herbciliefen, fluchend und scheltend den mit einer Decke übcrzogercn Wagen aufschnitten und das Tuch sich ancigueten. Die Juden schriet und lärmten, setzten sich aber nicht zur Wehr, denn ein Bursche mi einer scharfen Hacke hielt sic in Rcspect.' Oft und vielmals suchten d c Juden durch Bitten und gnic Worte ihr Tuch zurückzubekoinnieu. ES war umsonst. Nun schritten sie zur Klage. Die Luden auS NikolSburg bestätigten dem von MattcrSdorf und der von MatterSdorf denen von NikolSburg den Bcrlust. Halten Pfarrer und Richter das Tuch an sich gezogen, so hatten die übrigen Bauern Roß und Wage, sich augeeignet. Die Juden von Nitolsburg bezeugten dm Raub wie folgt: „Ich Adam Leser, Iud, David Iud, wohnhaft nud hauSgcseffcn seiend in der löblichen Lladt Nikolsburg, bekennen für Münniglich, daß wir den Adam Jüdl, Iud von MatterSdorf, gl beten haben, daß er uns soll führen auf feinem Wagen uns obbcu elte Jüden PN Wien mit seinem Roß und Wagen. Da sein wir dahii gefahren bis gen Gaunersdorf: Nachdem die Roß müd sein gewesen und auch übleS Wetter vorhanden war, da haben wir zwei obgedahtc Jüden suchen wollen um eine bernmbtc Hcrberg. Wir haben ge ucht, daist gekommen der Mathcs Kriegler und der Herr Pfarrer;r Gaunersdorf, zu uns ist gekommen mit fluchen und schelten, und de! Mathes Kriegler Sohn mit einer Hacke», hat sic laßen stehen weder und als sie vermeint habe», wir wollten uns gegen ihnen zur Lehr stellen, haben sie von uns Jüden abgclaffcn, sind gcloffen zu r nfern Wagen, darauf wir gefahren fein, haben aufgcrißc» und ausgeschnitten, und diese Waar, die sic genommen haben, die auf dem Wagl it gewesen ist, die haben sie genommen wider Gott, Ehr und Recht, und auch wider Kaiserliche Freiheit zuwider gehandelt haben, dcß wir Jüden doch gegen ihnen in keinerlei Weg verwirkt haben. Lolches uir obgedachte zwei Jüden oft ersucht haben, dieser Gewalt und Unbild, der uns so geschehen ist zu Gauncrsdorf von dem Herrn Pfarrer ui d Mathes Kriegler, so ist cs Gott crbarms große Krankheit »nd auch große Thcuerung und viel Ungewitters mit Wasser und mit Lchn e vorhanden gewesen, daß wir'S bisher bleiben haben müffen laßen. S o kommt aber jetzt unser ^Fuhrmann und bikt uns Jüden um Goteswillen der Adam Jüdl Jnd von MatterSdorf und birt uns Jüden von wegen der Wahrheit Adam Jüdl Iud von MatterSdorf, als di: zwei Männer MatheS Kriegler und der Herr Pfarrer zu Gauners darf vermeinten, sie hätten den» Adani Jüdl Iud von MattcrSdorf nic)ts genommen, hätten ihn nie gesehen. Lo gaben wir zwei Jüden Ad im Leser Iud und David Jnd von wegen der Billigkeit und Wahrhüt auf sein Anrufen, daß Roß und Wagen und auch die Waar von Tuch und Leinwand sein , ist gewesen. Wenn aber die zwei Männer Mathes Kriegler und der Herr Pfarrer vermeinten, daß diese Waar sei unser gewesen als der zwen Jüden als des Adam Leser Jnd und auch David Iud so geben wir ihm aber als dem Adam Jüdl, Jul von MatterSdorf, Allen vollmächtige Gewalt was er handelt und thret, daS soll auch bei uns gehandelt sein als ob wir selbst in eigener Person selbst gegenwärtig stunden. Zur Urkund haben wir unser eie en Petschicr bei der hochlöblichen Lkadt Nikolsburg hierfür gedruckt und mit unser Hand nach jüdischer Ordnung mit cbrcischcn Buchstaben unterschrieben. Datum Nikolsburg den 20. August nach Ehr. gebürt 1573 Jahr." Folgen die hebräischen Unterschriften: „Aron Lohn des Pinchas, gesegnet sei sein Andenken: David Lohn des Ascher, cesegnet sei sein Andenken, mit der entsprechenden deutschen landesüblich:n Ucbersetzung: Bon unS Adam Leser Iud und David Iud, beide wohnhaft zu NikolSburg. Wiederum haben wir Adam Leser und Divid Iud die Jüden mit Fleiß erbeten den ehrsamen Jakob IKranperc er zu NikolSburg, daß er neben uns Jüden sein eigen Petschicr hierfür gedruckt hat, doch ihm und seinen Erben und seiner Petschaft ohne Lchaden." Ein ähnliches Docuinent stellte Adam Jüdl, Iud zu MattcrSdorf, den beiden Jüden zu NikolSburg aus. Mit dieser „Kundschaft" versehen, ginger die drei Beraubten nach Wien, zogen still und ruhig durch das Salzgries nach Maria am Gestade zum gestrengen Herrn Officiale!cs Bischofs von Paffau, dem hochwürdigen und edlen Marquard Pal »erstem. Der Osfirial ließ sich von den drei Juden im „Schergcnstübloin" die Kundschaft geben. Das „Lchcrgenstüblein" war die Wohnung des Cursors, der im Passauschen Consistorium den amtlichen Nauen „Pfaffenscherg" führte und eine Art von StabSprofeß vorstellte. Palderstein bedeutete den

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